Beiträge von langstrasse

zürich quartiersrundgang

Sa, 29. Januar, 15.00
Helvetiaplatz, Zürich
QUARTIERRUNDGANG KREIS 4

Mit dem für Anfang Februar geplanten Abbruch des Tessinerkellers an der
Neufrankengasse würde der Gentrifizierung und der Gewinnmaximierung auf
dem Immobilienmarkt ein symbolträchtiges Gebäude im Kreis 4 zum Opfer
fallen. Es wäre nicht das Erste und nicht das Letzte. Auf einem
Streifzug durch das Quartier folgen wir den Spuren der sogenannten
«Aufwertung», die vor allem eine Verdrängung und Zerstörung der
gewachsenen Quartierstrukturen
bedeutet. Anhand bereits realisierter und zukünftiger Projekte soll
aufgezeigt werden, wie die Entscheide einiger Weniger den Kreis 4
verändern, wer die wichtigsten Immobilienbesitzer und Aufwertungsmotoren
und wer die Verlierer sind. Schlafen können wir morgen, heute geht es
um unser Quartier, unsere Wohnungen, Beizen, um unseren Lebens- und
Freiraum.

Organisiert wird der Rundgang von verschiedenen Gruppierungen im Kreis
4; im Anschluss gibt es an der Neufrankengasse Suppe, warme Getränke und
Musik

Hafencity in Basel

Basel bewegt sich, „Basel tickt anders“ (so der offizielle Tourismus-Werbeslogan). Geht es aber um Stadtentwicklungsvisionen, so ist auch die sozialdemokratisch regierte Stadt am Rhein nicht anders als alle anderen. Toll sind Hochhäuser, Landmarks, der Wissens-Campus der Novartis, das Hochhaus der Hoffmann-La Roche und Umstrukturierungsideen, die weltstädtisch anmuten, Gutverdienende anziehen sollen – und am Ende bloss umstrukturieren, wenigvermögende Menschen vertreiben, langweilig daherkommen und die Fehler anderer Städte wiederholen.

So auch die neueste Vision, veröffentlich diese Woche durch den Stadtbaumeister Basels. Es geht darum, dass die alten Rheinhäfen, über die ein grosser Teil des Güterimports in die Schweiz abgewickelt wird, umgelagert werden an einen neuen Ort – und dadurch als Brachflächen in Zentrumsnähe in der dichtbebauten Stadt ohne Landreserven tout à coup hochinteressant werden – als Spielwiese der feuchten stadtentwicklerischen Visionen…

lest selbst (ich verweise ausserdem nochmals hierauf, publiziert vor längerer zeit: www.metrobasel.ch): Manhattan mitten in Basel

selbstverständlich ist das umliegende Hafenquartier im Moment noch eines derjenigen Quartiere, die gemeinhin als „populär“ oder „günstig“ bezeichnet werden…

Kreativwirtschaft als Zürcher Standortfaktor

von einer guten Freundin bin ich auf folgende Veranstaltung aufmerksam gemacht worden, in der sich die „Kreativwirtschaft“ Zürichs selber abfeiert und organisieren soll, um angesichts „der städtebaulichen Entwicklungen der nächsten Jahre“ gewappnet zu sein gegen ihre eigene Vertreibung. Siehe genauer auch hier.

Auf der Einstiegsseite wird das Langstrassenquartier – eine der Gegenden Zürichs, aus der die Leute grad reihenweise rausfliegen, weil sie die sanierten Wohnungen sich nicht mehr leisten können – so beschrieben:

„Ein Design- und Mode-Wochenende rund um die Langstrasse

E ntlang der Langstrasse, schlägt das Herz von Zürich, der kreative Schrittmacher für Gestaltungsfreude, Ideenreichtum und Originalität. Hier wird eine bunte Kultur gepflegt, in einem Stadtviertel, das sich grossstädtisch gibt und dennoch seinen eigenwilligen Charakter und das typische Lokalkolorit bewahrt. Hier befinden sich auch einige der spannendsten und aufregendsten Läden. Ihr Auftritt, ihr Stil, ihre Vorschläge sind so anders als das, was wir von den Angeboten der Innenstädte und der Einkaufszentren kennen. Mit dem Kreislauf 4 + 5 machen über 80 Läden und Ateliers aus dem Langstrassenviertel gemeinsam auf sich aufmerksam.

