Hafencity: Ist das die Simulation oder gilt das schon?

11:04 Für einen Monat jobbe ich tageweise in der Hafencity und soll dort was beaufsichtigen, was nur wenige besichtigen wollen. So sitze ich an meinem Laptop im Ausstellungsraum und beobachte die Szenerie von innen heraus. Es ist ein typischer grauer Hamburger-Wetter-Tag: kaum Regen, keine Sonne, kräftiger Wind. Umringt von Gebäuden mit Glasfronten aus großen und kleinen Fenstern, blicke ich in unzählige Büros, die größtenteils unbewohnt und unbearbeitet wirken. Die dominierenden Farben sind silber und betongrau, gepaart mit diversen Simulationen von Rotklinker, die das Thema „Speicherstadt“ wiederaufnehmen, so meine Vermutung. Zitiert wird hier viel, am liebsten „maritime Elemente“ wie Bullaugen, Wellen oder Schiffsbuge. Die Straßenlaternen zum Beispiel erinnern an Hafenkräne oder auch an dänische Schreibtischlampen – wer weiß das schon so genau?

11:19 Kommen wir zu den Menschen. Die Hafencity ist ein Arbeiterviertel, zumindest arbeiten hier viele im Viertel. Fangen wir an mit dem weit verbreiteten Typ des Hausmeisters, der oft in Gruppen auftritt: zwischen 30 und 50 Jahre alt, blaue funktionale Kleidung, schneller Schritt, schwarz abgesetzte große Hosentaschen. Nicht zu verwechseln mit der Security, die – zwar ebenfalls in Blau – eine mit auffallenden Leuchtstreifen verzierte Kleidung trägt. Gerade geht ein FedEx-Kurier vorbei und gesellt sich zum Kollektiv der blau gekleideten Arbeiter ohne Innen.

11:36 Weiter mit den Handwerkern. In Funktionswesten, auch mal in Grau und Rot, und in Hosen aus braunem Kord steigen sie aus Kombis und kleinen Transportern, auf denen Innenausbau, Elektrik oder schlicht der Firmenname steht. Nicht selten ein Handy am Ohr und ebenfalls mit zielstrebigem Gang. Sie geben mir irgendwie ein beruhigendes Gefühl: Es ist noch in der Mache, alles noch nicht fertig, wird schon. Und so lange hier noch was zu tun ist, ist hier noch was los. Leider keine klassische Zielgruppe für das von mir Beaufsichtigte.

12:40 Nun cruist eine Gruppe von rund einem Dutzend Grauhaarigen über den Platz. Die Winterjacken gehen bis kurz unter den Po, abgeschlossen von Kordelzügen. Stirnbänder, Fleecemützen und feste Schuhe runden das praktische Stadterkundungsoutfit ab. Ich zucke und frage mich: Kommen sie oder gehen sie weiter? Aber sie gehen vorbei und schauen nicht rein… schade! Wünsche mir Besuch. Kontakt. Ablenkung. Gespräche.

13:12 Die Mittagessensgehzeit der Büroangestellten bricht an. Wie ein Bienenschwarm strömen die Schreibtischmenschen auf den Platz, der sich „Coffee Plaza“ nennt. Eine Skulptur in Form einer riesigen Kaffeebohne steht in der Mitte. Zu allem Überfluss steht auf der Bohne „Kaffee“. Ich erinnere mich an meinen Kunstunterricht, wo wir ein halbes Jahr lang Gläser und Vasen zeichnen mussten. Ich war extrem unbegabt darin und hab auf ein Bild: „Vase“ geschrieben. Dafür gab es ’ne glatte Sechs, nicht weil man das Objekt nur mit viel Fantasie erkennen konnte, sondern – so die Begründung – weil ich „Vase“ drauf geschrieben habe.

Die Büromenschen bestechen durch leichte Lederschuhe, aufgeräumte Gesichter, die Frisur sitzt, der Schal wird in die Jacke eingeschlungen, dezent umrandete Brillen. Viele holen sich belegte Baguettes beim Bäcker, der seit ich hier bin schon zwei Mal Eröffnung gefeiert hat. Es ist ein Kommen und Gehen. Pfennigabsätze sind anscheinend wieder modern. Die Mittagstischgruppen sind nach Geschlechtern sortiert, eine Art Gender-Segregation, was vielleicht an den betriebsinternen Hierarchien liegt. Die Sekretärinnen zu den Sekretärinnen, die Anzugsmänner zu den Anzugsmännern? Nur die Rauchenden vor den Büros sind gemischt geschlechtliche Ansammlungen.

