Archiv der Kategorie 'recht auf stadt'

Partisan des Möglichen. Vortrag über Lefebvre

derive – Radio für Stadtforschung dokumentiert den Vortrag „Ich bin ein Partisan des Möglichen“ von Klaus Ronneberger über Henri Lefebvre. Die Sendung kann über das Sendungsarchiv von Radio Orange FM 94.0 nachgehört werden. Hier die Ankündigung, inkl. Literaturhinweisen:

Der 1991 verstorbene französische Stadtphilosoph und -soziologe Henri Lefebvre ist gerade in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Raum wieder zu einer der zentralen Figuren in der Stadtforschung geworden. Das, obwohl seine Bücher zu städtischen Themen erstens schlecht übersetzt und zweitens auf Deutsch nur mehr antiquarisch erhältlich sind. Aktuell ist Henri Lefebvre in erster Linie durch seine Forderung eines „Recht auf Stadt“ bekannt. Unter diesem Slogan versammeln sich weltweit stadtpolitische Gruppen mit ihren Aktivitäten gegen die Auswirkungen einer neoliberalen Stadtpolitik.

Am 4. Oktober 2010 hat der Frankfurter Stadtforscher Klaus Ronneberger im Rahmen des von dérive veranstalteten Festivals urbanize! Int. Festival für urbane Erkundungen in Wien einen Vortrag über Henri Lefebvre gehalten. Der Titel des Abends lautetet „Die Stadt ins Werk setzen. Ein Abend über Henri Lefebvre“. Neben Klaus Ronneberger wirkten die KünstlerInnen Helmut Weber und Sabine Bitter sowie die Kulturtheoretikerin Elke Krasny an diesem Abend mit. Klaus Ronneberger gewährte in seinem Vortrag vor einem dicht gefüllten Saal einen Einblick in Lefebvres Thesen zur Produktion des Raumes, zur Urbanisierung und zum Recht auf Stadt.

Klaus Ronneberger, Studium der Kulturanthropologie, Europäischen Ethnologie, Soziologie und Politikwissenschaften. Langjähriger Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung Frankfurt am Main. Gegenwärtig freier Publizist.

Weiterführende Informationen:
- Klaus Ronneberger: Eingreifendes Denken – Zur Aktualität Henri Lefebvres. In: dérive – Zeitschrift für Stadtforschung 40/41
- Klaus Ronneberger: Henri Lefebvre und die Frage der Autogestion
- Henri Lefebvre (Wikipedia)
- Klaus Ronneberger, Stephan Lanz, Walther Jahn: Die Stadt als Beute. Bonn: Dietz, 1999
- urbanize! Internationales Festival für urbane Erkundungen Wien: www.urbanize.at

Redaktion und Sendungsgestaltung: Christoph Laimer und Elke Rauth
Signations: Bernhard Gal (www.bernhardgal.com)
Sendungsverantwortung: Elke Rauth
Information und Kontakt: www.derive.at, mail@derive.at

Manifest der Erwerbslosen für ein Recht auf Stadt

Erstellt von der Recht-auf-Stadt-AG der Bundesarbeitsgemeinschaft Prekäre Lebenslagen:

Recht auf Stadt‘-Initiativen entstehen in letzter Zeit in vielen kleinen und großen Metropolen. Unterschiedliche Gruppen finden sich zusammen, nicht nur um den Ausverkauf der Städte zu begegnen, sondern um theoretische wie praktische Wege zu finden und zu bestreiten, die über die jetzige Gesellschaft hinausweisen.

Eines der zentralen Auseinandersetzungsfelder für Erwerbslose ist die Wohnfrage und die Repression in diesem Bereich von Seiten der Jobcenter (Zwangsumzüge, Kürzung des Regelsatzes nach Überschreitung der Mietobergrenze, Kürzung der Heizkostenzuschläge usw.). Im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung über die soziale Frage im Kapitalismus wird auch in Erwerbslosengruppen über Alternativen zum herrschenden Regime gesprochen. Parallellen zu den “Recht auf Stadt”-Initiativen sind somit gegeben. “Recht auf Stadt” ist auch innerhalb der Bundesarbeitsgemeinschaft-Prekäre Lebenslagen ein Arbeitsgruppenthema. Aus diesem inhaltlichen Zusammenhang ist das “Manifest der Erwerbslosen für ein Recht auf Stadt” entstanden.

Manifest der Erwerbslosen für ein Recht auf Stadt

Wir fordern:
Das Recht, die Fülle der Stadt zu genießen.

Der Verkauf unserer Innenstädte schreitet voran und damit verändern sich die Wohn- Lebens- und Arbeitsverhältnisse besonders von Erwerbslosen und Prekären drastisch. Die Folge: Viele können ihre Existenz nicht mehr sichern und sind vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.
Banken, private Investoren usw. profitieren vom Umbau und dem Ausverkauf unserer Städte. Gering bezahlte Prekäre, arme Kinder, Jugendliche, Kranke, Alte, Menschen mit Behinderung, MigrantInnen, Asylsuchende, Wohnungslose, Obdachlose werden gesellschaftlich abgehängt.
Dagegen stehen wir auf und sagen:

Recht auf Stadt bedeutet ein ausreichendes Einkommen für Alle und die freie Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben!

Wir benötigen mehr als ein Dach überm Kopf – gesunde Wohnungen, die bezahlbar sein müssen, nicht in Ghettos liegen, und nicht vom sozialen und kulturellen Leben der Stadt ausgrenzen.

Wir fordern

als BezieherInnen von Sozialleistungen
- Übernahme der tatsächlichen Kosten der Unterkunft und Heizung
- Keine Pauschalierung der Wohnkosten
- Das Recht in der angestammten Wohnung zu bleiben und auf freie Wohnungswahl

als MieterInnen
- Mietpreisbindung
- Das Recht, spekulativ leerstehenden Wohnraum zu nutzen
- kein Verkauf von öffentlich gebauten Häusern
- verstärkter Ausbau des sozialen Wohnungsbaus
- Das Recht, bei Mietmängel die Miete zu mindern
- Kostenlose Zurverfügungstellung von kommunalem Land z.B. für Gemeinschaftsgärten (Almende)

im Zusammenhang mit Migrationsbewegungen
- Das Recht auf Bleibe für Alle
- Das Recht auf Zuzug für Alle, die hier leben wollen, insbesondere für MigrantInnen aus dem nicht EU-Ausland
- Geschützte Räume für Frauen und Migrantinnen ohne Papiere

für Alle

Freier Zugang zu den Ressourcen unserer Stadt
- Kulturelle Einrichtungen
- öffenliche Verkehrsmittel
- gastronomische Einrichtungen
- kostenlose Bibliotheknutzung, Schwimmbäder, Theater, Museen, ect..
- Barrietrefreier Zugang zu allen öffentlichen Gebäuden
- Mehr nichtkommerziele öffentliche Räume.
- Kostenlose Basisversorgung der Privathaushalte mit Trinkwasser und öffentliche Trinkstellen
- Kostenlose Baisversorgung der Privathaushalte mit Strom
- Kostenlose öffentliche Toiletten
- Kostenloser Zugang zu Gesundheitszentren.
- Rücknahme von Privatisierungen und Verbot von PPP und Cross-Border-Leasing-Projekten
- Geburtshäuser und Hebammen in jedem Stadtteil
- Weiterentwicklung von Schulen und Rathäusern zu Stadtteilzentren mit
- Unabhängigen Jugendzentren und/oder Bürgerzentren mit freiem Internetzugang
- Verkehrsvermeidende Infrastruktur, Entschleunigung“

S.O.S. St. Pauli und Mietenwahnsinn in Altona

An fast jeder Haustür in St. Pauli klebt in diesen Tagen ein Aufruf mit orangener und schwarzer Schrift: St. Pauli ruft auf, sich zu versammeln. Um zu diskutieren, wie es weitergehen kann bzw. was anders werden soll mit den Mieten, die konstant steigen und die sich viele langsam oder auch schon länger finanziell nicht mehr leisten – oder vielmehr: nicht mehr aufbringen – können. Die Zettel, die ein orangener Rettungsring mit der Aufschrift „S.O.S. St. Pauli“ ziert, laden ein zur „1. Stadtteilversammlung“, die unter dem Motto „Ist St. Pauli noch zu retten?“ stattfindet. Zeit und Ort: Samstag, den 22. Oktober ab 15 Uhr in der Ganztagsschule St. Pauli, Bernhard-Nocht-Str. 12. Die Einladenden sind Menschen, die auf St. Pauli wohnen oder arbeiten und Teil der Stadtteilinitiativen GWA St. Pauli Initiative Esso-Häuser, Es regnet Kaviar oder Reeperbahn 157 sind.