Sie sind herzlich eingeladen, Zürichs eigenwilliges Kreativquartier kennen zu lernen: am Wochenende vom 8. und 9. Mai, von 11 bis 18 Uhr (mit Sonntagsverkauf).“

Fuck you!

zürich: kultursquat „kalkbreite“ zu ende – haus leer und zerstört

der kultursquat kalkbreite im zürcher kreis 4 ist geschichte. nachdem die benutzerInnen und bewohnerInnen das haus bereits ende letzter woche definitiv verlassen haben, hat die polizei trotzdem noch mit sonderkommando geräumt: „wir wussten nicht, was uns erwartet.“

der zürcher „tages-anzeiger“ erzählt davon, mit einer bildstrecke, hier:

an die stelle der besetzung soll bis 2013 eine wohnüberbauung der genossenschaft kalkbreite entstehen, mit im erdgeschoss integriertem tramdepot. genaueres hier:

und hier in der neuen zürcher zeitung gibts dazu auch aktuelle infos:

leider ist die „kalki“ nicht der einzige squat mit grösserer ausstrahlung, der dieses jahr in zürich zu ende gehen wird. auch den besetzten binz-hallen droht spätestens mitte jahr das ende, weil stadt und kanton zürich nicht bereit sind, mit den benutzerInnen und bewohnerInnen eine vernünftige lösung zu finden (siehe hier) .

„Allein machen sie dich ein“

Mitte März erscheint eine 8-teilige Film-DVD-Box über die Häuserbewegung in Zürich zwischen 1979-1994… zusammengestellt und organisiert von einem Aktivisten in sechsjähriger Arbeit, die jetzt endlich zu einem Abschluss kommt.
Diese Dokumentation schöpft aus dem Fundus des ehemaligen Infoladens für Häuserkampf, Privatarchiven und vielen weiteren Quellen und erzählt die Geschichte der Zürcher Häuserbewegung – und damit auch der Zürcher Stadtentwicklung und der teilweisen Hintergründe der heutigen Situation in Zürich – mit vielen Bildern, Musik und Kommentaren.

„Diese Filmreihe dokumentiert die Geschichte der Zürcher Häuserbewegung.
Anhand von original Film-, Bild- und Ton-Dokumenten wird ein Bogen geschlagen, dessen Ausläufer bis zu den Züri-Festern der 50er Jahre reichen, als zahlreiche Jugendliche für ein Jugendhaus Geld sammelten.“

Viele weitere Informationen, wie und wo die Box erhältlich ist und alles weitere findet ihr unter www.zureich.ch

Es ist geplant, den Film eventuell im Zeitraum zwischen Mitte März und Mitte April eventuell auch in Hamburg zumindest in Auszügen vorzuführen….

„metrobasel“ : Ein Comic zu Stadtplanung

Das ETH-Studio Basel, ein Aussenposten der Abteilung Architektur der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH Zürich, hat im Mai 2009 die Ergebnisse diverser städtebaulicher Studien über die sogenannte Metropolitanregion Basel, die eben gerade auch die angrenzenden französischen, deutschen und schweizerischen Gebiete umfasst, vorgestellt.
Ganz poppig und trendig, und um einfacher vermittelbar zu sein, hat das ETH-Studio seine Untersuchungsergebnisse in einem Comic gefasst, dessen Protagonisten dem Godard-Film „A bout de souffle“ entnommen sind. Leider gibt es den Comic (noch?) nicht im Netz, er ist aber hier in verschiedenster Weise kurz beschrieben: bei anArchitecture, bei einer Buchhandlung und hier bei einem privaten Netz-Kommentar. Auch das ETH-Studio Basel hat seine Vorstellungsseite.

Insgesamt ist der Comic der perfekte Ausdruck eines technokratischen Stadtverständnisses, in dem Stadt im Sinne des Wortes von oben angeschaut wird, darin rumgespielt und grosszügig Visionen entwickelt werden, über die Köpfe hinweg der reellen BewohnerInnen der realen Stadt.

