Archiv für Januar 2011

zomia, hamburgs neuer wagenplatz lädt ein

mahnwache für den ermordeten david kato

MAHNWACHE FÜR DAVID KATO

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> *Treffpunkt: Dienstag, 1. Februar, 18.00 Uhr Carl-von-Ossietzky-Platz *(Lange Reihe gegenüber von Dat Backhus).

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> Am 26. Januar 2011 wurde der ugandische Menschenrechtler David Kato in seiner Wohnung überfallen und ermordet.
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> David Kato war Aktivist der Organisation Sexual Minorities Uganda (SMUG) . Nicht-heterosexuell lebende Menschen sind in Uganda extremen Repressionen ausgesetzt:
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> Homosexualität wird per Gesetz verfolgt. In der Presse gibt es immer wieder Zwangsoutings und Gewaltaufrufe gegen Homosexuelle. Die Wochenzeitung ?Rolling Stone? veröffentlichte vor einiger Zeit Namen, Photos und Adressen von David Kato und anderen queeren Aktivist_innen mit dem Aufruf ?Hang them?. David Kato und seine Mitstreiter_innen erhielten seitdem immer wieder Morddrohungen.
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> Am Dienstag, den 1. Februar 2011 wird es eine Mahnwache geben zum Gedenken an David Kato.
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> Wir wollen David Kato unseren Respekt aussprechen und unserer Trauer und Wut Ausdruck verleihen. Wir rufen auf zum Protest gegen homophobe Gewalt und Gesetze, die Homosexualität kriminalisieren ? egal in welchem Land und egal an welchem Ort.
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> Liebe ist ein Menschenrecht.
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KOMMT ALLE UND SAGT ES WEITER!!!!!

> Bringt mit was ihr braucht: Kerzen, Blumen, Transparente…

> Wir sammeln vor Ort eure Unterschriften für einen Brief an den Honorarkonsul von Uganda / Hamburg.
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> Weitere Informationen:
http://www.hirschfeld-eddy-stiftung.de/laender-informationen/laenderberichte/uganda/
http://www.taz.de/1/politik/afrika/artikel/1/david-kato-in-seinem-haus-erschlagen/
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> Herzliche Grüße,
> Spontane Aktionsgruppe David Kato

stadtnachrichten montag 31 januar

nicht verwunderlich aber bitter: in europa steigt nicht nur der anteil an mitte-rechts-regierungen der mitgliedsstaaten sondern auch der antisemitismus°°°

in kairo fliehen die finanziell gut ausgestatten und die weniger wohlhabenden bleiben in einer stadt mit zusammenbrechender infrastruktur zurück°°°

jeder zehnte in der schweiz verdiente franken, wird in zürich verdient. °°° am samstag gab es in der stadt eine demonstration gegen zu teure mieten an der 200 menschen beteiligt waren°°°

die bundeskanzlerin ist gegen eine erhöhung der hartzIV sätze um mehr als fünf jämmerliche euro°°°

am samstagnachmittag haben zwischen 13.000 und 40.000 leute gegen den stuttgarter bahnhofsumbau demonstriert°°°

auch dresden leidet unter mietensteigerung und verdrängung von ärmeren mieterInnen°°°viele gruppen rufen dazu auf, den naziaufmarsch in dresden am 19 februar zu blockieren°°°

wien hat den queeren kleingeldtopf mit 20.000 euro gefüllt°°°

münchen hat das teuerste wohneigentum der republik. der spiegel lobt es deswegen als sichere immobilienanlage°°°

braunschweig zeigt derzeit eine ausstellung zur architektur der 1960iger bis 80iger jahre°°°


da am mittwoch die räumung der liebigstr bevorsteht, verdichtet sich der protest gegen die berliner wohnungspolitik. nicht nur direkt vor ort sondern auch in leipzig, wo ca. achtzig leute für die liebigstr. demonstrierten und in rom, wo es ein graffiti für das besetze haus gibt, und an einigen anderen orten, erklären sich menschen solidarisch mit den bewohnerInnen des hauses. in berlin kam es am samstag zu einer demonstration bei der ca. 3000 leute entschlossen deutlich machten, dass sie diese räumung nicht wiederspruchslos hinnehmen wollen. bei einer demonstration am freitag mit ca 750 teilnehmerInnen wurden fünf personen festgenommen. „wir bleiben alle“ rufen zu einem streik linker läden am 1.2 und 2.2 auf. spirit of squatters hat eine kleine zusammentellung von historischen hausbesetzungen in berlin in solidarität mit der liebig ins netz gestellt. gesetern kam es zu einer vorrübergehende hausbetzung in der bahnhofstr.°°° am leipziger platz wird jetzt das größte private bauvorhaben in berlin gestartet. auf rund 152.000 qm enstehen 170 wohnungen, ein einkaufzentrum, ein hotel und bestimmt auch ein paar büros°°°berliner künstlers ziehen nicht nach hamburg sondern nach marzahn°°°° gerüchte um korruption beim liegenschaftsfond werden recht laut°°°

