Schanze, 1980

schanze_1980

„Es gab ein paar wirklich gute Gründe, hier zu wohnen“, schreibt Thomas Henning im jüngst erschienenen Fotoband „Schanze, 1980″ (Junius Verlag, 2011). Es sind vermutlich unzählige Fotos, die er, der seine fotografischen Vorbilder bei den amerikanischen Fotografen der 1950er und 1960er Jahre hat, seit den 1970er Jahren in verschiedenen Ecken Hamburgs gemacht hat.

„Schanze, 1980″ versammelt nun eine Auswahl dieser damals noch als Kodachrome-Dias entwickelten Schnappschüsse in Form eines im Nachhinein konstruierten Spaziergangs durch das Schanzenviertel, welcher wunderbar anzuschauen ist und dabei auf angenehme Art nicht moderiert wird: Neben einer kurzen Einleitung zum Buch werden die einzelnen Bilder lediglich von Straßennamen ergänzt – weitere Erläuterungen gibt es nicht. Auch verzichten Henning (und der Verlag) zum Glück (und vermutlich gewollt) darauf, mit dem Buch einen Beitrag zur aktuellen Gentrifizierungsdebatte leisten zu wollen – à la „früher war das hier alles noch bunt und unberührt“.

Das, was er in seinen Schnappschüssen festhalten wollte, nennt Henning die „Exotik des Alltags“. Nachdem er mir bei einem Kaffee die damals noch gänzlich andere Gewerbestruktur und das Leben im Quartier beschrieben hat („Es gab Kneipen, die nur Zimmer waren, in denen die Astra-Kisten gestapelt waren: Zwei Stapel – einer für die leeren, einer für die vollen. Mehr war da nicht drin. So traf man sich halt – das war schon schräg.“), kommt Henning darauf zu sprechen, wie es zu den Fotos im Schanzenviertel gekommen ist: „Ich habe schon damals im Viertel gelebt, und meine Freundin hatte einen Hund, mit dem ich immer rausgehen musste. Manchmal bin ich ‚zigmal an einer Stelle vorbeigekommen, ohne sie zu fotografieren. Und eines Tages war dann der Moment für das Foto da. Auf den habe ich nie bewusst gewartet, sondern ich lief zufällig dort entlang.“ Anders als heute konnte man 1980 noch nicht sofort sehen, ob der Schnappschuss ein guter geworden war. Es dauerte eine ganze Woche, bis die entwickelten Dias zurückkamen – mit oftmals überrauschenden Ergebnissen.

Henning schweift mit einem distanzierten Blick durchs Viertel – eine Distanz, die nahezu an Tristesse grenzt und die die Situationen, die er ablichtet, in keinster Weise zu schönen versucht: „Ich habe nicht gewartet, dass ein Sonnenstrahl in die Szene hineinfällt und die Situation dramatisch macht oder so. Es sind ganz normale, mehr oder weniger graue Tage, an denen ich fotografiert habe. Und: Es war so leer, wie es auf den Bildern aussieht. Es ist genau so gewesen.“

Auch an den fast nachkoloriert wirkenden Motiven zeigen sich Hennings bewusste Referenzen zu seinen amerikanischen Fotografen-Vorbildern: „Bilder wie das Coverfoto, die Fassade der Roten Flora, in der damals noch ‚1000 Töpfe‘ war, sind entstanden, weil ich versucht habe, wenigstens ein bisschen amerikanisches Großstadtflair in die damals noch sehr leere Stadt zu bringen.“
Das hat er geschafft.

Thomas Henning
Schanze, 1980
Junius Verlag 2011


1 Antwort auf „Schanze, 1980“


  1. 1 lale berber 26. November 2011 um 18:20 Uhr

    ich habe das buch fotoband schanze 1980 von einen freund bekommen,weil er mich darin erkannt hat.für mich war es dieses jahr das grösste ereignis in meinen leben.ich bin in den jahren in der schanze aufgewachsen und muss sagen es war der schönste abschnitt bis heute in mein leben.ich würde auch gerne wissen ob er noch mehr fotos vieleicht von uns hat.heute lebe ich am rande von hamburg,aber wenn ich in die schanze fahre erwacht in mir meine kindheit,das sorglose einfache leben.wir emfanden es dort nicht schäbig,dreckig oder alt auch nicht als ein einfacher arbeiterviertel für uns war es ein glückliches zusammen leben.heute wenn ich dort bin freue ich mich überall in den strassen meine kindheit zu sehen-aber all die menschen die damals dort lebten sind weggedrängt oder gegangen dafür neue

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