Beiträge von strickliesel

Strickistinnen: Ein, an und gegen

strickistinnen

„Wir, die Strickistinnen, sind eine Gruppe wollbegeisterter Aktivistinnen und seit Mai 2010 mit unseren Aktionen im öffentlichen Raum präsent. Wir sind der Meinung ,abwarten hilft nicht, also stricken wir, ein an und gegen‘. Mit unseren Strickaktionen wollen wir auf politische Zusammenhänge aufmerksam machen, im Alltag überraschen, neue Blickwinkel auf Bekanntes eröffnen, zeigen, dass vieles auch ganz anders sein könnte“, so die Selbstbeschreibung der Strickistinnen aus Wien.

Als Strickliesel mag ich diese Aktionsform selbstredend sehr, weil mir die Verbindung zwischen dem (privat codierten) „Frauenhobby Stricken“ und der (politisch codierten) Aktion im öffentlichen Raum gefällt. Bäume werden umstrickt, Stricknester in der Stadt hinterlassen und manchmal auch Parolen – vermeintlich ohne Zweck und Funktion. Dieses Dysfunktionale irritiert und ich frage mich, warum braucht die Laterne Wärme und warum fällt das Nichtzielgerichtete im Stadtbild so eklatant auf?

Leider bleiben die Spuren der Strickguerilla oft nicht lange im öffentlichen Raum erhalten, sondern sie verschwinden schnell wieder. Ob das schnelle Entfernen nun daran liegt, dass es so viele Strick-Fans gibt oder daran, dass die städtische Hand keinen Tand zulässt, darüber sinnieren die Strickistinnen aus Wien charmant: „Um das herauszufinden müssten wir eine Überwachung starten, aber genau dagegen stricken wir ja an. Unser Werk ist vollendet, wenn wir es angestrickt haben. Alles was dann passiert, regelt der öffentliche Raum.“

SAGA/GWG in der Kritik: 2 Prozent

Die dritte Ausgabe der Mieterzeitung 2 Prozent ist erschienen und liegt bestimmt schon druckfrisch in dem einen oder anderen Hamburger Briefkasten. Dieses Infoblatt wird von Aktiven aus der AG Mieten und Wohnen im Netzwerk Recht auf Stadt produziert. Der Name bezieht sich auf eine Aussage eines Sprechers der SAGA derzufolge 98% der Mieter/innen mit ihrem städtischen Vermieter zufrieden seien. In der Zeitung melden sich nun die Unzufriedenen 2% zu Wort, und berichten fundiert und gut geschrieben über die unsoziale Politik der SAGA/GWG. Ein Artikel widmet sich dem geplanten Abriss der Elbtreppenhäuser, gegen den es massiven Widerstand gibt. Ein anderer nimmt die SAGA/GWG-Politik generell unter die Lupe. Anstatt (wie es ihre Aufgabe wäre) günstigen Wohnraum zu erhalten und zu schaffen, ist die SAGA/GWG ein Vorreiter für Mietsteigerungen und Gentrifizierung. Schließlich muss sie jedes Jahr 100 Millionen Euro Gewinn erwirtschaften. Geld, das nicht den Mieter/innen zu Gute kommt, sondern direkt in den Sonderinvestitionstopf der Stadt fließt, aus dem dann wiederum Prestigeobjekte (u.a. die Elbphilharmonie) bezahlt werden.

Neben Artikeln zur SAGA berichtet die 2 Prozent auch über die Fette-Mieten-Partys in Hamburg und stellt die Initiative Esso-Häuser vor, eine Gruppe, die gegen den Abriss des Häuserensembles am Spielbudenplatz kämpft. Praktische Tipps und diverse Möglichkeiten zum Protest fehlen natürlich auch nicht. So zum Beispiel der Hinweis auf die Demonstration „Leerstand zu Wohnraum“ am 23. Oktober (13 Uhr, Campus der Uni zum Astraturm).

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Die 2 Prozent als PDF gibt es hier. Kontakt zur AG Mieten und Wohnen: 2prozent@gmx.net oder per Post: AG Mieten, c/o Centro Sociale, Sternstraße 2, 20357 Hamburg. Die AG freut sich auch um Unterstützung bei der Verteilung der Zeitung in eurer Nachbarschaft.

Taz & GAL: Mit einer Stimme

Gut, dass die Taz Hamburg für die GAL Hamburg Wahlkampf macht, ist nix Neues und ich habe es schon vor Jahren aufgegeben, mich darüber aufzuregen. Vor allem ihr rechter Flügel, Gernot Knödler und Sven-Michael Veit, sind in ihrer grünen Hofberichterstattung einfach nur zum Gähnen. Den aktuellen Kommentar von Sven Micheal Veit zur Fortsetzung der schwarz-grünen Koalition muss ich nun doch zitieren, weil hier im Wortlaut die Positionen der GAL-Führung als eigene Analyse verkauft werden:

Sven Michel Veit: „Natürlich wird es weiterhin Stimmen geben, die den Grünen vorwerfen, es gehe ihnen nur um die Macht. Diese Einschätzung ist das Gegenteil einer politischen Analyse. Die CDU hat den Koalitionsvertrag nicht gebrochen, nicht mal in Frage gestellt. Es gibt keinen Grund, das Regierungsbündnis zu beenden. Kein politisch wichtiges Thema wurde durch den Chefwechsel ad acta gelegt. Zumindest bislang und unbeschadet der Tatsache, dass demnächst mächtig gespart werden wird. Die Zusagen, die Ahlhaus machte und machen musste, dienen eher als Beleg dafür, dass die Grünen sich über Inhalte bestimmen.“

Katharina Fegebank (GAL): „Die CDU stellt den Koalitionsvertrag nicht in Frage, die Spielregeln bleiben dieselben.“

Anja Hajduk (GAL): „Es muss inhaltliche Gründe für einen Ausstieg oder eine Fortsetzung der Koalition geben. Wenn man inhaltlich so viel vorhat wie wir, sollten wir die Anstrengung weiter übernehmen, Politik für Hamburg zu machen.“

Für die Taz und die machtversessene GAL gibt es also keinen Grund, das schwarz-grüne Regierungsbündnis zu beenden. Warum auch? Die auf allen Ebenen gescheiterte Politik (Stichworte: Schulreform, Moorburg, Elbphilharmonie, etc.)? Nicht erwähnenswert! Die rechte Personalpolitik der CDU? Nicht erwähnenswert! Da schnapp ich mir doch lieber das Abendblatt, das über den frisierten Lebenslauf des Schillianers und designierten Wirtschaftssenators, Ian Karan, ausführlich berichtet. Die Grünen kann man ja leider erst in zwei Jahren abwählen, das Taz-Abo lässt sich bequemerweise online kündigen.

Wandertage in Altona zum Weglaufen

Na, da waren aber mal welche kreativ: Wandern statt Mitbestimmen. Die BSU hat einen Verein gefunden, Freiwerk in Altona, der sich nicht zu schade ist, in ihrem Auftrag ein so genanntes „Beteiligungsmanagement“ für den Zukunftsplan Altona durchzuführen. Hier soll nun den BürgerInnen mal wieder vorgegaukelt werden, dass man sie in die Planungen für die – auch eine peinliche Wortkreation – „Neue Mitte Altona“ miteinbezieht.

Wie in diesem Blog mehrfach beschrieben, gibt es für die BewohnerInnen aber nichts zu entscheiden, da sie entweder wie beim Wettbewerb um das Bahnhofsgelände kein Stimmrecht haben oder die Ergebnisse wie hier im Fall der „Koordinierungsgruppe“ für die Politik nicht bindend sind. Die Gruppe gibt lediglich Empfehlungen ohne Rechtskraft. Punkt. Da helfen auch nicht die „mehreren mündlichen Äußerungen“, dass sich die Parteienvertreter an die „Beschlüsse und Ergebnisse gebunden fühlen“. Die Betonung liegt hier wohl auf dem Fühlen. Und Gefühle können sich ja – wie wir wissen – jederzeit ändern. Schriftlich und formal gibt es für keins dieser Beteiligungsgremien eine Mitsprachemöglichkeit, die bindend ist.

Und nun liegt also der erste „kreative Output“ der Beteiligungsmanager vor: „Wandertage in Altona“. Heute konnte ich eine lustige Szene beobachen: Auf dem Glücksburger Platz saßen von der Stadt beauftragte Personen, die nun Stimmung für dieses tolle Beteiligungsverfahren machen sollen. Sie hatten eine riesige Folie und bunte Stifte dabei. Ich zitiere mal aus der Ankündigung: „Mit dabei ist der Plan – eine begehbare Folie, auf der das Planungsgebiet schematisch abgebildet ist und auf der Wege, subjektiv wichtige Orte und mögliche Interventionsschwerpunkte temporär von den Beteiligten aufgebracht werden können. Vor-Ort-Fotos von den individuellen Bewegungsräumen und –orten der Menschen mit ihnen selbst drauf und dem Veranstaltungstermin der Auftaktveranstaltung gibt es zum Mitnehmen.“

Ich bin zwei Mal dran vorbei geradelt: Morgens und noch mal gegen halb zwei. Die drei mit Altona-T-Shirt gekleideten Frauen standen jeweils alleine auf dem Platz. Weit und breit keine interessierte Person und auch keine, die stehenbleiben wollte. Auch ich hatte nur den Impuls, wegzulaufen bzw. zu fahren. Diese Beteiligung ist eine Verarschung und schön ist, dass das viele so sehen und sich dem verweigern. Einfache Faustregel: Beteiligung ist nur dann gegeben, wenn es auch wirklich was zu entscheiden gibt. Das ist hier nicht der Fall. Mein „temporärer Interventionsschwerpunkt“ der nächsten Wochen wird sein, diese Pseudopartizipationen in Altona an dieser Stelle weiter zu begleiten.

Zur Übertragung der Planungen rund um die „Neue Mitte Altona“ an die BSU gibt es bereits einen Text: Neue Mitte Altona – Mir kommt die GALle hoch. In diesem Sinne…

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über new york ist eigentlich alles geschrieben worden. ich bin jetzt seit 57 tagen hier; insgesamt verbringe ich 2 monate in der stadt, dem referenz-punkt von stadt, zumindest für die kapitalistische globalisierte welt. angereist mit tausend bildern im kopf, einem koffer voller zitate, filmszenen und projektionen. from town to town möchte ich in dieser bilderkiste stöbern und einzelne davon gegen das licht halten. nicht reiseliteraturtauglich, sondern eher notizenhaft. schnell auf meinem rückweg mit dem zug aus der stadt heraus geschrieben. habe dazu einen stapel gelbe post-it mit, die direkt und vergänglich erinnern. tagesnotitzen, die so lange halten wie sie kleben, ständig überklebt von neuen notitzen.