Drei Tage später findet, organisiert von der Altonaer Plattform gegen Verdrängung, eine ähnlich ausgerichtete Stadtteilversammlung statt: Für den 25. Oktober um 19 Uhr ist in die Große Bergstraße 154, ins SOAL-Bildungsforum (1. Stock. Eingang: von der Seite (Haus-Nr. 152) eingeladen, um ähnliche Themen zu diskutieren: Das Motto in Altona lautet „Mietenwahnsinn in Altona – wie stoppen?“ Einzig die Grundlage – und dadurch aber möglicherweise auch die Diskussion und daraus folgenden Strategien sind – aufgrund der im Vergleich zu St. Pauli unterschiedlichen Situation in Altona andere, denn, so die Einladung:

Im Gegensatz zu Ottensen oder St. Pauli sind hier viele Wohnungen im Besitz von SAGA-GWG und Genossenschaften.

Mehr Infos dazu oder auch über zukünftige Stadtteilversammlungen und Veranstaltungen anderer Art finden sich auf der Seite Mietenwahnsinn stoppen.

Fette Mieten Party bei der SAGA

Auf der Mietenwahnsinn-Seite ist zu lesen, dass gestern in den Räumen der SAGA gegen deren Mietenpolitik protestiert wurde.
Insbesondere, weil der Name der SAGA ja kürzlich in den Hamburger Medien als möglicher zukünftiger Besitzer der noch im Treuhandvermögen der STEG befindlichen Häuser im Karolinenviertel genannt wurde, lohnt es sich unserer Ansicht nach, darauf aufmerksam zu machen, was die SAGA macht und was die Reaktionen darauf sind:

Nur zwei Tage nach dem erfolgreichen „Miete nervt“-OpenAir-Konzert im Hamburger Schanzenviertel haben heute etwa 30 Wohnungssuchende und AktivistInnen der Kampagne Mietenwahnsinn stoppen eine Fette Mieten Party in einer SAGA-Geschäftsstelle in Altona gefeiert. Mit dieser Aktion wollten die TeilnehmerInnen auf die zunehmend unsoziale Wohnungspolitik des städtischen Wohnungsunternehmen SAGA/GWG aufmerksam machen.
Mit 130.000 Wohnungen verfügt die SAGA/GWG über 15% des gesamten Hamburger Wohnungsbestandes und hat damit großen Einfluss auf die Mietentwicklungen in dieser Stadt. Doch seit Jahren treibt das Unternehmen die Mieten in die Höhe.

Die Forderungen der Partygäste waren:
- Die SAGA-GWG darf nicht dazu benutzt werden, Haushaltslöcher zu stopfen: Finger weg vom Uni-Umbau!
- SAGA-GWG vergesellschaften! Das heißt: Umwandlung der SAGA in eine demokratisch kontrollierte Struktur.
- Keine weiteren Mieterhöhungen bei der SAGA-GWG! Runter mit den Mieten!

HH: Schilleroper besetzt

Am heutigen Sonnabend, den 1.10.2011, besetzten am Nachmittag AktivistInnen die seit mehreren Jahren leerstehende „Schilleroper“ in St. Pauli-Nord (Hamburg).

Wir hörten, dass sich zur Zeit rund 70 AktivistInnen vor und im Gebäude befinden und bislang Polizei nur am Rande aufgetaucht sei.
Wer mehr wissen will, müsste sich vielleicht mal in die Richtung bewegen.

Für diejenigen, die die Schilleroper in der Straße Bei der Schilleroper (hinter der Lerchenwache) in den letzten Jahren aus den Augen verloren haben:
Sie ist eins der vielen Gebäude in der Stadt, die derzeit leer stehen – trotz massiv steigender Mieten. Nun sind offenbar, obwohl Fenster und Türen mit Brettern vernagelt wurden, während das Gebäude vor sich hin rottet, AktivistInnen heute ins Haus gelangt, um es zu besetzen und um zu demonstrieren, dass der Mietenwahnsinn gestoppt werden muss.

***(die längst fällige) AKTUALISIERUNG***
Besetzung_Schilleroper
Die Besetzung hielt offenbar leider nur wenige Stunden vor. Wer am Samstag gegen 20Uhr oder später an der Schilleroper vorbeikam, traf nur noch auf zwei oder drei Hände voll Polizisten, die den Hintereingang des Gebäudes bewachten, während offenbar im Gebäude mit Taschenlampenlicht nach möglicherweise übrig gebliebenen BesetzerInnen gesucht wurde.
Auf der Straße konnte man erfahren, dass die Polizei zuvor 15 Leute aus dem Gebäude geholt und nach Personalienfeststellung losgelassen hat.

Bettel- & Hurenflashmob

Am 15.09. findet um 17:30 vor der Bezirksversammlung Mitte ein Bettel- & Hurenflashmob statt.
Warum? Weil frei nach dem Motto ‚Unser Dorf soll schöner werden‘ Hamburg derzeit zum Provinznest umgestaltet wird und dies zu Lasten sogenannter Randständiger die dieses Idyll stören könnten, geschieht.

An Beispielen mangelt es nicht:
- Bezirksamtsleiter Schreiber will, dass der Straßenstrich von St.Georg ins Industriegebiet nach Rothenburgsort umgesiedelt wird.
- Die Straßenkinder und Obdachlosen, die unter der Kersten-Miles-Brücke lebten, wurden durch Umbaumaßnahmen für 100.000 € vertrieben, damit sich die Touristen, die zu ihren Bussen strömem, durch diesen Anblick nicht gestört fühlen.
- Der Bauwagenplatz Zomia soll aus Wilhelmsburg verschwinden und bekommt unsägliche Ersatzflächen angeboten: am Flughafenzaun, zwischen Gleisen, an die Grenze Schleswig-Holsteins, …
- Trinker sollen aus dem öffentlichen Raum verschwinden und in Trinkerräumen unsichtbar verwahrt werden.
Um das durchzusetzen sollen nicht nur Platzverweise erteilt, sondern auch immer mehr öffentlicher Raum, z.B. rund um den Hauptbahnhof, privatisiert und dann von Sicherheitsdiensten „betreut“ werden.
- Selbst ein, eigentlich begrüßenswertes, Winternotprogramm soll missbraucht werden Obdachlose zu registrieren und „Rückführmaßnahmen“ zuzuführen.
- In Folge galoppierender Gentrifizierung werden immer mehr Menschen, die mit dem Mietenwahnsinn nicht mit halten können aus ihren angestammten Quartieren vertrieben, wodurch nicht nur die vorhandenen sozialen Strukturen in den „Szenequartieren“ zerstört werden, sondern andernorts soziale Brennpunkte eskalieren und Menschen in eine räumliche Falle getrieben werden.
Gleichzeitig sollen demokratischen Rechte, die sich die Hamburger per Volksentscheid erkämpft haben, wieder kassiert werden.
So schwadroniert die SPD seit den letzten Wahlen immer wieder davon das neue Hamburger Wahlrecht wieder durch das alte zu ersetzen, obwohl noch nicht einmal verfassungsgerichtlich festgestellte Anforderungen, wie die Streichung einer Zugangshürde auf kommunaler Ebene, erfüllt sind.
Mit dem „Hamburger Vertrag“ wird ein vermeintlicher Konflikt zwischen allgemein als notwendig erachtetem Wohnungsbau und demokratischen Rechten postuliert und die Möglichkeit zu Bürgerentscheiden beschnitten.

