Gestern im Gängeviertel

Gestern im Gängeviertel ging’s um den Knochen. Blau war die Farbe des Wochenendes. Überall kündigten Plakate den Recht-auf-Stadt-Kongress an, der vom 2.-5. Juni an verschiedenen Orten in Hamburg stattfand. Um die 600 Kongressteilnehmende tummeln sich in der Stadt. In der Loge diskutieren rund 30 Leute, wie das Internet für die Mobilisierung von städtischen Protest genutzt werden kann. Gleich nebenan fasst der Raum nicht alle, die über Armut und Verdrängung reden wollten. Macht nix, denn noch mehr Menschen sitzen eh in den Gängen vor den Häusern und der Kongress verlässt die Räume und entert die Straße.

Ein Teppich aus Stimmen, auch mal Englisch, Niederländisch oder ’ne Prise Switzerdütsch. Ich lasse mich treiben, bleibe mal hier und mal da hängen. Stundenlang. „Warst du auf Workshop zu Ägypten?“ „Die Barkassenfahrt zur Umstrukturierung des Hafens war der Hammer.“ „Meine Füße tun weh vom ganzen Rumlaufen.“ … In der Jupi Bar läuft auf einem der sechs Bildschirme ein Dokumentarfilm über Obdachlose in Japan. Eine ungewöhnlich zusammengestellte Bilderflut in der liebevoll dekorierten Kneipe mit selbstgebastelten Bücherregalen und Spitzendeckchen-Kaffeeklatsch-Atmosphäre. Im Innenhof gibt es was Leckeres zu essen. Viele stehen Schlange ins Gespräch vertieft. Das Bier ist noch oder schon wieder warm.

Die Zeit zerfließt, ich zumindest hab kein Zeitgefühl. Die Beleuchtung wechselt von Sonnenlicht in Abenddämmerung. Die Open-Air-Abendveranstaltung über Aneignung und Besetzung verpasse ich. Eine Häuserwand aus Pink/Blau/Grün/Gelb – in extrem schmalen Streifen aufgetragen – knallt mir ins Auge. Laternenlicht aus unzähligen Quellen spiegelt sich in dem glatt gebügelten Gebäude gegenüber. Fassade trifft auf Gegen-Fassade.

Gekonntes Chaos und das Talent, eine Summe von Möglichkeiten zu ermöglichen: das Gängeviertel kurz vorm zweijährigen Geburtstag. Der Kampf um städtische Räume lohnt sich. Mehr davon – in Hamburg und überall!