Annette Wehrmann gestorben

traurig und wütend hinterlässt uns die tatsache, dass
Annette Wehrmann
im laufe der letzten woche gestorben ist.

traurig, weil es schön war, sie zu kennen.
weil sie tolle kunst gemacht hat und mit all ihren brüchen voller schönheit war.
ihre schritte waren musik. ihre gesten tanz. ihr aussehen eine erhohlung.
ihre worte harte prosa, ihre werke scharfe analysen. ihr wesen freundlich.

wütend, auf die ARGE und die welt der stipendien.
eine frau, deren werke von vielen personen und institutionen geschätzt wurden, war nicht in die lage versetzt, sich regelmäßig zu ernähren und gezwungen, sich um strom, wasser, telefon und obdach stets zu fürchten.

fucking, fucking hell.


nina und therese, nachbarinnen


18 Antworten auf „Annette Wehrmann gestorben“


  1. 1 Administrator 21. Mai 2010 um 13:45 Uhr

    und das ist in der stadt mit der höchsten millionärsdichte in einem der reichsten länder der welt. einem land, in dem selbst die taxis mercedes sind.
    elbphilharmonie abreissen.
    produzenten fördern und nicht produkte.
    verdammt

  2. 2 neighbour 21. Mai 2010 um 16:36 Uhr
  3. 3 auchnachbarin 21. Mai 2010 um 18:12 Uhr

    danke fürs erfahrendürfen der traurigen nachricht durch den schönen text

  4. 4 Susan Loehr 22. Mai 2010 um 12:20 Uhr

    Eine sehr traurige Nachricht ! Wann wird Annettes Beerdigung sein?

  5. 5 zucker 22. Mai 2010 um 13:15 Uhr

    das ist noch nicht klar, sobald ich bescheid weiss, werde ich das hier posten.

  6. 6 carola dertnig 22. Mai 2010 um 16:50 Uhr

    ja wirklich sehr sehr traurig.
    wir haben annette in der mothers of inventions ausstellung in wien 2004 ausgestellt und sie sehr schätzen gelernt. SIe hat damals „orte des gegens“ gezeigt und diese arbeit ist mir nun mit anette`s tod präsenter den je.

    carola dertnig

  7. 7 strickliesel 23. Mai 2010 um 13:09 Uhr

    EIN ORT DES GEGEN

    „Der ORT DES GEGEN nimmt genau genommen keinen Platz ein. Er kann an jeder beliebigen Stelle in Erscheinung treten. Der ORT DES GEGEN befindet sich fortwährend in Bewegung: Er tritt kurzzeitig an den inneren und äußeren Rändern (…) aus dem städtischen Organismus aus . Voraussetzung für den ORT DES GEGEN ist ein Stillstand oder Versagen koordinierter Abläufe, der städtischen Funktionen: der ORT DES GEGEN ist unter anderem eben der Ort, an dem der Müll liegen bleibt.

    Der ORT DES GEGEN ist die Rückseite der Utopie, die dritte Dimension. Er kann an allen nicht oder eher provisorische definierten Plätzen in Erscheinung treten, an allen Ecken und Enden der Stadt. Der funktionale Stillstand ist ein partieller, eine zeitweilige und örtliche begrenzte Bruchstelle (aber keine Sollbruchstelle) in den glatten und eleganten Abläufen, die Fortdauer und Effizienz der Stadt BORG gewährleisten: aus Gründen, die ich derzeit noch nicht zur Gänze überblicke, die aber dennoch zwingend sind, wird sich in der Nähe des ORT DES GEGEN häufig eine Imbissbude oder die Filiale einer Burgerkette befinden. An beider Einrichtungen Effizienz und Funktionalität kann nicht gezweifelt werden.

    Der ORT DES GEGEN bezeichnet eine Bruchstelle für zweckfreie Negation, insbesondere für ein zweckfreies Vergehen von Zeit, materialisiert in der Zunahme/Anhäufung von Abfall (hallo broken-window-Theorie). Irgendwo zwischen zum-Stillstand-kommen und radikaler Freisetzung. Am ORT DES GEGEN können die Einwohner BORGS zweckfrei und sinnfrei auf einander treffen, es ist aber auch dessen Gegenteil oder gar nichts möglich.