Wer zeigen will, dass er/sie diese Entwicklungen nicht stillschweigend hinnehmen will, kommt am besten am Donnerstag den 15.09.11, um 17:30h, eine halbe Stunde vor Beginn der ersten Sitzung der Bezirksversammlung Mitte nach der Sommerpause, um vor der Bezirksversammlung zu betteln, der Prostitution nachzugehen, zu trinken und die Abgeordneten freundlich zu begrüßen.
Um 18:00h, zu Beginn der Sitzung, kann der eigenen Meinung auch noch in der Bürgerfragestunde nachgegangen werden.

Stadt für ALLE und echte Demokratie!
Keine Vertreibung und soziale Spaltung!

HAMBURG IST KEIN SCHREIBERGARTEN !!!

*** Danke für die Weiterleitung! ***

Topfschlagen gegen steigende Mieten und Wohnungsnot

Am 27. 10. soll in Hamburg um 19 Uhr 10 Minuten lang die gesamte Stadt mit Schallwellen des Protests gegen den Mietenwahnsinn durchflutet werden:

Egal, wo ihr seid, öffnet die Fenster oder geht auf die Straße, holt die Kochtöpfe hervor und trommelt drauf los!

Der akustische Klangteppich des Topfschlagens soll so der Unzufriedenheit über steigende Mieten Gehör verschaffen und die zwei Tage später, am 29. 10. stattfindende Demonstration „Mietenwahnsinn stoppen – Wohnraum vergesellschaften!“ unterstützen.

das „lietuva“ und das pro-test lab in vilnius – für den erhalt öffentlicher räume!

seit ca. 6 jahren versucht eine gruppe junger leute, künstler_innen und aktivist_innen, das letzte kommunale kino in der altstadt von vilnius, der hauptstadt litauens, zu erhalten (fotos). die gruppe, die mit vielfältigen, öffentlichkeits- und medienwirksamen aktionen den abriss des kinos mit dem namen “lietuva” zu verhindern versucht, agiert unter dem namen “pro-test lab” und protestiert ür die erhaltung öffentlicher räume in der stadt. begonnen hat das ganze schon vor längerer zeit: bis 1989, der zeit der sowjetregierung, spielten kinos eine bedeutsame im kulturellen leben. so gab es auch in vilnius zu der zeit eine große anzahl kommunaler kinos inmitten der innenstadt. das kulturelle leben wurde von staatlicher seite finanziell stark unterstützt und kinos waren regelmäßiger treffpunkt der bevölkerung. mit der unabhängigkeit litauens hat sich die kinolandschaft von vilnius dahingehend entwickelt, dass ein kino nach dem nächsten abgerissen wurde, um platz zu machen für shopping malls und loftwohnungen. dazu geführt hat das interesse der regierung, eine innenstadt zu schaffen, die im ranking der europäischen großstädte auf einen besseren platz hofft. ein schritt dorthin war die privatisierung der kommunalen kinos: investoren kauften die wertvollen grundstücke in innerstädtischen lagen, rissen die kinos ab und bauten neu.
so ist das “lietuva” mittlerweile das letzte der einst über 20 kommunalen kinos in der altstadt von vilnius, das noch steht – wenngleich es seit mehreren jahren nicht mehr bespielt wird. aber das ist eine andere geschichte. in einem interview gab einer der mitbegünder des pro-test lab auskunft über die bedeutung des namens des kinos: lietuva heißt übersetzt litauen. aufrund des namens war das kino auch während der regierung der udssr ein kino, dessen name darauf verwies, dass das land zuvor litauen hieß. die frage “treffen wir uns im lietuva” war somit eine referenz auf das eigene historische bewusstsein und somit war es immer auch ein politischer akt, zu sagen, “lass’ uns in lietuva treffen”.

derzeit gibt es einen prozess gegen einzelne aktivist_innen, da der investor gegen das pro-test lab geklagt hatte, weil, ihm zufolge, der protest eine wertminderung des objekts bzw. des grundstücks nach sich gezogen habe.

*** wir werden hierüber an anderer stelle weiter berichten. ***

jetzt schon – zum weiterlesen:
Art against privatization of the public space in Vilnius
und
Querying the memory of place by making sense of the pro-test lab in Vilnius

Finanzbehörde erwägt Räumung der Planungswürfel auf dem Areal

kam gerade in unser postfach geflattert. und weil die zeit offenbar drängt, kommt es direkt hierhin:

Der Mopo zufolge erwägt die Finanzbehörde die Räumung der Planungswürfel auf dem Areal der Alten Rindermarkthalle, die dort erst am Freitag errichtet wurden.
Deshalb geht’s heute (Dienstag, 23.08.2011) ab 11 Uhr aufs Areal; um 12 Uhr ist Pressekonferenz und ab 14 Uhr das Programm „Bürger_innen informieren Politiker_innen“.
Kommt, wenn ihr könnt!

und hier die dazu gehörende pressemitteilung:

Finanzbehörde erwägt Räumung der Planungswürfel auf dem Areal – Anwohner_innen informieren Politiker_innen

Wie u.a. der heutigen Ausgabe der Hamburger Morgenpost zu entnehmen ist, erwägt die Finanzbehörde die Räumung der Planungswürfel auf dem Areal der Alten Rindermarkthalle. Diese wurden erst am vergangenen Freitag von Anwohner_innen dort errichtet und der Stadt zum Geschenk gemacht – als Bestandteil eines demokratischen Planungsverfahrens für das Gelände und die seit mehr als einem Jahr leer stehende Halle.
Wir, die geschenkgebenden Anwohner_innen, sind erstaunt darüber, dass die Behörde an einen solchen Schritt denkt, ohne die Gabe auch nur in Augenschein genommen zu haben.
Welchen Sinn sollte es machen, ein Kunstwerk zu zerstören und ein Gelände zu räumen, dass zuvor lediglich zum Zerschlagen von Flaschen genutzt wurde?
Die Würfel stellen unbestreitbar eine Bereicherung der Situation auf dem Areal dar, nicht nur als ästhetisch wirksame Installation, sondern auch als Kommunikationsort für die Menschen in den benachbarten Vierteln.
Offensichtlich gibt es Missverständnisse hinsichtlich des Zwecks der Würfel und der Absichten der Anwohner_innen, die diesen Planungspavillon betreiben.
Diese Missverständnisse möchten wir ausräumen.

Am heutigen Dienstag, dem 23.08.2011 werden die Würfel um 11 Uhr als Treff- und Kommunikationsort für alle Anwohner_innen und Freund_innen geöffnet.

Um 12 Uhr laden wir Sie zur Pressekonferenz in den Planungswürfeln auf dem Areal der Alten Rindermarkthalle ein (Neuer Kamp 25, früherer Zentralviehmarkt, ehemals Walmart und Real, neben U-Bahn Feldstraße).

Ab 14 Uhr erwarten wir Gäste aus Parteien und Fraktionen zum Programm „Bürger_innen informieren Politiker_innen“.

Wir hoffen, Sie zu beiden Terminen begrüßen zu können.

