Kritik: radikal-schick

„Gentrification is classwar – Fight back“. Mit diesem Slogan kämpften 1988 in New York Aktivist/innen gegen die Räumung des Tompkins Square Parks. In und rund um den Park herum lebten zu dem Zeitpunkt viele Obdachlose. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion prügelte die Polizei die Menschen aus ihren Zelten, zerstörte die Unterkünfte und sperrte den Park ab. Der Widerstand gegen die Vertreibung der ursprünglichen Bewohner/innen war vielfältig und radikal. Die weitere Aufschickung und kapitialistische Inwertsetzung der Lower East Side, inklusive des von der städtischen Politik erwünschten und mittels der repressiven Macht umgesetzten Einzugs der Mittel- bzw. Oberschicht, konnten auf lange Sicht nicht verhindert werden.

Wie hängt Gentrifizierung nun mit Klassenkampf zusammen? (Ich scheue mich fast diesen Begriff zu benutzen, lastet ihm doch der Beigeschmack eines K-Gruppen-Dogmatismus der 1970er an. Dort sprachen zwar viele permanent vom Klassenkampf und der Arbeiterklasse, um sich dann später als Lehrer, Grüner oder whatever für diesen klassenkämpferischen Aktivismus standesgemäß zu „belohnen“.) Eine elementare Frage bleibt: Wie kann Gentrifizierung in seiner ökonomischen und segregierenden Struktur analysiert werden? Wer ist wann/wie von dem in Phasen ablaufenden Prozess betroffen? Wie manifestieren sich die unterschiedlichen materiellen Lebensverhältnisse und sozialen Ausgangspunkte auch in den Protesten? Welche Hierarchien gibt es? Wie sieht eine grundlegende Kritik an der politischen Ökonomie der Stadt aus? Diese richtigen Fragen stellt auch Roger Behrens in seinem Text „Gentrification und Urbane Bewegung“ in der Dezemberausgabe der Streifzüge.

Ein interessanter Artikel, den ich hier reflektieren möchte. Die Stärke des Textes liegt m.E. in der Analyse und Beschreibung der Transformation von Stadt im Übergang vom Fordismus zum Postfordismus. Auch viele der hier genannten Kritikpunkte teile ich. Sie finden sich z.T. auch in meinen Lefebvre-Texten, wie z.B. die Kritik am „Freiraum-Konzept“ vieler subkultureller Orte, die Kritik am konsumistischen Selbstverständnis (das ich aber nicht so einfach von meiner eigenen Person entkoppeln kann), die Konzentration auf den eigenen Kiez, das Nichtreflektieren der eigenen Rolle als Gentrifizier/in.

Dennoch hat mich beim Lesen des Textes zunehmend ein Unbehagen beschlichen. Dieses Unbehagen bezieht sich darauf, dass hier Kritik aus der Vogelwarte des Beobachters getätigt wird, der eloquent beschreibt, was die „anderen“ alles so falsch machen. So würden die Gentrifizierungskritiker/innen unisono nur an der kapitalistischen Fassade kratzen und ihre eigenen Privilegien verteidigen. Sie seien nicht in der Lage, eine grundlegende Kapitalismuskritik zu formulieren und überhaupt rutschten alle seit den 1990ern in „linkshedonische Selbstbeschäftigung“ ab. Gut gebrüllt, Herr Behrens, aber in diesem Pauschalflug falsch.

Gerade weil es d i e Linke nicht gibt und auch linke Theorien und Praxen äußerst heterogen und vielfältig sind, ist es für mich als Linke unerlässlich, dass ich Ross und Reiter nenne, wenn ich andere kritisiere. Auf wen oder was bezieht sich meine Kritik konkret? An welchen Flugblättern, Gruppen, Aktionen mache ich das fest? Und: Von welchem Standpunkt ausgehend formuliere ich meine Kritik? War ich früher auch ein Elch und wie bin ich heute selbst in Gentrifizierung involviert?

Hier hingegen wird im Galopp pauschalisiert und äußerst abstrakt kritisiert: Die Rote Flora und Park Fiction als urbane Selbststilisierung. Punkt. Der Euromayday als individualisierte Interessenverteidigung – mittlerweile erstarrt und Klappe zu. Dann diese „mafiotischen Dorfstrukturen“ im Schanzenviertel: so so! Unterschlagen wird hier, um nur einige Beispiele zu nennen: Die sehr differenziert geführte Debatte um Drogenpolitik im Flora-Umfeld in den 1990ern; die internationale Vernetzung der Euromaydays und eine damit verbundene über den deutschen Tellerrand hinausgehende Debatte; die jahrzehntelange Sisyphusarbeit von Mietrechtsaktivist/Innen und Menschen, die gegen Sozialabbau kämpfen; die Etablierung eines Parks mit Elbblick, in dem ich eben nicht 3 Euro für mein Bier zahlen muss; eine zehnjährige Mietpreisbindung für alle Bewohner/innen der vom Verkauf betroffenen Häuser im Bernhard-Nocht-Quartier. Alles Peanuts?