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09/08 meinen letzten tag in ny verbringe ich im bus und am wasser. ich besuche lieblingsorte, lasse mich treiben und springe in verkehrsmittel, die mich irgendwo hinbringen. flaniert bin ich viel, heute surfe ich, um noch möglichst viel zu sehen. was macht new york bei aller unterschiedlichkeit aus? ich fliege nicht mit weniger projektionen nach hause. die geheimnisse bleiben und vieles, das ich nicht verstehen oder beschreiben kann. jede menge post-it, die in der zeit nicht geschrieben wurden: über gefühlte mentalitätsunterschiede, armut in harlem, das jüdisch-orthodoxe leben in williamsburg oder über linken aktivismus. manches ist eben zu komplex, um es mit dem touristischen blick fassen zu können und schließlich brauche ich ja auch einen grund, um wiederzukommen.

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08/08 von innen erinnert der greater refuge temple an ein raumschiff: ein weißer, moderner kuppelbau mit fensterschlitzen; im zentrum ein halbrunder mit violettem teppich ausgelegter altar. darauf befinden sich – wie in einer kommandozentrale – rund 30 gläubige: der priester samt chor. die frauen tragen lange, weiße kleider & aufwendigen kopfschmuck, die männer schwarze anzüge. die gemeinde sitzt in den rängen. und wenn gesungen wird, dann hebt das schiff ab. dass diese gottesdienste in den 60ern wichtige politisierungspunkte der civil-right-bewegung waren, ist gut vorstellbar. erst später lese ich einen verhaltenszettel, der mir in die hand gedrückt wurde: frauen sollen bescheiden sein und keinen teueren schmuck begehren, der die männer in den finanziellen ruin treibt. auch sei es – für frauen wie für männer – verboten, „to wear the apparal of the opposite sex“. schade auch.

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06/08 „no computers on weekends & holidays“, verkünden kleine schilder auf den tischen eines cafes. wo so fürsorglich seinen gästen eine grenze gesetzt wird, mache ich gern eine pause. der brooklyner stadtteil park slope gilt bei rankings als eine der „greatest neighborhoods in america“: ruhig & grün durch die nähe zum prospect park, schöne historische brownstone-häuser und eine gute anbindung an diverse subway-linien. einerseits sprechen die vielen spielzeugläden, hundetagesstätten, veganen cafes und bikram-yoga-schulen für einen hohen gentrifizierungsgrad. andererseits gibt es jede menge günstige delis, alteingesessene haushaltswarenläden und auch die bevölkerung ist (noch) relativ gemischt.

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05/08 die zeit rennt, was ich daran merke, dass ich kaum mit einträgen hinterherkomme und meine liste mit wunschzielen immer länger wird. heute war ich in harlem (bisher sträflich vernachlässigt) und habe mir dort ein konzert von gil scott-heron angehört. ein park, kaum größer als der florapark, gefüllt mit fans, die es sich schon stunden vorher mit essen und getränken gemütlich eingerichtet haben. das konzert ist eine mischung aus poetry lesung, geschichtenerzählen und musik. großer respekt hängt in der luft. seine erzählungen werden lautstark mit „that’s right, man“ kommentiert. die zeitungen hätten geschrieben, dass er mal wieder verschwunden sei, sagt scott-heron. „ich wünschte ich wüsste, wie das geht – zu verschwinden. es gab genug situationen, wo ich gerne verschwunden wäre, aber ich kann es einfach nicht…“

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03/08 „hidden new york“ heißt ein buch, mit dem ich durch die stadt laufe und das mich an ungewöhnliche orte führen soll. so zum beispiel zum „ganesha hindu temple“ in queens. erst mit der schönen überirdischen 7 bis zur endhaltestelle flushing main, das china town queens, dann – so die beschreibung – um die ecke „just 8 blocks“ die bowne street hoch. auf dem weg komme ich an einer katholischen kirche, einem jüdischen zentrum, der imposanten „boon church of oversea chinese mission“, einer protestantischen „presbyterian church“ und einem griechisch orthodoxen treffpunkt vorbei. wo so viel glaube ist, kann mein ziel ja auch nicht mehr weit sein, hoffe ich. vom weiten sehe ich schon die baustelle: der hindu-tempel wird restauriert und ist geschlossen! kein bus weit und breit, der mich zur u-bahn zurück bringen könnte. erschöpft füge ich mich meinem schicksal und starte ich meine pilgertour zurück.

Hier vorherige Einträge Teil V und Teil IV

Neue Mitte Altona: Mir kommt die GALle hoch

Mit viel Tamtam hatte die GAL-Altona im Mai 2010 ein Positionspapier unter dem Titel „Die neue Mitte Altona“ veröffentlicht. „Nachhaltig, lebenswert und vielfältig“ sollte sie sein, die „Neuentwicklung des ,Gleisdreiecks‘ Altona“. Und direkt nach der Präambel führt die GAL-Altona aus, dass sie es wirklich ernst meint mit der Bürgerbeteiligung. Es müsse sichergestellt sein, dass „zügig ein breit angelegtes, moderiertes niedrigschwelliges Bürgerbeteiligungsverfahren durchgeführt wird, um die Wünsche und Bedürfnisse der Altonaer Bevölkerung im Bezug auf die Nutzung und Gestaltung der Flächen zu erheben und mit in die Planung einfließen zu lassen“.

Nun ist das Schreiben nicht das Ökopapier wert, auf dem es ausgedruckt wurde, denn zwei Monate später sieht die ganze Schose komplett anders aus. So hat ebendiese GAL-Altona in einer Sondersitzung am 22. Juli der Einrichtung eines „Vorbehaltsgebiets für die Stadt Hamburg“ zugestimmt und damit – freiwillig und ohne jede Not – die komplette Verantwortung für das Gebiet Altonaer Bahnhof auf die BSU übertragen. Damit sind mögliche Bürgerbegehren und eine Mitsprache der Anwohner/innen bereits im Vorfeld ausgehebelt. Lediglich eine Handvoll ausgewählter „Bürger“ dürfen den „Experten“ lauschen – ohne Mitsprache- oder Stimmrecht versteht sich. Die Mopo berichtet darüber unter dem treffenden Titel: Goldrausch in Altona.

Ein kleiner Rückblick: Elke Kleine hatte bereits im April eine Anfrage zum Thema bei Abgeordnetenwatch gestellt und zwar an Horst Becker von der GAL, der vor 2 Monaten noch der Meinung war, die BürgerInnen sollen sich doch mal locker machen: „Oft wird von BürgerInnenseite in Planungsverfahren der Vorwurf erhoben, dass Pläne viel zu früh feststehen und die Beteiligungsmöglichkeiten zu spät einsetzen. Eben dies wollen wir nun vermeiden.“ Auch Angela Banerjees kritische Nachfragen hatte er mit einem lässigen: „Die GAL-Bürgerschaftsfraktion und die Fraktion der GAL-Altona setzen sich für eine umfängliche Bürgerbeteiligung zur Entwicklung eines zukunftsfähigen und nachhaltigen Stadtteils ein“ pariert.

Nun ist also die investoren- und unternehmerfreundliche BSU in Altona am Zug und die Anwohner/innen wurden ausrangiert. Oder um es mit den Worten von Gesche Boehlich (ebenfalls GAL) zu sagen: „Dieser Stadtteil ist dem Niedergang geweiht“.

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über new york ist eigentlich alles geschrieben worden. ich bin jetzt seit 48 tagen hier; insgesamt verbringe ich 2 monate in der stadt, dem referenz-punkt von stadt, zumindest für die kapitalistische globalisierte welt. angereist mit tausend bildern im kopf, einem koffer voller zitate, filmszenen und projektionen. from town to town möchte ich in dieser bilderkiste stöbern und einzelne davon gegen das licht halten. nicht reiseliteraturtauglich, sondern eher notizenhaft. schnell auf meinem rückweg mit dem zug aus der stadt heraus geschrieben. habe dazu einen stapel gelbe post-it mit, die direkt und vergänglich erinnern. tagesnotitzen, die so lange halten wie sie kleben, ständig überklebt von neuen notitzen.

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01/08 eine seite, die ich als touristin auffallend nicht zu gesicht bekomme, ist die des armen new yorks. dabei hat die offizielle arbeitslosenquote im märz die 10-prozent-marke erreicht, nicht eingerechnet die vielen, die sich hier prekär, teilzeit und/oder ohne papiere durchschlagen. rasant steigende mieten & steigende obdachlosigkeit, wie die coalition for the homeless berichtet. doch von all dem ist in manhattan nichts zu sehen. manchmal, wenn ich auf den letzten zug an der penn station warte, sitzen dort noch mehr leute auf dem boden. eine frau hält wie ein schutzschild eine edle macy-papiertüte auf dem schoß, ihr kopf kippt nach vorne, ihre schuhe sind von unten durchlöchert. neben ihr liegt jemand, der auch nicht wie ein pendler aussieht. anscheinend gibt es hier spät abends ein kleines toleranzfenster – dort, wo sonst zero-tolerance herrscht.

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31/07 sonic youth spielen im prospect park in brooklyn – open air & for free. disharmonische gitarrenimpros, reduzierte bis gar keine publikumsansprache, fans um die mitte 30, von denen jede/r zweite/r im musikbusiness zu sein scheint. ja, und dann – kim gordon – live! für mich eine nostalgische zeitreise in die frühen 90er. eine musik, die irgendwie weh tut. ich erinnere mich an meine diffuse freude über eine musikerin auf der bühne, die antreibt. kim als role model und unerreichbares idol im fernen new york, deren eindrückliche stimme über mtv auch direkt in die provinz übertragen wurde: „kool thing“.

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29/07 was macht eigentlich gute kunst aus?, frage ich mich, während ich in einer hängematte liege und auf den bewölkten himmel von queens gucke. bin im ps1, einem ableger des momas, der gegenwartskunst zeigt. die hängematte und der offene innenhof sprechen auf jeden fall für’s museum, denn nach unzähligen filmen, installationen und – ja, auch malerei – ist hier der ort, um luft zu holen. eine arbeit beschäftigt mich beim abhängen: die von leigh ledare. ledare thematisiert sein verhältnis zu seiner mutter, das wenig grenzen kennt und mich provoziert. ist dieser tabubruch lediglich gutes productplacement? und warum macht mich die mutter mit ihrem heischen nach aufmerksamkeit (was ihm wiederum das material für die kunst liefert) gleichzeitig wütend und traurig?