Mit freundlichen Grüßen

Anwohner_innen der Alten Rindermarkthalle

Was bisher geschah, findet sich hier auf dem blog von die leute:real.

Mietenwahnsinn stoppen – Wohnraum vergesellschaften!

Demonstration am 29. Oktober 2011. Start: 13 Uhr, Millerntorplatz, Hamburg

Und hier ist der dazugehörige Aufruf:

Knapp ein Jahr nachdem 5.000 Menschen mit der Forderung „Leerstand zu Wohnraum“ auf die Straße gingen, müssen wir feststellen: Ein grundlegender Kurswechsel in der Hamburger Wohnungspolitik ist nicht erkennbar.

Die Mieten steigen stadtweit auf unerträgliche Höhen, oftmals als Folge von Umstrukturierungsprozessen. Der Bedarf an günstigem, zentralem Wohnraum nimmt weiter zu. Neu gebaut werden nur hochpreisige Miet- und Eigentumswohnungen, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse von AnwohnerInnen. Noch immer stehen auch 1,4 Millionen Quadratmeter Büroraum ungenutzt leer. Menschen die schon lange in ihrer Wohnung leben, wagen keinen Umzug, da sie sich die neue Miete nicht werden leisten können. Obdachlose, MigrantInnen und Menschen mit geringem Einkommen werden, falls sie überhaupt den Zugang zu Wohnraum finden, in verschimmelte Wohnungen in schlechten Wohngegenden gedrängt.

Keine Mieterhöhungen durch den Mietenspiegel
Mit Erscheinen des Mietenspiegels im November wird den VermieterInnen erneut die Möglichkeit geboten, weiter an der Mieterhöhungsspirale zu drehen, und das sogar gesetzlich begründet. Die wild zusammengeschusterte, angeblich wissenschaftliche und neutrale Berechnungsbasis des Mietenspiegels führt stets nur zu weiteren Erhöhungen der Vergleichsmieten. Der Mietenspiegel, einst gedacht als Instrument, um die Situation der MieterInnen zu erleichtern und zu verbessern, ist zu einem Instrument der finanziellen Ausbeutung geworden. Zusätzlich zu den ohnehin gestiegenen Energiekosten, werden sich viele die den „ortsüblichen Vergleichsmieten“ angepassten Mieten nicht mehr leisten können.

Mietobergrenze jetzt
Um den Mietenwahnsinn in Hamburg zu stoppen, fordern wir, unverzüglich eine Mietobergrenze, weit unterhalb der derzeitigen Durchschnittsmiete, einzuführen. Gesellschaftlich benachteiligten Gruppen muss der vorrangige Zugang zu Wohnraum gezielt ermöglicht werden. Der unsozialen Vorenthaltung von bestehendem Wohnraum muss aktiv entgegengewirkt werden, indem Besetzungen ungenutzter, leerstehender Gebäude nicht weiterhin kriminalisiert, sondern gesellschaftlich wie politisch akzeptiert und gefördert werden. Der Neubau oder Abriss von Wohn- oder Gewerberaum darf nur unter gleichberechtigter Mitbestimmung der AnwohnerInnen umgesetzt werden.

Wohnraum vergesellschaften
Wir haben eine andere Vorstellung von Wohnungspolitik als die Immobilien-Verwertungskoalition aus Politik und Wirtschaft. Wohnraum ist für uns keine Ware, sondern ein öffentliches Gut, das wir zum Leben brauchen. Eine grundsätzliche Veränderung ist notwendig: Wohnraum muss dem profitorientierten Markt entzogen und unter gesellschaftlicher Kontrolle allen Menschen zur Verfügung gestellt werden. Vergesellschaftung von Wohnraum heißt für uns, dass die Frage, wer wo wohnen kann, nicht länger von den finanziellen Ressourcen der einzelnen abhängt. Entscheidungen über Nutzung, Umgestaltung oder Schaffung von Wohnraum müssen von den Mieterinnen und Mietern selbst getroffen werden.

Die geplante Veröffentlichung des Mietenspiegels im Herbst nehmen wir zum Anlass, unsere Wut und Empörung über die Hamburger Wohnungspolitik auf die Straße zu tragen und unsere eigenen Vorstellungen vom Wohnen und Leben in einer Gesellschaft gleichberechtigter Menschen durchzusetzen.

ES RUFEN AUF:

AG Altona-St.Pauli, AG Mieten im Netzwerk Recht auf Stadt, AG-Soziales der SOPO, AK Wohnraum für junge Menschen, AKU Wilhelmsburg, Altonaer Plattform gegen Verdrängung, Altopia, Avanti – Projekt undogmatische Linke, AZ Altona, Ballkult e.V., Bürgerschaftsfraktion DIE LINKE, Café Exil, DIE LINKE Landesverband Hamburg, Einwohnerverein St. Georg von 1987 e.V., Fanladen St. Pauli, Gängeviertel, Geschichtswerkstatt St. Georg e.V., Hamburger Arbeitskreis Asyl e.V., Initiative Esso-Häuser, GWA St. Pauli e.V., HUDE – Jugendsozialarbeit in HH-Nord, Kampagne „Flora bleibt unverträglich“, LaRAGE (Raum und Gender), medibüro hamburg, Mietshäusersyndikat Hamburg, multipress, noya Hamburg, Plenum der Roten Flora, Punkrock St. Pauli, quartieren, Regenbogen/Alternative Linke, SDS Uni Hamburg, Sidewalx, Streetlife e.V., Sozialpolitische Opposition Hamburg e.V., supra magazin, ver.di-Jugend Hamburg, Verlag Assoziation A, Zeckensalon St. Pauli

aus 2% wurde verstärker

die erste ausgabe ist nun aus dem druck und existiert neben auf-papier auch im netz.
während sich die zeitung unter ihrem alten titel vor allem mit der mietenpolitik der SAGA/GWG auseinandersetzte, sollen die inhalte unter dem neuen namen – verstärker – nun etwas weiter gefasst werden und breitere bereiche der hamburger stadtentwicklung thematisieren.
der erste verstärker ist 12 seiten dick und kann hier digital gelesen werden.

verstärker wird von aktiven aus den initiativen im „recht auf stadt“-netzwerk geschrieben und produziert und kostenlos verteilt. er erscheint ca. alle drei monate.

Die Stadt, der Müll und die Kunst

Das Überleben eines Weltbildes kann nur gewährleistet werden, wenn die störenden und gefährlichen Elemente, die die anhaltende Koexistenz unterschiedlicher Weltbilder ausschließen, eliminiert, zurückgewiesen oder ignoriert werden. Elemente, die derartige Reaktionen auslösen, bilden die kulturelle Kategorie „Müll“.
Michael Thompson, Müll-Theorie. Die Schaffung und Vernichtung von Werten, 2003

Ihr Coach, erzählte unsere Nachbarin, riete ihr, jedes Projekt vom Ende her zu denken, sei es die Karriere, eine Beziehung oder den Lebensplan. Ob die Bonner Klofrau das beherzigte, als sie peu à peu, Cent für Cent 40.000 Euro am Finanzamt vorbei in die Garage ihres Vorstadthäuschens schaffte? Die Steuerfahndungsbeamten, hieß es, wateten durch das Kleingeld, das mit Kehrschaufeln auf eine LKW-Rampe geschippt werden musste. Trugen sie Gummistiefel in dieser Kleingeldschwemme des Steuermorasts? Stanken die Münzen aus dem Toilettengeschäft? Wie viele Kubikliter Kot und Urin waren für dieses Trinkgeld weggespült worden? 40.000 Euro sind ein ansehnlicher Betrag. Dennoch wurde darüber nicht berichtet wie über einen gehobenen Schatz, sondern wie über etwas Anrüchiges, über Abfall.