Seid ihr per Zufall mal in der Schweiz, und wollt keine Pause von eurer alltäglichen Beschäftigung, dann schaut an einem Kiosk vorbei – dort gibt es den Comic fast immer zu bestaunen…

Es gibt auch einen Wirtschaftsförderverein für die „Metropolitanregion Basel“, der sich wohl nicht zufällig auch „metrobasel“ nennt.

Gängeviertel-Besetzung in den Schweizer Medien

Die bürgerliche Neue Zürcher Zeitung NZZ hat in ihrer heutigen Ausgabe (21.12.2009) eine ganze Seite über die Besetzung des Gängeviertels drin (siehe auch hier ).

der kreuzzug in der schweiz fährt weiter

weil das abstimmungsergebnis zur minarettinitiative gezeigt habe, dass zuwenig auf das volk und seine ängste gehört worden sei, muss jetzt reagiert und diese ängste ernst genommen werden – statt sich auf emanzipative und weltoffene grundsätze zu berufen und diese wieder ernst zu nehmen.
so macht der präsident der christlichdemokratischen volkspartei (CVP) der schweiz weitere vorschläge des kulturkampfs: er will zukünftig die burka verbieten und separate jüdische und muslimische friedhöfe gleich dazu:

„not in our name“-manifest

Das KünstlerInnen-Manifest „Not in our Name“ wirft Wellen bis in die Schweiz. In Bern hat letzten Freitag 27. November eine Debatte zum Manifest stattgefunden, mit dem Ziel, im Laufe des Jahres 2010 eine „Swiss Edition“ des Manifests herauszubringen.

Ein wenig mehr dazu findet ihr hier

schweizer anti-minarett-votum: meldung aus der schweiz

Vor der Abstimmung noch davon überzeugt, dass die Anti-Minarett-Initiative abgelehnt werden würde, bleibt danach angesichts der klaren Zustimmung nur eine Schlussfolgerung: der sich auf das (christliche) Europa als Kulturraum beziehende identitäre Kulturkampf ist von den national-konservativen Kräften rund um die Schweizerische Volkspartei SVP in der Schweiz entfacht worden – und wird offensichtlich von breiten Kreisen der Bevölkerung unterstützt. Diffuse Ängste, Vorstellungen und Halbwissen über den Islam vermischen sich angesichts einer gesellschaftlichen Grundstimmung, die anfällig für Ausgrenzung und Schuldzuweisungen an Andere ist, in einer Zustimmung in einer eigentlich irrelevanten Frage. Damit wird einmal mehr ein unangenehmes, durchaus völkisches und ungeniessbares Gebräu im Subtext der schweizerischen Gesellschaft sichtbar.
Selbstverständlich ging es der SVP nicht – und sie hat das im Vorfeld auch offen zugegeben – um die Minarette an und für sich, sondern um den „aggressiven, dominanten“ Islam mit seinem angeblichen Machtanspruch. Und auf einer zweiten, innenpolitisch tatsächlich relevanten Ebene, ging es ihr und ihren Gesinnungskumpanen um die Eröffnung eines weiteren politischen Schlachtfelds, um ihre Ideologie der Normalität der Trennung der Menschen, der Ausgrenzung und der Schaffung von angeblich „schweizerischer Identität“ noch tiefer in der Gesellschaft verankern zu können.
Darin sind sie gut, und dass haben sie – oft auch unter gütiger Mithilfe vielerlei „linker“, sozialdemokratischer und liberaler Parteien und PolitikerInnen, denen die eigene politische und ideologische Verortung seit langem abhanden gekommen zu sein scheint – bereits vielfach bewiesen. Die Muslime und der Islam sind in der Folge einer europaweiten Angstkampagne seit dem Auftauchen der Al Kaida etc. nach den AsylbewerberInnen, den AusländerInnen generell, den SozialhilfeempfängerInnen und anderen gesellschaftlichen Gruppen die Nächsten in der Reihe derjenigen, auf deren Rücken die Nationalkonservativen bis Rechtsextremen ihr übles politisches Gesellschaftsspiel spielen.

