Blindfeld trifft Free Style. Lefebvre # stricken II

Weiter im Text. Nicht zu lange beim Stricken aufhalten, ich teile die Abneigung von Paula Zucker gegen das klassische Mädchendisziplinierungshobby. Schnacken wir lieber über das „Stadtgewebe“ an sich, wie es sich ausweitet, was das bedeutet. „Das ,man’ wiegt“, klingt noch nach. Raum wird produziert, Raum wird gelebt – das jeden Tag. Erlebnisse auf der Straße: Mal ist es ein Ort der Begegnung, ich sehe mich als Teil dessen. Dann wiederum das Gefühl von Einsamkeit inmitten der Straßenschluchten; Um mich herum sind jede Menge „Leute auf der Suche“. Wie ist eigentlich die Wechselwirkung zwischen der Struktur (die Stadt) und dem Handeln (das Sich-durch-die-Stadt-bewegen)? Die Leitfrage: Wie wird eigentlich Raum gesellschaftlich produziert? begleitet mich.

Kabelsalat schreibt, dass Lefebvre in der Zeit als er sich mit Stadt und Raum auseinander gesetzt hat, viel gereist ist. Das ist interessant, und auch die Idee, dass er seine Theorie nicht in Paris sitzend hätte schreiben können. Die Revolution der Städte hat viele extrem sinnliche Passagen, eine poetische Verdichtung oder auch Begriffsbildung, die in der wissenschaftlichen Rezeption seines Werkes meist zu kurz kommt. (Also, ihr StadtforscherInnen und kritische GeografInnen, ein bisschen mehr Groove könntet ihr bei der Zusammenfassung der Texte schon noch drinlassen.)

Zurück zur Leseerfahrung. Hab das 2. Kapitel bestimmt schon 2,3 mal gelesen und – nun ja – zusammenfassen muss eine/r andere. Ich springe lieber von Zitat zu Zitat und folge meinem subjektiven Interesse am utopischen Muster. Und die Hürden des Projekts „Lefebvre stricken“ sollen nicht so hoch werden. Hinten runter fallen die historischen Analysen L., das Gewordensein von Stadt und die komplexe Raumtheorie. Und weiter geht’s nach dem Lustprinzip vorgehen. Ich sammel eine Art „Best-of-L.“ und andere Fundstücke, schließlich gefällt mir das so gut an dem Blog hier. Fange also an bei: „Der städtische Raum ist konkreter Widerspruch“.

Diese Widersprüche gilt es nun dialektisch zu analysieren, siehe Straße. Stadt als das Nicht-Homogene, das Nebenher und Kollision der Unterschiedlichkeit auf kleinstem Raum. Die Gleichzeitigkeit von Konzentration und Streuung, Menschenmenge und Auflösungen. Jeder Punkt kann zum Brennpunkt werden, an dem alles konvergiert. Gerade hierin sehe ich die Chance für städtische Kämpfe, das Unkontrollierbare von Städten & Annäherungen. Kein Wunder, dass Lefebvre kein Freund des Autos ist, da das Auto konkrete Begegnungen verhindert. Großartig gezeigt in der Anfangszene von LA Crash, in der die Stimme aus dem Off erzählt, dass es so viele Unfälle in Los Angeles gibt, damit die Leute miteinander in Kontakt treten können oder auch müssen, je nachdem. Das Homogene fürchtet das Unterschiedliche/Abweichende. Gut zu sehen in den sterilen, auf Konsum ausgelegten Innenstädten. Die Einsamkeit in der Monotonie und Gleichheit neoliberaler Städte nimmt zu. Die, die nicht ins Bild passen, sind gezwungen zu weichen oder suchen die Räume, in denen sie sich nicht (mehr) wohl fühlen, schlicht nicht mehr auf.

Die Macht des Homogenen ist auch etwas, das ich stark mit dem dörflichen Leben verbinde. Eine konkrete Situation dazu im Kopf: Es ist Schützenfest im Dorf. Die Männer marschieren mit Holzgewehren Richtung Schützenplatz, die Frauen stehen am Rand der Straße. Ich bin vielleicht 12 oder 13, und versuche mir seit ein paar Tagen Dreads in die Haare zu knoten. Aus der Menge heraus ruft es: „Geh mal zum Friseur“. Kollektives Lachen. Beschämung meinerseits, die aber nicht der Gruppe gilt, sondern sich nach innen richtet. Die Folge: Rückzug aus den „öffentlichen Orten“ des Dorfs (Kneipe, Schützenfest). Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Stadt ins Unermessliche. Dabei nimmt Stadt eine sehr abstrakte Gestalt an: als Ort des So-Sein-Könnens und des Damit-Verstanden-Werdens.

Schon spät. Zum Schluss noch ein Take-away zum Weiterdenken, ein Lefebvre to go: „Das Städtische definiert sich als der Ort, wo die Menschen sich gegenseitig auf die Füße treten, sich vor und inmitten einer Anhäufung von Objekten befinden, wo sie sich kreuzen und wieder kreuzen, bis sie den Faden der eigenen Tätigkeit verloren haben, Situationen derart miteinander verwirren, dass unvorhergesehene Situationen entstehen.“

Teil 3: Raum produzieren


2 Antworten auf „Blindfeld trifft Free Style. Lefebvre # stricken II“


  1. 1 Administrator 08. Dezember 2009 um 14:02 Uhr

    nu, jetzt sind wir mitten drin im stadtgewebe und ich bin froh, dass es kein pulli werden muss. aber auch das gewebe ist mir zu starr. kann man sich doch viel zu leicht von den fäden einwickeln lassen. ist doch die gefahr zu groß, dass sie als fallstricke in bodenhöhe hängen und dann nur noch die frontalperspektive auf dem boden da ist. das scheint mir manchmal so, wenn die forderungen, die sich aus dem „recht auf stadt“-slogan ergeben sich nur im bereich der mieten und wohnbebauung austoben. dann liegt man schon auf dem asphalt und guckt nur noch eine nasenlänge weiter. natürlich kann man auch in der aus der entfernung dichtesten struktur aus der nähe heraus noch interessante erkenntnisse gewinnen. ich persönlich gehöre ja zu den menschen, die in flecken muster, figuren, geschichten sehen und dann ins sinnieren geraten. aber, das scheint mir für das recht auf stadt kein scharfes werkzeug. vielmehr beschäftigt mich dir frage danach, wie eine gesellschaft, die eine so starken umbruch erlebt, sich neu formiert. ist die straße also heute noch das, was sie zu zeiten der industrialsierung war? ist sie noch das, was sie zu zeiten des ackerbaus war. auf den ersten blick natürlich ja. auch heute werden landwirtschaftliche produkte über sie in die städte transportiert, um sie dort zu verkaufen. und auch heute stellt sie einen wichtigen faktor in den logistiken der industrie da. aber ihr schwerpunkt wandelt sich. der anspruch an sie wandelt sich. und die gegenüberstellung scheint mir interessant um von dort aus vielleicht auf den punkt zu kommen: wenn wir die straße nicht mehr jeden freitag für den transport von lebensmitteln zum markt brauchen, und auch nicht jeden tag für die wege der arbeiter von und zu den fabriken und für die laster voller güter, was wollen wir dann von ihr. individuelle mobilität ermöglichen ist eine anwort, ort sozialer kontakte zu sein, eine andere und so weiter und so fort.
    damit für heute genug des kommentars.

  1. 1 einladung zur diskussion: Lefebvre # stricken « from town to town Pingback am 15. Oktober 2010 um 18:02 Uhr
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