Auf’m Land. Lefebvre # stricken V

Dieses Wochenende besuche ich meine Eltern auf’m Land. Und denke über Lefebvres These von der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft nach. Ich bin also wieder ganz am Anfang angekommen. Sicherlich ist die der Revolution der Städte vorangestellte These im Kontext der 1960er Jahre zu lesen: das rasante Wachsen der Vorstädte und Megacitys, die damals noch nicht so hießen. Vielleicht stecken auch noch Versatzstücke eines traditionellen marxistischem Fortschrittsglauben mit drin: „Das Stadtgewebe beginnt zu wuchern, dehnt sich aus und verschlingt die Überbleibsel des ländlichen Daseins.“

Schräg wird die These dann, wenn man das Verschlingen wortwörtlich nimmt. Also rein an der materiellen Verstädterung festmacht, im Sinne eines kompletten Zusammenwachsens von Land und Stadt. Dies hat Lefebvre selbst schon verworfen und seine These dahin konkretisiert, dass damit die „Gesamtheit der Erscheinungen, welche die Dominanz der Städte über das Land manifestieren“ gemeint seien. Dass aber der Trend zur Urbanisierung auf der anderen Seite auch zu einem weiteren Wegzug vom Land und einer extremen Verländlichung auf der anderen Seite geführt, hat er nicht gesehen.

Was ich in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, gut beobachten kann, ist, wie das Gefühl, abgehängt zu sein, sich hier eher noch verstärkt. Das ist daran zu merken, dass bestimmte – früher städtische – Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr oder andere Basisversorgungen, wenn nur noch rudimentär geleistet werden. Eine Regionalbahn ans Ende der Welt rechnet sich eben nicht privatwirtschaftlich und auch die Postfiliale hat schon lange dicht gemacht. Wo keine Masse an KonsumentInnen, da kein Profit. Noch nicht einmal Touris schauen hier vorbei, warum auch? Bonjour tristesse.

Es gibt ja mittlerweile in vielen Dörfern Menschen, die versuchen, diesem Abgehängtsein entgegen zu wirken und sich dabei selbst organisieren. Hab letztens einen WDR-Bericht über das Dorv-Projekt in Pannesheide gesehen. Dorv steht für „Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung“ und meint eine Art Tante Emma-Laden für all das, was an Grundversorgung im Dorf benötigt, aber nicht mehr angeboten wird. (http://floecksmuehle.com/_DORV-pannesheide.de) In dem Laden kann man Kaffeetrinken, Behördenformulare holen, Pakete verschicken, Lebensmittel kaufen und Bankgeschäfte tätigen. Charmant war, dass dort auch eine Art sozialer Treffpunkt entstanden ist, wo die Leute auf’n Schnack vorbei kommen und sich beim Ausfüllen von Formularen helfen oder kleine Veranstaltungen machen. Symbolisch auch der Raum: eine ehemalige Bankfiliale. Macht Banken zu Begegnungsorten. Die andere Seite der Medaille: Bundesweit gilt das Projekt als Vorbild für eine schlanke Verwaltung und damit lässt sich das weitere Runterschrauben von sozialer Infrastruktur und städtischen Aufgaben legitimieren. Immer diese Ambivalenz…

Die vollständige Verstädterung der Gesellschaft hat aber in einem anderen Sinn stattgefunden, den Lefebvre nicht vorhersehen konnte. Durch das Internet lassen sich bestimmte urbane Lebensmodelle, vor allem bestimmte Konsum- und Identitätsentwürfe im Nu Richtung Land kommunizieren. Das war ohne Internet anders. Als ich auf dem Dorf von Grunge erfahren habe, war in der Welt das Thema Seattle schon lange durch, Kurt Cobain schon so gut wie tot.

Der Mythos Stadt war für mich immer auch stark mit einem subkulturellem Mythos verknüpft. Daran hing das Versprechen, in der Stadt anders sein zu können als die Mehrheit der Menschen im Dorf. Heute kann sich jeder Teenager über das Netz über jede denkbare Subkultur informieren, Gleichgesinnte suchen und sich die entsprechende Szeneausstattung (Musik, Klamotten, Literatur) besorgen. Provinz trifft Stadt — Stadt trifft Provinz, und keine/r kann so genau sagen, wo die Community ihren eigentlichen Ort hat.

Wenn ich heute über meine Suche nach einem anderen Leben jenseits des engen Dorfgrenzen nachdenke, dann wird mir klar, dass sich dies immer vor der Folie einer Abgrenzung von etwas Anderem definiert hat. Es war ein starker Wunsch nach Nicht-So-Sein-Wollen, der sicherlich Antriebsfeder ist, sich überhaupt auf die Suche nach Alternativen zu begeben.

Auch problematisch ist, dass die Möglichkeiten und auch Ideen eines anderen Lebens sich im Kapitalismus rein über Konsum herstellen: bunte Haare und abgerissene Klamotten werden zum äußeren Ausdruck einer inneren Rebellion. Die Accessoires der Revolte hab ich mir damals auf Flohmärkten besorgt, heute könnte ich direkt zu H&M gehen. Konsum ist beides. Was bleibt ist die Frage: Wie kann die „bürokratisch gelenkte Konsumgesellschaft“ überwunden werden? Wie kann emanzipatives Zusammenleben in Heterogenität aussehen? Ich finde da den Kommentar von nbo zum Teil IV interessant: „wir können aber versuchen, den warenfetischismus durch eine neue produktionsweise langsam auszutrocknen, räume zu schaffen und auszuweiten, in denen er nicht mehr gilt“.

Teil VI: Zentralität und Brutalität


2 Antworten auf „Auf’m Land. Lefebvre # stricken V“


  1. 1 strickliesel 11. Februar 2010 um 13:21 Uhr

    Kommentar zum eigenen Text, 11.2.2010:

    Beim Nachdenken über diesen Text schleicht sich das Gefühl ein, dass ich an einer Stelle hätte differenzieren sollen und zwar am Anfang, wo es um die Ausgangsthese der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft geht. Ich hab geschrieben, dass die These schräg sei, wenn mensch dies 1:1 als materielle Verstädterung setzt. Vor ein paar Wochen war der Lefebvre-Kenner und Stadtsoziologe Marcelo Lopes de Souza aus Rio de Janeiro für zwei Tage in Hamburg. Er beschrieb, dass mittlerweile ca. 80% der brasilianischen Bevölkerung in Städten leben, in den sich über das ganze Land ausbreitenden Stadtgeweben. Der Künstler Stefan Demming hat in seinem Projekt „The Edge of the City“ versucht, an den Rand der Stadt Mexiko zu kommen und ist dabei an kein Ende gelangt (http://vimeo.com/8762357).

    Von daher wäre es richtiger, die Gleichzeitigkeit von Shrinking Cities und die komplette (materielle) Verstädterung zu denken. Wobei ersteres eher ein Phänomen von (ehemals prosperierenden) Industriestädten, wie Manchester, Detroit oder Halle ist, und letzteres sich vor allem auf Megastädte in Asien, Afrika und Süd- Mittelamerika bezieht und mit einer extremen Segregation (einige wenige Wohlstandsinseln in einem Meer von Slums) einhergeht, wie es Mike Davis in „Planet der Slums“ beschreibt.

  1. 1 Zurück zur Fabrik? Lefebvre # stricken IV « from town to town Pingback am 15. Oktober 2010 um 18:07 Uhr
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