Raum produzieren. Lefebvre # stricken III

Ein Bild einer Machtdemonstration, 18.12.09, nahe Hamburger Gänsemarkt: Über 3.000 Menschen stehen auf der Straße und sind Teil der Recht-auf-Stadt-Parade. Die Temperatur: Minus 8 Grad. Es schneit. Viele tanzen, um sich warm zu halten. Bunte Kostüme, aufwändig geschmückte Wagen, Unmengen von Leuten, die Schilder tragen. Sie gehen auf die Straße, und das aus den unterschiedlichsten Gründen. Gemeinsam demonstrieren sie für eine Stadt für alle. Schon im Vorfeld hatte die Polizei mit an den Haaren herbeigezogenen „Gefahrenprognosen“ dafür gesorgt, dass den Menschen der Weg durch die Innenstadt verwehrt wird.

Ecke Gänsemarkt, die Kreuzung an der sich an dem Tag besonders zeigt, wie städtischer Raum produziert wird. Der heterogenen Menge steht ein gigantisches Polizeiaufgebot gegenüber: Grün dominiert die andere Seite des Platzes, Wasserwerfer und eine uniformierte Eindeutigkeit verteidigen das Recht auf Stadt für wenige. Von der kollektiven Wunschproduktion, der bunten Präsenz einer anderen Stadt, die plötzlich an so vielen Stellen möglich scheint, soll die städtische Öffentlichkeit – so wollen es die Regierenden – möglichst wenig mitbekommen. Raum als Medium, das gesellschaftliche Verhältnisse strukturiert und konkret werden lässt. Hier wird der hierarchische und hierarchisierende Raum deutlich spür- und sichtbar. Angesichts der Polizeipräsenz hat das Recht-auf-Stadt-Bündnis an dieser Stelle beschlossen, nicht die verordnete Route außerhalb der Innenstadt zu laufen, sondern eine Alternativroute zu gehen. Verdrängt aus der Innenstadt, aber nicht festgelegt auf die Polizeiroute: ein Lavieren zwischen der Ohnmacht gegenüber dieser Machtdemonstration und dem Versuch, sich davon nicht einschüchtern zu lassen.

Auf der anderen Seite des Gänsemarkts: ein Weihnachtsmarkt mit jeder Menge Waren, die hastig mit viel Glühwein runtergeschluckt werden. Kommerz, Konsum, Kaufen – die Glücksversprechen des Kapitalismus locken ebenfalls viele Stadtbewohner/innen. Diese Menschen dürfen hier sein und temporär dort verweilen. Sie werden auf eine Funktion reduziert, auf die sie sich aber auch (zeitweise) reduzieren lassen: Es ist die Funktion eines „Raumkäufers, der den Mehrwert realisiert“ (Lefebvre). Und was sind schon 3.000 Protestierende gegenüber den Tausenden in der Innenstadt, die sich zeitgleich an den Glühweinständen wärmen?

Wo ich wieder bei der Frage der Subjekte lande, die ja Teil der Raumproduktion sind und die den Raum im Alltag gebrauchen, nutzen und prägen. Die NutzerInnen von Stadt, also alle, die Stadt jeden Tag für ihre Zwecke verwenden, werden in kapitalistischen Städten wenig geschätzt. Hier geht es darum, alles dem Tauschwert zu unterwerfen. Das ist der Preis eines Gutes, der Wert, der im Tausch auf einem Markt realisiert werden kann. Der Tausch hat absoluten Vorrang vor dem Gebrauch. Lefebvre beschreibt ganz am Ende von „Die Revolution der Städte“, wie die Benutzer/innen von Stadt von den zuständigen Behörden, Entscheidungsinstanzen, Investoren gesehen werden: „Als was sieht man den Benutzer an? Als eine ziemlich widerwärtige Person, die beschmutzt was ihm neu und frisch verkauft, die Ware mindert, verdirbt, aber zum Glück eine Funktion wahrnimmt: sie macht den Einsatz des Dings, des Alten durch das Neue, unvermeidlich. Womit sie allerdings kaum entschuldigt ist.“

Eine widerwärtige Person, die beschmutzt und die Ware mindert, ein Bild, das für mich passt, wenn ich durch Straßen laufe, die lediglich die Funktion haben, Konsum zu organisieren. Inbegriff ist der Neue Wall in Hamburg, ein Business Improvement District mit lauter Luxus- und Designergeschäften, vor jedem Eingang steht eigenes Sicherheitspersonal. Auf dieser symbolträchtigen Straße sollten die Demonstrant/innen ursprünglich laufen, diese Route hatte das Oberverwaltungsgericht untersagt. Mein Gefühl zum Neuen Wall? „Grabbeln verboten!“ Und ich will auch nix anfassen, weil ich hier – von Kopf bis Fuss – nicht hinpasse. Verinnerlichte Ordnungsgedanken: Sind meine Fingernägel sauber, sitzt die Frisur und warum bin ich eigentlich so arm? Dies ist ein Raum, der zur Passivität verdammt und stumm macht. Gefühlte Zurechtweisung und Einschüchterung. Das Bambule-Motto „Dreckig Bleiben“ im Ohr spendet mir Trost an schlechten Tagen.

