Zentralität & Brutalität. Lefebvre # stricken VI

„Lefebvre # stricken“ habe ich meine Reihe genannt, aber seit ein paar Wochen klickern die Nadeln nur sehr selten. Dabei liegt das handliche Buch „Revolution der Städte“ direkt neben meinem Bett und ich lese immer mal wieder rein. Mein ursprünglicher Plan – mal eben Kapitel für Kapitel zusammen zufassen und auf Praxistauglichkeit abzuklopfen – ist wohl gescheitert. Das Theorieknäuel zu groß und zu viele andere Fäden hängen mit dran: Müsste noch Einiges bei Marx nachlesen, ach ja und Marcuse und – mmh – die Bezugnahme auf die Situationisten auch nicht vergessen.

Meine Leseerfahrung von Revolution der Städte? Ich fühle mich wie in einem Labyrinth: komplex, mit vielen Abzweigungen und ich weiß nie, was mich an der nächsten Ecke erwartet. Die Ausgänge sind in viele Richtungen hin offen und wenn ich mich an einem analytischen Ziel wähne, dann zerfällt die Struktur und vervielfältigt sich in flirrender Dialektik. Immanente Widersprüchlichkeit und permanent die Denkrichtung ändernd. Wie ergeht es euch beim Lesen von Lefebvre?

Mein Hauptfaden, den ich bisher in der Hand hatte, war die Suche nach dem utopischen Potential, das die Stadt oder allgemein Raum (space) haben kann. Aber was macht die Qualität von Stadt im Hier und Jetzt aus? Was ist das Besondere von Stadt? Ich lande beim Kapitel VI: Die urbane Form. Zentral ist die Zentralität. Sie bildet das Wesen des Phänomens der Verstädterung. Zentralität ist aber nichts Feststehendes, Fixes, sondern Zentralität ist „gekoppelt mit der dialektischen Bewegung, die sie einsetzt und zerstört, sie schafft oder zerbricht“. Und überhaupt: „jeder Punkt kann zum Brennpunkt werden, zum privilegierten Ort, an dem alles konvergiert“. Ein wandernder Marktplatz also oder eher viele in Bewegung begriffene Zentren, wo – und das muss jede/n Stadtplaner/in (sic!) zur Weißglut treiben – sich jederzeit Unvorhergesehenes Platz verschaffen kann und wird: „Aber schon im Entstehen verflüchtigt sich die Verdichtung wieder, wird rissig. Ein anderes Zentrum, eine Peripherie, ein Anderswo werden erforderlich.“ (156)

Die Stadt ist aber nicht nur das wachsende Gewebe, das alles verschlingt und Konsumstätte ist, sondern sie wird selbst produktiv, indem sie „die zur Produktion erforderlichen Elemente zusammenfügt“, an sich reißt und die „Schöpfungen zentralisiert“. Interessant ist, was Monsieur L. alles unter Schöpfungen fasst: Früchte, Objekte, Produkte, Produzenten, Werke, schöpferisch Tätige, Aktionen und Situationen. (S. 154/155). Was mir hier in der Auflistung fehlt, ist das Unschöpferische, vermeintlich Unproduktive der Stadt: das Stille, Nichtrepräsentierte, Zerrissene und Geronnene; All das, was „einfach“ da ist oder eben fehlt.

Aber weiter im Text. Das Potential und gleichzeitig das Grausame (!) des Städtischen liegt darin, dass hier Unterschiede zusammen gebracht werden und ein soziales Beziehungsgefüge – heute würde mensch vielleicht von Segregation sprechen – konstruiert und freigelegt wird: „Dabei entstehen Unterschiede aus Konflikten, bzw. die Unterschiede führen zu Konflikten. Ist das nicht die Ursache und der Sinn dieses rationalen Deliriums, das wir Stadt, Verstädterung nennen? Das (soziale) Beziehungsgefüge verschlechtert sich entsprechend der Entfernung in der Zeit und im Raum, die Institutionen und Gruppen trennt. Hier werden sie in der (virtuellen) Negation dieser Entfernung aufgezeigt. Hier ist die Ursache für die latente Brutalität zu suchen, die der Stadt inhärent ist*.“ (S. 155, *Fortsetzung folgt am Ende des Textes)

Aus diesem Grund ist es wichtig, auf das Recht auf Stadt als ein Recht auf Zentralität zu pochen. Jede/r hat das Recht auf Zentralität, auf Zugang zu kollektiven Ressourcen, unabhängig von seiner/ihrer sozialen Zugehörigkeit und auch – und das wäre mir wichtig – unabhängig von dem, was jemand macht oder leistet. Mir gefällt ja der Slogan der Hamburger Recht-auf-Stadt-Bewegung: „Wir bleiben unkalkulier- und unplanbar“ sehr gut. Hier melden sich Bewohner/innen zu Wort, die sich dagegen wehren, Verschiebemasse von Urbanist/innen und neoliberalen Stadtplaner/innen zu sein, die nur bestimmte Bevölkerungsgruppen in den innenstadtnahen Viertel haben wollen.

