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hamburg solidemo für liebigstr.

nachdem am heutigen morgen die liebigstraße geräumt wurde, versammelten sich gegen acht uhr abends ca. 300-500 jahreszeitlich angemessen eingemummelte personen vor der roten flora und auf der gegenüberliegenden piazza. es war wenig polizeipräsenz zu sehen.

kaum hatte sich die demostration allerdings formiert bildete sich eine polizeikette um die nächstgelegene kreuzung schulterblatt/juliusstraße/bartelstraße abzuriegeln. signal für den start der demo war ein recht großes feuerwerk. mehrere raketen wurden gezündet. böller krachten, bengalos tauchten die event-meile in buntes licht. menschen die durch die polizeikette hindurch wollten, wurden von dieser masssiv zurückgedrängt, an den ärmel weggerissen. gegen die erste reihe der demonstration wurde mit schlagstöcken vorgegangen und immer wieder sah man handgreifliche polizisten, es dauerte mindestens eine viertelstunde bevor die demo losging. sprüche die skandiert wurden waren in etwa:
„miete verweigern, kündigung ins klo …. sowieso°
°ganz hamburg hasst die polizei“
„freiheit entsteht als kämpfende bewegung“

leider soll an dieser stelle berichtet werden, dass wir im dokumentationsinteresse die demo verloren haben. als wir uns im viertel umguckten um zu sehen, wie stark die polizeipräsenz ist zog die die demo wohl so schnell durch die strassen, das nichts mehr zusehen war, als wir nach 10 minuten wieder vor ort waren.

dann gingen wir den sirenen nach richtung st. pauli und traffen dort auf einige laufende grüppchen, die zum klang der sirenen mülltonnen auf die straße zogen und wahlplakate zerstörten.
jetzt am heimischen schreibtisch wieder angekommen, hört man aus den umliegenden straßen noch sirenen hektisch kreischen.

Annette Wehrmann, 1961-2010

Unsere Freundin und Kollegin, die Hamburger Künstlerin Annette Wehrmann, ist gestorben. Freunde fanden Annette am Donnerstag, den 20. Mai, in ihrer Wohnung im Karolinenviertel.

Wir sind erschüttert und traurig. Mit Annette verlieren wir nicht nur eine Freundin, sondern auch eine kompromisslose Künstlerin. Ihre Arbeit hat eine seltene existenzielle Tiefe und Radikalität. Unter Verwendung ephemerer und billiger Materialien hat Annette sich durchgängig großer Themen angenommen – der Markt, die Medien, Religion, Gehirne, das Denken, die Stadt, der Staat, die Sprache. Ein Werk, das sich von Beginn an mit der Welt anlegt: Sie baut utopische Architekturen — „UFOs“ — aus Klebeband; verspottet die Regeln der Schwerkraft mit wassergefüllten, stecknadel-bespickten Einkaufstüten; sie mauert Backsteine zu rollenden Kugeln und spielt damit Fußball; sie schafft ihre eigene Währung „DSB-Seifenbeton“ und geht damit einkaufen; eine Siebzigerjahreskulptur auf Hamburgs erstem privatisierten Platz, dem Fleetmarkt, direkt im Fluchtpunkt der von Albert Speer gezogenen Achse zur Alster platziert, umbaut sie mit einem Bretterverschlag — und richtet darin eine Flohmarktverwaltung ein; für die Bundesgartenschau 2001 in Potsdam transformiert sie einen sowjetischen Militärwachturm in einen barocken Spiegelpavillon; für die Skulpturenprojekte in Münster sperrt sie 2007 das beliebte Ufer, um dort eine anspielungsreiche Wellness-Baustelle einzurichten, das „Aaspa“, das auf selten verstandene Weise die Privatisierung des Glücks und des öffentlichen Raums mit einer Geschichte der utopischen Architektur und der Earth-Art verwebt.

Wir verlieren eine Gesprächspartnerin, die Erkenntnisse gleichermaßen aus Philosophie wie aus Schundlektüre ziehen konnte. Zahlreiche Kollegen und Kolleginnen wurden von Annettes Arbeiten inspiriert und beeinflusst, manche haben bei ihr geklaut. Sie schrieb Texte auf Luftschlangen, auf Smarties, machte Performances — eine dauerte zwei Wochen am Stück. Die Blumenrabatten, mit denen die bürgerliche Gesellschaft die Fallen tarnt, zu denen ihre Städte geworden sind, sprengte sie kurzerhand in die Luft. Die Fotos davon hängen heute im Ludwig Forum in Aachen. Eine Dialektik aus Zärtlichkeit und Brutalität, aus Poesie und Banalität, aus feiner Intelligenz und provozierender Dummheit, aus billigsten Materialien und majestätischer Geste durchzieht ihre Arbeit und ihr Leben.

In den letzten Jahren ging es ihr gesundheitlich immer schlechter, Annette war zerrissen von Krankheiten, die einhergingen mit Zwängen, Regelmäßigkeiten und Erschöpfungszuständen. Es wurde ihr immer schwerer, den Zumutungen des Alltags mit der von ihr als angemessen empfundenen Rigorosität zu begegnen, sich — mit schroffem Esprit und Humor — aus der Kunst heraus neu zu erfinden.

Annette wurde mitten aus den Vorbereitungen für eine Ausstellung des Essener Folkwangmuseums gerissen. Sie war erst 48 Jahre alt. Was für ein Verlust. Annette war — wie eine ihrer Serien hieß — auf der Suche nach den „Orten des Gegen“. Ob sie diesen Ort je für sich gefunden hat, wissen wir nicht. Aber sie hat einen solchen Ort für andere denkbar gemacht.

Hamburg, 1. Juni 2010

Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen von Annette