Genossenschaft Karolinenviertel wird gegründet

am 30.06 um 19 Uhr im Centro Sociale, das gerade seinen dreijährigen Geburtstag feiert. Was für ein passender Ort für eine weitere Genossenschaftsgründung im Viertel. Sozusagen ein Mutterschiff.

(einer der unterschiede zwischen blog und zeitschrift ist ja
die veränderbarkeit des produktes nach der veröffentlichung.ihr findet nun
den unten stehenden teil des artikels farbig ergänzt.in den neu hinzugefügten teilen,
werden anregungen aus den kommentaren aufgenommen)

Dass wir diese Genossenschaftsidee so toll finden, liegt unter anderem an der momentanen lefebvre lektüre „Kritik des Alltagslebens Bd1″ wo es heißt, das sich Politik und Wissenschaft am Alltag, an der Verbesserung der Lebensqualität jedes einzelnen beweisen müssen. Die momentane Hamburger Politik beweist sich im Wesentlichen in einer Verschlechterung. StudentInnen zahlen Gebühren für ihr überfülltes und gestresstes Bachelor- und Masterstudium, Wohnungen werden immer teurer, Obdachlose aus den innenstadtnahen Bereichen verdrängt (siehe Brücken beim Bismarckdenkmal) schreckliche Tanzende Türme werden eher gebaut als mehr Wohnraum, der Büroleerstand schreit zum Himmel und so weiter und so fort. Durch die Erhöhung der Grundstückspreise, wo die Stadt durchaus eingreifen könnte, weil sie mit der SAGA einen der größten Immobilienverwalter Hamburgs besitzt und über Mietpreissenkungen zügig eingreifen könnte, verödet nicht zu letzt die Gewerbelandschaft der Stadt. In allen bisher aufgewerteten Stadtteilen (Von Eppendorf und Winterhude bis nach Ottensen und Schanze) sind inhabergeführte Geschäfte mit Nischenprodukten oder erschwinglichen Produkten des täglichen Lebens kaum mehr zu finden. Such mal nach nem Laden in dem du einen Nagel kaufen kannst oder Gummiband. Such mal nach Läden voller Krimskrams oder nach Bäckern, die nicht zu einer Kette gehören. Beklagt man dieses Moment so bekommt man häufig zu hören „So ist nun mal der natürliche Gang der Dinge im Kapitalismus“. Aber der Kapitalismus ist weder „natürlich“ noch eine Einbahnstr,Wir haben aber nicht das Gefühl im „Kapitalismus“ zu wohnen, sondern in einer Demokratie und die ist nun mal nicht „natürlich“ sondern eine gesellschaftliche Übereinkunft zum Wohle aller. . Nun stellt sich die Frage, wo die Möglichkeit der Einzelnen ist, sich innerhalb dieser Übereinkunft so zu bewegen, dass sie selbst ihr und möglichst auch das Leben von vielen anderen zum Besseren wenden können.

Und hier kommt dann noch eine Überlegung Adornos zu dieser Form des menschlichen Miteinanders auf einem nationalen ( und nein, wir mögen nation nicht, sondern nehmen sie hier nur als die derzeit gegeben form) Territorium zu unserer Begeisterung hinzu: Adorno sagt in seinem Aufsatz „Erziehung zur Mündigkeit“ : Nimmt man dann noch Adornos Idee aus dem „Erziehung zur Mündigkeit“-Aufsatz hinzu mit dem DiktumGrundgedanken, dass eine Demokratie des mündigen, kritischen und auch tätigen Bürgers bedarf also der demokratischen Subjekte und genau den Versuch einer Gruppe als solche zu agieren sehen wir in den derzeitigen Bestrebungen eine Genossenschaft fürs Karolinviertel zu gründen.