Das ist die Realität in der Schweiz. Und in der Folge ergibt gibt sich als erste Reaktion aus dem Schock heraus die Situation für die Linke, sich mit Minaretten solidarisieren zu müssen, mit denen wir ja eigentlich nichts am Hut haben – was viele Tausend Menschen auch spontan an grossen und stimmungstarken Demos nach am Abstimmungsabend getan haben. Bereits sind auch für die nächste Woche Demos in verschiedenen Städten angekündigt. Aber nur in Städten… Eine Tatsache, in der sich die gesellschaftliche Trennung zwischen Stadt und Land in der Schweiz zeigt – in den Städten eine Ablehnung der Initiative (teils deutlich), in ihren Agglomerationen und den ländlichen Gebieten eine teilweise horrend hohe Zustimmung…

Ob Kulturkampf gegen den Islam, ob Stigmatisierung von AsylbewerberInnen, ob Diffamierung von SozialhilfeempfängerInnen – die Schweiz ist eine rassistische und identitäre und ausgrenzende Gesellschaft. Und diese wird nicht einfach nur von der SVP geprägt, obwohl dominant, die dazu führenden Politiken und Gesellschaftsbilder sind auch bis weit in die liberale Mitte und die „Linke“ in Gestalt der Sozialdemokratie und Grünen tief verankert…

Was kann weiter gesagt werden ausser dieser grundsätzlichen Feststellung? Vorerst dies:
Was bleibt, ist Wut – und ein Unwillen, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein, darin sein Leben zu verbringen.

Hop Züri! Stadtentwicklung im neoliberalen Zeitalter…

„Die frappante Ähnlichkeit zwischen Schlachtplänen und Stadtentwicklungskonzepten lassen die Vermutung aufkommen, dass zwischen strategischem Denken in der Kriegsführung und ökonomischem Denken in der Stadtentwicklung ein Zusammenhang besteht. Gestützt wird diese These durch die Tatsache, dass beiden Denkarten das gleiche Streben nach Macht über Räume zugrunde liegt. Sowohl in den gedanklichen Strukturen als auch in den sprachlichen Formen können erstaunliche Übereinstimmungen festgestellt werden.“

„Das ist keineswegs ein Zufall: Die Verplanung eines Quartiers baut genau wie strategisches Denken in der Kriegsführung auf der geopolitischen Bewertung von Räumen und Raum-Elementen auf: Als Theorie analysiert die Geopolitik Vor- und Nachteile, Kosten und Nutzen von Raumeroberungen und -verlusten.“

„Schon seit langem Gegenstand von solchen strategischen Überlegungen, ist Zürichs Quartier Aussersihl zu einem der bevorzugten Investitionsgebiete Zürichs erkoren worden. (…). Diesem strategischen Denken folgen konkrete Handlungen sowohl auf der ökonomischen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene. Es ist nur eine Frage der Taktik, wie die Strategie umgesetzt wird. (…) so oder so aber bleibt die Entwicklung des Quartiers fremdbestimmt und „höheren“ Interessen untergeordnet.“

(aus: „Aussersihl: zwischen Schlachtfeld und Spielwiese“, SAU – Ssenter for Applied Urbanism, Zürich 1986)

Hop Züri! Stadtentwicklung im neoliberalen Zeitalter…

Die bis 1893 eigenständige Gemeinde Aussersihl, heute Teil der Zürcher Stadtkreise 3, 4 und 5, war als minderes Wohngebiet von ArbeiterInnen und MigrantInnen schon seit jeher Gegenstand strategischer Überlegungen der Stadt Zürich zur ökonomischen Nutzung und Ausdehnung der City. Bewusst baute Zürich deshalb entlang der Grenzen zwischen der City und Aussersihl städtebauliche Marksteine, an denen sich die weitere Planung zu orientieren hat und die als Brückenköpfe im zu „erobernden“ Gebiet fungieren. In den letzten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts konzentrierten sich diese Vorstösse hauptsächlich im Raum Sihlporte und Stauffacher. So fanden nicht zufällig in dieser Gegend in den 1980er und 1990er Jahren einige der wichtigen Kämpfe der HausbesetzerInnen und urbanen sozialen Bewegungen statt, die sich gegen die City-Ausdehnung Zürichs wehrten.