das abendblatt beschwert sich bitterlich darüber, dass bei einer der größeren interaktiven landkarten mit servicetipps, einige nutzer sich den spass gemacht haben, ihre meinung über bestimmte hotspots in hamburg in die öffentlichkeit zu geben. bei der elbphilharmonie zum beispiel heißt es dann „90 Prozent der Hamburger Bürger wollen den hässlichen Protzbau nicht“, da weder das abendblatt, noch die publikationen des rathauses ansonsten diesen meinungen viel raum geben, finden wir das eigentlich ganz in ordnung°°°tammox wertet die wahlplakte aus.°°°mehr zum gescheiterten porjekt „fahrradstadt wihlhelmsburg“ findet sich bei „recht-auf-stadt“°°°in harburg stellten sich 400 gegendemonstrantInnen 50 neonazis in den weg°°°der unselige bezirksamtsleiter von mitte hat ernst gemacht und die selbstorganisierten unterkünfte unter der brück am bismarckdenkmal räumen lassen°°°

altonaer kulturgipfel am 27 januar:

stadtnachrichten freitag 28 januar

tunesien, ägypten und jetzt auch der jemen. im mehreren arabischen staaten erobern sich die bürgerInnen die strassen der großen städte und protestieren gegen die herrschenden regierungen. dabei, ist es in ägypten nun so, dass das internet von seiten der regierung aus blockiert wurde. rasch fanden die leute aber zur alten methode des „von tür zu tür“ gehens zurück und mobilisieren so die kairoer bevölkerung zu den protesten.°°°

einen bericht über istanbul nach dem abriss von sulukule, dem ältesten roma-viertels der stadt, findet man bei d-radio°°°

die schweizer antifeministen haben vor, adressen von frauenhäusern zu veröffentlichen°°°

in österreich zieht sich der bund aus der versorgung von flüchtlingen mit wohnraum raus°°°

spd und grüne im landtag baden-württenbergs hallten mappus für verantwortlich für die härte des polizeieinsatzes am stuttgarter schlosspark.°°°

im jahr 2010 wurden allein in berlins prenzlauer berg über 60 kinderwagen einer hochpreisigen marke gestohlen. manche vermuten gentrifizierungsgegnerInnen hinte den taten°°°in berlin ist günstiger wohnraum inzwischen so knapp, dass der immobilienmarkt schon zum attraktiven ort für betrüger wird°°°in solidarität mit der liebigstr.14 wurde eine leerstehende schule in der adalbertstr. vorrübergehend besetzt°°eltern fordern vom senat die schaffung günstigen wohnraums°°°die künstlerInnen des tacheles sehen sich durch räumungbedroht, und sehen in einer zwangsversteigerung eine reelle chance?°°°ab dem übernächsten schuljahr versucht sich die stadt in integrativer schulpolitik und möchte, dass kinder mit beeinträchtigungen körperlicher oder geistiger art in den regel-schulbetrieb aufgenommen werden.°°° in der curvystraße gibt es am sonntag den 30 januar eine veranstaltung zu mietpolitik und hartzIV°°°

in zürich soll es demnächst eine stiftung zur förderung des sozialen wohnungsbaus geben°°°

eine recht durchgreifende maßnahme zur steigerung der wohnraumgerechtigkeit in venezuela leitet nun hugo chavez ein:

Der Präsident hat Soldaten zur Übernahme „unproduktiver“ Höfe ausgesandt und die Armen dazu gedrängt, „ungenutzte“ Gebiete in wohlhabenden Gegenden von Caracas zu belegen. Es gibt zu wenig Wohnraum, Millionen von Menschen leben in erbärmlichen Zuständen, Chávez‘ Popularität sinkt und 2012 stehen schließlich Präsidentschaftswahlen an.

in den letzten drei jahren hat sich der immobilienbestand der banken fannie mae und freddie mac verfünffacht. die beiden finanzkünstlervereine standen im mittelpunkt des beginns der finanzmarktkrise.°°°

der britischen wirtschaft droht eine rezession°°°

über nationalistische tendenzen in der eu berichtet eurozine ausführlich°°°

die ag mieten kritisiert das wohnungspolitsche wahlkampfgetöse der cdu in hamburg°°°die rote flora erklärt sich mit dem wohnprojekt in der liebigstraße 14 in berlin solidarisch und ruft zu einer sppontandemonstration am tag der räumung, der für den 2.02 angekündigt ist auf. °°° ein blog wartet mit kleinen stadtärgernissen auf°°°der protest der sozialromantiker st pauli gegen die weitere kommerzialsierung des viertels und des vereins hat es in die financial times geschafft.°°°

schlecht geht es hamburg, aber „Die Partei“ verspricht abhilfe

es gibt also wahre hoffnung. wir würden derzeit jederzeit hape kerkeling zum bundeskanzler und die partei zu länderchefs wählen. würden wir. wirklich

liebig und die sabo-tiere

Der Sprayer OZ soll mal wieder in den Knast, wegen der paar Farbspuren, die er der Stadt schenkt

erreicht uns aus den weiten des netzes

Ein Gespenst geht um in den Städten!
FREE OZ’ ART AND ACTIVISM

Am 3. Februar 2011 beginnt ein Verfahren gegen Hamburgs bekanntesten Graffiti-Künstler. Bereits acht Jahre seines Lebens saß Oz im Gefängnis. Nun droht ihm eine weitere, im schlimmsten Fall mehrjährige Haftstrafe für seine künstlerische Tätigkeit. Oz wird dabei nicht nur als einzelner Streetart-Aktivist, sondern stellvertretend für Graffiti als kriminalisierte Form urbaner Kunst verfolgt. Die aktuellen Vorwürfe sind meist banal. Vielfach geht es um „Straftaten“ wie die Verschönerung der Rückseite von Verkehrsschildern oder das Anbringen von Aufklebern an Automaten. Kriminalisiert wird Oz ganz offensichtlich nicht für diese Taten, sie erscheinen einfach zu unaufdringlich, sondern für sein Gesamtwerk.