In den Medien werden die Proteste gegen Gentrifizierung immer wieder auf einen reinen Abwehrreflex reduziert. So charakterisierte z.B. die Süddeutsche die Recht-auf-Stadt-Bewegung als eine Bewegung im konservativen Geist des Bewahrens. Auch in der linken Debatte gibt es immer wieder diese Einwände gegen die gentrifizierungskritischen Proteste als „Heimatschutz“. Diese Kritik greift m.E. zu kurz und verliert sich im letzteren Fall schnell im verbalradikalen Gestus à la „So lange man (wer immer das auch tun soll?) nicht den Kapitalismus in Gänze abschafft, brauch’ ich mich doch nicht über steigende Mieten oder dieses oder jenes Prestigeprojekt aufzuregen“. Das ist ein Verharren in selbstverliebter Kritik, das jede konkrete Praxis und soziale Auseinandersetzung mit all ihren Widersprüchlichkeiten scheut. Oder um es mit Herrn Marx zu sagen: „Die Kritik (…) verläuft sich nicht (…) in sich selbst, sondern in Aufgaben, für deren Lösung es nur ein Mittel gibt: die Praxis.“

Bei den Kämpfen gegen Gentrifizierung sollte es immer um mehr gehen als die reine Revierverteidigung (ehemals) alternativer Viertel. Die Delegitimierung und Rückweisung des neoliberalen Modells der unternehmerischen Stadt ist nur der erste Schritt, um Neues, Unvorhergesehenes überhaupt zu ermöglichen. Klar ist aber auch, dass politisches Engagement in der Stadt oft von dem Ort ausgeht, an dem sich die Menschen befinden, dort, wo sie ihren städtischen Alltag ganz konkret erleben. Das heißt nicht, dass ich mich nur für „meinen Kiez“ interessiere und alles andere mir wurscht ist (Stichwort: Vernetzung!). Schräg wäre aber doch auch eine (linke) Stellvertreter/innenpolitik, die nun meint, im Namen der Menschen am Osdorfer Born, in Pinneberg oder von mir aus Blankenese reden und agieren zu können. In diesem Spannungsfeld (den eigenen – meist privilegierten – Standpunkt transparent zu machen u n d die Unterschiedlichkeit/Konflikte der Ausgangspunkte zu reflektieren und in Bezug zu setzen) bewegt sich ein emanzipatives Engagement und eine widerspenstige, konstruktive Praxis.

Eigentlich wollte ich noch auf den Kommentar von cs zum Teil IV eingehen: „Wenn das einer der Ursprünge der „Stadt als Fabrik“ war, dann wirds Zeit, dass sich nach der Auflösung der Fabriken in das Terrain die Frage stellt, wo die neuen Widerständigkeiten eigentlich Fuß fassen können? Erleben wir die ersten Revolten im Maschinenraum der partizipatorischen Imagecity?“ Hier wäre es sicher interessant, mal zu gucken, was Lefebvre sich bei den Situationist/innen so an Anregungen gezogen hat. Ich bin da allerdings keine Expertin, aber vielleicht können andere da Hinweise geben? Für den Augenblick jedenfalls ende ich mit der Fortsetzung des Lefebvre-Zitats (s.o.), auch weil es so gut zur Disco passt. Es geht um Zentralität und um die den Städten innewohnende Brutalität. Und das Zitat ist schön passend für mein heutiges, zugegebenermaßen theatralisches Ende:

„Aber auch für den – gleichermaßen beunruhigenden – Charakter der Feste. Ungeheure Menschenmassen sammeln sich in Trance und gespielter Glückseligkeit auf der verschwimmenden Grenze zwischen hemmungslosem Jubel und hemmungsloser Grausamkeit. Es gibt kaum ein Fest ohne ,Happening’, ohne Massenbewegung, ohne Niedergetrampelte, Ohnmächtige, Tote. Die Zentralität, die in den Bereich der Mathematik gehört, gehört auch in den des Dramas.“


1 Antwort auf „Zentralität & Brutalität. Lefebvre # stricken VI“


  1. 1 Auf’m Land. Lefebvre # stricken V « from town to town Pingback am 15. Oktober 2010 um 18:08 Uhr
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