Zurück zur Fabrik? Lefebvre # stricken IV

Zurück zur Fabrik. Ich krame schon seit Tagen in diversen Lefebvre-Texten rum und bin mir gar nicht sicher, ob er die Idee „Fabrik“ überhaupt als utopisches Bild so anbietet oder ob das nicht verkürzt ist? Habe bisher nur das Zitat gefunden: „Die Stadt ist eine Maschine der Möglichkeiten“. Was aber nicht heißt: Die Stadt ist eine Fabrik, und auch nicht heißt, dass die Stadt der Zukunft eine Fabrik sei. Interessant hier ein längeres Interview mit ihm, das auf youtube (hoch lebe das www.) zu finden ist:

Analog zur Entwicklung der (industriellen) Arbeitsteilung erfährt auch der Raum – so L. – eine immer stärkere Spezialisierung. Er wird zunehmend spezifiziert und zerlegt. In diesem spezialisierten Raum werden ganz bestimmte Aktivitäten zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt ausgeführt, diese Tätigkeiten wiederholen sich. Monotonie und Vereinheitlichung, also. Außerhalb dieser Nutzung ist der Raum verloren, es ist ein toter Raum. Als Beispiel nennt er die Büros, sicherlich trifft das auch für Fabriken zu, denn wer nutzt die Fabrik nachdem die letzte Schicht vorbei ist? Die Fabrik kann zwar mit anderen Nutzungen gefüllt werden, so wie Paula Zucker es vorschlägt. Aber ich finde, wenn irgendwie alles Fabrik ist, ist nix Fabrik: Lernfabriken, ein Loft fürs gehobene Fabrikwohnen, Familienfabriken, Atelierfabriken. Und: hier wird auch jeweils eine spezialisierte Tätigkeit vorgegeben bzw. ein Nebeneinander von bestimmten Tätigkeiten. Klassisch geben ja die Maschinen in der fordistischen Fabrik vor, wie Arbeit und auch Raum organisiert sind. Ein Nebeneinander von verschiedenen Tätigkeiten bedeutet aber nicht automatisch eine gerechtere Arbeitsteilung. Die entscheidende Frage bleibt: Wer macht den Abwasch und wer den Umsatz?

Meine Kritik: Identitätsstiftung läuft nach wie vor über das, was ich den ganzen Tag über tue: fabricare, anfertigen. Die Frauen in der Fabrik sind nach der Schicht eben die Frauen aus der Fabrik. Ein Vorteil der klassischen Fabrik? Irgendwann geht das Licht aus, die Maschinen stehen still, Feierabend! Die Entgrenzung durch die integrierte Fabrik, die nun alle Bereiche des Lebens erfasst und die Menschen zu Unternehmern ihrer selbst macht, ist für mich kein Ideal. Digitale Bohème – ohne mich! Konnten Fabriken noch besetzt und Schraubstöcke in Maschinen geworfen werden (im besten Fall), so stellt sich dieser von Frau Zucker beschriebene „Soziale Raum Fabrik“ nicht in der verinnerlichen Ich-Fabrik her. („Sozial“ nicht gleich „gut“, sondern auch von Hierarchien & Konflikten durchzogen). Mit‘m Laptop sitze ich allein im Wlan-Cafe, vor mir – quasi als Eintrittskarte – der Macchiato, neben mir bastelt jemand an seinen eigenen Projekten oder tut zumindest so. Also eine weitere Fragmentierung und Vereinzelung.

Nach langem Überlegen hab ich mich vor zwei Monaten bei Facebook angemeldet und folgenden Willkommensgruß erhalten: „Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen“. Traurig daran ist, dass ich mich dort angemeldet hatte, da ich das Gefühl hatte, sonst was zu verpassen, weil irgendwie alle bei Facebook sind. Das Netz als sozialer Ort, der Bildschirm als Fabrikfenster.

Aber zurück zu Lefebvre: Im dritten Teil des Interviews wettert er gegen den auf Monopolisierung und Konsum ausgerichteten Urbanismus. Dieser habe Wohnraum (l’habitat) geschaffen, aber keinen bewohnten Raum (l’habité). Soziales Leben hingegen könne sich nur in Räumen bilden, die vielfältig nutzbar sind und Platz lassen für Symbolisches, Spielerisches, Poetisches, Unvorhergesehenes… Was wir stattdessen vorfinden, ist ein funktionalisierter Raum, der von Planern für eine bestimmte Nutzung vorgesehen ist. Nicht der Gebrauch, sondern der Tausch im Sinne der kapitalistischen Verwertung bestimmt, wie Raum genutzt wird. So weit, so schlecht.

