Archiv für November 2011

medien aktivismus

bauwagenplatz zomia erklärt die lage der dinge

Wagengruppe Zomia, 22. November – Gegenstandpunkt zur aktuellen Veröffentlichungen der SPD Hamburg

Die Wagengruppe Zomia hat mit Erstaunen und Empörung die gestrige Pressemitteilung der SPD wahrgenommen – entgegen der Behauptung konstruktiver Gespräch wird hier eine mediale Diffamierung begonnen. Das Ziel ist durchsichtig: Solidarität und Unterstützung sollen vorbereitend für eine Räumung entzogen werden. Dazu ist das Argument der überheblichen, anspruchsvollen WagenbewohnerInnen, die immer neuen Forderungen stellen, gar nicht dumm.

Dem entgegnen wir: Zomia ist und war immer bereit, umzuziehen, wenn das grundlegende Bedürfnis erfüllt ist. Dieses ist nach wie vor eine langfristig geeignete Fläche für das Projekt. Das Problem, einen Wagenplatz in Hamburg-Mitte zuzulassen, ist kein juristisches, sondern ein Politisches. Selbst das heftig umstrittene Hamburger Wagengesetz lässt die Duldung von Wagenplätzen bis zu fünf Jahren zu. Bis heute gibt es keine pragmatischen Gründe, dass Zomia nach Altona umziehen sollte. Der Anschein, dass die Altonaer SPD dazu verdonnert wurde, mit schnellen Willkommensgrüßen Markus Schreiber in Mitte den Rücken freizuhalten, wird immer durchsichtiger: Statt in Ruhe abzuwarten, bis die konstruktiven Gespräche abgeschlossen sind und einem Umzug nichts im Wege steht, wird nun eine halbfertige Lösung zum golden Kalb erklärt und die Wagengruppe als störrischer Esel dargestellt. Andy Gote und Sören Schumacher sprechen von einem halben Dutzend Plätzen, die Zomia bereits abgelehnt hätte. Sie haben sich verzählt. Und verschweigen dabei auch noch gern, dass unter den „Angeboten“ solche Unverschämtheiten wie „alternative Standorte“ unter einer Schnellstraßen-Brücke, unter einer 380.000Volt Hochspannungsleitung oder auch direkt neben der Landebahn am Flughafenzaun waren.

Nun die neue Wendung: In Altona sollen wir auf eine „Zwischenlösung“, von der sich jedoch Politik und Wagengruppe schon im Vorfeld einig waren, dass die Fläche ungeeignet ist. Anschließend werde eine von Zomia akzeptierte langfristige Alternative gesucht und gefunden. Wie sollen wir jedoch davon ausgehen, dass uns die selben Szenarien wie jene der vergangenen Monate nicht in kurzer Zeit in Altona erneut passieren? Zomia ist absolut bereit für einen Umzug, denn auch wir haben kein Interesse an einer Eskalation. Wenn sich aber die verschiedenen Teile der SPD so offensichtlich die Bälle zuspielen, um Zomia dumm dastehen zu lassen, braucht es ein bißchen mehr als die vage Aussicht auf einen unbekannten Platz, um Vertrauen in eine langfristige Lösung zu entwickeln.

Warum kann Zomia nicht in Wilhelmsburg bleiben, bis ein fester Platz in Altona zugesagt werden kann? Weil Schreiber so lange nicht mehr zurükgehalten werden kann – beziehungsweise soll? Warum soll er das nicht und warum gilt laut Senat das Umzugsangebot nicht mehr nach einer Räumung? Weil eigentlich Zomia unter Druckt gesetzt werden soll, damit Schreiber sein Gesicht nicht verliert?

Doch es geht seit Jahren um mehr, als dass einzelne Politiker_innen ihr Gesicht verlieren könnten. Es geht um verfehlte Stadtpolitik in Hamburg! Damit ist Zomia ein Symptom von Vielen. Aus diesem Blickwinkel ist es fast beliebig, ob es um die Sexarbeiter_innen in St. Georg, die Wohnungslosen in St. Pauli, die Privatisierung des Bahnhofsvorplatzes oder den Abriss der Essohäuser geht. Derzeit brodelt es wieder an vielen verschiedenen Konfliktfeldern in der Stadt – mit Zomia soll einer beseitigt werden. Damit wird den Wohnungsuchenden in Hamburg eins immer schwerer vermittelbar: Das ihnen noch 15 Wohnungssuchende mehr hinzugefügt werden sollen – nur um das Ego eines einzelnen Machtpolitikers zu befriedigen. Das vor dem Hintergrund, dass schon jetzt absehbar ist, dass die SPD ihre vollmundigen Versprechen zum Wohnungsbau nicht halten wird. Wenn die Politik schon nicht in der Lage ist, eines der größten Probleme dieser Stadt zu lösen, warum legt sie dann auch noch denen, die sich alternative Lösungen suchen, Steine in den Weg?