Rotgrüne Stadtentwicklung

In einer kapitalistischen Gesellschaft folgt auch die Stadtentwicklung prinzipiell der Idee des Profits und der ökonomischen Verwertbarkeit. Dazu passt die Formulierung bevölkerungspolitischer Ziele seitens der Behörden, beispielsweise wenn eine „bessere Durchmischung“ der EinwohnerInnen angestrebt wird.
Ob die Konzepte der Stadtentwicklung von einer bürgerlichen oder einer Stadtregierung unter sozialdemokratischer Führung stammen, ist dabei nicht per se irrelevant. Festzustellen ist aber, dass auch die rotgrün regierten Städte der Schweiz neoliberale Grundannahmen wie Standort- oder Steuerwettbewerb übernahmen. Und entscheidend sind die politischen Mehrheiten für die gewählten Taktiken, mit denen die strategischen Ziele erreicht werden sollen.
Hier nimmt Zürich in der Schweiz eine Vorreiterrolle ein: Die spezifische Leistung der rotgrünen Stadtregierung besteht nämlich darin, die Vereinbarkeit der Forderungen der urbanen sozialen Bewegungen der 1970er und -80er Jahre mit dem Ziel der ökonomischen Verwertbarkeit erkannt und technokratische Stadtentwicklungskonzepte entwickelt zu haben, die nebst klassisch sozialdemokratischen auch kompetitive neoliberale Massnahmen enthalten. So wurde sich unter Führung der modernistischen Sozialdemokratie der Forderungskatalog der urbanen Bewegungen angeeignet und eine Aufwertungspolitik begonnen, die entlang von Stichworten wie Öffentlicher Verkehr, Verkehrsberuhigung und Quartiersanierung umgesetzt wird. In diesem exemplarischen Prozess gelang es den Behörden, die ehemals oppositionellen Akteure partizipatorisch einzubinden und damit der Kritik an einer hegemonialen Stadtentwicklung und deren sozialen Konsequenzen eine historische Niederlage zuzufügen.

„Urban renewal“ und Gentrifizierung

Die rotgrüne Stadtratsmehrheit entwickelte ihre Aufwertungspolitik anlässlich der Vertreibung der offenen Drogenszene vom Platzspitz („needle park“) und dem ehemaligen Bahnhof Letten in den 1990er Jahren, flankiert von Vorstössen auf eidgenössischer Ebene (die unter anderem zum Gesetz über die Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht führten). Die vorgeschlagenen Massnahmen sind breit gefächert: so gehören prestige- und renditeträchtige Grossbauprojekte sowie die Umnutzung ehemaliger Industrieareale dazu, aber ebenso dienen spektakuläre Veranstaltungen im Kulturbereich, ein grosses Partyangebot oder Events wie die Euro 08 dem Ziel des Citymarketings im Namen des Standortwettbewerbs, Zürich weltweit als attraktive Metropole darzustellen.
Im Rahmen der Aufwertungspolitik forcieren die Zürcher Behörden auch die verschiedensten staatlichen Interventionen: das reicht von sanften Massnahmen im Quartier, dem Verdrängen des Rotlichtmilieus über Privatisierungen öffentlicher Räume bis hin zu Repression gegen missliebige Bevölkerungsgruppen. Auch die Sanierung von Altbauten, der Neubau von Eigentumswohnungen und die Zusammenlegung kleiner Wohnungen zu teuren Grosswohnungen gehören dazu. Diese Politik des „urban renewal“ („städtische Erneuerung“) inklusive ihrer Verdrängungseffekten lässt sich beispielsweise im Langstrassenquartier gut beobachten.
Parallel zum „urban renewal“ und der konstant hohen Wohnungsnot ist in Zürichs innenstadtnahen Wohngebieten ein Gentrifizierung genannter Prozess in Gang gekommen, der – wegen der Verteuerung des Bodens aufgrund der gesteigerten Attraktivität der Quartiere – die einkommensschwache Bevölkerung in die städtischen Randgebiete verdrängt und durch statushöhere Bevölkerungsgruppen ersetzt.

