einladung zur diskussion: Lefebvre # stricken

stricken

Foto: V. Fournier

Viele Fäden hat Henri Lefebvre in seinen Büchern und Artikeln aufgenommen und zu einem wunderbar wärmenden Pulli verstrickt: das Versprechen einer revolutionären Perspektive, die aus dem Alltag heraus entsteht, eine urbane Praxis, die es allen (!) in ihrer Verschiedenheit ermöglicht, Teil der/von Stadt zu sein: the Right to the City / Le droit à la ville / das Recht auf Stadt.

Großartig, wie er Stränge knüpft, Knoten öffnet, Neues verbindet und sich beim Lesen immer wieder utopische Muster auftun. Schwierig nur für die, die das Ganze Nachstricken oder überhaupt nur über den Pulli reden wollen. Kompliziert wird es, da wenig ins Deutsche übersetzt wurde, vieles vergriffen ist, und seine Gedanken stark assoziativ und dialektisch sind, was ja auch den besonderen Charme ausmacht.

Seit gestern lese ich also Lefebvre; Wieder. Nach fast 10 Jahren – damals mit starkem Theorieinteresse (Referat an der Uni), heute mit starkem Praxisinteresse (wie kann Lefebvre in Bezug auf aktuelle Kämpfe um Stadt gelesen werden?). Klar ist: Es gibt keine allgemein gültige Strickanleitung, sondern die Kunst liegt darin, die diversen Fäden irgendwie zu halten, übereinander zu legen, nachzuvollziehen, neu zusammenzufügen. Vielleicht riffle ich am Ende alles wieder auf. (Das war zumindest meine Hauptbeschäftigung beim „realen“ Stricken.). Hier das Versprechen: Es ist genug Pulli für alle da. Strickt mit, die verschiedenen Muster ergeben sich aus der Vielzahl der Handarbeiter_innen.

Um mit dem Stricken anfangen zu können, braucht ihr zwei Stricknadeln und Wolle. Die Nadeln sind die spitzen und runden Ideen. Dabei treffen die der Leser/innen auf die von Monsieur L. Lesen als vorgestellter Dialog also, begleitet von dem unrhythmischen Klackergeräusch, wenn beide Nadeln sich kreuzen. Als Wolle schlage ich den Klassiker „Die Revolution der Städte“* vor. Der ist zwar als Buch in Deutsch vergriffen, aber in gut sortierten WG-Bibliotheken oft vorhanden. Die gute Nachricht: Der Text ist auch online verfügbar:

http://www.offene-uni.de/archiv/textz/textz_phil/lefebvre_revo_stadt.pdf

Stricknadeln gibt’s in unterschiedlichen Stärken. Fangen wir mit den dicken an. Die für die groben Maschen. „Dickes Fädchen, faules Mädchen“, heißt es so unschön im „Volksmund“ (ebenfalls unschön). Und genau um die Freiheit, Maschen aufzunehmen oder auch komplett fallenzulassen, geht es mir, um die Zeit zum Lesen, zum Denken und zum Nach-Denken.

1.Muster: Von der Stadt zur verstädterten Gesellschaft

„Allem voran sei eine Hypothese gesetzt: die von der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft.“ Hoppla, mit der Tür ins Haus fallen, nennt mensch das wohl. Und damit liegt da ein ganz schön dickes Nest direkt am Eingang: Was meint Lefèbvre mit der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft? Ist es was Erstrebenswertes oder nicht? Wie soll ich mir das vorstellen? Ist es eine verbaute Welt oder eine neue Form des Zusammenlebens, die noch zu bilden und denken ist? Wie ist das Verhältnis zwischen Stadt und Land? Oder gibt es das Land gar nicht mehr? Wo und wie steht der Einzelne zum Raum? Was macht diese verstädterte Gesellschaft aus im Gegensatz zu anderen?