Was Müll ist, ist gesellschaftlich definiert und damit sind wir Künstler vertraut: Der Übergang von vergänglichen zu bleibenden Werten und umgekehrt ist auch in unserem Geschäft eine Frage der Vereinbarung. Die Verschränkung von Werk und Wert, die Konvertierbarkeit vom Werk in Werte, ist an ihr Herzeigen gebunden. „Das Herstellen von Kunst dreht sich um ein Ausstellen von Kunst, das sich um ein Herstellen von Ausstellungen dreht“, konstatiert Peter Sloterdijk (1). Künstler brauchen nicht nur ständig ein Projekt, schlimmer: Wer nicht ausstellt, gilt als arbeitslos. Die Demütigung durch Nicht-Anerkennung ist die Kehrseite des Begehrens nach Anerkennung. Wird das Recht, wahrgenommen und beantwortet zu werden verweigert, so Judith Butler, sterben wir einen sozialen Tod. Und das brach liegende Werk wird Müll. Der alchemistische Prozess der Umwandlung eines nichtigen Stoffes in Gold, wie ihn die Klofrau betrieb, ist fragil und reversibel.

Von schwindenden Produktionsräume und fehlenden Ausstellungsmöglichkeiten ist in Berlin viel die Rede. Über das Lagerproblem spricht man nicht und wenn, dann hinter vorgehaltener Hand. Es ist schambehaftet. Erfolgreiche Künstler haben kein Lagerproblem, sondern eine Galerie und Sammler, die sich auf Wartelisten setzen, um abzunehmen was man macht. Ein guter Freund hat sein Gesamtwerk in der Garage [sic] seiner Eltern in Westdeutschland untergebracht. Ein anderer unterhält in der Stadt verstreut fünf Lagerräume gleichzeitig. Ein dritter setzt den Quadratmeterpreis der Miete ins Verhältnis zu seinen Objekten um zu entscheiden, was er behält, ob er etwas Neues produzieren kann und was entsorgt werden muss.

Wenn wir die Situation der 8.000 bildenden Künstlerinnen und Künstler in Berlin unter dem Aspekt von haben und brauchen bilanzieren, dann haben wir jede Menge Kubikmeter künstlerischer Werke und brauchen dringend eine Kunst-Halle. Wenn schon nicht zum Ausstellen, dann doch zum Lagern – ein riesiges Depot zu Konditionen, die angesichts der steigenden Gewerbemieten die künstlerische Produktion nicht hemmen, sondern fördern. Eine direkte Künstlerförderung in Form von Stauraum. In welcher Weise der Stauraum auch Schauraum werden kann, führt beispielsweise das Schaulager in Basel vor.

Und wo wir schon dabei sind, die Sache vom Ende her zu denken: Angenommen, die Künstlerinnen und Künstler entscheiden sich gegen den Exodus nach Skandinavien (wo Ausstellungshonorare seit den 70er Jahren nicht mehr als anrüchig gelten und Garantie-Einkommen die prekäre Lage abfedern) und werden in Berlin alt – wohin mit Tausenden von Kunstgreisen in 20, 30 Jahren? Genügt ein Altenheim mit Ateliers, Ausstellungssälen und Diskurs-Disko? 8.000 KünstlerInnen – das ist schon ein veritables Dorf. Sollte nicht beizeiten über eine Artist Colony nachgedacht werden, in unmittelbarer Nachbarschaft der Kunst-Halle?

Auf dem Tempelhofer Feld ist Platz dafür. In Vergessenheit geratene Vorbilder gibt es genug: etwa die Siedlerbewegung im Wien der 1920er Jahre, die aus einer wilden Besiedlung freier innerstädtischer Flächen entstand und von Architekten und Intellektuellen wie Adolf Loos, Josef Frank und Margarete Schütte-Lihotzky geprägt war. „Große Architekten für kleine Häuser“ war das Motto der von Loos organisierten Bauschule, die Siedler beriet und unterstützte. Die Siedlungen waren „von bürgerlichen Strukturen unabhängig, genossenschaftlich organisiert und verwaltet, urban, frei und auf Selbstverwaltung ausgerichtet.“(2) Zeitgleich statteten in Deutschland Kommunen Siedler mit Boden und einem Baubudget aus.(3) Heute sehen Architekten wie raumlabor_Berlin und Lacaton & Vassal gerade im Mangel die Herausforderung, kreativ mit Ressourcen umzugehen und adäquate Raumlösungen zu schaffen. Noch sind wir KünstlerInnen rüstig genug, uns unsere eigene Sun-City zu bauen.

1) Peter Sloterdijk, Die Kunst faltet sich ein, in: Kunstforum International 104, 1989
2) http://www.demokratiezentrum.org/wissen/wissenslexikon/siedlerbewegung.html
3) siehe Hartmut Häußermann, Walter Siebel, Soziologie des Wohnens, 1996

Haben und Brauchen. Berliner KünstlerInnen proben den Aufstand

2010 forderte der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit „Berliner Künstlerinnen und Künstler zu einer umfassenden Bestandsaufnahme ihrer künstlerischen Produktion im Rahmen einer Leistungsschau“ auf, um die Entscheidung von Senat und Abgeordnetenhaus für den Neubau einer Kunsthalle am Standort Humboldthafen zu forcieren. (1) 1250 folgten. 2600 empörten sich. Der Souverän adressiert sein politisches Objekt um es als Instrument für einen politischen Zweck zuzurichteten: Die Legitimation des Neubaus einer Kunsthalle am Standort Humboldthafen.

Bestandsaufnahme und Überblick, Zählen, Sichten und Ordnen, Maßnahmen zur Steigerung seiner Nützlichkeit und Ausnutzung seiner Kräfte sind Strategeme der Biopolitik. Ein derartiges Unbehagen löste dieses Ansinnen und seine Machtrhetorik bei den Aufgerufenen aus, dass sich die Berliner Kunstszene nach langer politischer Abstinenz politisierte. Unter dem Schirm „Haben und Brauchen“, den der Künstler Florian Wüst und die Kuratorin Ellen Blumenstein aufspannten, versammelten sich KünstlerInnen und KulturproduzentInnen, um eine offene Diskussion darüber zu führen, „was die zeitgenössische Kunstszene der Stadt – institutionell wie auf anderen Ebenen – auszeichnet, was ihr fehlt und wie sie nachhaltig gefördert werden kann.“ Als Resultat der Treffen an wechselnden Orten wurde dem Bürgermeister ein offener Brief zugestellt, der Mitsprache und Reziprozität fordert. (2)

KulturproduzentInnen ergreifen das Wort. Das war so nicht vorgesehen. Zwar füllt ihre Präsenz das Image-Konto der Hauptstadt, im Gegenzug aber werden sie in Fragen von Kulturpolitik und Stadtentwicklung nicht involviert. „Ihr habt keinen Logos“, würde Jacques Rancière diagnostizieren, „Ihr zählt nicht.“ Die politische Natur des Menschen basiert Rancière zufolge auf der Aufteilung in diejenigen, die über Sprache (Logos) verfügen, die sich Verhör verschaffen und öffentlich sichtbar werden, die zudem bestimmen, wer sprechen darf und was verhandelt wird und diejenigen, die vom politischen Diskurs ausgeschlossen im unartikulierten Rauschen untergehen, im noise ihres Unmuts und Schmerzes über erlittene Ungerechtigkeit. Vielleicht würde Rancière bei der Gelegenheit wieder die Geschichte von der secessio plebis erzählen:
494 v. Chr. legten die römischen Plebejer ihre Arbeit nieder, zogen aus der Stadt aus und versammelten sich auf dem mons sacer, um ihren Forderungen nach politischer Mitsprache Nachdruck zu verleihen. Nicht nur konstituierten sich die Plebejer in dieser räumlichen Separation als soziale Einheit, sondern auch als sprechende, d.h. politische Wesen. Das Privileg öffentlich zu sprechen, war freien Bürgern vorbehalten und stand den Plebejern nicht zu. Nun positionierten sie sich als Verhandlungspartner. Eine Verhandlung auf Augenhöhe, wie es so schön heißt, kam für die Patrizier nicht in Frage, erodiert sie doch den sozialen Abstand zwischen Privilegierten und Unterprivilegierten. Erst die drohende Hungersnot in der Stadt motivierte die Konsuln zur Entsendung eines Unterhändlers. (3)