    Am ORT DES GEGEN wachsen – wie erwähnt – die Halden: die Halden an Zeit und Langeweile, Überfluss und Abfall.“

    Aus: Annette Wehrmann: EIN ORT DES GEGEN, Ein Projekt für BORG, Island

  8. 8 ut 25. Mai 2010 um 13:19 Uhr

    danke für die treffenden worte!

  9. 9 raimund holzer 26. Mai 2010 um 13:44 Uhr

    liebe annette, die du nun in einer anderen welt bist, du hast ein kleines stückchen kunst der grossen, weiten welt in unser städtchen gebracht – dafür soll dir unsere dankbarkeit bleiben!
    vielleicht freut es dich im nachhinein, dass dein beitrag zum projekt „betrifft scheibbs. leben in einer österreichischen stadt“ permanent präsent ist, dass jeden tag hunderte kinder an der bank vorbeigehen, die du mit jochen gebaut hast, viele nutzen dein „stadtmöbel“ auch für eine kleine rast.
    du warst aber auch stolz auf dich damals, 2006, als du es zu fuss auf unseren fast 1000 meter hohen hausberg geschafft hast, der wunderbare blick über die landschaft bei strahlendem sonnenschein hat dich für die müh‘ und plage entschädigt.
    so wollen wir dich als aussergewöhnlichen menschen, der sich wohl auch ein stück weit seine eigene welt gebaut hat, in lieber erinnerung behalten!
    raimund holzer, scheibbs

  10. 10 Clemens Stecher 30. Mai 2010 um 1:20 Uhr

    Hatte gerade ihr „DSB für die Zukunft“ samt dazugehörigen Texten, das sie damals 1994 in der Ausstellung am Münchner Hauptbahnhof hatte, bei meinen Sachen wieder gefunden und wollte sie kontaktieren. Wieder einmal zu spät.

    Clemens Stecher, Wien

  11. 11 Administrator 01. Juni 2010 um 14:20 Uhr

    momentan sieht es so aus: der freundeskreis kümmert sich gerade zusammen mit annettes schwester um die wohnung.
    wahrscheinlich muss man demnächst gelder sammeln um die beerdigung finanzieren zu können und die beerdigung selbst wird wohl um den 11. 06 herum stattfinden. diese informationen sind aber alle noch nicht gefestigt. wenn es etwas genaueres zu wissen gibt, werden wir das hier hin schreiben

  12. 12 Elisabeth Wehrmann 06. Juni 2010 um 22:47 Uhr

    Lieber Freundeskreis/liebe Nachbarn von Anette,

    ziemlich hilflos schreibe ich nun unbekannterweise in diesem Forum. Ich bin Anettes Cousine und wie Ihr sehr bestürzt über ihren Tod. Im Gegensatz zu Euch habe ich aber schon lange keinen Kontakt mehr zu ihr gehabt, was sehr schade ist. Meine Geschwister und ich sind einige Jahre jünger als Anette und so haben wir sie stets als die ‚große‘ Cousine in Erinnerung, die mit Wachsmalstiften unglaubliche Bilder für uns gezaubert hat. Einmal mehr erschleicht mich die Erkenntnis, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht aufschieben sollte…
    Da es über meinen betagten Onkel sehr schwierig ist, klare Informationen über die Beerdigung etc. zu bekommen, würde ich mich sehr freuen, wenn vielleicht jemand von Euch Kontakt zu mir aufnehmen würde.

  13. 13 ... 08. Juni 2010 um 18:40 Uhr

    Annette Wehrmann, 1961-2010
    Unsere Freundin und Kollegin, die Hamburger Künstlerin Annette Wehrmann, ist gestorben. Freunde fanden Annette am Donnerstag, den 20. Mai, in ihrer Wohnung im Karolinenviertel.