Wir sind gerne bereit konstruktive Gespräche mit dem Bezirk Altona zu führen und eine gemeinsame Lösung zu finden. Dafür muss die SPD nur eins tun: Den von ihr geschaffenen künstlichen „Sachzwang“ auflösen und zeigen, dass sie ein ehrliches Interesse an einer einvernehmlichen Lösung hat!

Doch wir wollen den Blick über den eigenen Tellerrand nicht vergessen, es geht in dieser Auseinandersetzung um mehr als das alternative Wohnen auf einem Wagenplatz. Es geht darum, Alternativen zu schaffen; uns nicht einfach wie es der Politik gefällt hin und her schieben zu lassen, der Vertreibung aus den Bezirken entgegen zu stehen, zu zeigen: Es geht auch anders! Es geht hier um unser Recht auf Stadt! Überall werden Menschen immer prekäreren Lebensbedingungen ausgesetzt. Die Bedrohung fängt bei Wohnraum an, geht hin zum Arbeitsplatz, zur Freitzeitgestaltung und bleibt stehen bei den Lebensmittelausgaben. Durch die Prekarisierung von Wohnungs- und Arbeitsplatz werden immer mehr Existenzen kaputt gemacht. Die Vertreibung der Armen aus den Stadtteilen wird vorangetrieben. Wir sind angetreten, dem eine Alternative entgegen zu setzen. Ja, wir haben schon eine Wohnung! Was wir brauchen ist eine Fläche, auf der wir stehen können! Auch die haben wir und bis heute sprechen keine pragmatischen Gründe dafür, diese zu verlassen. Wir haben wie alle anderen Menschen dieser Stadt das Recht auf Wohnraum. Dieses Recht wird nicht erteilt, es gehört allen – unabhängig von sozialer oder nationaler Zugehörigkeit! Wenn wir uns das Recht auf Stadt nehmen, verändert sich nicht nur die Stadt: Es verändern sich unsere Bezugspunkte, Beziehungen und Begegnungen. Die Stadt gehört allen!

Nem tetszik a rendszer – I don‘t like the system

Schanze, 1980

schanze_1980

„Es gab ein paar wirklich gute Gründe, hier zu wohnen“, schreibt Thomas Henning im jüngst erschienenen Fotoband „Schanze, 1980″ (Junius Verlag, 2011). Es sind vermutlich unzählige Fotos, die er, der seine fotografischen Vorbilder bei den amerikanischen Fotografen der 1950er und 1960er Jahre hat, seit den 1970er Jahren in verschiedenen Ecken Hamburgs gemacht hat.

„Schanze, 1980″ versammelt nun eine Auswahl dieser damals noch als Kodachrome-Dias entwickelten Schnappschüsse in Form eines im Nachhinein konstruierten Spaziergangs durch das Schanzenviertel, welcher wunderbar anzuschauen ist und dabei auf angenehme Art nicht moderiert wird: Neben einer kurzen Einleitung zum Buch werden die einzelnen Bilder lediglich von Straßennamen ergänzt – weitere Erläuterungen gibt es nicht. Auch verzichten Henning (und der Verlag) zum Glück (und vermutlich gewollt) darauf, mit dem Buch einen Beitrag zur aktuellen Gentrifizierungsdebatte leisten zu wollen – à la „früher war das hier alles noch bunt und unberührt“.

Das, was er in seinen Schnappschüssen festhalten wollte, nennt Henning die „Exotik des Alltags“. Nachdem er mir bei einem Kaffee die damals noch gänzlich andere Gewerbestruktur und das Leben im Quartier beschrieben hat („Es gab Kneipen, die nur Zimmer waren, in denen die Astra-Kisten gestapelt waren: Zwei Stapel – einer für die leeren, einer für die vollen. Mehr war da nicht drin. So traf man sich halt – das war schon schräg.“), kommt Henning darauf zu sprechen, wie es zu den Fotos im Schanzenviertel gekommen ist: „Ich habe schon damals im Viertel gelebt, und meine Freundin hatte einen Hund, mit dem ich immer rausgehen musste. Manchmal bin ich ‚zigmal an einer Stelle vorbeigekommen, ohne sie zu fotografieren. Und eines Tages war dann der Moment für das Foto da. Auf den habe ich nie bewusst gewartet, sondern ich lief zufällig dort entlang.“ Anders als heute konnte man 1980 noch nicht sofort sehen, ob der Schnappschuss ein guter geworden war. Es dauerte eine ganze Woche, bis die entwickelten Dias zurückkamen – mit oftmals überrauschenden Ergebnissen.