Nun zum interessanten Part: Was passiert nun in der Phase, die er die „urbane Revolution“ nennt? Zunächst – kleine Verbeugung Richtung Marx – muss der Raum einem Gebrauchswert zurück geführt werden (5:03). Das sei der erste Schritt, aber es geht darüber hinaus. Im Übergang von der instrustriellen zur urbanen Phase müssen sich auch die Ideen, die Referenzen und die sozialen Praxen grundlegend verändern. Eine neue Sprache ist zu entwickeln. Das Sprechen (die Sprache/langage) über einem Raum, der anzueignen ist, ist nicht zu vergleichen mit dem Sprechen über einen Raum, der kommerzialisiert ist. Die Ware, die sich ausbreitet, die alles einnimmt unter dem Schutz des Staates und der repressiven Macht, hat auch zur Veränderung von Sprache geführt: „Il faut presque trouver une autre langage pour parler de tout ca“.

Gegen Ende des Interviews beharrt Lefebvre darauf, dass dieses urbane Leben der Zukunft keine Kopie von früher sein kann, sondern dass es vielmehr um neue Erfindungen, um die Produktion von Raum gehe. Eine klare Absage also an die Fabrik, die ja das Symbol für die industrielle Produktion schlechthin ist. Schön zu sehen, wie er darum ringt, etwas zu entwickeln, das über Sprache/das derzeitige Sprechen und Denken über Raum hinaus geht. Es ist ein An-Denken, wie eine Raumproduktion aussehen könnte, in der die Differenz und Heterogenität von Städten aufgehen kann. Konflikte werden dabei nicht abschließend gelöst und in eine feste Form gegossen (die optimale Stadt), sondern sie sind Gegenstand von permanenten Auseinandersetzungen, die an einzelnen Stellen immer wieder auftauchen und die konkret verhandelt werden müssen. Also keine festen Orte/Bilder, die als Utopie durchschimmern, sondern das Nichtrepräsentierte, das verdrängte Andere, das seinen Platz immer wieder einfordert. Well, so meine Interpretationen zum Interview.

Diese Vorstellung von Stadt als ein Ort der permanenten sozialen Auseinandersetzungen finde ich auch viel passender als die Idee des „Freiraums“, ein Begriff, der ja in linken Kontexten weit verbreitet ist. Klar ist zum einen, dass es solche Freiräume außerhalb des Kapitalismus leider nicht gibt. Zum anderen ist aber auch jeder subkulturelle Raum höchst anfällig für informelle Strukturen und damit verbundener Ausgrenzung des Unpassenden/Ungleichen/Unverstandenen. Ein Freiraum wird flux zum geschlossenen Raum. „In einer hierarchisierten Gesellschaft gibt es keinen Raum, der nicht hierarchisiert ist und nicht die Hierarchien und Distanzen zum Ausdruck bringt“, schreibt Bourdieu. Dies gilt auch für Orte, die vielleicht nichtkommerziell sind, hierarchisch sind sie immer. Was nicht gegen diese Räume spricht und die Menschen, die sich darin engagieren, sondern nur dafür, dies mit zu reflektieren und ggf. gegenzusteuern…

Zusammenfassung des Tages:
* Viel Fabrik = wenig gut.
** Was kommt eigentlich nach der Sprache: It’s the end of the world as we know it (And I feel fine)?
*** Jetzt aber Feierabend! Oder hab ich gar nicht gearbeitet?

Teil V: Aufm Land


4 Antworten auf „Zurück zur Fabrik? Lefebvre # stricken IV“


  1. 1 nbo 08. Januar 2010 um 21:16 Uhr

    der begriff „fabrik“ klingt tatsächlich unfroh, eben weil sie mit dem fordismus verbindet. „die stadt ist unsere fabrik“ sehe ich aber zum einen als zustandsbeschreibung der postfordistischen stadt, zum anderen aber als versuch einer entwendung des begriffs. vielleicht wird sie nicht funktionieren, und wir müssen uns ein neues besseres wort ausdenken.

    der grundgedanke, der damit ausgedrückt werden soll, hat bei mir aber gleich eine saite angeschlagen: jede politische utopie muss sich mit der produktion beschäftigen – und zwar der produktion von dingen (nicht waren), die wir zum leben brauchen.

