Lefebvre gezeichnet # Christoph Schäfers Die Stadt ist unsere Fabrik

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Gestern Nacht an der S-Bahn Reeperbahn: Ein halbes Dutzend Polizisten steht an der Treppe zum Bahnsteig und holt Leute raus, um „Personenkontrollen“ durchzuführen. Mich auch. Ich werde abgetastet, meine Tasche wird durchsucht. Wieso fischen die mich raus? denke ich, und fühle mich diffus schuldig. Liegt’s an der schwarzen Wollmütze, die mich zum potentiellen Pauli-Fan macht, denn – so die knappe Erklärung für diese sog. Sicherheitsnahme – „St. Pauli gegen Rostock“. In meiner Tasche ein Buch: Christoph Schäfers „Die Stadt ist unsere Fabrik“, das er am selben Abend im Pudelsalon vorgestellt hatte. „Die Stadt ist nicht der Staat“, fällt mir ein. Der Satz hängt nach. Er findet sich auf einem Bild in diesem Buch.

Nach der Kontrolle steige in die S-Bahn und suche die entsprechende Seite. Schäfer bezieht sich hier auf Kowloon Walled City, eine von 1946-1990 von den BewohnerInnen selbstorganisierte Stadt, bei der nicht klar war, ob sie zu Hong Kong oder China gehörte und auf deren Boden sich viele Menschen und Dinge versammelten, die in den Nachbarstaaten verboten waren. Wie wäre wohl eine Stadt, die nicht unter staatlicher Kontrolle steht? frage ich mich. Wie könnte so eine Selbstverwaltung aussehen? Und was machen die BewohnerInnen, wenn sich Rostock-Hools zum Besuch ankündigen?

Heute hab ich immer wieder im Buch rumgelesen oder besser rumgeguckt und bin oft ins Nach- und Weiterdenken geraten. Zunächst zum Buch selbst: Es ist mit 304 Seiten so dick wie ein Fabrikziegel und hat eine großartige Druck- und Papierqualität, so dass man sich fragt, ob man aus Versehen das Original-Skizzenbuch mitgenommen hat. Tolle Zeichnungen und tolle Stadtgeschichten, die ihren Anfang in der historischen Ursuppe haben und ihr Ende im Hier und Jetzt finden. Radikal subjektiv und assoziativ erzählt & erzeichnet ist das Buch im besten Sinne unterhaltend und schlau, da es zum Mitdenken herausfordert.

Das Buch ist in 6 Kapitel unterteilt: #1: Lefebvre 4 Kids # 2: Der angeeignete Raum # 3: 1979: Grande Latte – Die Stadt ist unsere Fabrik # 4: Schwarze Löcher # 5: Hamburg – Die „Wachsende Stadt“ mit Projekten umstellen #6: Der Abend, den ich gerne als Film hätte.

Grob nimmt die Lefebvre-Dichte gegen Ende des Buches ab und die Hamburg-Referenzen zu. Sicher ist, dass sich nicht alle Bilder sich von alleine herleiten lassen ohne ergänzende Erläuterungen. Ist aber auch nicht weiter schlimm. Oft ergeben sich über die Folge von Bildern und über die Wiederkehr von bestimmten Motiven assoziative Verknüpfungen. Ich empfehle: Mut zum Eintauchen und Gedanken-schweifen-lassen und picke mir einfach mal ein Bild raus…

Warum gehen Leute gerne in komplizierten Stadtentwürfen spazieren?, lautet die bildgebende Frage auf S. 96, die auf einer Treppe startet und über das Blatt geht und dabei von verschiedenen farbigen Linien durchkreuzt wird. Der Text ist Teil des Bildes und umgekehrt. Kompliziert heißt: nicht gleich auf den ersten Blick zu durchschauen. Das Gängeviertel fällt mir ein und dass mal große Teile Hamburgs so verschachtelt ausgesehen haben bis zum Großen Brand 1842. (Kehrseite dieser uns heute so attraktiv erscheinenden Unübersichtlichkeit: Enge, schlechte hygienische Bedingungen und eben Brandgefahr). Trotzdem glaube ich auch, dass Stadt vor allem dann geschätzt wird, wenn die verdichtete Unterschiedlichkeit und die historischen Schichten von Stadt sichtbar werden. Das Gegenteil von kompliziert sind z.B. die Planungen für die „Führerstadt Hamburg“ mit einer riesigen Elbhochbrücke und einer geraden Nord-Südachse an der Elbe mit Gauhochhaus und pompöser Volkshalle.

Komplizierte Stadtentwürfe sind aber nicht nur charmante Altstadtviertel, sondern vielleicht auch eine nicht auf den ersten Blick zu fassende Bewohnerschaft. Die Hafencity, von der sogar 60% der eher konservativen AbendblattleserInnen in einer jüngsten Umfrage meinten, sie sei nicht gelungen, lädt auch aufgrund seiner homogenen BewohnerInnen nicht unbedingt zum Flanieren ein. Die Zeit hatte ein Dossier zur Hafencity mit dem treffenden Titel „Der gelbe Planet“ überschrieben, schließlich haben unglaubliche 27,5 Prozent in der Hafencity die neoliberale Lobbypartei FDP gewählt. Ganz zu schweigen davon, dass die Patina und die Sichtbarkeit von Gewordenheit von Stadt in diesem in den letzten zehn Jahren hochgezogenem Stadtteil natürlich fehlt.

Oh je – wer hat an der Uhr gedreht? Jetzt bin ich an einem einzigen Bild hängengeblieben. Mein heimlicher Plan ist es, ab sofort Blog-kompatiblere Texte zu schreiben: kürzer und schneller. Aber weitere Bilder und Gedanken dazu folgen bestimmt. Jetzt fix die ersten Leseeindrücke hochladen. Vielleicht bleiben ja andere Schätzchen-LeserInnen an anderen Bildern aus die „Stadt ist unsere Fabrik“ hängen?