Henning schweift mit einem distanzierten Blick durchs Viertel – eine Distanz, die nahezu an Tristesse grenzt und die die Situationen, die er ablichtet, in keinster Weise zu schönen versucht: „Ich habe nicht gewartet, dass ein Sonnenstrahl in die Szene hineinfällt und die Situation dramatisch macht oder so. Es sind ganz normale, mehr oder weniger graue Tage, an denen ich fotografiert habe. Und: Es war so leer, wie es auf den Bildern aussieht. Es ist genau so gewesen.“

Auch an den fast nachkoloriert wirkenden Motiven zeigen sich Hennings bewusste Referenzen zu seinen amerikanischen Fotografen-Vorbildern: „Bilder wie das Coverfoto, die Fassade der Roten Flora, in der damals noch ‚1000 Töpfe‘ war, sind entstanden, weil ich versucht habe, wenigstens ein bisschen amerikanisches Großstadtflair in die damals noch sehr leere Stadt zu bringen.“
Das hat er geschafft.

Thomas Henning
Schanze, 1980
Junius Verlag 2011

hamburg: kein rathauschlüßel für aktikarnevalisten

Annette Wehrmann Luftschlangentexte. CD-Release

Gängeviertel bietet dem Bauwagenplatz Zomia Unterstützung an

und positioniert sich damit auch nach Vertragsabschluss auf der stadtplanungvonobenkritischen Seite. Wir freuen uns also hiermit die solidarische Erklärung des Gängeviertels darstellen zu können:

Der einsame Cowboy

Mit dem Räumungsbescheid gegen den Wagenplatz Zomia setzt Bezirksamtschef Schreiber eine lange Reihe von erfolglosen und teils absurden Auseinandersetzungen fort. Es scheint als hätte er sich in seiner Rolle als „harter Hund“, den aber im Prinzip niemand will und braucht, verrannt.

Doch gibt er nicht auf. Verbissen verfolgt er ein aberwitziges Projekt nach dem anderen. Seien es nun der Zaun gegen die Obdachlosen in St. Pauli, die Trinker am Bahnhof oder die Kleingärtner in Wilhelmsburg. Diesmal soll also mal wieder der Wagenplatz Zomia dran glauben. Ein
Räumungsbescheid zum 3. November wurde gegen die kleine Gemeinschaft erwirkt. Das es für diesen keine sachlichen Argumente gibt scheint irrelevant. Hauptsache es herrscht Ruhe und Ordnung im kleinen Königreich.

Markus Schreiber mag seinen Sheriffstern mit Stolz tragen aber der Bezirk Mitte ist nicht der Wilde Westen und „Law and Order“ schon lange
nicht mehr angesagt. Stattdessen ist Stadtentwicklung in Kooperation möglich und nötig. Der Senat hat bereits bewiesen, dass er dazu eigentlich in der Lage ist. Wir fordern die BSU daher dazu auf die Räumung zu stoppen und Zomia auf seinem Zuhause stehen zu lassen. Der völlig veraltete Bebauungsplan muss gekippt werden, denn seien wir mal ehrlich, industrielle und gewerbliche Nutzungen sind hier aus verschiedensten Gründen hinfällig.

Warum in einer Stadt in der Tausende von Wohnungen fehlen nicht schon lange über die Vorteile der vernünftigen und logischen Alternative des Wagenlebens gesprochen wird, lässt sich wohl nur mit der Engstirnigkeit einiger politischer Entscheidungsträger erklären. Für eine Stadt die sich selbst gern als weltoffen, liberal und kreativ darstellt kann es doch nicht so schwierig sein die Menschen so leben zu lassen wie sie möchten, oder doch?

Sollte Senatorin Blankau aus unerfindlichen Gründen doch vor den Allmachtsfantasien ihres Parteikollegen einknicken werden wir nicht untätig zusehen. Für uns ist es absolut nicht einzusehen, dass es nötig sein soll mitten im Winter 15 Menschen aus ihrem Zuhause zu vertreiben, um die Profilierungssucht eines Einzelnen zu bedienen. Daher werden wir im Falle einer Räumung unseren Platz für Zomia öffnen, um ein für alle mal klarzumachen, dass Vertreibung aber auch gar nichts mit Problemlösung zu tun hat. Die nächste Runde heißt dann einfach:

Zomia goes Gängeviertel!

Gängeviertel, 05.11.2011

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zomia

access all areas

angela davis zu occupy wallstreet

zomia demo am 5.ten 11,

bambule-film am jungefernstieg gucken

kann man heute (also dienstag 1november) abend ab 20.00 machen. die bauwagenplatzlerInnen von zomia laden ein und bitten darum sitzengelegenheiten selber mitzubringen.