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28/07 heute hab ich den präsidenten gesehen. er saß in einer von rund zehn limosinen, die an mir vorbei gerauscht sind. nachdem ich über eine stunde an der gesperrten houstonstreet stand und es überall aufgeregt hieß: „barack is crossing soon“, war ich dann im entscheidenden moment abgelenkt. eine frau, die gerade zur wartenden masse stieß, konnte es nicht fassen, dass barack gleich hier vorbei kommen soll. fix wurde ihr mann angerufen, der es auch nicht glauben konnte. zum beweis sollte ich das in den hörer rufen – über die sirenen- und hubschraubergeräusche hinweg. was ich dann auch in meinem schlechten englisch gemacht hab: „it’s true: obama is crossing!!!“ just in diesem moment flitzte er vorbei.

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27/07 das moma stand heute bei mir auf der tagesordnung und ein bißchen pflichtmäßig hab ich das dann auch abgehakt. die picasso- und matisse-sonderausstellungen waren so überlaufen, dass ich sie nur durchquert habe. so ein hype. andererseits finde ich es schön, wenn viele menschen ins museum gehen, aber diese massenevents überfordern mich schnell. dann aber doch noch ein paar moma-perlen gefunden: eine beeindruckende ausstellung über den beitrag von frauen zur fotografie und eine tolle arbeit von laurie anderson „oh superman“ (1981), die lustiger weise vor ein paar tagen bereits hier auf dem blog verlinkt war.

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24/07 die 7 fährt überirdisch durch queens. etwas, das ich heute sehr zu schätzen weiß, da meine füße sich vom vielen laufen über erholung freuen. durch die stadt zu fahren, verändert auch meinen blick auf stadt. ich verlasse manhattan und fahre eng an tag-übersäten häusern vorbei in den flächenmäßig größten borough hinein. der blick stellt sich auf schnelle schnitte ein: alte fabrik- und lagergebäude, aufgerissene straßen, hellbraune backsteinhäuser, dann wieder blöcke aus reihenhäusern aus holz. jemand gießt die blumen auf einem zwischendach, sein hund schaut über den dachrand. immer wieder brettern wir über mehrspurige zufahrtsstraßen, die queens an vielen stellen durchschneiden und die von oben wie unschöne narben aussehen.

Fortsetzung hier und Teil IV hier

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über new york ist eigentlich alles geschrieben worden. ich bin jetzt seit 36 tagen hier; insgesamt verbringe ich 2 monate in der stadt, dem referenz-punkt von stadt, zumindest für die kapitalistische globalisierte welt. angereist mit tausend bildern im kopf, einem koffer voller zitate, filmszenen und projektionen. from town to town möchte ich in dieser bilderkiste stöbern und einzelne davon gegen das licht halten. nicht reiseliteraturtauglich, sondern eher notizenhaft. schnell auf meinem rückweg mit dem zug aus der stadt heraus geschrieben. habe dazu einen stapel gelbe post-it mit, die direkt und vergänglich erinnern. tagesnotitzen, die so lange halten wie sie kleben, ständig überklebt von neuen notitzen.

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20/07 was ich hier so mag, ist: unvermittelt in situationen zu geraten, die deshalb geschehen, weil ich ohne orientierung durch die gegend laufe und in der priviligierten situation bin, mich auch treiben lassen zu können. in chinatown sind wir in eine buddhistische gebetsstätte gelaufen, weil ich dachte, dass das ein laden sei und wurden nett begrüßt. die mönche erholten sich bei wassermelone & getränk von einem 7-tägigen gebet, das gerade zu ende gegangen ist. die gemeinde möchte sich öffnen, erzählt der einzig afroamerikanische mönch und lädt ein, die räume zu betreten. auch in der nebenan liegenden synagoge an der eldridge street, die heute größtenteils ein museum ist, werden wir nett empfangen. obwohl 10 minuten vor schluss, erhalten wir eine kleine exklusivführung und die lichter in der 1887 erbauten, wunderschön restaurierten synagoge gehen für uns noch mal an.

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15/07 denke über meinen konsum in der stadt nach, der mir hier höher getaktet vorkommt. „fastfood“ bekommt hier noch mal eine andere bedeutung. selbst wenn ich in einem restaurant etwas esse, dann wird schneller abgeräumt als ich gucken kann und ich werde nach weiteren wünschen gefragt. verdauen – würde ich gerne sagen, zumindest mein wasser noch austrinken, aber dann liegt da schon die rechnung auf dem tisch. dies ist nicht böse gemeint, sondern eher eine zuvorkommende geste, schließlich ist zeit geld.

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14/07 es ist immer noch drückend heiß in der stadt. ich fahre die letzen tage erst gegen abend rein, um mir gezielt einzelnes anzusehen. wie unterschiedlich die nacht- und die tagseite einer stadt sein kann. nachts erscheint mir nyc derzeit versöhnlicher: keine flimmernde hitze auf dem asphalt, keine rushour, die schritte der menschen sind verlangsamt, fast flanierend. ich laufe nochmal über die brooklyn bridge und sonne mich in dem licht, das aus tausenden quellen kommt. viele büros rund um die wall street sind schwach erleuchtet, bläuliches flackern kommt aus den wohnhäusern und die brückenbeleuchtung ist auch schön antiquiert: new york angenehm runter gedimmt.

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13./07 „großstädte sind für die orte, an dem sich grüppchen um identitäre merkmale bilden, aber keine identität sich so sehr sicher sein kann, dass sie die einzige ist“, schreibt die hausfrau heute. wow, das flasht und löst tausend assoziationsketten über die stadt im allgemeinen und new york im besonderen aus. mir fallen die vielen, vielen tätowierten menschen ein, die ich täglich sehe. im gegensatz zu europa verläuft diese mode jenseits einer bestimmten szene oder eines styles. ist dies der versuch, seine identität für sich zu markieren und zumindest in der wahl des motivs und der stelle des tatoos einzigartig zu sein? wer oder was bin ich im haufen der vielen und was zeichnet mich aus?

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über new york ist eigentlich alles geschrieben worden. ich bin jetzt seit 25 tagen hier; insgesamt verbringe ich 2 monate in der stadt, dem referenz-punkt von stadt, zumindest für die kapitalistische globalisierte welt. angereist mit tausend bildern im kopf, einem koffer voller zitate, filmszenen und projektionen. from town to town möchte ich in dieser bilderkiste stöbern und einzelne davon gegen das licht halten. nicht reiseliteraturtauglich, sondern eher notizenhaft. schnell auf meinem rückweg mit dem zug aus der stadt heraus geschrieben. habe dazu einen stapel gelbe post-it mit, die direkt und vergänglich erinnern. tagesnotitzen, die so lange halten wie sie kleben, ständig überklebt von neuen notitzen.

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09/07 für new york braucht man einen guten infofilter, der wichtiges von unwichtigem trennt, eine art körpereigenen on-/offschalter. mir scheint, dass sich auch das verhältnis von öffentlichkeit und privatheit verschiebt, zum beispiel in der subway. dort feiert eine gruppe von zehn leuten eine party mit hiphop aus’m ghettoblaster und gesprächen quer durch den waggon. davon unbeeindruckt macht eine familie ein picknick, viele mitfahrende spielen mit ihrem cellphone. eigentlich gucken nur die touris hin, einer macht fotos. dann wechselt die gruppe vom tanzen zum wrestling. zwei kämpfen – „just for fun“ – die anderen feuern sie an. mitten im getümmel schläft jemand im stehen, den kopf an eine haltestange gelehnt. sein schalter ist auf off.

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06/07 heute bin ich über die brooklyn bridge gelaufen, vorbei an den knipsenden massen. dieses inflationäre festhalten-wollen von schönen ausblicken führt hier zu staus und genervten radfahrer/innen. auf der anderen seite spaziere ich auf der promenade von brooklyn heights. im sonnenuntergang glitzern die bürotürme im gegenüberliegenden manhattan. auch sonst glitzert und kostet es hier viel, so dass ich mich entscheide, die subway zu nehmen, um woanders günstiger etwas zu essen. beim einstieg in die station „court street“ wird mir zum ersten mal mulmig in der stadt: eine schmale, rostige treppe, müllhaufen, es tropft von der decke. kein mensch steigt mit mir in den abgrund. Die 100% gentrifizierten viertel erkennt man nicht nur an aufgeschickten u-bahn-stationen, sondern auch an deren verfall. denn: wer fährt hier noch öffentlich?

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04/07 am nationalfeiertag steige ich aus dem übervollen new-jersey-zug . vor mir gehen zwei schwarz gekleidete frauen mit kopftuch und tschador. als die jungen muslima die rolltreppe hinauf fahren, sehe ich, dass sie über ihrem schleier ein schwarzes „I love New York“ T-Shirt tragen. auch sie sind auf dem weg zum traditionellen macys firework auf dem hudson river. die ganze stadt ist auf den beinen und alles, was irgendwie nach fahne aussieht, wird in die haare gesteckt oder mit sich getragen. auffällig ist die angenehme vielfalt in der bezugnahme auf die stars & stripes: eine kollektivität, die differenz auszuhalten scheint. wir verlassen die massen, um den abend im ruhigeren brooklyn zu verbringen. ich frage mich, was wohl passieren würde, wenn in deutschland eine frau mit tschador und deutschland-trikot zum public viewing gehen würde…?

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1/07 nach den nachteilen des provinzlebens muss ich nicht lange suchen: der letzte zug aus der stadt heraus geht um 1.26. nach einem tollen konzert der oblivians – die durch ihren klassiker „guitar shop asshole“ kultstatus haben – verbringe ich die erste nacht schlaflos in nyc. wir lassen uns durch williamsburg treiben und landen in einer kneipe, in der auf kopierten flyern in eiliger schrift die aftershow angekündigt wird. wie immer ist innen alles sehr dunkel, das publikum hetereogen. wir kommen schnell ins gespräch, oft dauern diese nicht länger als 3 minuten, was irgendwie konsequent ist. meine freundin verfängt sich mit einem 60 jährigen bekifften psychologen und einem zigarre rauchenden fülligen schwarzen in ein gespräch darüber, warum in den usa der faschismus nicht möglich gewesen wäre. ich kann nicht mehr & gucke mir zum dritten mal eine dokumentation über slayer an, fasziniert von den schnäuzern & tollen metalmatten. meinen stummen nachbarn beeindrucke ich mit dem insiderwissen, dass nun gleich der gitarrist von megadeth interviewt wird. und nach megadeath fühlt es sich auch an als wir um 6 den zug nehmen.

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30/07 und welche wunder erwarten uns? fragt eine freundin, die zu besuch ist, als wir ins „wonder wheel“ einsteigen. „you will see…“, so die mehrdeutige antwort. wir sind im vergnügungspark auf coney island und sitzen in der weißen gondel und lassen uns überraschen. der weitblick über das meer und auf die stadt sind schon ungewöhnlich genug, gleichzeitig steigen wir direkt an den fassaden der 1960er jahre hochhäuser in die luft. in den trist aussehenden wohnblöcken leben heute viele russische einwanderer/innen. der lunapark selbst versetzt eine/n in die 20er. die schilder sind handgemalt und vom meerwind verwittert: werbetafeln, die in geschwunger schrift „hot french fries“ oder „brooklyn beer“ anbieten. ein schrimps mit fliege & spazierstock soll lust auf seinen verzehr machen. ein gesicht mit clark-gabel-bart & breitem grinsen wirbt für den tickler – ein karussell, das auf den abgrund zubrettert und kurz vor davor noch so eben die kurve kriegt.

