Die Stadt – von den Rändern gedacht

Was ist eigentlich dieses ominöse Recht auf Stadt? Wer hat oder bekommt es? Wie sähe eine Stadt aus, in der das Recht auf Stadt verwirklicht ist? Wie nehme ich mir das Recht auf Stadt und wird dann alles gut? Was hat mit einem Recht auf Stadt so rein gar nix zu tun? – Ein Bilderreigen.

Das Foto ist aufgenommen bei einer Demonstration gegen Leerstand in Hamburg 2010. In Hamburg gibt es eine Wohnungsnot, während gleichzeitig über eine Millionen qm2 Bürofläche leer stehen. Und nach wie vor wird Büroraum (der steuerlich absetzbar ist) gebaut. Der Luftballon schwebt vor einem fast unvermieteten noblen Bürogebäude auf St. Pauli. Was man hier nicht sieht ist, dass unten Polizeibeamte den Turm vor den Demonstrierenden abschirmen. Was an dem Bild deutlich wird ist der Konflikt: Während mit Büroraum immer noch Profite gemacht werden, selbst wenn er unvermietet bleibt, verzweifeln diejenigen, die in der Hansestadt günstigen Wohn- und Arbeitsraum suchen und sich die explodierenden Mieten nicht mehr leisten können. Die 3.000 Menschen, die hier symbolisch Einlass in den Turm fordern, fordern neben günstigen Wohnraum auch eins: mitzubestimmen, wie ihre Stadt gestaltet werden soll.

Kurz zum Begriff: Der Begriff Recht auf Stadt geht zurück auf den französischen Philosophen Henri Lefèbvre, der bereits in den 1960er Jahren beobachtet hatte, wie vor allem MigrantInnen an den Rand der Stadt verdrängt wurden. Daraus hat er die Forderung nach einem kollektiven Recht auf Stadt abgeleitet. Es ist ein Recht auf Zugang zu den Ressourcen einer Stadt, ein Recht auf Zentralität, auf Teilhabe und – ganz wichtig – ein Recht auf Differenz, auf Unterschiedlichkeit, auf anders sein können, also genau das Gegenteil eines Normiert-Werdens. Es ist das Gegenteil einer Homogenisierung, die doch so symptomatisch für die neoliberale Stadt ist.

Oft wurde das Verhältnis des Menschen zur Stadt als entfremdet erlebt und beschrieben. Man denke an Engels Beschreibungen des frühkapitalistischen Londons mit seinem unglaublichen Elend, an die Expressionisten oder an Mitscherlichs Analyse der „Unwirtlichkeit unserer Städte“. Für mich am eindrücklichsten thematisiert die Entfremdung in Stadt die feministische Künstlerin Valie Export. In einer Fotoreihe, die von Anfang bis Mitte der 1970er Jahre entstand, sucht sie sich Orte in der Stadt und versucht, im wahrsten Sinne des Wortes, sich dazu zu verorten und ihren Platz zu finden. Hier zu sehen, die Arbeit „Einkreisung“ von 1976:

Einen Ort in der neoliberalen Stadt zu finden, ist schwierig, da Stadtplanung und Politik sich nicht am Gebrauchswert von Stadt orientieren – also daran, wie ein möglichst gutes Leben für alle ermöglicht wird – sondern am reinen Tauschwert: Wie kann Profit maximiert werden? Ich konsumiere, also darf ich sein. Wie könnte eine Stadt aussehen, die nicht entfremdet, die nach den Bedürfnissen der BewohnerInnen gestaltet wird? Wie sieht eine Stadt aus, in der alle Menschen Zugang zu den Reichtümern haben, die eine Stadt hervorbringt? Kurz: Wie sieht eine sozialere, gerechte Stadt aus?

Diese Frage wurde den Parteien vor der letzten Bundestagswahl gestellt. Sie sollten für das Hamburger Miniaturwunderland (ein Museum aus Lego) jeweils ein Modell erstellen und dabei ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Die Frage war: Wie würde – aus Sicht der Partei – das ideale Land aussehen, wenn ihr frei gestalten könntet? Utopia 2009 hieß das Projekt, und jede Partei hatte einen Quadratmeter Land dafür zur Verfügung. Wow! Was für eine Chance, die Stadt mal jenseits von Haushaltsplanungen und realpolitischen Überlegungen zu denken: Die Utopie einer ganz anderen Stadt zu entwickeln; ein (in Anlehnung an Bloch) „Noch-Nicht im Sinne einer Möglichkeit“. Da lasse ich mich doch gern von unseren Volksvertreterinnen und -vertretern inspirieren. Wie sähe also eine Stadt aus, in der ein Recht auf Stadt verwirklicht ist?

