einübungen


einübungen gehören in die stadt. denn städte zeichnen sich, neben der tollen architektur, dadurch aus, dass viele menschen sehr nah aneinander leben, dass also der kontakt mit anderen alltäglich ist und jeder für sich wege finden muss, diesen nicht zur belastung werden zu lassen. glücklicherweise muss man diese wege nicht alle neu erfinden und ebenso glücklich ist man, wenn wie bei „recht auf stadt“ angeregt, einige neu entdecken, hinterfragen, schaffen kann. bei den alten wegen miteinander klar zu kommen, finden sich leider auch formen, die längst zu recht vergessen scheinen. aber einen schritt zurück: wie lernt man diese wege? durch einübungen, durch die medien denen man sich aussetzt, durch die menschen mit denen man umgeben ist, durch sprache und gesten, durch lieder. und den schritt nach vorn: lieder sind nicht immer der weg zu einer schöneren welt: „flieger grüß mir die sonne…. und dann warens nur noch neun….sei doch kein muselmann….davon geht die welt nicht unter“ und so weiter und so fort. nun hat uns ein freund einen bericht geschrieben über das einüben von liedern in der schule, das einüben von gesellschaftlichen formen also, die im besten falle dafür dienen könnten, das leben in haufen zu einem tollen zu machen, hier aber das unbehagen vor dem „anderen“ trainieren. wir mochten den bericht und finden er hat, wenn auch nicht direkt, etwas mit der stadt zu tun. und hier kommt er nun:


Alle Kinder lernen lesen…Postkoloniales im Kinderlied.

Alle Jahre wieder werden Kinder in die Fänge der Schule gegeben. Alle Jahre wieder proben die Kinder der ersten, zweiten und dritten Klassen ein Empfangsprogramm für die neuen ErstklässlerInnen. Alle Jahre wieder steht unter anderem ein Lied auf dem Programm. Es ist das von dem früheren Grundschullehrer, mittlerweile emeritierten Hochschulprofessor und Kinderbuchautor Wilhelm Topsch verfasste „Alle Kinder lernen lesen“. Zu einer „Berühmtheit“ ist das Lied über die Grundschulkreise hinaus gelangt durch die Kirmestechno – Ballermannversion von Ina Colada, die es im August 2010 immerhin auf Platz 57 der Deutschen Singlecharts gebracht hat.
Auf die Melodie des abolitionistischen Marsches John Brown’s Body /The Battle Hymn of the Republic singen die Grundschülerinnen (und auch Ina Colada, aber das ist eigentlich egal):

„Alle Kinder lernen lesen,
Indianer und Chinesen,
Selbst am Nordpol lesen alle Eskimos.
Hallo Kinder jetzt geht’s los.“

Auf den ersten Blick fallen hier selbstverständlich die „Eskimos“ auf, die nach aktuellem Sprachgebrauch „Inuit“ genannt werden, denn „Eskimo“ ist eine herabwürdigende Bezeichung, die mit „Rohfleischfresser“ übersetzt werden kann, während „Inuit“ eher Mensch bedeutet. Folgerichtig weist das skg-forum (Schulkindergarten-Forum) auch darauf hin und schlägt eine Textveränderung vor:

„Selbst am Nordpol ist der Spaß am Lesen groß.
Hallo Kinder, jetzt geht’s los.‟

Dieser Vorschlag allerdings ist nichts weiter als eine sprachliche Korrektur, die den Inhalt des Liedes keineswegs verbessert und die Begründung: „Heute werden die Angehörigen arktischer Völker als Inuit bezeichnet.“ (skg-forum.de) hält an einer Einteilung der Menschen in Völker fest, was die Sache ebenfalls nicht besser macht. Denn der gesamte Vierzeiler transportiert eine ganze Latte an Postkolonialem Wissen. Aber nun Schritt für Schritt.
„Alle Kinder lernen lesen“ Vor dem Hintergrund einer (scheinbar) globalen Perspektive dieses Liedes ist die Aussage nicht richtig. Vielleicht sollen oder vielleicht wollen ja alle Kinder lesen lernen, aber können tun sie es noch lange nicht. Denn Bildung ist schon immer eine Ware. Und auf Grund fehlender Schulbauten und fehlender Schulgelder vor allem in den ehemals kolonialisierten Staaten ist es längst nicht allen Kindern möglich, lesen zu lernen.
Nun gut. Kinderlieder tendieren zur Vereinfachung der Welt und zum Romantisieren. Vielleicht ist diese erste Zeile ein Wunsch. Eine Kritik dieser ersten Zeile auch nur nötig vor dem Rest. Denn es folgt nach der Feststellung dass alle Kinder lesen lernen eine Aufzählung.