Ein typisches Zitat für diese den ganzen Artikel durchziehende Rundumschlagsstrategie: „Als Kollektiv formiert sich diese „Bewegung“ nur noch als ‚angry middleclass‘, die sich neuerdings als „Präkariat“ stilisiert. Ihr politisches Programm ist ein konfuses, plakatives Gemenge aus Meinungen, Populismus und Propaganda, wobei sowohl alte Themen wie „Mietpreise“ und „Yuppisierung“ vertreten sind, als auch neue Themen wie „Schutz“, „Sicherheit“, oder reaktionäre Abbiegungen in die Drogen- und Asylpolitik.”

Konkrete Belege für diese doch schwerwiegenden Vorwürfe? Fehlanzeige! Bezieht Behrens sich hier eigentlich nur auf Hamburg oder gilt das generell für alle stadtpolitischen Bewegungen weltweit? Und wo ist die Kritik zeitlich angesiedelt: bei den RTS-Bewegungen Anfang der 1990er oder auf das, was sich derzeit 2010 so bewegt? Die Gewissenhaftigkeit einer Kritik müsste in einer analytischen Genauigkeit liegen, die hier fehlt.

Mein Ausgangspunkt und meine Erwartungen an soziale Bewegungen sind grundlegend andere. Um die Widersprüchlichkeit und Uneinigkeit wissend, begebe ich mich in konkrete Auseinandersetzungen und dies mit offenem Ende. Protest kann immer vereinnahmt und entpolitisiert werden, die falschen Argumente setzen sich durch und die Revolution lässt weiter auf sich warten. Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Aber nützt ja nüscht, wie man in Hamburg so sagt. Gerade in der Hansestadt haben es Aktivist/innen immer wieder geschafft, bestimmte Projekte, Eingeständnisse dem Senat abzuringen und damit Schlimmeres zu verhindern. Und: Wie sähe Hamburg heute wohl aus, wenn alle – statt sich zu engagieren – lieber bequem in ihren Wohnzimmern geblieben wären?

Auch die folgende Kritik finde ich angesichts dessen, was im Recht-auf-Stadt-Netzwerk (das taucht erst gar nicht auf) in Hamburg gerade versucht wird, mehr als ignorant: „Auffällig zudem, in welchem Maße die heute sich Engagierenden ohne Beziehungen zueinander operieren und Auseinandersetzungen auch auf einzelne Stadtteile oder sogar Straßenzüge isoliert bleiben“. Hier ist der Autor anscheinend schlecht informiert. So koordiniert z.B. die AG Mieten des Netzwerks gerade stadtteilübergreifend Widerstand gegen die Mieterhöhungen der SAGA (vergleichbar mit dem Steigende-Mieten-Stoppen-Bündnis in Berlin). Auch die monatlichen Vernetzungstreffen im Centro Sociale haben die Funktion, sich gegenseitig auf Stand zu bringen, zu kritisieren und Aktionen zu bündeln.

Ich lasse mich gerne belehren, bzw. lerne auch gern von anderen. Wie müsste denn eine radikale Theorie und Praxis demgegenüber aussehen? Hier bleibt der Text von Behrens auffällig schwammig und unkonkret. Die anderen machen falsch, dass ihre Kritik nur auf das „Publikum“ und nicht auf das „Kapital“ zielt, was – by the way – für die Initiativen, die ich in Hamburg kenne, nicht zutrifft. Ich zumindest habe das klassische Yuppie-Argument in meiner politischen Praxis schon lange nicht mehr gehört oder auch nur gelesen. Aber – und das interessiert mich wirklich – wie geht denn nun radikale Theorie & Praxis und ich lese:

„Wir gehen davon aus, dass der Begriff Gentrification nur Ausgangspunkt einer kritischen Theorie sein kann, die sich auf den Zusammenhang von Kapitalismus und urbanen Veränderungen richtet, und die zugleich notwendige Grundlage einer erst noch zu situierenden radikalen Praxis ist. „Stadt“ ist keineswegs eine vorgegebene Raumordnung, in der sich das Profitmotiv realisiert, sondern eine Matrix, die durch die Logik kapitalistischer Wertvergesellschaftung überhaupt erzeugt wird.“

Meine erste Frage bezieht sich auf das hier so plötzlich auftauchende „Wir“. Wer ist mit dem Wir-Kollektiv gemeint? Und von welcher sozialen Position heraus wird gesprochen? Stichwort: den eigenen Standpunkt transparent machen. Und – ehrlich geschrieben – das hier Formulierte ist ein absoluter Allgemeinplatz. Wo könnten denn konkrete Ansatzpunkte für eine radikale Praxis liegen, wenn all die anderen Kinder doch so doof sind? Oder verschiebt sich die „erst noch zu situierende radikale Praxis“ auf den St. Nimmerleinstag der Revolution? … fragt sich die Strickliesel ratlos.