Gemessen am Bekanntheitsgrad dürfte Oz einer der erfolgreichsten Grafiker und Maler aus Hamburg sein. In ganz Europa kennt man seine Smileys und sein Logo, welches in Hamburg allgegenwärtig erscheint. Wo andere Künstler_innen umworben und vereinnahmt werden, die Stadt versucht, deren kreativen Ruhm für den Standort und die Marke Hamburg zu vermarkten, wird im Fall von Oz mit beispielloser Repression reagiert. Der Grund ist einfacher Natur: der Hauptteil seiner Arbeiten entzieht sich einer ökonomischen Verwertung.

In Boulevard-Medien wurde er in den vergangenen Jahren mit dicken Schlagzeilen als „Außenstehender“ und „Bedrohung der Gesellschaft“ diffamiert. Seine Arbeiten werden aus diesem Blickwinkel nicht als Bereicherung für die Menschen dargestellt, sondern als diffuse Gefahr für die Allgemeinheit heraufbeschworen. Das Urbane wird in dieser Deutung jenseits eines historischen Begriffes der Freiheit von Stadtluft zu einer sehr deutschen Form von Schicksalsgemeinschaft, der es sich unterzuordnen gilt. Menschen, die auf ihre Autonomie beharren oder einfach sperrig sind, werden dabei als zu bekämpfende Abweichung betrachtet.
Einerseits offenbart sich darin eine uralte, tiefsitzende bürgerliche Verachtung gegenüber anderen Lebensentwürfen, andererseits fehlen die Voraussetzungen, die Bedeutung kultureller Ausdrucksformen zu verstehen, die sich ökonomischer Sinnhaftigkeit scheinbar verweigern. Doch da die Gesetzmäßigkeiten des Kunstmarktes sich auch in jene Bereiche erstrecken, die versuchen sich ihm entziehen, ist ein Teil der Arbeit von Oz inzwischen durchaus auch in Ausstellungen und Galerien gelandet. Er steht damit in der Tradition von umstrittenen Künstlern wie Gérard Zlotykamien oder Harald Naegelie,

Dass „vergnüglicher Vandalismus“ Kunst darstellen kann, wittert sogar das Flaggschiff hanseatischer Lesekultur, die Zeit. Wird dort doch ein anderer Street-Art Aktivist regelrecht gefeiert: „Mit Banksy wurde der urbane Vandalismus unterhaltsam, wie kein anderer versteht er sich darauf, die ödesten Städte in lustvolle Ausstellungsräume zu verwandeln.“ Analogien sind ein gefährliches Pflaster und obwohl Smileys auf Stopschildern der Ironie von Bansky durchaus entsprechen, soll es nicht darum gehen, die Arbeiten beider zu vergleichen. Doch wer mag, stelle sich vor, Bansky hätte nicht im hippen London, sondern im schillernden Hamburg gelebt. Die Hamburger Staatsanwaltschaft hätte ihn durch 12 MEK Beamte observieren lassen, vor Gericht erfolglos nach Möglichkeiten gesucht, ihm als „notorischen Sachbeschädiger“ die Schuldfähigkeit abzusprechen und ihn damit als Triebtäter zu klassifizieren und mit Sicherheitsverwahrung zu bedrohen. In den Medien wäre sein Urteil hämisch mit „Graffitis nur noch im Knast“ begrüßt worden und er hätte große Teile seines Lebens in Haft verbracht.

Wir fragen uns, wo liegt das Verbrechen beim Zeichnen eines Smileys auf einen Stromkasten oder eine leere Wand? Wie lässt sich verstehen oder erklären, dass ein Mensch deshalb eine in der Summe mehrjährige Haftstrafe erhält, welche von der Dauer einer juristischen Schwere von Taten wie Mord oder Totschlag gleichkommt? Eine Gesellschaft, die dies bejaht oder zulässt, bewegt sich nicht nur jenseits rechtlicher Minimalstandards, sondern ist in jeder Hinsicht autoritär und inhuman, Sie begegnet der elementarsten aller Freiheiten mit einem der schwersten aller Mittel: Dem Recht auf Sichtbarkeit, Sprache und Selbstdeutung der eigenen Existenz mit langjährigem Freiheitsentzug und dem Gebot des Schweigens.

Der juristische Exorzismus, mit dem die Zeichen Oz ausgetrieben werden sollen, geht einher mit einem zunehmend repressiveren Begriff von Stadt und öffentlichem Raum. Kameraüberwachung, staatliche und privatisierte Kontrolle, Sauberkeit und Ordnung als Messpunkte subjektiver Sicherheit durchdringen den öffentlichen Raum. Parolen, Bilder, Plakate, Demonstrationen oder Straßentheater sind Bestandteile des öffentlichen Lebens.

Das meiste davon wird in den Innenstädten mittlerweile verboten, um einen reibungslosen Konsum zu perfektionieren. Im bürgerlichen Verständnis von Freiheit soll ökonomisch-rational gehandelt werden und Selbstverwirklichung erfolgt durch Arbeit und Warenkonsum. In den surrealen Botschaften von Oz liegt eine subtile Widerstandshandlung gegen Zwänge die mit solchen Normen verbunden sind. Sie sprechen eine verborgene Verweigerungshaltung an, eine innere Abwehr gegen die Aufgabe nonkonformer Individualität durch Selbsteinordnung in städtische Ordnungs- und Kontrollräume. Sie verweigern sich dem Diktat einer Funktionalität und Verwertung im Kapitalimus.