Die CDU erhält den ersten Preis für Abstraktion. Wir sind das Volk. Ein Land aus vielen Menschen, die Fähnchen hochhalten, darauf steht: „Arbeit für alle“, „Sicher leben“, „Die Krise überwinden“ oder „Integrationsland“. Interessanter Weise wird dieses Fähnchen von den einzig nicht-weißen Figuren auf dem Modell gehalten. Praktisch, da weiß man gleich, wer sich wo integrieren soll; Weiter zur CSU.

>

Klares Motiv: Bayern in Berlin mit Oktoberfest und Blaskapelle. So sieht das also Idealland der CSU aus: Dirndl und Maß Bier für alle! SPD und FDP? Gäh, das lass ich wegen vergleichender Irrelevanz hier mal weg. Eine Verbindung gibt es jedoch zwischen beiden Entwürfen: Während im Modell der SPD ein Kindergarten aus städtischen Mitteln bezahlt wird, baut man bei der FDP stolz mit „privaten Geldern“. Utopia – ich hör dir trapsen! Der unaufhaltsame Abwärtstrend dieser beiden Parteien ließe sich sicherlich auch mit dieser Fantasie- und Perspektivlosigkeit erklären . Weiter geht’s:

Hier unschwer zu erkennen, der Entwurf de Grünen. Kaum verwunderlich mit viel Natur- und Solarzellen in der Stadt. In dem Haus vorne links mit dem grünen Dach tagt oben ein Vorstand, der als Vorsitzende eine Frau hat; Das folgende Detail möchte ich euch nicht vorenthalten: Punk trifft Polizei und es kommt zu einer historischen Versöhnung am Biertisch:

Und die Linke? Welche Utopie von Stadt verfolgen die Genossinnen und Genossen?


Welch Überraschung! Es ist Berlin! Es wird demonstriert für Gerechtigkeit, gegen Privatisierung und gegen Nazis. Vielleicht auch gegen Rot-Rot in Berlin, wer weiß das schon so genau? Das Leben als Dauerdemo. Also, ich kann mir Besseres für die Zukunft vorstellen. Gregor Gysi war zur Einweihung des Modells in Hamburg und fand es ganz pfiffig, dass die LINKE sich der Aufgabe widersetzt hat. Ich finde: Ganz schön erbärmlich, eine Linke, die sich nicht mehr traut, utopisch zu denken.

Warum ich das zeige? Ich möchte euch einladen, über den Tellerrand der Realpolitik hinauszublicken und zu überlegen, wie eine grundsätzlich andere Stadt aussehen könnte. Bauen wir im großen Stil Wolkenkuckucksheime, die ihre Realisierung suchen und finden. Meiner Erfahrung nach wird in stadtpolitischen Diskussionen viel zu schnell in den realpolitischen Gang runter geschaltet, statt mal in die Gänge oder die Luftschlösser einer völlig anderen Stadt zu kommen und davon ausgehend um eine Materialisierung einer ganz anderen Stadt zu kämpfen. Auch Henri Lebfebvre wurde in einem Interview gefragt, wie sieht eine utopische Stadt aus? Er geriet ins Stocken: Man müsste als erstes die Sprache neu erfinden, um dies überhaupt formulieren zu können, sagte er, unser ganzes Denken, unsere Vorstellungen über die Stadt sind durchzogen von einer kapitalistischen Logik, von Kategorisierungen und Ausschlüssen.

In einer hierarchischen Gesellschaft gibt es keinen Raum, der nicht hierarchisch organisiert ist. Dies gilt z.b. für das klassische Setting eines Podium, wo das Publikum mehr oder weniger durch die Raumordnung dazu gezwungen ist, mir zuzuhören. Dies gilt aber auch für die Stadt insgesamt. Soziale Fragen sind immer im Raum eingeschrieben. Raum ist weder eine vor- noch eine nachgeschaltete Instanz des Sozialen. Das Soziale entfaltet Raum und erschafft Raum. Und: Ein städtisches Programm, das tatsächlich die Menschen und ihre Bedürfnisse an die erste Stelle setzt und eben nicht die Ökonomie, wird das kapitalistische System von sich aus nicht hervorbringen. Schließlich geht es um die heiligste Kuh der Privatwirtschaft überhaupt: den Besitz von Boden und Immobilien. Der US-amerikanische Geograph David Harvey spricht aus diesem Grund auch davon, dass wir uns das Recht auf Stadt erkämpfen müssen. Es geht um Aneignung und um eine Umverteilung der gesellschaftlichen Reichtümer.