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Teil II hier und Teil IV hier.

post it+++from town to town+II

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über new york ist eigentlich alles geschrieben worden. ich bin jetzt seit 14 tagen hier; insgesamt verbringe ich 2 monate in der stadt, dem referenz-punkt von stadt, zumindest für die kapitalistische globalisierte welt. angereist mit tausend bildern im kopf, einem koffer voller zitate, filmszenen und projektionen. from town to town möchte ich in dieser bilderkiste stöbern und einzelne davon gegen das licht halten. nicht reiseliteraturtauglich, sondern eher notizenhaft. schnell auf meinem rückweg mit dem zug aus der stadt heraus geschrieben. habe dazu einen stapel gelbe post-it mit, die direkt und vergänglich erinnern. tagesnotitzen, die so lange halten wie sie kleben, ständig überklebt von neuen notitzen.

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28/06 haarscharf am klischee entlang fahrend, habe ich heute eine weltreise mit der linie 7 gemacht. als „multikulti-express“ im lonely planet angekündigt, quetsche ich mich – wie empfohlen – an das rückfenster des letzten waggons, zusammen mit zwei anderen touris, die den guide auf französisch lesen. letzte haltestelle: flushing main. dort starten wir drei unser besonderes new-york-erlebnis, das „megaurbane erscheinungen durch das innerste von queens“ verspricht. und tatsächlich leben entlang der pinken linie – jeweils nur durch ein oder zwei u-bahn-stationen getrennt – asian, hispanic, indian & irish communitys mit ihren typischen geschäften und restaurants. wie verlaufen die übergänge von einem viertel zum anderen?, frage ich mich, und was ist das verbindende jenseits der subway? ich mag diese querschnitte durch stadt und wünschte mir eine silberne time-maschine-line, die mich durch das new york der 1920er, 60er und 80er jahre kutschiert.

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26/06 über den strand book store ist wirklich schon viel geschrieben worden und dennoch. nicht nur die „8 miles of books“, mit denen sie werben, sind beeindruckend, auch die art und weise, wie die bücher liebevoll zusammen gestellt sind. da werden schon mal „crime, sea & ships, law, journalism“ gemeinsam auf einem schild angekündigt und die bücher liegen in friedlicher koexistenz nebeneinander. dann wieder überrascht mich die erstaunliche ausdifferentiertheit. in der jugendbuchabteilung bleibe ich fasziniert hängen. dort gibt es 2 miles of books – minimum! – sortiert nach fantasy, environment, biography, american history, immigration, ethnic studies & diverse interests: asian, native american, jewish, black, asian, hispanic …

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24/06 ohne verbindung … als der zug aus der penn station rausfährt, ist die stromversorgung unterbrochen und wir halten auf einem abstellgleis im verzweigten tunnelsystem unter dem bahnhof. die sonst allgegenwärtige klimaanlage surrt nicht. im tunnel geben altmodische glaslampen von außen ein wenig licht. hektische blicke auf die blackberrys & mobiltelefone. viele menschen in nyc sind ständig mit jemandem in verbindung – und nun auch hier kein empfang. nach einer viertelstunde ist der spuk vorbei, das licht geht an, der zug rollt los. mein sitznachbar holt ein buch raus, eine fast antiquierte geste im kindlezeitalter. ich linse auf den titel. „how to find friends and influence people“ ist das kapitel überschrieben, das er gerade liest.

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22/06: „at the same moment“ steht auf einem pier nahe der ablegestelle der fähre, die gratis von mantattan nach staten island fährt. und ja – es gibt parallelwelten in new york, die sich zwar ständig kreuzen, doch nie berühren: die touris & die stadtbewohner. während die einen massenhaft auf der rechten seite der fähre stehen – die freiheitsstatur im fokus ihrer kamera – sitzen die anderen auf der linken seite entspannt mit dem rücken zur freiheit. eine asymetrie zwischen alltag und einmal-im-leben-sehen-wollen. nicht nur aufgrund der ungleichen verteilung des gewichtes, sondern auch aufgrund der kollektiv gesammelten projektionen müsste der stattliche dampfer eigentlich einen starken drall zur miss liberty haben.

post it+++from town to town+I

über new york ist eigentlich alles geschrieben worden. ich bin jetzt seit 6 tagen hier; insgesamt verbringe ich 2 monate in der stadt, dem referenz-punkt von stadt, zumindest für die kapitalistische globalisierte welt. angereist mit tausend bildern im kopf, einem koffer voller zitate, filmszenen und projektionen. from town to town möchte ich in dieser bilderkiste stöbern und einzelne davon gegen das licht halten. nicht reiseliteraturtauglich, sondern eher notizenhaft. schnell auf meinem rückweg mit dem zug aus der stadt heraus geschrieben. habe dazu einen stapel gelbe post-it mit, die direkt und vergänglich erinnern. tagesnotitzen, die so lange halten wie sie kleben, ständig überklebt von neuen notitzen.

++++++++++++++++++++++post+it+++
20/06 glücklich über die williamsburg bridge gelaufen und dabei kirschen gegessen. wie ein rosa elefant trägt mich die hängebrücke von manhattan nach brooklyn. anscheinend aus 1.000 verschiedenen farbeimern gestrichen und doch nie fertig geworden, vermischt sich hier die traditionelle mädchenfarbe rosa in allen möglichen nuancen charmant mit rost.

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19/06 eigentlich war ich nach einem tag im central park schon auf dem weg zum bahnhof, da hat mich die subway entführt. am columbus circle die falsche richtung erwischt. als ich das merke, gibt’s kein entkommen mehr. der zug brettert an allen haltestellen entlang des central parks vorbei. die anderen meist afroamerikanischen mitfahrenden sind davon aber nicht beunruhigt, und so bin ich es auch nicht. es ist ein express, der erst an der 125. straße wieder zum halten kommt: in harlem. ich tauche kurz beim malcom-x-boulevard auf: reges straßenleben, viele kirchen & mosheen auf wenige meter, überall stände, an denen man selbstgebranntes zum hören, schmuck und t-shirts von martin luther king und obama kaufen kann oder von beiden zusammen, verbunden mit einem wort: hope.

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18/06 heute habe ich den himmel und lenin gesucht; ich wollte mir einen überblick verschaffen. und das soll ganz gut gehen – von der aussichtsplattform des rockefeller centers. ich betrete den art-deco-häuserkomplex: innen schwarzer stein, verziert mit goldelementen. „jeder geschlossene raum ist ein sarg“, dieses blumfeldzitat fällt mir ein. der weg nach oben ist teuer: 21 us$. zu teuer, beschließe ich, & verlasse das center, um wo anders den himmel zu suchen. werde im bryant park fündig, ein winziger fleck grün mit interessanter gentrifizierungsgeschichte. ein stück himmel finde ich auch im schönen lesesaal der public library. ach ja, lenin war – wie ich – nur auf stippvisite bei den rockefellers: sein konterfei war teil eines wandgemäldes von diego rivera, das dieser für das foyer eines der häuser entwarf. das hat den damaligen auftraggebern nicht so gefallen & sie ließen das fresko wegen kommunistischer symbolik wieder übermalen.

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17/06 hab mir ’nen lauen gemacht und bin in meinem beschaulichen vorort in new jersey geblieben. hier sind die häuser aus bunt gestrichenem holz, die vorgärten in schuss und die zeitung wird locker mit dem auto ausgetragen und auf die veranda geworfen: bekannte bilder einer us-amerikanischen vorstadtidylle. was schon auf dem ersten blick die idylle trübt, sind die vielen for sale-schilder vor den häusern. allein auf meinem weg zum bahnhof, der 10 minuten entfernt liegt, zähle ich 15 häuser, die zum verkauf stehen oder zu vermieten sind. oft sind sie schon von weitem an der blätternden farbe und den verwilderten gärten zu erkennen. subprime!

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16/06 „lower fat in lower east“ würde ich meinen tag überschreiben, wenn ich eine überschrift finden müsste. das design bestimmt das bewusstsein und außendesign – sprich style – ist hier die heiß gehandelte ware, wo noch vor 30 jahren andere kurzlebige glücksversprechen gedealt wurden. die coolness im ehemaligen junkie-viertel besticht und wirft mich auf eigene identitätsfragen zurück. zweifelsfrei als touri zu identifizieren: was mach ich eigentlich hier mit der karte falsch rum in der hand? nach 2 stunden auf und ab lande ich müde im landmark sunshine cinema, ein renoviertes jiddisches theater und ehemaliger ort für boxveranstaltungen. gezeigt wird eine dokumentation von banksy, in der er den hype von streetart (und seine eigene rolle darin) auf die schippe nimmt. passender film für diesen tag.

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15/06/ first we take brooklyn. heute bin ich zwischen den brücken gelandet. unzählige hochzeitspaare kreuzen meinen weg auf der suche nach dem besonderen foto-background, der zufällig immer derselbe ist. es ist die stelle, an der auch ich sitze: ein kleiner steiniger strand mit der manhattan bridge im hintergrund. die schminke zerläuft bei der hitze, die festtagsfrisur leidet – smile & click. beim gang durchs viertel trifft flakerndes sonnenlicht auf ehemalige lagerhallen in braunklinker. und innen ein gleichmäßiges, wohldosiertes neonlicht, dezente wandfarben und klimatisierte office situationen. ständige licht- und temperaturwechsel von draußen nach drinnen: beim kurzen stopp in einem buchladen, einer galerie und in anderen dumbo-orten.

Fortsetzungen Teil II und Teil III

Veranstaltung: Gefährliche Körper an gefährlichen Orten, 8.6. Hansaplatz

„Wie werden Körper gefährlich? Dieser Frage liegt die These zugrunde, dass soziale Prozesse der In- und Exklusion, der Normalisierung und Marginalisierung von Menschen und Gruppen immer auch eine körperliche Dimension haben. Die Studie von Imke Schmincke verknüpft erstmals die für die soziologische Forschung seit längerem virulente Frage nach der Bedeutung des Körperlichen mit Theorien zu sozialer Ungleichheit, zu Stadt und Raum sowie zur Sicherheitsgesellschaft. Und sie illustriert diese auch empirisch an einem innerstädtischen »gefährlichen Ort«, dem Hansaplatz. Ihr Ziel ist die Öffnung der körperlichen Dimension des Sozialen für eine kritische Gesellschaftstheorie.