Von hier aus, also vom mündigen Bürger stellt sich noch die Frage, warum gerade jetzt in so vielen Städten ähnliche Prozesse zu beobachten sind und das führt uns wieder zu Lefebvre und fügt dann wieder einen Schuß Lefebvre auswo er in der der „Revolution der Städte“ hinzu, in der er beobachtet, dass im Zuge der Automatisierung von Produktionsweisen industrielle Arbeitsstätten nicht mehr das Gesicht der Gesellschaft prägen sondern dass die Stadt als Ort zum Gelderwerb (Kreativindustrien, Tourismus, Banking) immer wichtiger wird, dann wird offensichtlich, dass sich der Ort statt verändert und das es Zeit wird, nicht nur Subjekt der Veränderungen zu sein, sonder diese handeln mitzugestalten, als mündige Subjekte, als kritische Wesen. Für uns bedeutet das in Bezug auf die Genossenschaft dann ergibt sich eine Gemengenlage, die uns so etwas sagen lässt wie:
Diese Genossenschaftsgründung ist eine demokratische Idee, denn es geht darum tatsächliche Mitsprache an der existenziellen Grundlage des Alltagslebens, dem Wohnen zu ermöglichen. Jeder Genosse soll in die Lage versetzt werden über Miethöhen und Belegungsoptionen demokratisch mit seiner Stimme mitentscheiden zu können.

Also Demokratie auf einem überschaubaren Terrain mit der möglichkeit über Wahlen, Meinungsäußerungen und Kampagnen tatsächlich über sein eigenes Leben mitentscheiden zu können. Denn ganz mit dem was die spanischen Empörten gerade ausrufen, können wir auch behaupten, dass wir uns durch die derzeitigen demokratischen Institutionen weder vertreten noch überhaupt gesehen fühlen.

Interessanter weise gibt es auf Deutsch noch nicht mal einen Begriff für den mündigen Bürger der Stadt. Auf Englisch wäre es Citizen auf Französisch Citoyen und auf deutsch bleibt einem nur ein einschränkendes Vokabular also Bewohner (Wohnen nur) oder Bevölkerung (hat viel mit der biologischen Position im geografischen Raum zu tun) oder Städter (ist da halt irgendwie). Wir hätten gerne Städter die das Recht haben über ihr Leben mitzuentscheiden, egal woher sie irgendwann gekommen sind, wohin sie gehen werden und wieviel sozialen Status sie zugeschrieben bekommen. Städtoyens also oder CitzerInnen.

Also Städtoyens: Genossenschaften wiederentdecken und los gehts zur Gründung.


7 Antworten auf „Genossenschaft Karolinenviertel wird gegründet“


  1. 1 cypherpunk 19. Juni 2011 um 17:59 Uhr

    mmmh irriterend. les ja viel hier, aber das liest sich bischen wien crudes küchenrezept. bischen lefebvre bischen adorno und fettich ist das genossenschaft demokratie süppchen. ganz so billig is das nu doch nicht, oder? Das ihr (was meint ihr eigentlich mit „wir“?) das ihr das wörtchen „demokratie“ benutzt irritiert zusätzlich, also ich mein, wenn man schon lefebvre als grundlage zitiert. Hat in der aktuellen sprachlichen und politischen ausprägung des begriffs „demokratie“ doch eher nen g’schmäckle, oder? Also sowohl in die eine als andere richtung.
    Und nen diktum aus den texten zweier einzelner abzuleiten? Issas nich nen bischen zuviel unterwurf?
    Aber was andres, natürlich gibts auf deutsch nen wort, ist „städter/bürger(in der urspr. Bed.)/stadtbürger (oder moderner)“ means citizen, qui veut dire citoyen.

    meine lieben, ich les den text jetzt das dritte mal. erst dachte ich mmmh, positver kommentar, gefällt mir. Aber irgendwas stimmt da gar nicht. Beim zweiten mal, dachte ich, nee mit der einleitung der begründungskette – das schwurbelt so gemengelagig, das muss andersherum gemeint sein.
    ich les gern hier bei euch. aber schlau werde ich aus dem jetzt so gar nicht. drückt euch, oder du vielleicht besser, doch klar und konkret aus, wenn ihr sagen wollte dass ihr die idee mit der karo genossenschaft scheisse findet. besser anstatt so hintenrum. würde gern wissen warum.