So viel ist klar: Es kann kein fertiges Modell von Stadt im Sinne einer Idealstadt geben. Stadt ist nichts Statisches, sondern in Bewegung. Die Utopie einer ganz anderen Stadt ist ortslos. Es geht also nicht um das Auspinseln eines neuen, städtischen Fertighauses, sondern darum, mehr Sensibilität zu entwickeln in Bezug auf die eigenen Ausschlüsse und Begrenzungen. Recht auf Stadt ist keine Masterplan, der sich von oben durchdrücken lässt. Es ist das Gegenteil einer Politik, die immer schon weiß, was das Richtige für alle ist und wie die Stadt auszusehen hat. Kein Leitbild, kein 5-Jahresplan und erst recht keine Computersimulation, wie sie InvestorInnen, StadtplanerInnen und ArchitektInnen so lieben, bei der man durch glitzernde 3-D-Welten fliegt – vorbei an virtuellen Mittelschichts-Mehrheitsgesellschafts-Menschen, die in ihrer auffälligen 0815-Konformität einen Blick auf den verengten planerischen Horizont geben.

Henri Lefebvre ging davon aus, dass neue Raumerfahrungen auch zu Sprüngen im politischen Bewusstsein führen können. Gleichzeitig können bestimmte Räume auch Ohnmacht herstellen. Er empfahl (in Anlehnung an die Situationisten) die Stadt genau zu erkunden und Umherzuschweifen /dérive. Ich schlendere also durch den Raum. Wie wirkt er auf mich? Einschüchternd? Vertraut? Ich flaniere durch die Stadt, suche meinen Platz. Passt es? Wie soll die Stadt sein? Was wünsche ich mir? Was wünschen sich andere? Wer verschafft sich mit seinen Interessen Gehör? Passe ich hier rein? Wer darf hier sein und wer nicht?

Ich hab noch ein weiteres Bild mitgebracht. Ein Ort an dem für mich – ganz subjektiv (!) – das Möglich-Unmögliche einer anderen Stadt durchschimmert: das Wonder Weel in Coney Island. Wichtig: Es schimmert durch, es deutet und regt an – es ist keine Realisierung!

Am Rand von New York gelegen, am äußersten Zipfel von Brooklyn, direkt am Meer. Ich steige in die bunte Gondel, die swingt und fahre an den braunen Sozialbauten entlang in die Höhe. Ein Blick, den unendlich viele EinwandererInnen, die in New York ihr Glück suchten, hatten. In weiter Ferne: Manhattan. Sehnsuchtsort, Verheißungen von Erfolg und die Angst, vor der Brutalität des Scheiterns. Am Boden angekommen: Der in die Jahre gekommene Luna Park, vom Meerwind verwitterte Farben, ein Ort, dem man das Geworden-Sein von Stadt ansieht. Bis in die 1990er Jahre hinein galt Coney Island als zu gefährlich für TouristInnen. Ein handgemalter Shrimps mit Frack & Fliege preist seinen Verzehr an. Jemand bietet schlechte Tatoos an. Ein paar Drag-Queens bereiten sich auf die Mermaid-Parade vor und basteln an trashigen Kostümen. Keine Identität kann sich sicher sein, die einzige zu sein. Die Stadt von den Rändern gedacht – ist brüchig, hybride, durchlässig. Das Nichtthematisierte, Ausgegrenzte fordert vehement seinen Platz. Alles, war entsteht, ist bereits im Entstehen wieder im Begriff zu zerfallen. Eine Stadt aus Leidenschaft, eine Stadt in permanenter Veränderung, eine Stadt der verdichteten Unterschiedlichkeit.

+++++++++++++++++
* Diesen Input hat Nicole Vrenegor Mitte März 2011 auf dem Kongress „Wem gehört die Stadt“ der Linken Ratsfraktion in Düsseldorf gehalten.
** Den Lunapark gibt es in dieser Form nicht mehr. Der Park wurde 2010 umgestaltet, das Gelände wurde eingezäunt, vieles wurde abgerissen und einem „Launch“ unterzogen. Die Homepage lässt zumindest nichts Verwittertes mehr vermuten.


1 Antwort auf „Die Stadt – von den Rändern gedacht“


  1. 1 Die Stadt – von den Rändern gedacht « Spielwiese Wien Pingback am 17. Mai 2011 um 18:06 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.