Heiligengeistfeld: Statt einkaufen jetzt Musik hören

der hamburger senat und die bezirksamtsleiter haben es sich wirklich gründlich zu herzen genommen, das gerede von der kreativwirtschaft.
und so bauen sie alles in klotziger größe.
jetzt soll auf das gelände des real-markts eine „music hall“ mit 4000 plätzen.

anstatt mehr bandübungsräume, zwischennutzungskonzepte, das belassen von brachen, die förderung von musikfestivals zu fördern, sägen sie an der infrastruktur der drei angrenzenden viertel, schanze, pauli, karo und schaffen raum für mehr eventtourismus.

Die neue „Music Hall“ auf St. Pauli könnte schon im Jahr 2013 neben dem Bunker an der Feldstraße eröffnet werden. Wo jetzt der Real-Markt in der Alten Rindermarkthalle noch bis Ende des Jahres steht, würden Stars wie Jan Delay oder Gruppen wie Deichkind auftreten. Die „Music Hall“ könnte sogar zusätzliche Rock- und Popkonzerte nach Hamburg bringen, weil eine Halle mit 4000 Plätzen bisher in der Stadt fehlt. Die neue Halle würde die Lücke zwischen den kleinen 1500-Plätze-Klubs wie Docks und der 7000 Besucher fassenden Sporthalle schließen.

dabei platzt mir der kragen. eine der schönsten kneipen für unvorhergesehene musik-genüsse war das heinz-karmers-tanzkaffee in einem kleinen haus an der budapesterstr. direkt gegenüber von dem jetzt neu zu bebauenden areal. im heinz-karmers spielten bands after-show-gigs, andere feierten dort ihre neuen platten, manchmal wurden neue bands direkt am tresen gegründet und das alles bei günstigen getränkepreisen und mit einem würfel ausgelostem eintritt bei konzerten. dem laden wurde gekündigt, weil dort etwas neues gebaut werden sollte. gefühlte 15 jahre später und mindestens echte 8 steht dort immer noch eine muntere baulücke und verweist auf die unsägliche kulturpolitik der stadt, die letztlich im wesentlichen ein instrument der wirtschaftsförderung ist und man merkt es ihren akteueren an. ungefähr zu heinz- karmerszeiten gab es an der gasstr, in bahrenfeld, da wo jetzt diese glänzenden neuen quartiere im rahmen des master plans altona entstehen, eine industriebrache auf der parties und konzerte stattfanden. da ist jetzt seit jahren das gaswerk, wo sich dann gepflegt beim sekt kultur geholt werden kann.

wenn die stadt es ernst meinen würde mit der kulturförderung und anwohnerfreundlichkeit, dann würde sie wohl lebenstile fördern also:
so wie in österreich druckkosten für publikationen übernehmen, kulturzentren institutionell fördern, wie in der schweiz durch die migros-stiftung eine breite kunstförderung durch günstige materialabgabe, die flora ihren nutzern schenken und was weiß ich auf jeden fall: breitenförderung statt leuchtturmquatsch. und vor allem die mieten runter, damit sich ein lebenstil, der nicht auf die reine verwertbarkeit schielt überhaupt entfalten kann. wenn die mieten und auch die gewerbemieten sinken würden, dann könnten auch mal wieder lebensmittel zu vernünftigen kursen verkauft und wohnungen in kreatvizonen verwandelt werden. so ist der drang in andere städte allerdings wirklich groß, vor allem wenn bezüglich der „music hall“ auch noch behauptet wird, dass die entwicklungen auf dem gelände alle ganz sanft und gegen gentrizifizierung sind und mit viel bürgerbeteiligung als lehre aus dem gängeviertel :

Der Bezirk Mitte hat mit einer Studie das Verfahren eingeleitet. In einem Wettbewerb und Workshop-Verfahren werden sechs Architekturbüros Pläne für eine „komplette städtebauliche Neuordnung“ erarbeiten, über die im Juni abgestimmt wird.

Die Stadt will das heiß begehrte 3,4 Hektar große Grundstück nicht im Höchstpreisverfahren an einen einzigen Investor vergeben, sondern kleinteilig entwickeln. Bürobauten sollen sich „unterordnen“ und auf Folgenutzungen, die rein wirtschaftlich ausgerichtet sind, „wird verzichtet“. Stattdessen soll alles stadtteilverträglich, öffentlich, transparent und mit einem Bürgerbeauftragten entwickelt werden.