    viele beste grüße, einer nicht aus der karo aber mit freund/innen da

  2. 2 kabelsalat 20. Juni 2011 um 3:33 Uhr

    Da muss ich widersprechen: Den Begriff der „Demokratie“ zu bemühen im Zusammenhang mit Lefebvre scheint mir nicht so weit hergeholt und nicht so unsinnig, wie es dir scheint und du schreibst. Denn: Jemand (hier: Lefebvre), der sich über Utopien als lebbare Zukunft Gedanken gemacht hat – und dabei mehr über Visionen denn über Utopien – hat vielleicht ja schon selber einen anderen und viel weiteren Demokratiebegriff als der, der derzeitig kursiert und praktiziert wird. (Seit wann nehmen wir die Begriffe, wie sie derzeit gebraucht werden, als einzig richtig verwendete wahr? Wieso nicht wieder einmal damit beginnen, Begriffe umzudefinieren? Wer hat die Definitions- und Sprechmacht? Was spricht denn gegen Demokratie, zumindest wenn sie weiter als damals die männerzentrierte Polis gefasst wird? Ich finde diese „Gemengelage“ zwischen Karoviertel, Lefebvre, Adorno und Genossenschaft ganz passend – in Begrifflichkeit und Haptik. Zum Thema Theorie und Alltag, bzw. konkreter: Philosophie und Alltag hat Lefebvre angemerkt, dass z.B. die Philosophie nur dann einen Sinn als Wissenschaft erfüllt, wenn sie einen Bezug zum Alltagsleben besitzt und herstellen kann. Ohne dies bliebe Theorie hohl und habe keinen Zweck, den sie erfülle. Raum selber produzieren, definieren, umgestalten, Stadt selber erschaffen, umdeuten, sich zu eigen machen, sich zunutze machen – da kann ja doch auch im Rahmen einer MieterInnengenossenschaft sein, deren Anliegen es ist, den Alltag im Viertel weiter gemeinsam wie nebeneinander zu gestalten. Ein passendes Anliegen. Und, um die Minima Moralia einmal zu zitieren: „Die emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre kein Einheitsstaat, sondern die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen“. Das finde ich eigentlich einen ganz hübschen Leitspruch für so etwas wie eine MieterInnengenossenschaft. Oder auch für so etwas wie „Was ist eigentlich die Politik, die wir wollen (und machen wollen)?
    Viel Erfolg, Emanzipation.

  3. 3 Administrator 21. Juni 2011 um 17:08 Uhr

    @cypherpunk: danke für die anregungen. allerdings möchten wir gegen deinen despektierlichen gebrauch des kochrezeptvergleichs einwand erheben. wir begreifen das eigentlich als kompliment. kochrezepte sind algorythmen, sie machen, dass etwas a) funktioniert und b) von den allermeisten menschen nachgemacht werden kann c) machen sie aus einer existenziellen versorungsleistung ein kulturprodukt, sie produzieren soziales. also ist es ganz im sinne des alltagslebens theorie kochrezepteartig zu verbraten, zu panieren, garniern, panchieren, blanchieren, mehliern, rotieren und goutieren.

  4. 4 Golem 23. Juni 2011 um 1:43 Uhr

    Viel Glück bei der Genossenschaft!
    Ich möcht mein Wohnen auch lieber so in einer Genossenschaft versuchen als beim privaten Vermieter.

    Aber Genossenschaft ist ja nix per se Geweihtes. Ich hab schon recht eindrücklich erzählt bekommen, wie HausgenossInnen beschlossen, dass jemand nicht miteinziehen durfte, weil er angeblich psychisch krank und unberechenbar sei. Super, Menschen als Sicherheitsrisiken definieren geht überall und von allen, ich muss nur Verhältnisse einführen, in denen unterschieden und bewertet und mit Konsequenzen ebenso gehandelt wird.

    Die Wahrheit ist halt konkret. (Sagt J.)

    Was mir zu schaffen macht:
    Bin ich dazu in die Stadt gekommen: Um hier nun wieder dieses UNSER DORF SOLL SCHÖNER WERDEN Ding zu erleben? Politik wird zu Parteipolitik geschrumpft und wenn alle dann doch selbst bestimmen dürfen ist es … ja … was eigentlich? Gut? Ein beliebtes Wohnviertel? Eine attraktivere Stadt im Wettbewerb der Metropolregionen?