Dr. Imke Schmincke, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Forschungs-schwerpunkte sind Theorien zu Körper, Kontrolle, Stadt, kritische Gesellschaftstheorie und feministische Theorie.“

Vortrag & Diskussion: Gefährliche Körper an gefährlichen Orten. Körper, Raum und Marginalisierung am Beispiel des Hansaplatzes. Di. 08.06.10.| 19:00 Uhr | Vor-Ort-Büro | Hansaplatz / Ecke Zimmerpforte | Teilnahmebeitrag 2 €

Veranstaltet vom Rosa-Luxemburg-Bildungswerk in Kooperation mit dem Einwohnerverein St. Georg.

Lefebvre gezeichnet # Christoph Schäfers Die Stadt ist unsere Fabrik

fabrik

Gestern Nacht an der S-Bahn Reeperbahn: Ein halbes Dutzend Polizisten steht an der Treppe zum Bahnsteig und holt Leute raus, um „Personenkontrollen“ durchzuführen. Mich auch. Ich werde abgetastet, meine Tasche wird durchsucht. Wieso fischen die mich raus? denke ich, und fühle mich diffus schuldig. Liegt’s an der schwarzen Wollmütze, die mich zum potentiellen Pauli-Fan macht, denn – so die knappe Erklärung für diese sog. Sicherheitsnahme – „St. Pauli gegen Rostock“. In meiner Tasche ein Buch: Christoph Schäfers „Die Stadt ist unsere Fabrik“, das er am selben Abend im Pudelsalon vorgestellt hatte. „Die Stadt ist nicht der Staat“, fällt mir ein. Der Satz hängt nach. Er findet sich auf einem Bild in diesem Buch.

Nach der Kontrolle steige in die S-Bahn und suche die entsprechende Seite. Schäfer bezieht sich hier auf Kowloon Walled City, eine von 1946-1990 von den BewohnerInnen selbstorganisierte Stadt, bei der nicht klar war, ob sie zu Hong Kong oder China gehörte und auf deren Boden sich viele Menschen und Dinge versammelten, die in den Nachbarstaaten verboten waren. Wie wäre wohl eine Stadt, die nicht unter staatlicher Kontrolle steht? frage ich mich. Wie könnte so eine Selbstverwaltung aussehen? Und was machen die BewohnerInnen, wenn sich Rostock-Hools zum Besuch ankündigen?

Heute hab ich immer wieder im Buch rumgelesen oder besser rumgeguckt und bin oft ins Nach- und Weiterdenken geraten. Zunächst zum Buch selbst: Es ist mit 304 Seiten so dick wie ein Fabrikziegel und hat eine großartige Druck- und Papierqualität, so dass man sich fragt, ob man aus Versehen das Original-Skizzenbuch mitgenommen hat. Tolle Zeichnungen und tolle Stadtgeschichten, die ihren Anfang in der historischen Ursuppe haben und ihr Ende im Hier und Jetzt finden. Radikal subjektiv und assoziativ erzählt & erzeichnet ist das Buch im besten Sinne unterhaltend und schlau, da es zum Mitdenken herausfordert.

Das Buch ist in 6 Kapitel unterteilt: #1: Lefebvre 4 Kids # 2: Der angeeignete Raum # 3: 1979: Grande Latte – Die Stadt ist unsere Fabrik # 4: Schwarze Löcher # 5: Hamburg – Die „Wachsende Stadt“ mit Projekten umstellen #6: Der Abend, den ich gerne als Film hätte.

Grob nimmt die Lefebvre-Dichte gegen Ende des Buches ab und die Hamburg-Referenzen zu. Sicher ist, dass sich nicht alle Bilder sich von alleine herleiten lassen ohne ergänzende Erläuterungen. Ist aber auch nicht weiter schlimm. Oft ergeben sich über die Folge von Bildern und über die Wiederkehr von bestimmten Motiven assoziative Verknüpfungen. Ich empfehle: Mut zum Eintauchen und Gedanken-schweifen-lassen und picke mir einfach mal ein Bild raus…

Warum gehen Leute gerne in komplizierten Stadtentwürfen spazieren?, lautet die bildgebende Frage auf S. 96, die auf einer Treppe startet und über das Blatt geht und dabei von verschiedenen farbigen Linien durchkreuzt wird. Der Text ist Teil des Bildes und umgekehrt. Kompliziert heißt: nicht gleich auf den ersten Blick zu durchschauen. Das Gängeviertel fällt mir ein und dass mal große Teile Hamburgs so verschachtelt ausgesehen haben bis zum Großen Brand 1842. (Kehrseite dieser uns heute so attraktiv erscheinenden Unübersichtlichkeit: Enge, schlechte hygienische Bedingungen und eben Brandgefahr). Trotzdem glaube ich auch, dass Stadt vor allem dann geschätzt wird, wenn die verdichtete Unterschiedlichkeit und die historischen Schichten von Stadt sichtbar werden. Das Gegenteil von kompliziert sind z.B. die Planungen für die „Führerstadt Hamburg“ mit einer riesigen Elbhochbrücke und einer geraden Nord-Südachse an der Elbe mit Gauhochhaus und pompöser Volkshalle.

Komplizierte Stadtentwürfe sind aber nicht nur charmante Altstadtviertel, sondern vielleicht auch eine nicht auf den ersten Blick zu fassende Bewohnerschaft. Die Hafencity, von der sogar 60% der eher konservativen AbendblattleserInnen in einer jüngsten Umfrage meinten, sie sei nicht gelungen, lädt auch aufgrund seiner homogenen BewohnerInnen nicht unbedingt zum Flanieren ein. Die Zeit hatte ein Dossier zur Hafencity mit dem treffenden Titel „Der gelbe Planet“ überschrieben, schließlich haben unglaubliche 27,5 Prozent in der Hafencity die neoliberale Lobbypartei FDP gewählt. Ganz zu schweigen davon, dass die Patina und die Sichtbarkeit von Gewordenheit von Stadt in diesem in den letzten zehn Jahren hochgezogenem Stadtteil natürlich fehlt.

Oh je – wer hat an der Uhr gedreht? Jetzt bin ich an einem einzigen Bild hängengeblieben. Mein heimlicher Plan ist es, ab sofort Blog-kompatiblere Texte zu schreiben: kürzer und schneller. Aber weitere Bilder und Gedanken dazu folgen bestimmt. Jetzt fix die ersten Leseeindrücke hochladen. Vielleicht bleiben ja andere Schätzchen-LeserInnen an anderen Bildern aus die „Stadt ist unsere Fabrik“ hängen?

Lach- und Sachgeschichten mit Farid Müller

Vielleicht erinnern sich noch einige an Elke Kleines Bewerbung für die Kommission für Bodenordnung (KfB)? Ist ja schon länger her, aber nun endlich gibt es eine Antwort von Farid Müller. Leider eine Absage. Das Schreiben will ich euch nicht vorenthalten, versehen mit ein paar Kommentaren …

Sehr geehrte Frau Kleine,
die Kommission für Bodenordnung besteht neben den ehrenamtlichen Mitgliedern der Bürgerschaft aus Mitgliedern der Deputationen, des Rechnungshofes und der Behörden (z.B. Finanzbehörde).

Die ehrenamtlichen Mitglieder der Bürgerschaft werden je nach Vorschlagsrecht der jeweiligen Partei von der Bürgerschaft gewählt. Mit dem Vorschlagsrecht werden auch die Mehrheitsverhältnisse der Bürgerschaft abgebildet. Die Mitglieder der Bürgerschaftsfraktionen sind Mitglieder der Bürgerschaft bzw. in den anderen Fällen der jeweiligen Bezirksversammlung. Die oppositionellen Mitglieder haben jederzeit das Recht, Vorgänge der Kommission in die Bürgerschaft zu überweisen und somit öffentlich zu behandeln.

Hier wird es interessant. Laut Christiane Schneider hat z.B. die Linke – aus mathematischen Gründen – gar keine/n VertreterIn in der KfB. Wie soll denn so die Opposition (oder Teile davon) ihr Recht wahrnehmen, ggf. Vorgänge an die Bürgerschaft zu überweisen?

Da die FDF ja nicht in der Hamburger Bürgerschaft sitzt, bleibt also noch die oppositionelle SPD. Diese bemüht sich derzeit sichtlich darum, ihrem Programm einen sozialeren Anstrich zu geben und entdeckt die „Stadt als Gemeinwohl“. Nehmt es Frau Kleine nicht übel, aber sich hier auf die SPD als regulierende Instanz zu verlassen, dazu müsste sie schon ganz schön vergesslich sein: Der HEW-Verkauf durch die SPD, die Schließung des Hafenkrankenhaus und damit einhergehende Vorbereitung des Ausverkaufs der städtischen Kliniken, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und überhaupt: Wer hat das Unternehmen Stadt erfunden? Richtig! Die SPD war’s! Unter Klaus von Dohnanyi, 1983. Kurz erinnert sei hier auch an Olaf – Brechmittel – Scholz, der bundesweit als erster zeigte, was die SPD ordnungspolitisch so unter einer Stadt als Gemeinwesen versteht. Aber zurück zum Herrn – bornierter Kultursozialismus – Müller.

Ja, Sie können sich bewerben, wenn Sie Mitglied der Bürgerschaft, der Bezirksversammlung oder einer der Deputationen sind.

Dieses Berufsanforderungsprofil erfüllt Frau Kleine leider nicht, aber es gibt noch eine andere Möglichkeit:

Sie können sich für eine Partei engagieren (z.B. für die GAL) – dies geht auch parteilos – und sich wählen lassen.

Mmmh, sich für eine Partei engagieren, bisher hat sich Frau Kleine für eine Sache engagiert, von der sie der Meinung war, dass es eine gute ist. Nun ist also Engagement für eine Partei erfordert? Das erscheint sogar Herrn F. Müller vom Anforderungsprofil her zu hoch zu sein und es „geht auch parteilos“. Puh, da ist Frau Kleine erleichtert, denn – um der GAL guten Gewissens beitreten zu können – da hätte sie doch über zu viele Leichen, Kohlekraftwerke, Elbvertiefungen gehen müssen. Parteilos geht hingegen gut.

Die Kommission überwacht die Korrektheit der grundstücksbezogenen Verträge und die Abwicklung der jeweiligen Verfahren rein formal. Sie wurde eingerichtet, damit es zu keinen „Mauscheleien“ kommen kann und die Grundstücksgeschäfte durch die Bürgerschaft überwacht werden.