13:35 Ein Fahrradkurier wischt sich Hundescheiße von seinem Turnschuh am frisch gepflanzten Buxbaum ab. Irgendwie ein subversiver Akt. Jemand macht ein Foto von seiner Frau vor der Kaffeebohne. Gerade hatte ich zwei Besucherinnen, die jeweils etwa zehn Minuten verweilen. Ich setze eine freundliche Servicemiene auf, für Fragen jederzeit offen, aber es gibt keine Fragen.

14:20 Es kommt ein wie ein Makler ausschauender Makler rein, der Leute rumführt, die vielleicht Interesse haben, was zu mieten. Vor der Tür fotografiert ein Mann seinen Hund vor der Bohne. Drinnen ist „alles mit Garagenzugang“, höre ich, und „die Emotionen sind unglaublich wichtig“. Noch ist hier Rohbau mit Blick auf die Rohre, was mir gut gefällt, da ich frei gelegte Blicke und offene Aderlässe mag. Nach knapp zwanzig Minuten bin ich wieder allein.

15:47 Ein Touridoppeldeckerbus quert von rechts. Bisher habe ich wenige Menschen mit Stadtplänen und Rucksäcken gesehen, ist wohl anscheinend noch keine Saison. Ruhe ist eingekehrt, die Menschen sitzen wieder in ihren Bürowaben, nur die Handwerker werkeln draußen rum. Es dämmert bereits.

16:15 Ein Mann, der sich als Landschaftsarchitekt vorstellt, schwärmt von dem anliegenden Park, der noch nicht eröffnet ist, aber ganz toll sei, weil er keine Wege hat. Park ist ein wenig übertrieben, hat er doch allenfalls die Größe eines Fußballfeldes. Die Bäume sind nackt und ich frage mich, ist das wirklich etwas so Besonderes, ein Park ohne vorgegebene Wege? Ist es nicht einfach eine Wiese mit Bänken drumherum? Ein möglicher Bolzplatz ohne Bolzende, ein grüner Punkt als ausgelagerter Bildschirmschoner oder eine Naturattrappe in der ansonsten extrem dicht bebauten Hafencity?

16:53 Eine Gruppe asiatisch aussehender Menschen fotografiert nicht die Bohne, sondern den Neubau, in dem ich sitze. Ich werde von 5 Kameras gleichzeitig geknipst, und mir würde es leichter fallen, das zu schreiben, wenn es weniger klischeehaft wäre, aber Klischee happens. Einer steigt direkt über die seitliche Sperrholzabsperrung und guckt, wie die Kabel verkabelt sind. Mir gefällt’s, weil es eine Umdeutung ist und auch eine gewisse Aneignung. Ich frage mich, worüber sie wohl untereinander reden? „Bye, bye“, sagen sie und entschwinden aus meinem Blickfeld.

17:01 Ein sportlicher Herr mit Basecap um die 60 kommt rein und erzählt, dass er die Hafencity toll findet: „Was hier alles so entsteht… wirklich beeindruckend“. Er würde hier gern eine Immobilie kaufen, aber „is alles so teuer“. Bei Unilever in der Nähe hat er sich mal was angeguckt, aber „kannste nicht bezahlen“.

17:33 Vertrete mir kurz die Beine und laufe um den Block zum Kaffee holen. Gehe an dem Gebäude vorbei, in dem die erste Grundschule der Hafencity ist. Es fällt durch rosa-pinke Latten auf, die den Ort markieren und vor allem die Dachterrasse umranden, auf der sich der Spielplatz befindet. Angesichts der immensen Bodenpreise der einzige Ort zum Toben und Spielen. Male mir aus, wie eins der Kinder in 20 Jahren einen Bestseller schreiben wird: „Wir Kinder vom Dach der Hafencity“.

17:55 Zeittotschläger. Noch eine Stunde bis ich abschließen kann. Weit und breit niemand in Sicht. Gedimmtes Bürolicht um mich herum, nur noch ganz wenige sitzen am Schreibtisch. Höre ein Hörspiel. Höre Musik. Laufe auf und ab.

18:46: „Ist das die Simulation oder gilt das schon?“, singt Gustav. In Bezug auf die Hafencity, fürchte ich, gilt das schon. Und da hier kaum jemand wirklich wohnt, interessiert das wohl auch nicht die Bohne.