Diese Fragen nehme ich bei der Lektüre mit. Dazu noch ein Knäul an weiteren Fragen, die sich – 30 Jahre nach dem Verfassen von der Revolution der Städte – aktuell ergeben: Welche Hypothesen und Prognosen stimmen heute noch, welche nicht? Welche Dynamik hat städtisches oder dörfliches Leben seitdem entwickelt? An welchen Punkten ist eine Aktualisierung L. notwendig? Dabei gehe ich recht pragmatisch vor. Nehme die Theorie-Fäden, die mir passend erscheinen, lasse andere weg oder setze neue Stücke ein.

Was ist nun mit der Anfangshypothese von der vollständig verstädterten Gesellschaft? Zunächst ist es – laut L. – „eine Gesellschaft, die aus der Industrialisierung entsteht“. Stichworte: Ballung, Landflucht, Zurückdrängung des Agrarsektors. Das Stadtgewebe wächst, die Dominanz der Stadt über das Land manifestiert sich. Dies leitet er – auf wenige Seiten komprimiert – historisch her, kurz zusammengefasst auf der Achsendarstellung. Bis hierhin hab ich verstanden. Dazu die Feststellung: „Die Hypothese greift vor. Sie projiziert die Grundtendenz der Gegenwart in die Zukunft“. Es geht also darum, über das Bestehende hinaus zu denken, einen Denkvor-Gang und eine Begriffs-Bildung in Gang zu setzen. Die urbane Gesellschaft ist das Mögliche, nicht das Erreichte. Ein utopisches Muster stricken also: ich bin dabei.

Woran ich hake: Am Ende der Achse liegt bei 100% die „kritische Zone“, die Zeit-Raumachse, in der sich Lefebvre beim Verfassen befindet. Hier wird es kompliziert. Da er dies später noch erläutert, lasse ich diese Masche an dieser Stelle fallen, und komme zu meinem ersten Highlight: Das Muster der Dialektik. In Anleitungsbüchern würde ich dies mit „Vielleicht. Punkt“ benennen. Lefèbvre selbst nennt es „Gegenüberstellung“, die mehr sein soll als reine Stilübung. Es ist ein Doing des Fürs und Widers, was er exemplarisch an zwei Beispielen ausführt: Das Für der Straße. Das Gegen die Straße. Das Gegen das Monument. Das Für das Monument.

Was folgt ist ein wunderbares Plädoyer für die Straße, als ein „Schmelztiegel, der das Stadtleben erst schafft“. Die Straße ist Ort der Begegnung, Bühne des Augenblicks. Der Einzelne ist Schauspieler und Zuschauer zugleich. Ein Ort, an dem Worte und Zeichen ebenso wie Dinge getauscht werden. Hier wird die Raum/Zeitbeziehung in Wirklichkeit umgesetzt. Ja!, denke ich beim Lesen. Die Nadeln klickern.

Nun abrupt: Richtungswechsel. „Gegen die Straße. Ort der Begegnung? Vielleicht. Aber Begegnungen welcher Art? Oberflächlicher. Man streift sich auf der Straße, aber man begegnet sich nicht. Das „man“ wiegt. Auf der Straße kann sich keine Gruppe bilden, kein Subjekt entsteht. Sie ist bevölkert von allen möglichen Leuten auf der Suche.“