Menschen wie Oz gehören nicht in den Knast, sondern zum Leben in der Stadt. Sie sind wichtig, weil sie sich zeigen und einem Gewaltverhältnis, das uns in Form von nackten Wänden und schreiender Werbewirklichkeit umgibt, nachdenkliche Muster und Formen verleihen. Oz verleiht der Architektur der Stadt dabei eine Würde, die von Goldgräberstimmung und Investorenlandschaften, wachsender Stadt und Sicherheitsbedürfnissen längst vergessen und verdrängt wurde. Er gibt dem Bedürfnis nach Leben eine Sprache, die von den Mauern wiederhallt, kopiert wird und sich weiterverbreitet.

Das „Gespenst“ ist für den französischen Philosophen Jacques Derrida, das einsickerrn eines toten Zeichens in einen lebendigen Diskurs. In „Marx Gespenster“ ist es die Idee der Gerechtigkeit. Es gibt Menschen, die Marx vergessen lassen wollen, aber seine Gespenster werden sie nicht los. Sie „transformieren“ sich, niemand kann sagen, wann und wo sie auftauchen, doch sie kommen immer wieder. Auch die Symbolwelten von Oz trotzen der repressiven Wirklichkeit und vervielfältigen sich. Sie beschwören Unsicherheit in den Augen von Ordnungsfanatiker_innen und eine Kulisse des Begehrens für andere.

Sie erzählen nichts über die Urheberschaft oder eine Handlung von Oz, sondern davon, dass die Stadt kein toter Ort von Sachzwängen ist. Der Schriftzug Oz, die Smileys und Kringel sind künstlerischer Protest für Urbanität als Begriff von Freiheit gegenüber dem vermeintlich Notwendigen. Es gibt über 100 000 Oz Graffitis, sie sind in anderen Städten in Europa aufgetaucht und entstanden auch während seiner Haftzeit. Es ist nicht die Person, die jetzt verurteilt werden soll, sondern der Versuch, Gespenster zu vertreiben, die Aufbegehren gegen die scheinbare Alternativlosigkeit einer bestehenden Ordnung und Weltsicht. Eine Weltsicht, welche die Ökonomie zu einem Fetisch, Sinn und Zweck erklärt, dem sich das Politische, die Kunst und das Leben in der Stadt unterzuordnen haben. Darin besteht die Subversivität der Smileys, das entgrenzte Strafbedürfnis, die Hysterie gegen die sich gespensterhaft verbreitenden Zeichen und den Menschen Oz.

Wir fordern Freiheit für Oz und die Einstellung seines Verfahrens, weil jeder andere Zustand staatliche Gewalt als Modell und Kitt des gesellschaftlichen Zusammenlebens befördert und den Verlust von individueller Freiheit zugunsten der Zwänge einer ökonomischen Schicksalsgemeinschaft bedeutet. Wer Oz aus dem Bild der Stadt vertreiben will, will nicht ihm alleine die Sprache rauben, sondern allen, die versuchen, sich neu zu erfinden und sich jenseits bestehender Normen ausdrücken wollen.

Für eine Stadt der Zeichen, Bilder und
surrealen Botschaften!
Freiheit für Oz und Einstellung des Verfahrens!

AG Repression und Solidarität
Kontakt: freeoz@gmx.de

Dienstag 1.2.2011
Info- und Solidaritätsveranstaltung im Gängeviertel
zum aktuellen Prozess und der Repression gegen Oz
20 Uhr

………………………………….
Spendet Geld für Prozesskosten und die Öffentlichkeitsarbeit.
Zeigt Solidarität und besucht den Prozess gegen Oz. Leitet diese Solidaritätserklärung weiter und veröffentlicht sie.

Prozesstermine
3.2. 13 Uhr | 11.2. 9-13 Uhr | 18.2. 9-13 Uhr
25.2. 9-13 Uhr | 4.3. 9-13 Uhr | 11.3. 9-13 Uhr
Amtsgericht Barmbeck Saal E 10

Yes – we are! Lesben, Homophobie und Widerstand in Polen

no bnq bossel video

zürich quartiersrundgang

Sa, 29. Januar, 15.00
Helvetiaplatz, Zürich
QUARTIERRUNDGANG KREIS 4

Mit dem für Anfang Februar geplanten Abbruch des Tessinerkellers an der
Neufrankengasse würde der Gentrifizierung und der Gewinnmaximierung auf
dem Immobilienmarkt ein symbolträchtiges Gebäude im Kreis 4 zum Opfer
fallen. Es wäre nicht das Erste und nicht das Letzte. Auf einem
Streifzug durch das Quartier folgen wir den Spuren der sogenannten
«Aufwertung», die vor allem eine Verdrängung und Zerstörung der
gewachsenen Quartierstrukturen
bedeutet. Anhand bereits realisierter und zukünftiger Projekte soll
aufgezeigt werden, wie die Entscheide einiger Weniger den Kreis 4
verändern, wer die wichtigsten Immobilienbesitzer und Aufwertungsmotoren
und wer die Verlierer sind. Schlafen können wir morgen, heute geht es
um unser Quartier, unsere Wohnungen, Beizen, um unseren Lebens- und
Freiraum.