Wer im Aufruf des Bürgermeisters noch eine Geste väterlicher Fürsorge für die unzähligen und ungezählten KünstlerInnen gesehen hatte, denen die Kunsthalle zu Sichtbarkeit verhelfen sollte, den mochte das schrittweise Abstand Nehmen in der Umsetzung verunsichern. Aus London, Paris und New York wurden drei namhafte Kuratoren bestellt. Hans Ulrich Obrist, Christine Macel und Klaus Biesenbach ihrerseits zogen sich in die Rolle der Supervisoren zurück und deligierten die Künstlerauswahl an fünf Sub-KuratorInnen, die 1. jung und 2. nicht in die Szene involviert sein sollten („Das Brett vorm Kopf als Chance“, Biesenbach). Diese Methode des Rückzugs und des Delegierens schuf eine Distanz, die komunikativ schwer zu überbrücken ist.

Mittlerweile wurde die Ausstellung eröffnet und hat vor ihren Kritikern einen uneinholbaren Vorsprung. Sie ist schon da. 80 junge, internationale KünstlerInnen, die auf der Durchreise einen Fuß in Berlin setzen, wurden ausgewählt. Ein Bild des Transits wird gezeichnet. Von der anvisierten Übersicht und Bestandsaufnahme haben die Ausstellungsmacher sich suspendiert. Einer kuratorischen These enthalten sie sich. Diese Inhaltsleere produziert ein Vakkuum, das die Kritik von „Haben und Brauchen“ förmlich aufsaugt. In einem Akt kulturellen Kannibalismus wird der Gegner gefressen, um sich seine Kraft und Intelligenz einzuverleiben. Kein Vorwort, kein Katalogtext, kein Interview, keine Rezension, die den Einspruch nicht wohlwollend würdigt.
Anders herum lässt sich jedoch auch die Strategie des Trojanischen Pferdes oder der viralen Infektion ausmachen: „Haben und Brauchen“ ist es gelungen, sich in den Diskurs der Leistungsschau einzunisten. Der monierte Titel „Leistungsschau“ wurde in ein unverfängliches „Based in Berlin“ verharmlost und lässt damit zugleich den Anspruch fahren, mit dem das Projekt angetreten war. Auch der vorgesehene Standort am Humboldthafen ist vom Tisch und mit ihm das temporäre Ausstellungsdorf „Instant Art City“, mit dem raumlabor_berlin vor 20 anderen renommierten Architekturbüros einen klandestinen eingeladenen Wettbewerb gewonnen hatte. Das Spektakel mit Containern, Bauwägen und Weihnachtsmarktbuden auf der Baustelle hätte bei HamburgerInnen Erinnerungen an Sub_Vision 2009 in der HafenCity geweckt, ging es doch hier wie dort um eine Strategie der Fokussierung auf ein Stadtentwicklungsgebiet, das Investoren schmackhaft gemacht werden soll. (4)

Gegen einen gemeinsamen Feind zu mobilisieren ist stets leichter, als gemeinsame Ziele zu konkretisieren. Nach der Ausstellungseröffnung sortiert „Haben und Brauchen“ sich neu. Anders als die lokale Hamburger Szene ist die Berliner Kunstszene polyzentrisch und setzt sich aus zahlreichen Soziotopen zusammen. Die Mehrzahl der KünstlerInnen kommen von außerhalb. Über 130 künstlerbetriebene Off-Orte konkurrieren um Aufmerksamkeit. Es ist nicht leicht einen Überblick über die Initiativen zu bekommen, die sich bereits in Stadtentwicklung und Kulturpolitik engagieren. Wer macht was? Welche Modelle existieren bereits? Welche Strategien verfolgen sie? Das Beste an dem ganzen Ärger ist, dass die notorischen Ab- und Ausgrenzungen, die die Berliner Szene pflegt, zugunsten eines gemeinsamen Handelns ausgesetzt werden um miteinander zu reden. Nur der Bürgermeister bleibt eine Antwort auf den offenen Brief schuldig. Er hat die KulturproduzentInnen als Verhandlungspartner noch nicht anerkannt und fühlt sich beleidigt.

Die Beleidigung ist, wie das Geschenk, eine Herausforderung. Es setzt einen Austausch in Gang, wie Pierre Bourdieu am Beispiel des nordafrikanischen Stammes der Kabylen verdeutlicht. So wie jedes Geschenk ein Gegengeschenk erfordert, dessen Gewicht wohlerwogen sein will, um die Gleichheit der Interagierenden zu wahren, so erfordert auch die Beleidigung eine angemessene Antwort. Es sei denn, der Herausforderer wird als nichtigswürdig erachtet. In diesem Fall wechselt man die Straßenseite und ignoriert die Provokation. So bei den Kabylen. Auch den Römern schwante das Ende vom Anfang, als der Unterhändler Menenius Agrippa den Aufständischen Konzessionen machte. Schließlich aber erreichte er seinen Zweck und bewegte sie zur Rückkehr an den Arbeitsplatz. Und zwar mit rhetorischer Finesse: Er erzählte die Geschichte vom trägen Magen, gegen den die übrigen Körperteile sich verschwören. Mangels Nahrung versorgt der Magen den Rest des Körpers nicht mehr mit Blut und das Gemeinwesen stirbt Hungers. (Ernst Bloch übrigens bewertet die Fabel vom Bauch und den Gliedern als „eine der ältesten Soziallügen“.)

Vermutlich würde Berlins Bürgermeister sich unbeeindruckt zeigen, wenn KünstlerInnen ihre Arbeit niederlegten und die Stadt verließen. Die Wirtschaft bräche nicht zusammen. Der Kunstsektor ist kein relevanter Arbeitsmarktfaktor. Dennoch lässt der Beitrag der Gegenwartskunst „zu dem Markenwert der Stadt jede Image-Kampagne verblassen, so die Studie des Instituts für Strategieentwicklung. (5)
Der Bohemian Index, der für Diversität und Toleranz steht, ist laut Richard Florida zum herausragendsten Attraktor im Wettlauf der Metropolen avanciert. (6) Nichtsdestotrotz werden Künstler in Berlin immer noch als Zwischennutzer und Zugvögel gesehen. Das aus der Not geborene Nomadentum, das Tingeln von Projekt zu Projekt, von Nische zu Nisch, Residency zu Residency wird zur Tugend künstlergerechter Praxis stilisiert. Wenn die Mieten steigen und die Nischen verschwinden, ziehen sie eben weiter, „Hasta la vista“, kommentiert Curator at Large Klaus Biesenbach lakonisch, nichts zu machen. Nun ist Reziprozität ein soziales Prinzip, das sich durchaus machen lässt. Nichts Geringeres als diese Gegenseitigkeit der Beziehungen fordert „Haben und Brauchen“ ein.