    E.F. schumacher schrieb 1973 in „small is beautiful“: „Es ist einer der verhängnisvollsten Irrtümer unserer Zeit zu glauben, das ‚Problem der Produktion‘ sei gelöst.“ recht hatte er. die produktion, wie wir sie haben, ist an orte, kapitalverhältnisse, macht gebunden. daraus müssen wir sie konkret herauslösen, und dieses herauslösen muss meines erachtens in der stadt passieren. sonst bleiben wir stadtbewohner weiterhin diese traurige mischung aus drohnen und vasallen.

    in dieser hinsicht finde ich lefebvre und schumacher viel inspirierender als dieses ewige linke rumreiten auf dem warenfetischismus, der erst zu überwinden sei, bevor die neue zeit anbrechen könne. darauf können wir lange warten. wir können aber versuchen, den warenfetischismus durch eine neue produktionsweise langsam auszutrocknen, räume zu schaffen und auszuweiten, in denen er nicht mehr gilt – bis am ende ein neuer wall nur noch der letzte konsumsumpf der stadt ist.

  2. 2 cs 10. Februar 2010 um 22:24 Uhr

    Auf der Recht auf Stadt Parade am 18.12. antwortete jemand auf die Behauptung „Die Stadt ist unsere Fabrik“, mit „Nein, die Stadt ist unsere Disco“. Das hätte ich vor 20 Jaremn auch noch gesagt, weil der Zwang nervt und abstößt, der an der Fabrik-Metapher klebt, und um dem was hedonistisch-freiwillig-sinnliches entgegen zu setzen. Wenn man aber die Disco als einen Ort beschreibt, an dem all das, was an der Stadt nervt, verdichtet, intensiviert, und ästhetisiert – und damit erträglich, behandelbar, verwendbar gemacht wird: Lärm, Gestank, Enge der Stadt werden in der Disco zum Vergnügen – die gute Disco ist zu laut, völlig verqualmt und zu voll – dann stehen beide Metaphern schon wieder viel näher nebeneinander als gegeneinander. Die Disco entwickelt sich im Niedergang des Fordismus, und das was mit der Stadt als Fabrik
    Metapher gemeint ist, betrifft ja gerade die Ausdehnung des Fabrikregimes auf den gesamten (verstädterten) Raum, und genau dieser Prozess beginnt in etwa mit der Übernahme der Fabriken durch Discobetriebe, die dort Produktionsorte kollektiver Leidenschaften installieren, schließlich mit der Ausdehnung der Disco in Zeit und Raum mit Tekkno, Rave und Loveparade, dann das Aufgehen der erweiterten Disco im Eventpardigma und ihrem schließlichen vor die Wand fahren mit der Taufe des Discoschiffs AidaDiva zu den Klängen von Westbam und mit Discobeleuchtung des Eventkünstlers Michael Batz im Hamburger Hafen am 20. April 2007…

    Gerade eröffnet in der Kunsthalle eine Ausstellung von Künstlern, die, wie es in der Tagesschau hieß, „Ihre ganze Person zur Marke“ gemacht hätten. Gemeint sind damit Leute wie Keith Haring oder Andy Warhol. Und der ist natürlich Schuld, weil in dessen factory über ein paar Jahre genau die Janusköpfigkeit des Slogans zusammenkommt: das Versprechen, die Vielfältigkeiten, neuerfundene Geschlechter, wildwuchernde Produktionen, wildwucherndes Nichtstun, auf der anderen Seite die Totalisierung des Marketings, Subjektivität als neue Front des Kapitals. Wenn das einer der Ursprünge der „Stadt als Fabrik“ war, dann wirds Zeit, dass sich nach der Auflösung der Fabriken in das Terrain die Frage stellt, wo die neuen Widerständigkeiten eigentlich Fuß fassen können? Erleben wir die ersten Revolten im Maschinenraum der partizipatorischen Imagecity?

  3. 3 cs 12. Februar 2010 um 17:53 Uhr
  1. 1 Raum produzieren. Lefebvre # stricken III « from town to town Pingback am 15. Oktober 2010 um 18:04 Uhr
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