###Ein Muster entsteht ###Für heute lege ich das Strickzeug weg###

Teil 2: Blindfeld trifft Free Style


4 Antworten auf „einladung zur diskussion: Lefebvre # stricken“


  1. 1 paula zucker 30. November 2009 um 15:48 Uhr

    mit stricken hatte ich noch nie viel zu tun. in den suburbs von düsseldorf besuchte ich eine mädchenschule und musste textil nehme
    . weil die alternative wahl kochen bedeutet hätte, fleisch essen zu müssen, was ich nicht tun wollte. textil war der zwang zu all den dingen, die ich hasste: nähen, häkeln, stricken. einmal habe ich versucht meiner schwester einen schal zum geburtstag zu stricken. ich kam nicht hinterher, weder mit den maschen noch mit der zeit. meine mitschülerinnen erbarmten sich meiner und jede strickte so lange, bis sie nicht mehr konnte. der schal war so grau vom schmutz unserer hände, so breit an bestimmten und so schmal an anderen stellen, so schief und so verzogen und auch nach all den mühen so kurz, dass ich meine schwester zwingen musst ihn wenigestens einmal anzuziehen. von dieser erfahrung geprägt, habe ich bestimmte bedenken, was das „mitstricken“ angeht und was pullover betrifft an denen ich mitwirke. diese vorbehalte übertragen sich auch meine lektüre von lefebvre fetzen. lefebvre bei der renaissance, die seine werke gerade erleben, und die seine slogans so sichbar machen, denke ich mit dem strickunbehagen gerne darüber nach ob ich eigentlich „ein recht auf stadt“ so gut finde und was das soll mit dem recht. das was hier erwähnt wird, dass wir heute in der städtischen gesellschaft leben, das teile ich so und es ist mir angenehm. so weit ich das bei negri und hart verstanden habe, geht es ja in deren zählweise anders nämlich: feld, fabrik, dienstleistung
    und mir gefällt das : feld, farbik, stadt. also stadt als vorherschende bild nach dem wir alles, was wir brauchen und alles was wir meinen zu brauchen herstellen und verteilen ganz gut. es erklärt mir mehr. und es ermöglicht mir, mir die stadt als das vorbild für alle gesellschaftlichen prozesse und deren verhandlung zu betrachten. ich mag auch die anschlussmöglichkeit richtung saskia sassen in ihrer idee von: die finanzwirtschaft braucht die realen städte, da geschäfte ohne kultur, ohne direkte soziale begenungsflächen zu viele missverständnisse produzieren und zu wenig spontane kontakmöglichkeiten haben sehr gerne.
    also die städtische gesellschaft als vorbild, für das sozio-ökonomische gefüge, in dem wir alle, sei es auf dem land oder in der kleinstadt, oder im suburb oder in der metropole leben. aber dann wird der schal enger: was ist dann das recht auf stadt. und die schreckensbilder: naturrecht. recht des stärkeren und „der mensch ist dem menschen ein wolf“ (hobbes) lassen meine hände soviel zug auf die wolle bringen, dass mir ein recht auf die stadt, ohne jegliche überlegen, wie die möglichen konflikte moderiert werden sollen wirklich unheimlich erscheint.
    ich werfe das strickzeug auf den boden und renne erst mal wech….

  2. 2 kabelsalat 03. Dezember 2009 um 2:21 Uhr

    Ich lasse mal einen Faden nebenherlaufen – angehängt an „Allem voran sei eine Hypothese gesetzt: die von der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft.“
    Du Stricklisel hattest (dich) ja gefragt, was damit gemeint sein könnte. Dazu kam mir kam beim Lesen des Vorwortes von „La production de l‘espace“ eine Erweiterung in den Sinn: wann, wodurch, also in welchem Zusammenhang oder Rahmen, kam er auf diese Hypothese? Remi Hess schreibt, dass Lefebvre parallel zu seiner Produktion genau der 7 Bücher, die sich mit „Stadt“ und „Raum“ auseinandersetzen, unglaublich viel gereist sei – 7 Jahre lang. Da steht Pamplona neben New York neben Ottawa neben Belgrad neben Teheran neben Kyoto nben weiteren Städten, Ländern, Kontinenten. Danach ist er nicht sonderlich viel gereist und davor ist er ebenfalls nicht viel gereist. Vielleicht war genau dieses Reisen und dabei oder davon Schreiben die Möglichkeit, eine Hypothese über die Verstädterung aufzustellen – durch den Austausch mit anderen und die Betrachtung unterschiedlicher Bedingungen und Zustände von Verstädterung. Und dass er sie nicht in Paris sitzend hätte formulieren können.
    Das als eine mögliche Masche hin zu einer Verbindung von Theorie und Praxis, von Vernetzung und Verflechtung. Fast ist man vom Stricken schon beim Makrame, scheint mir (was ich, zugegebenermaßen, ungleich besser kann als Stricken).

  1. 1 Bericht: Filmabend zu Gentrification in Hamburg « Studentisches Forum Urbanistik Pingback am 12. Mai 2010 um 23:06 Uhr
  2. 2 Strickistinnen: Ein, an und gegen « from town to town Pingback am 07. Oktober 2010 um 23:55 Uhr
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