„New Metropolitan Mainstream“

Die von Zürichs Stadtregierung verfolgten Strategien unterscheiden sich aber nicht von denjenigen anderer Städte: Die „Metropolen“ versuchen weltweit auf dieselbe Weise, im Wettbewerb um Kapital, Investitionen und Unternehmen, deren MitarbeiterInnen in den aufgewerteten Stadtteilen wohnen sollen, Vorteile zu erreichen. Die angewandten Strategien – und auch ihre Effekte vor Ort – gleichen sich dabei immer mehr an.
Der in dem kritischen Netzwerk INURA (International Network for Urban Research) aktive Stadtforscher Christian Schmid hat mit Daniel Weiss zusammen dieses Phänomen als „New Metropolitan Mainstream“ bezeichnet (siehe Texthinweis). Dieser zeige „die neue soziale, ökonomische und kulturelle Bedeutung von heutigen Städten: Unter den Bedingungen globaler Urbanisierung sind Städte strategische Knotenpunkte der globalen Ökonomie und des sozialen Lebens geworden“, die stetig im Wachstum begriffen sind. Dabei gibt sich der New Metropolitan Mainstream kosmopolitisch, urban und sozial aufgeklärt, das Abweichende und Fremde dient ihm als Unterscheidungsmerkmal gegenüber konkurrierenden Städten. Das gilt aber nur solange, wie das Abweichende und Fremde nicht stört.
Die Realität des „New Metropolitan Mainstream“ ist denn auch bloss vordergründig tolerant: Alle, die dem angestrebten Bild der attraktiven Metropole nicht entsprechen oder deren Anforderungen nicht mitmachen können (oder nicht wollen), finden darin keinen Platz und müssen gehen. Geschieht das nicht freiwillig, oder sorgen nicht die Marktmechanismen dafür, wird repressiv nachgeholfen.
Im Rahmen des „New Metropolitan Mainstream“ löst sich auch die räumliche und zeitliche Beschränktheit der Gentrifizierung oder des „urban renewal“ auf: Die damit beschriebenen Prozesse werden immer ausgedehnter und beschränken sich nicht mehr nur auf einzelne Quartiere, sondern umfassen ganze (inner)städtischen Gebiete. Die Stadt ist als räumliches und inhaltliches Ganzes inklusive ihrer Nischen in den Fokus der Aufwertungsstrategien gelangt und entwickelt sich dadurch „zu einem privilegierten Reproduktionsraum für einen bestimmten Teil der globalen Oberklasse“ (Christian Schmid, 2008).

„Eure Zeit hier ist abgelaufen“

Der in Zürich aktuell entstehende Stadtraum HB beim Hauptbahnhof passt perfekt zu der eingangs formulierten Eroberungsstrategie. Aufgrund seiner geographischen Lage erfüllt das Grossprojekt ebenso wie früher der Stauffacher sihlaufwärts die Funktion eines starken Brückenkopfes, der bis weit nach Aussersihl hinein wirkt und die verstärkte ökonomische Durchdringung des ehemals minderen Quartiers ermöglicht.
Im inneren Kreis 4 mit seinem zentralen Lebensnerv Langstrasse geht die „Verplanung“ des Quartiers dagegen kleinräumiger vor sich. Seit einigen Jahren wirkt hier ein Typus von InvestorInnen, der die Nachbarschaft in der Folge der Rückkehr finanzstarker Bevölkerungsteile in die innenstädtischen Wohngebiete Schritt für Schritt umbaut. Aufgrund der kleinteiligen Parzellenstruktur läuft dieser Prozess über einzelne Hausprojekte ab. Die sich vollziehende Umgestaltung des Langstrassenquartiers erscheint deshalb vordergründig nicht als einschneidend. Eine Gesamtbetrachtung der Einzelprojekte und ihrer Wirkung auf die Umgebung, in die auch der Stadtraum HB und die städtischen Aufwertungsmassnahmen miteinbezogen werden, macht aber deutlich, wie radikal der Wandel und wie gross der Druck auf bestehende Quartierstrukturen aber tatsächlich ist.