    Keine Ahnung, was Adorno und Lefebvre dazu sagen, die sind ja tot. Der olle Marx auch, obwohl ich dessen Theorie, dass Demokratie und Kapitalismus zusammenhängen nicht so abwegig finde, wenn ich mein gelebte Erfahrung anschau.
    Macht nix, ich find Ausprobieren bei Genossenschaften gut. Daumen hoch!
    Aber bloss nicht vom Erfolgsdruck quetschen lassen, dass damit die Welt zu retten sei. Demokratischer Kuchen für Alle ist was Anderes als den ganzen FoodMulti samt Branding in die Finger zu bekommen. Gut, aber wenn es auch kein wahres Leben im Falschen gibt, warum dann nicht zwischendrin wenigstens ein Stück Mohnkuchen?

  5. 5 Administrator 23. Juni 2011 um 9:31 Uhr

    Die Welt zu retten ist, glaube ich nicht der anspruch, und auch nicht das schönere dorf. das gibt es im karolinenviertel ja schon, dank der sanften stadtentwicklung. eher geht es darum, das tatsächlich auch mal arme leute weiter in der innenstadt wohnen können. also ich meine, guck dir doch das bei den esso-häusern an. oder das bernhardt-nocht-quartier, oder in den nicht ganz innenstadtnahen bereichen barmbek gerade das hebebrand-gelände, der umbau von altona, wilhelmsburg und so weiter und so fort.überall wo es lebbarer wird müssen die armen verschwinden.

    wenn es darum geht, das karo-viertel als das zu erhalten, was es ist, dann ist es definitiv auch ein „durchzugs“-viertel. ein viertel in dem seit jahren viel bewegung ist und das soll so bleiben. also ganz das gegenteil von dorf. dörflich wird es unseres erachtens, wenn erst mal die townhäuser kommen und leute sich einrichten um auf jeden fall zu bleiben, in dem bewusstsein, dass ihnen das alles gehört.

    wer ist denn eigentlich j?

    und natürlich sind genossenschaften und ihre abarten nicht der weisheit letzter schluss (neue heimat, coop und was es nicht alles gab) aber ein viertel in der momentanen hamburger situation, in der selbst die makler über zu wenig wohnraum, der zur freien verfügung steht jammern, aus dem immobilienaufwertungsspiralenzentrum zu rücken, scheint uns ein guter plan.

    politik zeigt sich in der praxis und die muss man mal wieder wagen. wir finden es geht darum mit der genossenschaft eine institution zu schaffen, vor der man dann demonstrieren kann, mit dem wissen, dass das sinn macht.

    und zum gebrauch von namen wie adorno oder lefevbre, was spricht eigentlich dagegen, wenn man auch als nicht-akademiker, sich von leuten inspirieren lässt, die schon mal eine meinung zu einem thema in die welt gestellt haben, an dem man gerade rumdenkt? und wenn man dann noch anderen leuten quasi eine leseempfehlung gibt, weil man den gesprächsbeitrag diese leute schätzt? und warum sollte man stets und ständig so tun, als hätte man jeden guten gedanken selbst erfunden? wir weigern uns a) die quellen nicht zu nennen, wenn wir uns ihrer bewusst sind und b) strengen schulen ala „adorno geht nicht mit lefvebre wegen früher“ zu folgen. das nervt ungeheuerlich. wir halten es da mit der band redskins „take no heros only inspirations“

  6. 6 Amen 16. Juni 2012 um 20:35 Uhr

    Lustig! Vor meinem Haus feiert die „Genossenschaft Karolinenviertel“ ein interkulturelles Fest und es sind nur deutsche Gutmenschen da.

    Besonders interessant, da laut Wikipedia „mittlerweile eine multikulturelle Mischung aus Zuwanderern, Einheimischen, Mode- und Designgeschäften und Szene-Läden“ hier angesiedelt ist.

    Die Musikbeschallung ist auch „multikulturell“ und besteht zu 100% aus SKA und Punkrock, so dass türkische und andere Familien schön früh das Weite gesucht haben.
    Eigentlich ist es das erste Deutschlandfest welches ich erlebe.

  1. 1 CENTRO SOCIALE » Blog Archive » Heute und die nächsten Tage Pingback am 24. Juni 2011 um 13:48 Uhr
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