Hat die Stadt jetzt aus Projekt-Pleiten wie im Gängeviertel gelernt?

„Ja, die Erkenntnisse aus solchen Verfahren sind eingeflossen“, sagt Gunter Böttcher (CDU), Chef des Stadtplanungsausschusses im Bezirk Mitte. Und die Zustimmung sei fraktionsübergreifend.
„Es ist das erste Mal, dass eine Planung explizit den Aufwertungsdruck oder die Gentrification mit einbezieht“, sagt Andy Grote, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion. Es komme kein Großprojekt, sondern entstehe mit kleinen Bausteinen und kleinen Nutzungen ein ganz neues Stück St. Pauli. „Wenn nicht gar ein ganz neues Quartier“, sagt Grote. Nach dieser Kleinteiligkeit hat der Bezirk ein Jahr an der „Machbarkeitsstudie Alte Rindermarkthalle in Form eines kooperativen Gutachterverfahrens“ gearbeitet; und zwar „im Einvernehmen“ mit der Bau-, Finanz- und Kulturbehörde.

da bleibt einem als anwohnendem huhn doch das lachen im halse stecken, neben den paar körnern. ich bin mir ziemlich sicher, dass die anwohnerInnen wohl gerne auf sitzungen gehen dürfen, ich glaube aber nicht, dass sie die budgets verwalten oder gegen die visionen veto-recht haben.

frage ich in meiner nachbarschaft, möchten mehr menschen günstig einkaufen gehen, als noch mehr erlebnisshungertourismus hier auf der ecke zu bedienen. und damit man dann auch schon weiß, in welche richtung die anwohnerInnen diskutieren dürfen hier die „Bedingungen“ der stadt: Folgende Bedingungen haben die Politiker festgelegt:

- Die „Music Hall“ für Rock- und Popkonzerte mittlerer Größe fasst 4000 Besucher und ist 5000 Quadratmeter groß. Die Halle könnte als „Haus im Haus“ in der alten Rinderhalle stehen oder neu gebaut werden.

- Für die Nahversorgung soll sowohl ein Discounter als auch ein qualifizierter Vollsortimenter auf insgesamt 2000 Quadratmetern sorgen.

- Die Jet-Tankstelle wird abgerissen.

- In einer Markthalle sollen kleine Einzelhändler auf 3000 Quadratmetern Platz finden.

- Auch am Neuen Kamp und an der Budapester Straße soll es kleinteiligen Einzelhandel auf 900 Quadratmetern geben.

- Besonderen Wert wird auf neue Gastronomie auf 3000 Quadratmetern gelegt, um den „Druck auf die umliegenden Quartiere abzumildern“. Gemeint ist besonders die immer weiter ausufernde Gastro-Szene im nahen Schanzenviertel.

- Für die Musik- und Kreativwirtschaft sind bis zu 16 000 Quadratmeter vorgesehen. Kleinteilige Büros sind gefragt, weil „massive einheitliche Bürobebauung“ in dem Viertel „nicht stadtteilverträglich“ sei.

- Bis zu zehn Prozent der Fläche ist kulturellen Nutzungen vorbehalten. Neben kleinen Einrichtungen könnte die zentrale Lage auch von den großen Theaterbetrieben zum Beispiel für Proberäume genutzt werden.

- Wegen der Lärmbelastung durch den Autoverkehr und das nahe Stadion sind nur 15 Prozent Wohnungsbau möglich. Im Blick sind Studenten und junge Menschen.

das einzige was mich daran fast versöhnlich stimmt, ist der letzte satz des abenblattartikels aus dem hier die zitate sind:

Das Projekt steht wegen der besonders sensiblen Nachbarn nicht nur unter Erfolgs-, sondern auch unter Zeitdruck. Vom ersten Januar kommenden Jahres an wird die Halle leer stehen, weil der Vertrag mit dem Real-Markt ausläuft. Und ziemlich real besteht dann die Möglichkeit, dass Besetzer sich dort einnisten

yours die sensible nachbarin