Organisiert wird der Rundgang von verschiedenen Gruppierungen im Kreis
4; im Anschluss gibt es an der Neufrankengasse Suppe, warme Getränke und
Musik

stadtnachrichten mittwoch 26 januar

nachdem die demonstrationen in tunis für die absetzung ben alis gesorgt hatten, gehen nun in kairo 10.000 auf die strassen um mubarak zu stürzen.°°°

über die rolle der neuen eu-staaten als billiglohnhinterland berichtet eurozine°°°

hintergründe rund um die mobilisierung gegen die räumung der liebigstraße in berlin bietet der blog „wir bleiben alle“

418 personen wurden in barcelona erkennungsdienstlich behandlet, als die polizei ein besetzes kino räumte°°°

im züricher seefeldquartier wird nun ein designhotel anstelle von wohnungen und büros gebaut°°° im kreis vier wurde in der äußeren hardt 28 mietern gekündigt, die art und weise wie das geschieht bezeichnet der tagesanzeiger als einen “ ‚guerillakampf‘ um die fristerstreckung „°°°°

die ag kritische kulturhauptstadt bilanziert in einem blogeintrag ihren kritischen beitrag zum getümmel bei der nun vergangen kulturhauptstadt ruhr°°°

laut der financial times gibt es einen run auf bundesdeutsche mietshäuser. gerne legen anleger ihr geld dort an

Vor allem in München und Hamburg ist der Markt regelrecht leer gefegt. Laut IVD ständen der hohen Nachfrage kaum verfügbare Objekte gegenüber.

°°° mieter müssen ihre wohnung nicht unbedingt weiß gestrichen übergeben°°°

hamburgs kunsthalle versucht sich jetzt mit einer neuen publikumsattraktion: das essen soll besser werden.°°°ein immobilienriese norrporten kauft grundstücke an der alsterbegründung für hamburg „Norrporten rechne mit einer langsamen, aber gleichmäßigen Aufwärtsentwicklung im Hamburger Markt für Büroimmobilien. “ da fühlt man doch gleich den mietenspiegel steigen°°°das abendblatt resümiert drei jahre mit der iba wilhelmsburg°°°in hamburg können leute mit wenig geld nun günstig kultur nutzen, wenn sie sich registrieren lassen. naja das konzept des privaten trägers erscheint ein wenig wie eine „tafel“ für kultur. sie verwalten leerbleibende sitze bei kulturellen veranstaltungen und beschenken damit leute mit wenig geld.°°° der protest der st.pauli-fans gegen kommerzialisierung geht weiter°°°über den mangel an wohnungsneubau in hamburg gab es eine diskussion in der bürgerschaft°°°die berzike wollen gerne mehr handlungskompetenz, vor allem bei den bauplänen°°°

stadtnachrichten dienstag 25 januar

jedem sechsten bürger der bundesrepublik droht armut. das statistische bundesamt stellt fest, dass das armutsrisiko deutlich gestiegen ist°°° die kommunen sollen die bildungspakete für hartzIV-empfängerInnen umsetzen°°°

in paris gibt es eine rattenplage°°°

die bevorstehende räumung des hausprojekts liebigstr in berlin löst recht viele solidaritätsaktionen und diskussionen aus. unter anderem gingen am wochenende 300 leute in berlin auf die straße, das rote rathaus wurde mit farbe beworfen, und in verschiedenen städten erscheinen solidarische schriftzüge auf den aussenfassaden. der innensenator lässt vermelden, dass die räumung unumgänglich sei.°°°der gentrificationblog untersucht das verhältnis von milchschaum zur städtischen aufwertung°°°

luxusgeschäfteinhaber in zürich können sich den standort in der bahnhofsstraße nicht mehr leisten und ziehen um°°° immer wieder werden die häuser von züricher polizisten mit farbe beschmissen, ihre autos angezündet und ihre fensterscheiben eingeworfen°°°

in hamburg st. georg werden nun statt dem ehemaligen gebäude der ladenkette „tausend töpfe“ achtzig wohnungen gebaut. 40 davon sind eigentumswohnungen. und wieder werden also die grundstückspreise in st.georg steigen und damit dann auch der mietenspiegel auf dauer und damit dann die mieten°°°über das scheitern des iba-projekts „fahrradstadt“ berichtet recht-auf-stadt°°°nachdem es schon „umwelthauptstadt“ ist, möchte hamburg jetzt auch noch „fair-trade“-stadt werden. klingt beides supi, aber das kohlekraftwerk in moorburg und die elbervertiefung zum besseren warentransport in alle welt sprechen irgendwie eine andere sprache°°°die akten zum polizeieinsatz bei fsk im novembre 2003 sind vernichtet worden.°°°

Ahoj Savoy : Kino in St. Georg – für das ganze Hamburg!

Ich habe vor ca. 3 Jahren, als es abgerissen wurde, nicht geglaubt, dass das Metropolis-Kino je wieder an seinen alten Standort an der Dammtorstraße zurückkehren würde. Nun geschieht es doch und eine Gruppe Menschen in St. Georg hat sich die Frage gestellt, was mit dem Noch-Ausweichort des Metropolis, dem alten Savoy-Kino am Steindamm, passieren soll und kann.
Und nun gibt es einen Termin: Am 2. Februar wird ab 19 Uhr im Savoy-Kino, Steindamm 54, für die Öffentlichkeit zu hören sein, was genau nach dem Umzug im Savoy passiern soll. Der Pressemitteilung, die heute die Runde machte, ist zu entnehmen, dass eine Projektgruppe im Stadtteil gemeinsam mit Hamburger Kino- und Filmschaffenden einen Plan erstellt hat, wie das Savoy als Kino und Veranstaltungsort in der Trägerschaft der Kinemathek Hamburg erhalten bleiben kann:

Nur ein gemeinnütziger Kinobetrieb kann angemessen auf die besonderen Anforderungen und Belange des Stadtteils reagieren, und zugleich ein inhaltlich ausgewogenes Film- und Veranstaltungsprogramm gewährleisten.

stadtnachrichten montag 24 januar

in hamburg steilshoop zündete jemand ampeln an°°°in fuhlsbüttel hingen traf es neun autos und ein motorrad°°°die sozialromantiker st-pauli berichten über den stand der verhandlungen mit dem präsidiuum des fussballvereins und über die demo°°°° es wird dazu aufgefordert die „lesetage“ vom energiekonzern vattenfall zu boykottieren und stattdessen eigene zu organisieren°°°

kir loyal- gala zur hamburger kulturpolitik

bei youtube sehen
teil 1
teil 2

Strassenbosseln no bnq vs gaengeviertel in hamburg und privat in oldenburg


diese wochenende haben wir von „from town to town“ erfahrungen mit dem strassenbosseln gemacht, dass sich durchaus vom klootschießen unterscheidet. beim strassenbosseln treten zwei mannschaften gegeneinander an und es geht darum, welche ihre kugel weiter wirft. samstags in oldenburg spielten wir mit einer klassischen holzkugel mit stahlkern

der dazugehörigen gaffel

und dem feudel den wir dringend brauchten, wenn die kugel mal wieder in einen der wassergräben gefallen war, aus denen wir sie mit der gaffel befreiten.

der proviant, der eine nicht unwesentliche rolle bei dem etwa vierstündigen spaziergang durch die recht kühle und karge landschaft spielte sah in oldenburg so

und in hamburg so aus

in der hansestadt gab es zudem noch einen musikwagen

und statt klassischen kugeln etwas unförmigen gebilde

das gerücht wurde laut, dass der kern aus scheiße sei.
wir hoffen, dass dies nicht der wahrheit entspricht. dem anlass hätte es entsprochen, hatte doch NoBNQ die Investoren des Bernhardt-Nocht-Quartiers zum Bosseln ums Quartier herausgefordert. Leider machten die Investoren einen Rückzieher, so dass stattdessen das Gängeviertel gegen NoBNQ in einen Wettkampf um städtische Fördergelder eingetreten ist. Bis zum Redaktionsschluß standen die Gewinner noch nicht fest.

stadtnachrichten freitag 21 januar

holland kürzt den kulturetat nahezu weg°°°°

über wohnungslosigkeit und winter berichtet die jungle world°°°

300 migrantInnen sind gerade in griechenland im hungerstreik °°°

gut für investoren sehr schlecht für mieterInnen: dem bundesdeutschen immobilienmarkt geht es ganz herrvorragend°°°

zürich soll nachverdichtet werden. neues bauland wird hingegen nicht freigegeben°°°bebauung an der kalkbreite ist jetzt genehmigt°°°ein immobilienverwalter hat bei einer wohnungsräumung das gesamte inventar des mieters in den müll geschmissen°°°

über aufwertungstenddenzen in melbourne berichtet der gentrification-blog°°°

zur kriminalisierung von „travellern“ und die auswirkungen dieser normierung auf städtisches leben kann im guardian gelesen werden°°°

acuh in offenburg hat die bahn ärger mit ihren umbauplänen°°°

abwärme von häusern könnte ein faktor für städtische energiegewinnung werden°°°

die mariahilferstraße in wien wird zur fußgängerzone°°°

„eine idee kann man nicht räumen“ sagt einer der besetzerInnen der liebigstraßen in berlin, die am 2 februar geräumt werden soll. mehr über den widerstand dagegen findet sich auf indymedia und auf dem blog der liebigstraße. heute wurde in hamburg an der roten flora ein „liebig bleibt“-transparent gesichtet. am 29.1 um 15 uhr gibt ab dem kottbusser tor eine demo für die liebigstraße.°°°um den ernst-reuter-platz herum soll ein campus für die city west entstehen°°°

in hamburg uhlenhorst sollen 600 bäume gefällt werden°°°

stadtnachrichten mittwoch 19 januar

die kürzungen der sozialbudgets in england werden über kurz oder lang zu vermehrt sichtbarer obdachlosigkeit führen, schreibt der guardian. zur zeit sieht es so aus, als wären ein viertel der unterkünfte für obdachlose durch die kürzungen bedroht°°°

die am 2 februar bevorstehende räumung der berliner liebigstraße sorgt für einige solidaritätsaktionen mit dem besetzten haus °°°
°°°in der city west werden wieder mehr büros vermietet°°°°charlottenburg wird standort des ersten europäischen homosexuellen mehr-generationenhauses°°°

in hamburg wurde zwei jahre nach dem angriff eines polizisten auf einen teilnehmer eines stadtteilspaziergangs das verfahren eingestellt. der beamte muss 500 euro geldbusse zahlen. °°°mit führerscheinentzug statt sozialarbeit möchte der senat jetzt jugendkriminalität eindämmen°°°

Boßelturnier: NoBNQ vs. Gä ngeviertel

Lüch up un fleu herut – Klootscheeten för Födderkroeten – 23.1.2011, 14 Uhr

No BNQ boßelt gegen das Gängeviertel! Beide Teams erhalten eine Boßelkugel – einen unförmigen Kloot aus Schaumgummi, Tesakrepp und Scheiße. Ziel des Spiels ist es, den Kloot mit möglichst wenigen Würfen und möglichst vielen Schöts zu No BNQ zu bugsieren und dabei Schnaps zu trinken.