Hier wird es wirr: Erst mal überwacht die KfB die Abwicklung „rein formal“. Also: rein formal heißt, da wird nicht lang geschnackt, sondern fix ne Unterschrift drunter gesetzt. Gleichzeitig soll mittels der KfB durch dieses „rein formale“ Verfahren gewährleistet werden, dass die Bürgerschaft ihre so ausgelagerten Grundstücksgeschäfte überwacht? Also, hier werden – ziemlich formal – Nägel mit Köpfen gemacht. So entschied die KfB 2007 z.B., dass der Katharinenhof im Gebotsverfahren „an eine Firma aus dem Luftfahrtsektor“ veräußert wird und zwar gegen den expliziten Wunsch und das Gegenkonzept der AnwohnerInnen. Mehr zu dieser wundersamen Kommission von Herrn Müller:

Die Kommission trifft KEINE politischen Beschlüsse. Die Vorgänge der Kommission sind deshalb nicht öffentlich, da es sich um Vertragsbestandteile handelt, die i.d.R. vertraulich zu behandeln sind. ((Hervorhebung im Original))

Jetzt bin ich ganz verwirrt. Warum ist es denn KEIN politischer Beschluss, wenn über den Verkauf von städtischen Grundstücken entschieden wird? Sind Entscheidungen über den Haushalt auch KEIN politischer Beschluss? Sind teure Prestigeprojekte, wie die Elbphilharmonie auch KEIN politischer Beschluss?

Auch der folgende Satz ist mysteriös: Die Vertragsbestandteile sind vertraulich und deshalb nicht öffentlich. Aber wie kann das NICHT öffentlich sein, wenn öffentliche Güter verkauft werden? Hier müssten doch die BürgerInnen informiert werden oder warum verkauft Hamburg seine Katzen im Sack?

Ich hoffe Ihnen eine ausreichende Antwort gegeben zu haben und verbleibe mit freundlichen Grüßen
Ihr
Farid Müller

Ihre Frau Kleine hat noch ausreichende Fragen:
* Wer sitzt denn nun genau in der Kommission? Ist dies auch geheim?
*Wenn die Namen geheim sind: Wie soll geprüft werden, ob Kommissionsmitglieder nicht persönlich von dem einen oder anderen Verkauf profitieren?
* Ganz pragmatisch: Wenn die Mitglieder der KfB der Verschwiegenheit verpflichtet sind, wie sollen sie dann mögliche Missstände und Fehlentscheidungen thematisieren?
*Wenn die KfB eine Kontrollinstanz für den Senat ist: Wurde eine Entscheidung der KfB schon mal an den Senat zurück gegeben?
* So als unpolitisches Gremium: Vergibt die KfB die Grundstücke im Höchstgebotverfahren (wie die letzten Jahre üblich) oder was sind die Vergabekriterien?
Na ja, Frau Kleines Bewerbung bei dem CDU-Kollegen Hecht steht ja auch noch aus. Mal sehen, was der so zu erzählen weiß.

Hamburgs next Kommission für Bodenordnung

Wer dachte, dass der Hamburger Überseeclub exklusiv sei, der kennt die Kommission für Bodenordnung (KfB) noch nicht. Aufmerksame BlogleserInnen kennen diese Kommission schon von den Recherchen der Agentin Zucker in der Rubrik „Was macht eigentlich“. Die KfB tagt geheim und die Mitglieder sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Ihre Aufgabe? Sie verkauft Hamburgs Tafelsilber, das heißt, sie entscheidet darüber, wer den Zuschlag für den Erwerb öffentlichen Grund & Bodens erhält.

Dieses Gremium hat allein 2008 über ein Finanzvolumen von nahezu 290 Mio. Euro entschieden. Hinzu kommen „weitere mehr als 70 Vorlagen mit über 710 Tsd. Euro Finanzvolumen“, zu denen der Vorsitzende allein seinen Segen gab. Praktisch ist, dass diese Kommission nicht weisungsgebunden ist, sie kann also schalten und walten, wie es ihr beliebt. Und am Ende des Jahres gibt es dann einen schicken Bericht über die getätigten Verkäufe an den Senat.

Da in der Kommission auch Ehrenamtliche sitzen, hat Elke Kleine sich um einen Sitz beworben und zwar sowohl bei den Grünen (über Farid Müller) als auch bei der CDU (über Heiko Hecht).

Wir drücken Frau Kleine für ihre Bewerbung die Daumen und halten euch bei from town to town auf dem Laufenden….

Kritik: radikal-schick

„Gentrification is classwar – Fight back“. Mit diesem Slogan kämpften 1988 in New York Aktivist/innen gegen die Räumung des Tompkins Square Parks. In und rund um den Park herum lebten zu dem Zeitpunkt viele Obdachlose. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion prügelte die Polizei die Menschen aus ihren Zelten, zerstörte die Unterkünfte und sperrte den Park ab. Der Widerstand gegen die Vertreibung der ursprünglichen Bewohner/innen war vielfältig und radikal. Die weitere Aufschickung und kapitialistische Inwertsetzung der Lower East Side, inklusive des von der städtischen Politik erwünschten und mittels der repressiven Macht umgesetzten Einzugs der Mittel- bzw. Oberschicht, konnten auf lange Sicht nicht verhindert werden.

Wie hängt Gentrifizierung nun mit Klassenkampf zusammen? (Ich scheue mich fast diesen Begriff zu benutzen, lastet ihm doch der Beigeschmack eines K-Gruppen-Dogmatismus der 1970er an. Dort sprachen zwar viele permanent vom Klassenkampf und der Arbeiterklasse, um sich dann später als Lehrer, Grüner oder whatever für diesen klassenkämpferischen Aktivismus standesgemäß zu „belohnen“.) Eine elementare Frage bleibt: Wie kann Gentrifizierung in seiner ökonomischen und segregierenden Struktur analysiert werden? Wer ist wann/wie von dem in Phasen ablaufenden Prozess betroffen? Wie manifestieren sich die unterschiedlichen materiellen Lebensverhältnisse und sozialen Ausgangspunkte auch in den Protesten? Welche Hierarchien gibt es? Wie sieht eine grundlegende Kritik an der politischen Ökonomie der Stadt aus? Diese richtigen Fragen stellt auch Roger Behrens in seinem Text „Gentrification und Urbane Bewegung“ in der Dezemberausgabe der Streifzüge.

Ein interessanter Artikel, den ich hier reflektieren möchte. Die Stärke des Textes liegt m.E. in der Analyse und Beschreibung der Transformation von Stadt im Übergang vom Fordismus zum Postfordismus. Auch viele der hier genannten Kritikpunkte teile ich. Sie finden sich z.T. auch in meinen Lefebvre-Texten, wie z.B. die Kritik am „Freiraum-Konzept“ vieler subkultureller Orte, die Kritik am konsumistischen Selbstverständnis (das ich aber nicht so einfach von meiner eigenen Person entkoppeln kann), die Konzentration auf den eigenen Kiez, das Nichtreflektieren der eigenen Rolle als Gentrifizier/in.

Dennoch hat mich beim Lesen des Textes zunehmend ein Unbehagen beschlichen. Dieses Unbehagen bezieht sich darauf, dass hier Kritik aus der Vogelwarte des Beobachters getätigt wird, der eloquent beschreibt, was die „anderen“ alles so falsch machen. So würden die Gentrifizierungskritiker/innen unisono nur an der kapitalistischen Fassade kratzen und ihre eigenen Privilegien verteidigen. Sie seien nicht in der Lage, eine grundlegende Kapitalismuskritik zu formulieren und überhaupt rutschten alle seit den 1990ern in „linkshedonische Selbstbeschäftigung“ ab. Gut gebrüllt, Herr Behrens, aber in diesem Pauschalflug falsch.

Gerade weil es d i e Linke nicht gibt und auch linke Theorien und Praxen äußerst heterogen und vielfältig sind, ist es für mich als Linke unerlässlich, dass ich Ross und Reiter nenne, wenn ich andere kritisiere. Auf wen oder was bezieht sich meine Kritik konkret? An welchen Flugblättern, Gruppen, Aktionen mache ich das fest? Und: Von welchem Standpunkt ausgehend formuliere ich meine Kritik? War ich früher auch ein Elch und wie bin ich heute selbst in Gentrifizierung involviert?

Hier hingegen wird im Galopp pauschalisiert und äußerst abstrakt kritisiert: Die Rote Flora und Park Fiction als urbane Selbststilisierung. Punkt. Der Euromayday als individualisierte Interessenverteidigung – mittlerweile erstarrt und Klappe zu. Dann diese „mafiotischen Dorfstrukturen“ im Schanzenviertel: so so! Unterschlagen wird hier, um nur einige Beispiele zu nennen: Die sehr differenziert geführte Debatte um Drogenpolitik im Flora-Umfeld in den 1990ern; die internationale Vernetzung der Euromaydays und eine damit verbundene über den deutschen Tellerrand hinausgehende Debatte; die jahrzehntelange Sisyphusarbeit von Mietrechtsaktivist/Innen und Menschen, die gegen Sozialabbau kämpfen; die Etablierung eines Parks mit Elbblick, in dem ich eben nicht 3 Euro für mein Bier zahlen muss; eine zehnjährige Mietpreisbindung für alle Bewohner/innen der vom Verkauf betroffenen Häuser im Bernhard-Nocht-Quartier. Alles Peanuts?

Ein typisches Zitat für diese den ganzen Artikel durchziehende Rundumschlagsstrategie: „Als Kollektiv formiert sich diese „Bewegung“ nur noch als ‚angry middleclass‘, die sich neuerdings als „Präkariat“ stilisiert. Ihr politisches Programm ist ein konfuses, plakatives Gemenge aus Meinungen, Populismus und Propaganda, wobei sowohl alte Themen wie „Mietpreise“ und „Yuppisierung“ vertreten sind, als auch neue Themen wie „Schutz“, „Sicherheit“, oder reaktionäre Abbiegungen in die Drogen- und Asylpolitik.”

Konkrete Belege für diese doch schwerwiegenden Vorwürfe? Fehlanzeige! Bezieht Behrens sich hier eigentlich nur auf Hamburg oder gilt das generell für alle stadtpolitischen Bewegungen weltweit? Und wo ist die Kritik zeitlich angesiedelt: bei den RTS-Bewegungen Anfang der 1990er oder auf das, was sich derzeit 2010 so bewegt? Die Gewissenhaftigkeit einer Kritik müsste in einer analytischen Genauigkeit liegen, die hier fehlt.

Mein Ausgangspunkt und meine Erwartungen an soziale Bewegungen sind grundlegend andere. Um die Widersprüchlichkeit und Uneinigkeit wissend, begebe ich mich in konkrete Auseinandersetzungen und dies mit offenem Ende. Protest kann immer vereinnahmt und entpolitisiert werden, die falschen Argumente setzen sich durch und die Revolution lässt weiter auf sich warten. Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Aber nützt ja nüscht, wie man in Hamburg so sagt. Gerade in der Hansestadt haben es Aktivist/innen immer wieder geschafft, bestimmte Projekte, Eingeständnisse dem Senat abzuringen und damit Schlimmeres zu verhindern. Und: Wie sähe Hamburg heute wohl aus, wenn alle – statt sich zu engagieren – lieber bequem in ihren Wohnzimmern geblieben wären?