„Indianer und Chinesen, Selbst am Nordpol lesen alle Eskimos.“Ist diese Aufzählung mehr oder weniger spezifischer ethnisierenden Bezeichnung einer Ergänzung zu allen Kindern? Handelt es sich gar um eine Ergänzung im Sinne von Kinder, Indianer, Chinesen und Eskimos? Letztere Lesart würde behaupten, dass kleine „Indianer“, „Chinesen“ und „Eskimos“ keine Kinder seien. Lernen also Kinder und Erwachsene der genannten Ethnisierten lesen? Das macht kein Sinn. Bedeutet die Aufzählung gar, dass die genannten keine Menschen sind? Denn Kinder sind eben kleine Menschen. Und wenn den Kindern die anderen gegenübergestellt werden, wäre dies eben eine ausschließende Aufzählung.
Es lässt sich aber davon ausgehen, dass die Aufzählung eher eine Ergänzung ist. Im Sinne alle Kinder, wirklich alle. Diese Vergewisserung, Bestätigung des alle durch „Indianer“, „Chinesen“ und „Eskimos“ macht aber nicht weniger, als die Besonderung dieser Gruppe. Alle umfasst bereits alle. Die weitere Aufzählung ist nicht anderes als der Versuch einer Steigerung von „alle“. Da „alle“ bereits absolut ist, bedeutet die Steigerung und die besondere Nennung nichts weniger als ein „sogar“. Dieses sogar wird durch das Wörtchen „selbst“ bestätigt.
Es wir also nicht von der Normalität ausgegangen, dass die genannten Gruppen lesen lernen. Diese Nichtnormalität entspringt dem Bild, dass die genannten dumm seien, nicht zu zivilisatorischen Leistungen – wie dem Lesen als basaler Kulturtechnik – fähig. Ein altes rassistisches Muster. Die Aufzählung der Gruppen reproduziert somit – vermutlich mit aufklärerisch-humanistischem Anliegen – das rassistische Bild. Allerdings ohne es zu durchkreuzen. Denn „Indianer“, „Chinesen“ und „Eskimos“ bleiben die einzigen genannten. Sie sind es, die besonders hervorgehoben werden müssen, um das alle zu bestätigen – in einem Tonfall von „kaum zu glauben“. Sie bleiben der Gegenpol zum alle, gerade durch die Besonderung.

Auffällig ist außerdem, dass die Genannten allesamt aus ehemaligen Kolonialgebieten sind. Mithin koloniale Bezeichnungen reproduziert werden.
Indianer nannte Christopher Kolumbus die Menschen, die er auf seiner vermeintlich Indien entdeckenden Reise traf und die im Folgenden von der spanischen Kolonialmacht unterdrückt wurden. Indianer werden auch die Menschen genannt, die bereits vor den Europäischen Einwanderern in Nordamerika lebten und in einer anderen Form von Kolonialisierung in Reservate verwiesen wurden.
In China schlugen u.a. Deutsche Soldaten am Anfang des 20. Jhd. den sog. „Boxeraufstand“ nieder, der sich gegen die Besatzung Chinas durch Kolonialmächte richtete.
Und Grönland wurde von Dänemark Kolonialisiert.
An dieser Stelle ist eben der vorgeschlagene PC-Austausch der Ethnisierenden Bezeichnung mit der Nennung des Ortes nur eine sprachliche Verbesserung, die eine anerkannt diskriminierende Formulierung verhindern will (auch Indianer ist eine Koloniale Bezeichnung, aber durch romantisierende Westernliteratur – Karl May – fest im Sprachgebrauch verankert). Es bleibt dabei: „selbst“ in den „unterentwickelten Ex-Kolonien“ wird gelesen, ist der Subtext des Liedes.
Die Selbstverständlichkeit zu lesen, die das Lied vermitteln soll, wird nur durch die ethnisierende Besonderung und damit Exklusion von geanderten Kindern möglich. Denn das diese Lesen ist eben offensichtlich nicht selbstverständlich, aber wenn die das lernen, dann müssen „wir“ das erst recht.

„Alle“ und „wir“Der weitere Text des Liedes ist eigentlich harmlos. Vokale und Diphthonge werden durchgegangen in Sätzen wie „„A‟, sagt der Affe, wenn er in den Apfel beißt.“ oder „„I‟, sagt der Igel, wenn er sich im Spiegel sieht“. Letzteres könnte aus eine antispeziesistischen Perspektive kritisiert werde, aber das ist weder Thema diese Textes noch mein Ding. Mit „„Au‟, sagt das Auto, wenn es um die Ecke saust.“ wird in der Aufzählung ein Ding benannt. Auf die Aufzählung der „anderen“ folgt also die Aufzählung von Tieren. Es liegt relativ Nahe hier eine diskursive Verknüpfung von Ethnisierten und Tieren zu lesen. Auch wenn die Funktion der Tiernamen eine pädagogische Brücke für bestimmt Laute ist, bleiben die Aufgezählten bei dieser Leselernparty: „Indianer“, „Chinesen“, „Eskimos“, „Affe“ „Elefant“, „Igel“, „Osterhase“, „Ochse“, „Uhu“ „Eisbär“ „Auto“ und „Eule“.
Die Strophen Teile enden immer mit einer „Wir“-Konsrtuktion („und wir singen unser Lied“, „und wir singen, dass es schallt“, „Und wir singen noch mal neu“). Es folgt der Refrain. Dieses „Wir“ wird dem exkludierten „alle“ gegenübergestellt. Unterstützt wird diese Gegenüberstellung durch eine Tanzperformance, die die Kinder einstudieren.