Mach mit, im trinkfesten Fanblock oder als wurfstarke Unterstützung!

Los geht ’s am Sonntag, den 23. Januar 2011, um zwei Uhr nachmittags. Anwurf ist auf der Brache im Gängeviertel. Zusätzliche Spannung kommt durch Schikanen und korrupte Schiedsrichterentscheidungen ins Spiel. Auf dem Heiligengeistfeld heißt es dann: No rulez! Jetzt wird nach den Regeln der Marktwirtschaft gespielt: Wie im echten Leben jagt das besser organisierte Netzwerk der gegnerischen Seilschaft die Kugel ab – und das Publikum spielt mit.

Denn wir haben verstanden: Trotz zunehmender Proteste soll das in die Krise gerutschte neoliberale Stadtentwicklungsmodell ungebrochen fortgesetzt werden. Und das basiert auf dem Konkurrenzprinzip. Projekte, die eine andere Idee von Stadt entwickeln, versucht man in ein harmloses Sträußchen am Hut der Marke Hamburg zu verwandeln. Und auch für diese Orte gelten in der Kreativen Stadt die Regeln des Standortwettbewerbs. So kursierte unlängst das Gerücht, das Gängeviertel sei in Gesprächen mit der Stadt unter Druck gesetzt worden: An Fördergeldern seien auch andere Initiativen interessiert. Unsere Antwort darauf ist das Klootscheeten för Födderkroeten.

Das Spiel entscheidet sich in der Bernhard-Nocht-Straße. Danach zum Grünkohl und Pinkel in die Hafen-VoKü.

No BNQ

PS: Leider wollte sich KvB nicht darauf einlassen, um das Bernhard Nocht Quartier zu spielen. Möglicherweise wird diese Begegnung zu einem anderen Zeitpunkt und auf einem anderen Spielfeld stattfinden.

Hafencity: Ist das die Simulation oder gilt das schon?

11:04 Für einen Monat jobbe ich tageweise in der Hafencity und soll dort was beaufsichtigen, was nur wenige besichtigen wollen. So sitze ich an meinem Laptop im Ausstellungsraum und beobachte die Szenerie von innen heraus. Es ist ein typischer grauer Hamburger-Wetter-Tag: kaum Regen, keine Sonne, kräftiger Wind. Umringt von Gebäuden mit Glasfronten aus großen und kleinen Fenstern, blicke ich in unzählige Büros, die größtenteils unbewohnt und unbearbeitet wirken. Die dominierenden Farben sind silber und betongrau, gepaart mit diversen Simulationen von Rotklinker, die das Thema „Speicherstadt“ wiederaufnehmen, so meine Vermutung. Zitiert wird hier viel, am liebsten „maritime Elemente“ wie Bullaugen, Wellen oder Schiffsbuge. Die Straßenlaternen zum Beispiel erinnern an Hafenkräne oder auch an dänische Schreibtischlampen – wer weiß das schon so genau?

11:19 Kommen wir zu den Menschen. Die Hafencity ist ein Arbeiterviertel, zumindest arbeiten hier viele im Viertel. Fangen wir an mit dem weit verbreiteten Typ des Hausmeisters, der oft in Gruppen auftritt: zwischen 30 und 50 Jahre alt, blaue funktionale Kleidung, schneller Schritt, schwarz abgesetzte große Hosentaschen. Nicht zu verwechseln mit der Security, die – zwar ebenfalls in Blau – eine mit auffallenden Leuchtstreifen verzierte Kleidung trägt. Gerade geht ein FedEx-Kurier vorbei und gesellt sich zum Kollektiv der blau gekleideten Arbeiter ohne Innen.

11:36 Weiter mit den Handwerkern. In Funktionswesten, auch mal in Grau und Rot, und in Hosen aus braunem Kord steigen sie aus Kombis und kleinen Transportern, auf denen Innenausbau, Elektrik oder schlicht der Firmenname steht. Nicht selten ein Handy am Ohr und ebenfalls mit zielstrebigem Gang. Sie geben mir irgendwie ein beruhigendes Gefühl: Es ist noch in der Mache, alles noch nicht fertig, wird schon. Und so lange hier noch was zu tun ist, ist hier noch was los. Leider keine klassische Zielgruppe für das von mir Beaufsichtigte.

12:40 Nun cruist eine Gruppe von rund einem Dutzend Grauhaarigen über den Platz. Die Winterjacken gehen bis kurz unter den Po, abgeschlossen von Kordelzügen. Stirnbänder, Fleecemützen und feste Schuhe runden das praktische Stadterkundungsoutfit ab. Ich zucke und frage mich: Kommen sie oder gehen sie weiter? Aber sie gehen vorbei und schauen nicht rein… schade! Wünsche mir Besuch. Kontakt. Ablenkung. Gespräche.

13:12 Die Mittagessensgehzeit der Büroangestellten bricht an. Wie ein Bienenschwarm strömen die Schreibtischmenschen auf den Platz, der sich „Coffee Plaza“ nennt. Eine Skulptur in Form einer riesigen Kaffeebohne steht in der Mitte. Zu allem Überfluss steht auf der Bohne „Kaffee“. Ich erinnere mich an meinen Kunstunterricht, wo wir ein halbes Jahr lang Gläser und Vasen zeichnen mussten. Ich war extrem unbegabt darin und hab auf ein Bild: „Vase“ geschrieben. Dafür gab es ’ne glatte Sechs, nicht weil man das Objekt nur mit viel Fantasie erkennen konnte, sondern – so die Begründung – weil ich „Vase“ drauf geschrieben habe.