Um ihren Forderungen nach Teilhabe an der Stadt Nachdruck zu verleihen, drohten Hamburgs KünstlerInnen: „Wir gehen massenhaft nach Berlin!“ Der Exodus ist die effektivste Form des Aufstands für Machtlose. Hardt/Negri sehen darin die adäquate Ausdrucksform der Multitude und die gemeinsame Flucht als größten solidarischen Akt. Natürlich funktioniert das nur, wenn etwas Besseres in Aussicht steht. Unter einem promised land läuft gar nichts. Und da sitzen wir in Berlin ja schon. Auch wenn weder Milch noch Honig fließen und das Gerücht von bezahlbaren Freiräumen der neoliberalen Vermarktung städtischen Eigentums und dem Ausverkauf städtischen Raums an Investoren zuwider läuft. Bis sich anderwo ein Gelobtes Land auftut, ist jetzt die Zeit, positive normative Forderungen zu entwerfen, in welcher Stadt wir leben wollen.

Anmerkungen
(1) Aufruf zur Leistungsschau, Pressemitteilungen des Landes vom 26.10.2010, www.berlin.de/landespressestelle/archiv/2010/10/26/316063/

(2)Haben und Brauchen fordert:
„– die grundlegende Revision des konzeptionellen und kuratorischen Modells des geplanten
Ausstellungsvorhabens.
– eine öffentliche Diskussion über die stadtentwicklungspolitischen Effekte eines temporären
Ausstellungsprojektes am Standort Humboldthafen vor dem Hintergrund der aktuellen
Transformationsprozesse durch Privatisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes.
– einen öffentlichen Dialog darüber, wie die Produktions- und Präsentationsbedingungen von
zeitgenössischer Kunst in Berlin außerhalb medienwirksamer Leuchtturm-Projekte nachhaltig
gefördert und weiterentwickelt werden können.“
www.salonpopulaire.de

(3) Jacques Rancière, Das Unvernehmen: Politik und Philosophie, 2002

(4) 21 Architekturbüros waren direkt eingeladen, sich darüber Gedanken zu machen, wie denn Kunst jenseits des „White Cube“ zeitgemäß im Stadtraum gezeigt werden könnte. Bedingungen des Wettbewerbs: Ein Budget von 300.000 Euro für die Architektur (inklusive Honorare und Bauleitung), ein räumliches Konzept für 50 bis 80 noch nicht bestimmte Kunstwerke („die Ausstellungsbereiche müssen daher für Videos, Fotografie, Malerei, Skulpturen, Sound, Perfomrances, etc. geeignet sein“) und natürlich ein Bereich für Vernissagen und Veranstaltungen, Partys, Konzerte, Catering, Lounge und „Sanitäranlagen für bis zu 5.000 Besucher“.
www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-raumlabor_baut_modulare_Kunst-Stadt_in_Berlin_1504409.html

(6) Studie des Instituts für Strategieentwicklung zur Gegenwartskunst in Berlin 2010 und zur Situation Berliner KünstlerInnen 2011
www.ifse.de/html/studio_berlin.html

(6) Richard Florida, The Rise of the Creative Class: And How It‘s Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life, 2003

more impressions of the right to the city congress

urbanists of all towns of the world met at hamburg this weekend and talked about the beauty and the horror of the cities they live in.
at least it felt like that, over 600 people attended the congress and where part of more than 50 panels, workshops and outdoor-activities. through out the conference mile between rote flora and gängeviertel people were chit-chatting and debatting along.
there was much talk of „internationals and internationalism“ but after some discussions we would like to suggest a new word: interurbanism. because it was mostly city-inhabitants meeting there and everybody took „city“ as a reference-point. and city is the virtual point where desires could meet, experiences could be exchanged, comparsions could be made comprehensible and differences were no fence but at least in the encounters we had a wonderful and enlighting moment to discuss.
thanks to the organisers and to the participants who all actually were just that: part of something which would have been nothing without them.
interurbanalism ahoi!

Gestern im Gängeviertel

Gestern im Gängeviertel ging’s um den Knochen. Blau war die Farbe des Wochenendes. Überall kündigten Plakate den Recht-auf-Stadt-Kongress an, der vom 2.-5. Juni an verschiedenen Orten in Hamburg stattfand. Um die 600 Kongressteilnehmende tummeln sich in der Stadt. In der Loge diskutieren rund 30 Leute, wie das Internet für die Mobilisierung von städtischen Protest genutzt werden kann. Gleich nebenan fasst der Raum nicht alle, die über Armut und Verdrängung reden wollten. Macht nix, denn noch mehr Menschen sitzen eh in den Gängen vor den Häusern und der Kongress verlässt die Räume und entert die Straße.

Ein Teppich aus Stimmen, auch mal Englisch, Niederländisch oder ’ne Prise Switzerdütsch. Ich lasse mich treiben, bleibe mal hier und mal da hängen. Stundenlang. „Warst du auf Workshop zu Ägypten?“ „Die Barkassenfahrt zur Umstrukturierung des Hafens war der Hammer.“ „Meine Füße tun weh vom ganzen Rumlaufen.“ … In der Jupi Bar läuft auf einem der sechs Bildschirme ein Dokumentarfilm über Obdachlose in Japan. Eine ungewöhnlich zusammengestellte Bilderflut in der liebevoll dekorierten Kneipe mit selbstgebastelten Bücherregalen und Spitzendeckchen-Kaffeeklatsch-Atmosphäre. Im Innenhof gibt es was Leckeres zu essen. Viele stehen Schlange ins Gespräch vertieft. Das Bier ist noch oder schon wieder warm.

Die Zeit zerfließt, ich zumindest hab kein Zeitgefühl. Die Beleuchtung wechselt von Sonnenlicht in Abenddämmerung. Die Open-Air-Abendveranstaltung über Aneignung und Besetzung verpasse ich. Eine Häuserwand aus Pink/Blau/Grün/Gelb – in extrem schmalen Streifen aufgetragen – knallt mir ins Auge. Laternenlicht aus unzähligen Quellen spiegelt sich in dem glatt gebügelten Gebäude gegenüber. Fassade trifft auf Gegen-Fassade.

Gekonntes Chaos und das Talent, eine Summe von Möglichkeiten zu ermöglichen: das Gängeviertel kurz vorm zweijährigen Geburtstag. Der Kampf um städtische Räume lohnt sich. Mehr davon – in Hamburg und überall!

Die Stadt – von den Rändern gedacht

Was ist eigentlich dieses ominöse Recht auf Stadt? Wer hat oder bekommt es? Wie sähe eine Stadt aus, in der das Recht auf Stadt verwirklicht ist? Wie nehme ich mir das Recht auf Stadt und wird dann alles gut? Was hat mit einem Recht auf Stadt so rein gar nix zu tun? – Ein Bilderreigen.

Das Foto ist aufgenommen bei einer Demonstration gegen Leerstand in Hamburg 2010. In Hamburg gibt es eine Wohnungsnot, während gleichzeitig über eine Millionen qm2 Bürofläche leer stehen. Und nach wie vor wird Büroraum (der steuerlich absetzbar ist) gebaut. Der Luftballon schwebt vor einem fast unvermieteten noblen Bürogebäude auf St. Pauli. Was man hier nicht sieht ist, dass unten Polizeibeamte den Turm vor den Demonstrierenden abschirmen. Was an dem Bild deutlich wird ist der Konflikt: Während mit Büroraum immer noch Profite gemacht werden, selbst wenn er unvermietet bleibt, verzweifeln diejenigen, die in der Hansestadt günstigen Wohn- und Arbeitsraum suchen und sich die explodierenden Mieten nicht mehr leisten können. Die 3.000 Menschen, die hier symbolisch Einlass in den Turm fordern, fordern neben günstigen Wohnraum auch eins: mitzubestimmen, wie ihre Stadt gestaltet werden soll.