„Tanz-Perfomance“Ganz pädagogisch, dem ganzheitlichen Lernen verpflichtet, studieren die Kinder Bewegungen zum Lied ein, denn Kinder lernen mit dem ganzen Körper. Das sieht dann so aus: Bei „Indianer“ werden zwei Finger hinter den Kopf gelegt. Dies symbolisiert den indianischen Federschmuck, als ob heute Indigenas ständig mit Federschmuck rumlaufen würden (außerhalb von Tourismusvorführungen).
Bei „Chinesen“ legen die Kinder ihre Finger an die Augen und ziehen sie zu Schlitzen breit. Eine Reduktion auf ein vermeintlich unverwechselbares körperliches Merkmal, dass „Chinesen“ zu „Schlitzaugen“ macht. Eine erneute Reproduktion eines rassistischen Klischees, das so erfolgreich ist, dass die Kinder in Ina Coladas Video wie automatisch diese Geste zeigen.

Bei den „Eskimos“ oder am Nordpol ist es kalt, deshalb reiben sich die Kinder zu einer Drehung um sich selbst auch den Oberkörper, als ob es keine thermoaktive Kleidung und Heizungen gäbe.
Die Fremdheit, das Anderssein wird durch die Bewegungen unterstützt, ja geradezu inkorporiert. Mit viel Spaß und Witz wird das rassistische Klischee reproduziert und verinnerlicht.
Die Frage was eigentlich ist, wenn EinwandererInnen aus den jeweiligen Weltgegenden in einer deutschen Grundschulklasse sind, bzw. der Perfomance an ihrem ersten Schultag zuschauen dürfen, gibt der ganzen Geschichte dann noch mal einen neuen Aspekt. Sie werden erfahren, dass sie diejenigen sind, über die sich „alle“ lustig machen dürfen.
Dieses „alle“ wird dann in Ina Coladas Video auch prächtig inszeniert. Immer wieder nimmt die Kamera geschwenkte Deutschlandfahnen in den Focus. Bei gleichzeitigem Schwenk über die feiernde und tanzende Masse.

MelodieDas Ganze passiert nun mit der Melodie von „John Browns Body“. Einem Lied, das aus der abolitionistischen Sklavenbefreiungsbewegung stammt. John Brown war radikaler Gegener der Sklaverei in den USA. Er plädierte für einen Aufstand in dem sich Sklaven selbst befreien sollten. Hierzu überfiel er ein Waffenarsenal der US-Army, um die nötigen Waffen zu besorgen. Der Überfall scheiterte und er wurde wegen Hochverrat erhängt. Daraufhin wurde das Lied „John Browns Body“ geschrieben. Es entstanden noch weitere Textversionen im Sezessionskrieg. Alle bezogen sich auf die humanistische Antisklavenhaltung der Nordstaaten. Auch wenn diese Position keine Antirassistische Position aus heutiger Sicht ist, so ist das Lied damit Teil eines auch Antikolonialen Befreiungskampfes. Die Aneignung der Melodie für dieses Kinderlied, das Rassismen und ein koloniales Weltbild reproduziert, kehrt den eigentlichen Kontext der Melodie in sein Gegenteil.

…und nun?„Es ist doch nur ein Kinderlied“ und „Die Kinder haben doch Spaß dabei“ und „Das sieht doch so niedlich aus.“ werden die anwesenden Eltern und Pädagog_innen mit Rührungstränen in den Augen rufen. „Süüüüüß!“ Ich kann nichts Süßes und Niedliches entdecken bei einer solchen Stereotypenparty. Und wenn Kinder Spaß dabei haben Rassismen zu reproduzieren, dann wissen sie es nicht besser, aber diesen Spaß darf ihnen niemand erst beibringen. Genau darin liegt das Problem: Es wird lustvoll, spaßig, lachend Rassismus gelehrt. Kein Problem Schlitzaugen zu ziehen, kein Problem, zu ethnisieren, kein Problem andere Dumm z machen. Macht doch Spaß: „Schlitzaugen“ – lustig – guck mal, und komisch sprechen tun die ja auch, wissen wir ja aus „Drei Chinesen mit’nem Kontrabass“.
Das harmlose Daherkommen eines scheinbar sinnfreien Textes verankert eben doch auch seine Botschaften.
Von einem Erstklässler angesprochen, dass „Eskimo“ „Rohfleischfresser“ bedeute und die so bezeichneten Menschen beleidigt, er also nicht „Eskimo“ singen möchte, meinte ein Musiklehrerin, dass wisse sie es heiße Inuit, der Text gehe aber so und so wird er gesungen. Von PädagogInnen an den Schulen, die das Lied seit Jahren singen ist also nicht zu erwarten. Vielleicht sollten Eltern –u.a.- die keinen Bock darauf mal in der Schule nachfragen.

Denn die Schule übernimmt keine Verantwortung für den Durchgang.

evtl.

Ina Colada – Alle Kinder Lernen Lesen (Video)