Die Büromenschen bestechen durch leichte Lederschuhe, aufgeräumte Gesichter, die Frisur sitzt, der Schal wird in die Jacke eingeschlungen, dezent umrandete Brillen. Viele holen sich belegte Baguettes beim Bäcker, der seit ich hier bin schon zwei Mal Eröffnung gefeiert hat. Es ist ein Kommen und Gehen. Pfennigabsätze sind anscheinend wieder modern. Die Mittagstischgruppen sind nach Geschlechtern sortiert, eine Art Gender-Segregation, was vielleicht an den betriebsinternen Hierarchien liegt. Die Sekretärinnen zu den Sekretärinnen, die Anzugsmänner zu den Anzugsmännern? Nur die Rauchenden vor den Büros sind gemischt geschlechtliche Ansammlungen.

13:35 Ein Fahrradkurier wischt sich Hundescheiße von seinem Turnschuh am frisch gepflanzten Buxbaum ab. Irgendwie ein subversiver Akt. Jemand macht ein Foto von seiner Frau vor der Kaffeebohne. Gerade hatte ich zwei Besucherinnen, die jeweils etwa zehn Minuten verweilen. Ich setze eine freundliche Servicemiene auf, für Fragen jederzeit offen, aber es gibt keine Fragen.

14:20 Es kommt ein wie ein Makler ausschauender Makler rein, der Leute rumführt, die vielleicht Interesse haben, was zu mieten. Vor der Tür fotografiert ein Mann seinen Hund vor der Bohne. Drinnen ist „alles mit Garagenzugang“, höre ich, und „die Emotionen sind unglaublich wichtig“. Noch ist hier Rohbau mit Blick auf die Rohre, was mir gut gefällt, da ich frei gelegte Blicke und offene Aderlässe mag. Nach knapp zwanzig Minuten bin ich wieder allein.

15:47 Ein Touridoppeldeckerbus quert von rechts. Bisher habe ich wenige Menschen mit Stadtplänen und Rucksäcken gesehen, ist wohl anscheinend noch keine Saison. Ruhe ist eingekehrt, die Menschen sitzen wieder in ihren Bürowaben, nur die Handwerker werkeln draußen rum. Es dämmert bereits.

16:15 Ein Mann, der sich als Landschaftsarchitekt vorstellt, schwärmt von dem anliegenden Park, der noch nicht eröffnet ist, aber ganz toll sei, weil er keine Wege hat. Park ist ein wenig übertrieben, hat er doch allenfalls die Größe eines Fußballfeldes. Die Bäume sind nackt und ich frage mich, ist das wirklich etwas so Besonderes, ein Park ohne vorgegebene Wege? Ist es nicht einfach eine Wiese mit Bänken drumherum? Ein möglicher Bolzplatz ohne Bolzende, ein grüner Punkt als ausgelagerter Bildschirmschoner oder eine Naturattrappe in der ansonsten extrem dicht bebauten Hafencity?

16:53 Eine Gruppe asiatisch aussehender Menschen fotografiert nicht die Bohne, sondern den Neubau, in dem ich sitze. Ich werde von 5 Kameras gleichzeitig geknipst, und mir würde es leichter fallen, das zu schreiben, wenn es weniger klischeehaft wäre, aber Klischee happens. Einer steigt direkt über die seitliche Sperrholzabsperrung und guckt, wie die Kabel verkabelt sind. Mir gefällt’s, weil es eine Umdeutung ist und auch eine gewisse Aneignung. Ich frage mich, worüber sie wohl untereinander reden? „Bye, bye“, sagen sie und entschwinden aus meinem Blickfeld.

17:01 Ein sportlicher Herr mit Basecap um die 60 kommt rein und erzählt, dass er die Hafencity toll findet: „Was hier alles so entsteht… wirklich beeindruckend“. Er würde hier gern eine Immobilie kaufen, aber „is alles so teuer“. Bei Unilever in der Nähe hat er sich mal was angeguckt, aber „kannste nicht bezahlen“.

17:33 Vertrete mir kurz die Beine und laufe um den Block zum Kaffee holen. Gehe an dem Gebäude vorbei, in dem die erste Grundschule der Hafencity ist. Es fällt durch rosa-pinke Latten auf, die den Ort markieren und vor allem die Dachterrasse umranden, auf der sich der Spielplatz befindet. Angesichts der immensen Bodenpreise der einzige Ort zum Toben und Spielen. Male mir aus, wie eins der Kinder in 20 Jahren einen Bestseller schreiben wird: „Wir Kinder vom Dach der Hafencity“.

17:55 Zeittotschläger. Noch eine Stunde bis ich abschließen kann. Weit und breit niemand in Sicht. Gedimmtes Bürolicht um mich herum, nur noch ganz wenige sitzen am Schreibtisch. Höre ein Hörspiel. Höre Musik. Laufe auf und ab.

18:46: „Ist das die Simulation oder gilt das schon?“, singt Gustav. In Bezug auf die Hafencity, fürchte ich, gilt das schon. Und da hier kaum jemand wirklich wohnt, interessiert das wohl auch nicht die Bohne.