Auch die folgende Kritik finde ich angesichts dessen, was im Recht-auf-Stadt-Netzwerk (das taucht erst gar nicht auf) in Hamburg gerade versucht wird, mehr als ignorant: „Auffällig zudem, in welchem Maße die heute sich Engagierenden ohne Beziehungen zueinander operieren und Auseinandersetzungen auch auf einzelne Stadtteile oder sogar Straßenzüge isoliert bleiben“. Hier ist der Autor anscheinend schlecht informiert. So koordiniert z.B. die AG Mieten des Netzwerks gerade stadtteilübergreifend Widerstand gegen die Mieterhöhungen der SAGA (vergleichbar mit dem Steigende-Mieten-Stoppen-Bündnis in Berlin). Auch die monatlichen Vernetzungstreffen im Centro Sociale haben die Funktion, sich gegenseitig auf Stand zu bringen, zu kritisieren und Aktionen zu bündeln.

Ich lasse mich gerne belehren, bzw. lerne auch gern von anderen. Wie müsste denn eine radikale Theorie und Praxis demgegenüber aussehen? Hier bleibt der Text von Behrens auffällig schwammig und unkonkret. Die anderen machen falsch, dass ihre Kritik nur auf das „Publikum“ und nicht auf das „Kapital“ zielt, was – by the way – für die Initiativen, die ich in Hamburg kenne, nicht zutrifft. Ich zumindest habe das klassische Yuppie-Argument in meiner politischen Praxis schon lange nicht mehr gehört oder auch nur gelesen. Aber – und das interessiert mich wirklich – wie geht denn nun radikale Theorie & Praxis und ich lese:

„Wir gehen davon aus, dass der Begriff Gentrification nur Ausgangspunkt einer kritischen Theorie sein kann, die sich auf den Zusammenhang von Kapitalismus und urbanen Veränderungen richtet, und die zugleich notwendige Grundlage einer erst noch zu situierenden radikalen Praxis ist. „Stadt“ ist keineswegs eine vorgegebene Raumordnung, in der sich das Profitmotiv realisiert, sondern eine Matrix, die durch die Logik kapitalistischer Wertvergesellschaftung überhaupt erzeugt wird.“

Meine erste Frage bezieht sich auf das hier so plötzlich auftauchende „Wir“. Wer ist mit dem Wir-Kollektiv gemeint? Und von welcher sozialen Position heraus wird gesprochen? Stichwort: den eigenen Standpunkt transparent machen. Und – ehrlich geschrieben – das hier Formulierte ist ein absoluter Allgemeinplatz. Wo könnten denn konkrete Ansatzpunkte für eine radikale Praxis liegen, wenn all die anderen Kinder doch so doof sind? Oder verschiebt sich die „erst noch zu situierende radikale Praxis“ auf den St. Nimmerleinstag der Revolution? … fragt sich die Strickliesel ratlos.

Zentralität & Brutalität. Lefebvre # stricken VI

„Lefebvre # stricken“ habe ich meine Reihe genannt, aber seit ein paar Wochen klickern die Nadeln nur sehr selten. Dabei liegt das handliche Buch „Revolution der Städte“ direkt neben meinem Bett und ich lese immer mal wieder rein. Mein ursprünglicher Plan – mal eben Kapitel für Kapitel zusammen zufassen und auf Praxistauglichkeit abzuklopfen – ist wohl gescheitert. Das Theorieknäuel zu groß und zu viele andere Fäden hängen mit dran: Müsste noch Einiges bei Marx nachlesen, ach ja und Marcuse und – mmh – die Bezugnahme auf die Situationisten auch nicht vergessen.

Meine Leseerfahrung von Revolution der Städte? Ich fühle mich wie in einem Labyrinth: komplex, mit vielen Abzweigungen und ich weiß nie, was mich an der nächsten Ecke erwartet. Die Ausgänge sind in viele Richtungen hin offen und wenn ich mich an einem analytischen Ziel wähne, dann zerfällt die Struktur und vervielfältigt sich in flirrender Dialektik. Immanente Widersprüchlichkeit und permanent die Denkrichtung ändernd. Wie ergeht es euch beim Lesen von Lefebvre?

Mein Hauptfaden, den ich bisher in der Hand hatte, war die Suche nach dem utopischen Potential, das die Stadt oder allgemein Raum (space) haben kann. Aber was macht die Qualität von Stadt im Hier und Jetzt aus? Was ist das Besondere von Stadt? Ich lande beim Kapitel VI: Die urbane Form. Zentral ist die Zentralität. Sie bildet das Wesen des Phänomens der Verstädterung. Zentralität ist aber nichts Feststehendes, Fixes, sondern Zentralität ist „gekoppelt mit der dialektischen Bewegung, die sie einsetzt und zerstört, sie schafft oder zerbricht“. Und überhaupt: „jeder Punkt kann zum Brennpunkt werden, zum privilegierten Ort, an dem alles konvergiert“. Ein wandernder Marktplatz also oder eher viele in Bewegung begriffene Zentren, wo – und das muss jede/n Stadtplaner/in (sic!) zur Weißglut treiben – sich jederzeit Unvorhergesehenes Platz verschaffen kann und wird: „Aber schon im Entstehen verflüchtigt sich die Verdichtung wieder, wird rissig. Ein anderes Zentrum, eine Peripherie, ein Anderswo werden erforderlich.“ (156)

Die Stadt ist aber nicht nur das wachsende Gewebe, das alles verschlingt und Konsumstätte ist, sondern sie wird selbst produktiv, indem sie „die zur Produktion erforderlichen Elemente zusammenfügt“, an sich reißt und die „Schöpfungen zentralisiert“. Interessant ist, was Monsieur L. alles unter Schöpfungen fasst: Früchte, Objekte, Produkte, Produzenten, Werke, schöpferisch Tätige, Aktionen und Situationen. (S. 154/155). Was mir hier in der Auflistung fehlt, ist das Unschöpferische, vermeintlich Unproduktive der Stadt: das Stille, Nichtrepräsentierte, Zerrissene und Geronnene; All das, was „einfach“ da ist oder eben fehlt.

Aber weiter im Text. Das Potential und gleichzeitig das Grausame (!) des Städtischen liegt darin, dass hier Unterschiede zusammen gebracht werden und ein soziales Beziehungsgefüge – heute würde mensch vielleicht von Segregation sprechen – konstruiert und freigelegt wird: „Dabei entstehen Unterschiede aus Konflikten, bzw. die Unterschiede führen zu Konflikten. Ist das nicht die Ursache und der Sinn dieses rationalen Deliriums, das wir Stadt, Verstädterung nennen? Das (soziale) Beziehungsgefüge verschlechtert sich entsprechend der Entfernung in der Zeit und im Raum, die Institutionen und Gruppen trennt. Hier werden sie in der (virtuellen) Negation dieser Entfernung aufgezeigt. Hier ist die Ursache für die latente Brutalität zu suchen, die der Stadt inhärent ist*.“ (S. 155, *Fortsetzung folgt am Ende des Textes)

Aus diesem Grund ist es wichtig, auf das Recht auf Stadt als ein Recht auf Zentralität zu pochen. Jede/r hat das Recht auf Zentralität, auf Zugang zu kollektiven Ressourcen, unabhängig von seiner/ihrer sozialen Zugehörigkeit und auch – und das wäre mir wichtig – unabhängig von dem, was jemand macht oder leistet. Mir gefällt ja der Slogan der Hamburger Recht-auf-Stadt-Bewegung: „Wir bleiben unkalkulier- und unplanbar“ sehr gut. Hier melden sich Bewohner/innen zu Wort, die sich dagegen wehren, Verschiebemasse von Urbanist/innen und neoliberalen Stadtplaner/innen zu sein, die nur bestimmte Bevölkerungsgruppen in den innenstadtnahen Viertel haben wollen.

In den Medien werden die Proteste gegen Gentrifizierung immer wieder auf einen reinen Abwehrreflex reduziert. So charakterisierte z.B. die Süddeutsche die Recht-auf-Stadt-Bewegung als eine Bewegung im konservativen Geist des Bewahrens. Auch in der linken Debatte gibt es immer wieder diese Einwände gegen die gentrifizierungskritischen Proteste als „Heimatschutz“. Diese Kritik greift m.E. zu kurz und verliert sich im letzteren Fall schnell im verbalradikalen Gestus à la „So lange man (wer immer das auch tun soll?) nicht den Kapitalismus in Gänze abschafft, brauch’ ich mich doch nicht über steigende Mieten oder dieses oder jenes Prestigeprojekt aufzuregen“. Das ist ein Verharren in selbstverliebter Kritik, das jede konkrete Praxis und soziale Auseinandersetzung mit all ihren Widersprüchlichkeiten scheut. Oder um es mit Herrn Marx zu sagen: „Die Kritik (…) verläuft sich nicht (…) in sich selbst, sondern in Aufgaben, für deren Lösung es nur ein Mittel gibt: die Praxis.“

Bei den Kämpfen gegen Gentrifizierung sollte es immer um mehr gehen als die reine Revierverteidigung (ehemals) alternativer Viertel. Die Delegitimierung und Rückweisung des neoliberalen Modells der unternehmerischen Stadt ist nur der erste Schritt, um Neues, Unvorhergesehenes überhaupt zu ermöglichen. Klar ist aber auch, dass politisches Engagement in der Stadt oft von dem Ort ausgeht, an dem sich die Menschen befinden, dort, wo sie ihren städtischen Alltag ganz konkret erleben. Das heißt nicht, dass ich mich nur für „meinen Kiez“ interessiere und alles andere mir wurscht ist (Stichwort: Vernetzung!). Schräg wäre aber doch auch eine (linke) Stellvertreter/innenpolitik, die nun meint, im Namen der Menschen am Osdorfer Born, in Pinneberg oder von mir aus Blankenese reden und agieren zu können. In diesem Spannungsfeld (den eigenen – meist privilegierten – Standpunkt transparent zu machen u n d die Unterschiedlichkeit/Konflikte der Ausgangspunkte zu reflektieren und in Bezug zu setzen) bewegt sich ein emanzipatives Engagement und eine widerspenstige, konstruktive Praxis.