Die Initiativen und Gruppen, die sich derzeit in Hamburg gegen eine neoliberale Stadtpolitik engagieren, setzen an den Punkten an, an denen die extremen Widersprüche von Stadt sichtbar werden: Noble Eigentumswohnungen in einem armen Stadtteil wie St. Pauli; eine Fernwärmetrasse quer durch die Stadt, die ein umstrittenes Kohlekraftwerk bedient; nichtkommerzielle Orte, die nun jemand fix zu barer Münze machen will; eine Autobahn, die das eh schon stark fragmentierte Wilhelmsburg noch weiter zerlegen wird; charmante Häuser, die austauschbaren Bürokomplexen weichen sollen; Plätze, die noch zum unbestimmten Verweilen einladen, sollen eventisiert und kommerzialisiert werden. Wie kann Stadt anders gedacht und gelebt werden? Wie kann gegen die jetzige Form von Stadt revoltiert werden?

„Diese Revolte aber kann von der Entwicklung alternativer Projekte und zum Teil gewaltsamer Widerstandsaktionen bis hin zu einer massiven Gegenbewegung führen, die die Gesamtheit der austauschbaren, spektakulären kapitalistischen Räume in Frage stellt, jene Räume nämlich, die die Alltäglichkeit, die Zentralisierung der Macht und die räumliche Hierarchisierung mit ihren tiefgreifenden Widersprüchen implizieren“, schreibt Lefebvre in dem Aufsatz: „Die Produktion des städtischen Raums“, der in der anarchitektur schön verständlich aufbereitet wurde.

Mmh, heute war es wenig utopisch bei mir, was auch daran liegt, dass ich noch keine Bilder/Ideen von einer Stadt der Zukunft habe. Lefebvre bietet die Idee der Fabrik an, ein Bild, das sich mir als Utopie nicht so leicht erschließt. Meine Assoziationskette: der männliche Arbeiter in der fordistischen Fabrik, rigide Arbeitsteilung, Trennung von Produktion und Reproduktion, Fokus auf die Herstellung/Produktivität, etc. Daher dachte ich, ich frage mal Paula Zucker, die den Teil I kommentiert hatte: „und mir gefällt das : feld, fabrik, stadt. also stadt als vorherschende bild nach dem wir alles, was wir brauchen und alles was wir meinen zu brauchen, herstellen und verteilen ganz gut.“ Liebe Paula: Warum die Fabrik recyclen?

Teil IV: Zurück zur Fabrik?


3 Antworten auf „Raum produzieren. Lefebvre # stricken III“


  1. 1 paula zucker 20. Dezember 2009 um 18:29 Uhr

    erst mal schnell antworten zur fabrik: also da ertappe ich mich doch wirklich bei einer unangenhemen eigenschaft: der meinungswechselei. gestern habe ich noch äußerst überzeugt vertreten, dass ich die fabrik kein vorbild finde, weil sie stinkt, weil ich fordismus nicht mag, weil sie alles auf seine renditmaximierung hin zu schneidet und so weiter und so fort.
    nun will ich sie aber doch verteidigen einmal als realen ort und einmal als metapher.
    als realer ort, ist sie auch ein ort der frauen. ich habe viel dort getroffen, die es zuhause zu langweilig fanden, die ihren männern wenigstens tagsüber entkommen wollten, die sich einen traum von der wohung im süden verwirklichen wollten.
    sie ist auch ein ort der gemeinschaftlichkeit, an dem geschichten erzählt werden und wo, wie in dem einem sommer, in der einen fabrik immer mal wieder die maschinen kunstvoll gestört worden, damit die frauen am band genau eine viertelstunde mehr pause hatten und aus dem akkord ausbrechen konnten. das waren schöne pausen.
    die gemeinschaftlichkeit war so stark, dass ich sie als feindlich betrachtet habe, weil ich nie dazu gehörte. ich war immmer zu langsam und irgendwie zu faul. aber, für die frauen dort, war sie wichtig und ein lebensinhalt. eine hat sich von dem geld einen manta gekauft und so getan, als gäbe es in der kleinstadt einen club von mantafahreren zu dem sie gehört.
    fabrik bedeutet dort für viele unabhängigkeit von kleinen zwängen. fabrik so wie in große fabriken unter deren wahrzeichen ich aufgewachsen bin bedeutete auch: fabrik-familienstrukturen: eigene krankenhäuser, fabrikwohnungen, fabrik-weihnachtspakete, fabrikgeburtstagsgeschenke, fabrikchöre, fabrikturnvereine, fabrikbücherhallen, fabrikkulturfestivals, fabrikkunstevents. fabrik bedeutete also auch das erkennen eines gegenseitgen nutzens und die pflege der beziehungen. aus profitgründen sicherlich aber sichtbar waren auch die stärke und der halt, den diese gesten der gemeinschaftlichkeit den leuten gegeben hat.
    als metapher, weil es bei den gedanken um stadt auch darum geht zu denken, wie wir das produzieren wollen, was wir brauchen und wie wir das verteilen wollen. fabrik als produktionsort. stadt als fabrik wäre dann für mich reproduktions- und produkionsort in einem.
    mir schwebt immer das paris vor baron haussmann vor augen: jedes haus hat ebenerdig geschäft und werkstätten und darüber wohnen die leute unterschiedlichster klassen. die menschen wuselen über die straßen und alle können einen platz finden, der ihnen gefällt. das es damals viel krankheit, gewalt und elend gab, soll nicht vergessen sein, aber die idee, die maschinenerie der produktion ans licht des tages zu bringen und allen teilhabe an der gestaltung ihrer lebensbedingungen zu gewähren, weil sie sehen, wie die kulturmaschinen und die politikmaschinen, die bedeutungsproduktionsfabriken und so weiter und so fort funktionieren ist vielleicht gar nicht so schlecht. das auf die schnelle.
    paula

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