Ein gutes Beispiel für den beschriebenen Prozess und seine argumentative Einbettung ist die ehemalige Milieuliegenschaft Langstrasse 134 mit dem Nachtclub „St. Pauli“ im Erdgeschoss. Die Architektin Vera Gloor, eine der aktivsten InvestorInnen im Langstrassenquartier, hat für dieses Haus ein Projekt der Totalsanierung ausgearbeitet; in den letzten Jahren hat sie sich die Sanierungs- oder Neubaurechte für mehrere ehemalige Milieuliegenschaften gesichert.

„‚Entwicklungen, die durch den Stadtraum HB ausgelöst werden, sind nicht bremsbar, der Kreis ist für Investitionen interessant geworden’, aber wir wollen ‚das, was den Kreis 4 ausmacht, bewahren, uns die Frage stellen, wie Leute, die schon hier sind, bleiben können.’ ‚Punktuelle Interventionen im Kreis 4’ (damit sind die Projekte Gloors gemeint, Anmerkung des Autors) sollen ein ‚Anker für das Bestehende’ sein, damit dieses weiter existieren kann.“

(Auszüge aus einem Gespräch zwischen den BewohnerInnen der Liegenschaft Langstrasse 134 und der Architektin Vera Gloor, 19. Februar 2008)

Den drei seit fast zwei Jahrzehnten im Haus lebenden Wohngemeinschaften und dem „St. Pauli“ wurden im Herbst 2007 aufgrund des Sanierungsprojekts die Mietverträge gekündet. Rolf Vieli, Leiter des im Polizeidepartement angesiedelten städtischen Aufwertungsprojekts „Langstrasse Plus“, gab den BewohnerInnen in der Folge zu verstehen, dass es bei einer Entwicklung wie der Aufwertung eben immer auch Opfer gäbe. So sei „eure (= die BewohnerInnen) Zeit hier abgelaufen“ – und das sei gut so…
(Die BewohnerInnen können bis Ende März 2010 bleiben, die Räume des Nachtclubs werden seit Anfang 2009 als „alternativer“ Club zwischen genutzt.)

„(Die neuen Mieter) sind: mittelständische, urbane Singles und Paare ohne Kinder, die es schätzen, zentral und in multikultureller Umgebung zu wohnen. Und die mehr als das Doppelte des einstigen Mietzinses bezahlen können.“

(Sonntags-Zeitung über ein Sanierungsprojekt von Vera Gloor im Kreis 5, 2003)

„Es ist beinahe unmöglich, eine analoge Nische im Quartier zu finden.“

(Mail von Vera Gloor an die BewohnerInnen der Liegenschaft Langstrasse 134, 17. März 2008)

Stadtentwicklung als soziale Frage

Als Folge der Entwicklungen hat die Frage nach den Konsequenzen der beschriebenen Politik für die BewohnerInnen der Stadt in Zürich wieder Eingang gefunden in die öffentliche Diskussion. So löste anlässlich der städtischen Abstimmungen vom 30. November 2008 die Vorlage zur Baulinienrevision Gleisfeld Neufrankengasse eine Debatte aus, die ansatzweise zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung über die Entwicklung Zürichs wurde.
Bei der Baulinienrevision geht es um das Projekt einer dreissig Meter breiten Strasse mit Tramtrassee am Rand des Langstrassenquartiers, der ein aus 19 Häusern bestehendes Geviert weichen müsste. Das Projekt ist Teil der Pläne für die von der Bahnnutzung freiwerdenden SBB-Areale und würde die städtebauliche Achse, die sich von der City über den Stadtraum HB Richtung Aussersihl zieht, bis weit über die Langstrasse hinaus verlängern. Das erklärt seine strategische Bedeutung für die Stadtplanung.
Dieser geplante Abriss eines ganzen Gevierts bedeutet einen massiven Einschnitt in das bauliche und soziale Gefüge des Quartiers, mit all seinen Konsequenzen. Deshalb – und um eine Diskussion über die Stadtentwicklung anzuregen – ergriffen der Verein „Neufrankenschneise Nein!“ und die Alternative Liste AL das Referendum dagegen. Im Abstimmungskampf argumentierten dann die BefürworterInnen der Baulinienrevision – die Stadt und seitens der Parteien vor allem die SP und die Grünen – mit Begründungen, die die Einbindung ehemals oppositioneller Forderungen beispielhaft aufzeigen: Die geplante neue Tramlinie sei wichtig für den Öffentlichen Verkehr und könne leider nirgendwo anders durchführen, und die neue Strasse sei für die angestrebte Verkehrsberuhigung im Rest des Quartiers notwendig. Dafür dürfe „diese schwierige Ecke der Stadt“ schon geopfert werden, und sowieso hat die Stadt mit dem Gebiet Grosses vor:

„Die brachliegenden Grundstücke entlang dem Bahntrassee sollen dank neuen Bebauungen und entsprechenden Umnutzungen aufgewertet werden.“

(„Strategien für den Immobilienmarkt im Langstrassenquartier, Wüest und Partner, 2004)

„Ziele: Bebauungsmuster im Sinne einer Quartierreparatur; (…) Rechtsicherheit, um Quartierreparatur auszulösen“

(Unterlagen Verkehrskommission Gemeinderat Zürich zur Baulinienvorlage Neufrankengasse)

„Gleichzeitig hat sich der Stadtrat dafür ausgesprochen, das Gebiet Neufrankengasse als Interventionsgebiet anzusehen und eine Gebietsentwicklung einzuleiten.(…) (Damit) wird eine Veränderung der Baustruktur provoziert, die Chancen zur Quartieraufwertung im Gebiet der Langstrasse bietet.“

(Aus der Weisung 64 des Stadtrats vom 15. November 2007 zur Baulinienrevision Neufrankengasse)

Die Baulinienrevision wurde von einer Mehrheit der Stimmbevölkerung angenommen, der betroffene Stimmkreis 4/5 aber lehnte sie mit 55 Prozent Nein-Stimmen ab.

Stadtentwicklungskritik

Angesichts der beschriebenen Entwicklung der Städte ist es wichtig, die Strategien, Handlungen und Sprache der herrschaftlichen Akteure zu analysieren – und wo immer möglich mit eigenen Konzepten von Stadt Gegensteuer zu geben. Dabei muss die soziale Frage nach den in der Stadt lebenden Menschen und den Konsequenzen der Entwicklung für sie der Ausgangspunkt der eigenen Praxis sein.
Oft entwickelt sich Kritik an der Stadtentwicklung der Herrschenden erst, wenn die eigene Lebensrealität davon betroffen ist. Oft geht es dann um eine Verteidigung des „eigenen“ Quartiers, weshalb solche Kämpfe meist defensiv geführt und kaum mit eigenen Visionen von Stadt gefüllt werden. Bei der Baulinienrevision Neufrankengasse war das trotz anderer Absicht meist nicht anders.
Aber zwingt uns nicht gerade die Feststellung, dass die Städte heute den Prozessen der Aufwertung und Gentrifizierung in ihrer ganzen räumlichen Ausdehnung unterliegen, dazu, uns von der „territorialen Falle“ der Fixierung auf die „eigenen“ Quartiere zu lösen? Wofür, was uns wichtig ist, kämpfen wir denn in diesen noch? Die Frage lautet doch: Wo und wie können heutzutage noch (und wieder) antagonistische und subversive Vorstellungen von Stadt gelebt werden – und in welchem Verhältnis stehen diese zur ganzen Stadt und zur ganzen Gesellschaft?

Hinweise:

Schmid, Christian / Weiss, Daniel (2004): The New Metropolitan Mainstream. In: INURA, R. Palosicia: The Contested Metropolis. Six Cities at the Beginning of the 21st Century. Birkhäuser, Basel / Boston / Berlin, p. 252–260.

„Aussersihl: zwischen Schlachtfeld und Spielwiese“, SAU – Ssenter for Applied Urbanism, Zürich 1986 (aus: SAU – Dokumentation 1982 – 1991)
(oder als Fotoscan unter www.neufrankenschneise.ch)

INURA

Verein „Neufrankenschneise Nein!“
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