Eigentlich wollte ich noch auf den Kommentar von cs zum Teil IV eingehen: „Wenn das einer der Ursprünge der „Stadt als Fabrik“ war, dann wirds Zeit, dass sich nach der Auflösung der Fabriken in das Terrain die Frage stellt, wo die neuen Widerständigkeiten eigentlich Fuß fassen können? Erleben wir die ersten Revolten im Maschinenraum der partizipatorischen Imagecity?“ Hier wäre es sicher interessant, mal zu gucken, was Lefebvre sich bei den Situationist/innen so an Anregungen gezogen hat. Ich bin da allerdings keine Expertin, aber vielleicht können andere da Hinweise geben? Für den Augenblick jedenfalls ende ich mit der Fortsetzung des Lefebvre-Zitats (s.o.), auch weil es so gut zur Disco passt. Es geht um Zentralität und um die den Städten innewohnende Brutalität. Und das Zitat ist schön passend für mein heutiges, zugegebenermaßen theatralisches Ende:

„Aber auch für den – gleichermaßen beunruhigenden – Charakter der Feste. Ungeheure Menschenmassen sammeln sich in Trance und gespielter Glückseligkeit auf der verschwimmenden Grenze zwischen hemmungslosem Jubel und hemmungsloser Grausamkeit. Es gibt kaum ein Fest ohne ,Happening’, ohne Massenbewegung, ohne Niedergetrampelte, Ohnmächtige, Tote. Die Zentralität, die in den Bereich der Mathematik gehört, gehört auch in den des Dramas.“

Abgeordneten Watch: Eine Frage noch…

Agentin Zucker hat anscheinend Verstärkung bekommen. Elke Kleine folgt dem großen Vorbild und fühlt der regierenden GAL mal auf den Zahn. Zum Beispiel zum Thema schwarzgrüne Energiepolitik. Hier gibt es eine interessante Frage an Michael Gwosdz (Mitglied des Umweltausschusses):

In der Bündnis90/Die Grünen-Pressemitteilung „Jetzt die Weichen für mehr Klimaschutz stellen“ vom Dezember 2009 heißt es: „Auch Hamburg kann seinen Teil für mehr Klimaschutz beitragen. Als Europäische Umwelthauptstadt 2011 sind wir verpflichtet, national und international als Vorbild voranzugehen. Mit der Gründung eigener Stadtwerke, dem konsequenten Ausbau des ÖPNV und einem ehrgeizigen Klimaschutzkonzept, das die CO2-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent senken will, sind wir auf einem guten Weg.“

Wie wollen Sie denn die CO2-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent senken, wenn zeitgleich das Kohlekraftwerk Moorburg gebaut wird und ans Netz geht? Das Kraftwerk würde jährlich mehr als acht Millionen Tonnen Kohlendioxid ausstoßen. (Zur Orientierung: Das ist mehr als das Doppelte der Menge, die der gesamten Straßenverkehr in Hamburg jährlich an CO2 emmissiert.) Was sagt Ihr „ehrgeiziges Klimaschutzkonzept“ zu Moorburg?

Seine Antwort ist mehr als nichtssagend und lässt sich so zusammen fassen: Die Bürger/innen sollen schön CO2 sparen, während wir weiter munter das Kohlekraftwerk bauen.

So einfach lässt sich Madame Kleine aber nicht abwimmeln und hakt noch mal bei Jenny Weggen nach, die zumindest zugibt: „die Genehmigung des Kohlekraftwerks Moorburg war für uns eine wirkliche Niederlage“. Ihre Lösungen sind aber auch nur heiße Luft, denn „Hamburg Energie“ ist d a s Feigenblatt schlechthin des schwarz-grünen Senats. Erst munter die HEW verticken (damals unter rot-grünem Senat), um dann zehn Jahre später nun ein kleines Alibi-Öko-Häschen aus dem Hut zu zaubern. Besonders peinlich ist, dass Ole von Beust bei der Einführung sagte: Er müsse für sich erst mal finanziell durchkalkulieren, ob er von Vattenfall zu Hamburg Energie wechselt.

Und auf die Nachfrage, wie viele Kund/innen das Wunderunternehmen denn nun habe, hat Agentin Kleine och keene Antwort bekommen….
Fortsetzung folgt hoffentlich auf http://www.abgeordnetenwatch.de/

Flanieren gegen Florida

Ich gehe durch die Stadt – ohne Ziel; Rechts und links von mir: Häuserschluchten. Rhythmische Schritte auf dem Asphalt, meine Gedanken im Leerlauf. Ich tauche auf, ich tauche ab. Alle Menschen auf der Straße sind auf der Suche. Flüchtige Begegnungen, kurze Blicke: Weiter.

Ich gehe durch die Stadt – stundenlang. Dem Dorf entkommen, suche ich meinen Platz in der Stadt. Ich schmiege mich an die Glas-Fassade: Ich passe nicht. Ich kommuniziere mit der Ecke, trete in Kontakt mit dem leeren Platz: Passe nicht. Ich neige mich im rechten Winkel zur Laterne: Passe immer noch nicht.

Ich gehe durch die Stadt – ohne Zweck. Ich bin einfach nur da. Bin nicht kreativ, male keine Bilder, entwerfe keine Kleider oder Häuser, schreibe keine verdammten Artikel, sitze an keinem neuen Projekt. Bin nicht produktiv. Schaffe keinen Mehrwert. Schaffe Kilometer und verharre unvermittelt.

Ich gehe durch die Stadt – ohne Plan. Gilt das schon oder ist es nur Simulation? Weiter. Zurück. Nochmal. Anders. Mein Aussehen? Not your business! Meine Gedanken? Weiter im Leerlauf. Zerissen. Fahrig. Unperfekt. Zweifelnd. Nicht passend. Ich … möchte Teil einer Bewegung sein: Recht auf Stadt.

Auf’m Land. Lefebvre # stricken V

Dieses Wochenende besuche ich meine Eltern auf’m Land. Und denke über Lefebvres These von der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft nach. Ich bin also wieder ganz am Anfang angekommen. Sicherlich ist die der Revolution der Städte vorangestellte These im Kontext der 1960er Jahre zu lesen: das rasante Wachsen der Vorstädte und Megacitys, die damals noch nicht so hießen. Vielleicht stecken auch noch Versatzstücke eines traditionellen marxistischem Fortschrittsglauben mit drin: „Das Stadtgewebe beginnt zu wuchern, dehnt sich aus und verschlingt die Überbleibsel des ländlichen Daseins.“

Schräg wird die These dann, wenn man das Verschlingen wortwörtlich nimmt. Also rein an der materiellen Verstädterung festmacht, im Sinne eines kompletten Zusammenwachsens von Land und Stadt. Dies hat Lefebvre selbst schon verworfen und seine These dahin konkretisiert, dass damit die „Gesamtheit der Erscheinungen, welche die Dominanz der Städte über das Land manifestieren“ gemeint seien. Dass aber der Trend zur Urbanisierung auf der anderen Seite auch zu einem weiteren Wegzug vom Land und einer extremen Verländlichung auf der anderen Seite geführt, hat er nicht gesehen.

Was ich in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, gut beobachten kann, ist, wie das Gefühl, abgehängt zu sein, sich hier eher noch verstärkt. Das ist daran zu merken, dass bestimmte – früher städtische – Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr oder andere Basisversorgungen, wenn nur noch rudimentär geleistet werden. Eine Regionalbahn ans Ende der Welt rechnet sich eben nicht privatwirtschaftlich und auch die Postfiliale hat schon lange dicht gemacht. Wo keine Masse an KonsumentInnen, da kein Profit. Noch nicht einmal Touris schauen hier vorbei, warum auch? Bonjour tristesse.

Es gibt ja mittlerweile in vielen Dörfern Menschen, die versuchen, diesem Abgehängtsein entgegen zu wirken und sich dabei selbst organisieren. Hab letztens einen WDR-Bericht über das Dorv-Projekt in Pannesheide gesehen. Dorv steht für „Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung“ und meint eine Art Tante Emma-Laden für all das, was an Grundversorgung im Dorf benötigt, aber nicht mehr angeboten wird. (http://floecksmuehle.com/_DORV-pannesheide.de) In dem Laden kann man Kaffeetrinken, Behördenformulare holen, Pakete verschicken, Lebensmittel kaufen und Bankgeschäfte tätigen. Charmant war, dass dort auch eine Art sozialer Treffpunkt entstanden ist, wo die Leute auf’n Schnack vorbei kommen und sich beim Ausfüllen von Formularen helfen oder kleine Veranstaltungen machen. Symbolisch auch der Raum: eine ehemalige Bankfiliale. Macht Banken zu Begegnungsorten. Die andere Seite der Medaille: Bundesweit gilt das Projekt als Vorbild für eine schlanke Verwaltung und damit lässt sich das weitere Runterschrauben von sozialer Infrastruktur und städtischen Aufgaben legitimieren. Immer diese Ambivalenz…

Die vollständige Verstädterung der Gesellschaft hat aber in einem anderen Sinn stattgefunden, den Lefebvre nicht vorhersehen konnte. Durch das Internet lassen sich bestimmte urbane Lebensmodelle, vor allem bestimmte Konsum- und Identitätsentwürfe im Nu Richtung Land kommunizieren. Das war ohne Internet anders. Als ich auf dem Dorf von Grunge erfahren habe, war in der Welt das Thema Seattle schon lange durch, Kurt Cobain schon so gut wie tot.

Der Mythos Stadt war für mich immer auch stark mit einem subkulturellem Mythos verknüpft. Daran hing das Versprechen, in der Stadt anders sein zu können als die Mehrheit der Menschen im Dorf. Heute kann sich jeder Teenager über das Netz über jede denkbare Subkultur informieren, Gleichgesinnte suchen und sich die entsprechende Szeneausstattung (Musik, Klamotten, Literatur) besorgen. Provinz trifft Stadt — Stadt trifft Provinz, und keine/r kann so genau sagen, wo die Community ihren eigentlichen Ort hat.

Wenn ich heute über meine Suche nach einem anderen Leben jenseits des engen Dorfgrenzen nachdenke, dann wird mir klar, dass sich dies immer vor der Folie einer Abgrenzung von etwas Anderem definiert hat. Es war ein starker Wunsch nach Nicht-So-Sein-Wollen, der sicherlich Antriebsfeder ist, sich überhaupt auf die Suche nach Alternativen zu begeben.

Auch problematisch ist, dass die Möglichkeiten und auch Ideen eines anderen Lebens sich im Kapitalismus rein über Konsum herstellen: bunte Haare und abgerissene Klamotten werden zum äußeren Ausdruck einer inneren Rebellion. Die Accessoires der Revolte hab ich mir damals auf Flohmärkten besorgt, heute könnte ich direkt zu H&M gehen. Konsum ist beides. Was bleibt ist die Frage: Wie kann die „bürokratisch gelenkte Konsumgesellschaft“ überwunden werden? Wie kann emanzipatives Zusammenleben in Heterogenität aussehen? Ich finde da den Kommentar von nbo zum Teil IV interessant: „wir können aber versuchen, den warenfetischismus durch eine neue produktionsweise langsam auszutrocknen, räume zu schaffen und auszuweiten, in denen er nicht mehr gilt“.

Teil VI: Zentralität und Brutalität