    Wir sind erschüttert und traurig. Mit Annette verlieren wir nicht nur eine Freundin, sondern auch eine kompromisslose Künstlerin. Ihre Arbeit hat eine seltene existenzielle Tiefe und Radikalität. Unter Verwendung ephemerer und billiger Materialien hat Annette sich durchgängig großer Themen angenommen – der Markt, die Medien, Religion, Gehirne, das Denken, die Stadt, der Staat, die Sprache. Ein Werk, das sich von Beginn an mit der Welt anlegt: Sie baut utopische Architekturen — „UFOs“ — aus Klebeband; verspottet die Regeln der Schwerkraft mit wassergefüllten, stecknadel-bespickten Einkaufstüten; sie mauert Backsteine zu rollenden Kugeln und spielt damit Fußball; sie schafft ihre eigene Währung „DSB-Seifenbeton“ und geht damit einkaufen; eine Siebzigerjahreskulptur auf Hamburgs erstem privatisierten Platz, dem Fleetmarkt, direkt im Fluchtpunkt der von Albert Speer gezogenen Achse zur Alster platziert, umbaut sie mit einem Bretterverschlag — und richtet darin eine Flohmarktverwaltung ein; für die Bundesgartenschau 2001 in Potsdam transformiert sie einen sowjetischen Militärwachturm in einen barocken Spiegelpavillon; für die Skulpturenprojekte in Münster sperrt sie 2007 das beliebte Ufer, um dort eine anspielungsreiche Wellness-Baustelle einzurichten, das „Aaspa“, das auf selten verstandene Weise die Privatisierung des Glücks und des öffentlichen Raums mit einer Geschichte der utopischen Architektur und der Earth-Art verwebt.

    Wir verlieren eine Gesprächspartnerin, die Erkenntnisse gleichermaßen aus Philosophie wie aus Schundlektüre ziehen konnte. Zahlreiche Kollegen und Kolleginnen wurden von Annettes Arbeiten inspiriert und beeinflusst, manche haben bei ihr geklaut. Sie schrieb Texte auf Luftschlangen, auf Smarties, machte Performances — eine dauerte zwei Wochen am Stück. Die Blumenrabatten, mit denen die bürgerliche Gesellschaft die Fallen tarnt, zu denen ihre Städte geworden sind, sprengte sie kurzerhand in die Luft. Die Fotos davon hängen heute im Ludwig Forum in Aachen. Eine Dialektik aus Zärtlichkeit und Brutalität, aus Poesie und Banalität, aus feiner Intelligenz und provozierender Dummheit, aus billigsten Materialien und majestätischer Geste durchzieht ihre Arbeit und ihr Leben.

    In den letzten Jahren ging es ihr gesundheitlich immer schlechter, Annette war zerrissen von Krankheiten, die einhergingen mit Zwängen, Regelmäßigkeiten und Erschöpfungszuständen. Es wurde ihr immer schwerer, den Zumutungen des Alltags mit der von ihr als angemessen empfundenen Rigorosität zu begegnen, sich — mit schroffem Esprit und Humor — aus der Kunst heraus neu zu erfinden.

    Annette wurde mitten aus den Vorbereitungen für eine Ausstellung des Essener Folkwangmuseums gerissen. Sie war erst 48 Jahre alt. Was für ein Verlust. Annette war — wie eine ihrer Serien hieß — auf der Suche nach den „Orten des Gegen“. Ob sie diesen Ort je für sich gefunden hat, wissen wir nicht. Aber sie hat einen solchen Ort für andere denkbar gemacht.

    Hamburg, 1. Juni 2010

    Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen von Annette

  14. 14 Administrator 11. Juni 2010 um 11:36 Uhr

    > Termin und Ort der Beerdigung:
    > Mittwoch, den 16.06.2010, 9.30h
    > Hauptfriedhof Altona
    > Stadionstr.5, 22525 Hamburg

  1. 1 »Vorsprechen im Schauspielhaus« + »Ewige Baustellen« « medienwatch & metainfo (gfok) Pingback am 21. Mai 2010 um 23:01 Uhr
  2. 2 annette wehrmanns beerdigung ist « from town to town Pingback am 11. Juni 2010 um 12:10 Uhr
  3. 3 hacking the city. « m.e.t.r.o.n.o.m. Pingback am 25. August 2010 um 14:16 Uhr
  4. 4 »Vorsprechen im Schauspielhaus« + »Ewige Baustellen« « medienwatch & metainfo (gfok) Pingback am 26. November 2011 um 20:00 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.