Kurz zum Begriff: Der Begriff Recht auf Stadt geht zurück auf den französischen Philosophen Henri Lefèbvre, der bereits in den 1960er Jahren beobachtet hatte, wie vor allem MigrantInnen an den Rand der Stadt verdrängt wurden. Daraus hat er die Forderung nach einem kollektiven Recht auf Stadt abgeleitet. Es ist ein Recht auf Zugang zu den Ressourcen einer Stadt, ein Recht auf Zentralität, auf Teilhabe und – ganz wichtig – ein Recht auf Differenz, auf Unterschiedlichkeit, auf anders sein können, also genau das Gegenteil eines Normiert-Werdens. Es ist das Gegenteil einer Homogenisierung, die doch so symptomatisch für die neoliberale Stadt ist.

Oft wurde das Verhältnis des Menschen zur Stadt als entfremdet erlebt und beschrieben. Man denke an Engels Beschreibungen des frühkapitalistischen Londons mit seinem unglaublichen Elend, an die Expressionisten oder an Mitscherlichs Analyse der „Unwirtlichkeit unserer Städte“. Für mich am eindrücklichsten thematisiert die Entfremdung in Stadt die feministische Künstlerin Valie Export. In einer Fotoreihe, die von Anfang bis Mitte der 1970er Jahre entstand, sucht sie sich Orte in der Stadt und versucht, im wahrsten Sinne des Wortes, sich dazu zu verorten und ihren Platz zu finden. Hier zu sehen, die Arbeit „Einkreisung“ von 1976:

Einen Ort in der neoliberalen Stadt zu finden, ist schwierig, da Stadtplanung und Politik sich nicht am Gebrauchswert von Stadt orientieren – also daran, wie ein möglichst gutes Leben für alle ermöglicht wird – sondern am reinen Tauschwert: Wie kann Profit maximiert werden? Ich konsumiere, also darf ich sein. Wie könnte eine Stadt aussehen, die nicht entfremdet, die nach den Bedürfnissen der BewohnerInnen gestaltet wird? Wie sieht eine Stadt aus, in der alle Menschen Zugang zu den Reichtümern haben, die eine Stadt hervorbringt? Kurz: Wie sieht eine sozialere, gerechte Stadt aus?

Diese Frage wurde den Parteien vor der letzten Bundestagswahl gestellt. Sie sollten für das Hamburger Miniaturwunderland (ein Museum aus Lego) jeweils ein Modell erstellen und dabei ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Die Frage war: Wie würde – aus Sicht der Partei – das ideale Land aussehen, wenn ihr frei gestalten könntet? Utopia 2009 hieß das Projekt, und jede Partei hatte einen Quadratmeter Land dafür zur Verfügung. Wow! Was für eine Chance, die Stadt mal jenseits von Haushaltsplanungen und realpolitischen Überlegungen zu denken: Die Utopie einer ganz anderen Stadt zu entwickeln; ein (in Anlehnung an Bloch) „Noch-Nicht im Sinne einer Möglichkeit“. Da lasse ich mich doch gern von unseren Volksvertreterinnen und -vertretern inspirieren. Wie sähe also eine Stadt aus, in der ein Recht auf Stadt verwirklicht ist?

Die CDU erhält den ersten Preis für Abstraktion. Wir sind das Volk. Ein Land aus vielen Menschen, die Fähnchen hochhalten, darauf steht: „Arbeit für alle“, „Sicher leben“, „Die Krise überwinden“ oder „Integrationsland“. Interessanter Weise wird dieses Fähnchen von den einzig nicht-weißen Figuren auf dem Modell gehalten. Praktisch, da weiß man gleich, wer sich wo integrieren soll; Weiter zur CSU.

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Klares Motiv: Bayern in Berlin mit Oktoberfest und Blaskapelle. So sieht das also Idealland der CSU aus: Dirndl und Maß Bier für alle! SPD und FDP? Gäh, das lass ich wegen vergleichender Irrelevanz hier mal weg. Eine Verbindung gibt es jedoch zwischen beiden Entwürfen: Während im Modell der SPD ein Kindergarten aus städtischen Mitteln bezahlt wird, baut man bei der FDP stolz mit „privaten Geldern“. Utopia – ich hör dir trapsen! Der unaufhaltsame Abwärtstrend dieser beiden Parteien ließe sich sicherlich auch mit dieser Fantasie- und Perspektivlosigkeit erklären . Weiter geht’s:

Hier unschwer zu erkennen, der Entwurf de Grünen. Kaum verwunderlich mit viel Natur- und Solarzellen in der Stadt. In dem Haus vorne links mit dem grünen Dach tagt oben ein Vorstand, der als Vorsitzende eine Frau hat; Das folgende Detail möchte ich euch nicht vorenthalten: Punk trifft Polizei und es kommt zu einer historischen Versöhnung am Biertisch:

Und die Linke? Welche Utopie von Stadt verfolgen die Genossinnen und Genossen?


Welch Überraschung! Es ist Berlin! Es wird demonstriert für Gerechtigkeit, gegen Privatisierung und gegen Nazis. Vielleicht auch gegen Rot-Rot in Berlin, wer weiß das schon so genau? Das Leben als Dauerdemo. Also, ich kann mir Besseres für die Zukunft vorstellen. Gregor Gysi war zur Einweihung des Modells in Hamburg und fand es ganz pfiffig, dass die LINKE sich der Aufgabe widersetzt hat. Ich finde: Ganz schön erbärmlich, eine Linke, die sich nicht mehr traut, utopisch zu denken.

Warum ich das zeige? Ich möchte euch einladen, über den Tellerrand der Realpolitik hinauszublicken und zu überlegen, wie eine grundsätzlich andere Stadt aussehen könnte. Bauen wir im großen Stil Wolkenkuckucksheime, die ihre Realisierung suchen und finden. Meiner Erfahrung nach wird in stadtpolitischen Diskussionen viel zu schnell in den realpolitischen Gang runter geschaltet, statt mal in die Gänge oder die Luftschlösser einer völlig anderen Stadt zu kommen und davon ausgehend um eine Materialisierung einer ganz anderen Stadt zu kämpfen. Auch Henri Lebfebvre wurde in einem Interview gefragt, wie sieht eine utopische Stadt aus? Er geriet ins Stocken: Man müsste als erstes die Sprache neu erfinden, um dies überhaupt formulieren zu können, sagte er, unser ganzes Denken, unsere Vorstellungen über die Stadt sind durchzogen von einer kapitalistischen Logik, von Kategorisierungen und Ausschlüssen.

In einer hierarchischen Gesellschaft gibt es keinen Raum, der nicht hierarchisch organisiert ist. Dies gilt z.b. für das klassische Setting eines Podium, wo das Publikum mehr oder weniger durch die Raumordnung dazu gezwungen ist, mir zuzuhören. Dies gilt aber auch für die Stadt insgesamt. Soziale Fragen sind immer im Raum eingeschrieben. Raum ist weder eine vor- noch eine nachgeschaltete Instanz des Sozialen. Das Soziale entfaltet Raum und erschafft Raum. Und: Ein städtisches Programm, das tatsächlich die Menschen und ihre Bedürfnisse an die erste Stelle setzt und eben nicht die Ökonomie, wird das kapitalistische System von sich aus nicht hervorbringen. Schließlich geht es um die heiligste Kuh der Privatwirtschaft überhaupt: den Besitz von Boden und Immobilien. Der US-amerikanische Geograph David Harvey spricht aus diesem Grund auch davon, dass wir uns das Recht auf Stadt erkämpfen müssen. Es geht um Aneignung und um eine Umverteilung der gesellschaftlichen Reichtümer.

So viel ist klar: Es kann kein fertiges Modell von Stadt im Sinne einer Idealstadt geben. Stadt ist nichts Statisches, sondern in Bewegung. Die Utopie einer ganz anderen Stadt ist ortslos. Es geht also nicht um das Auspinseln eines neuen, städtischen Fertighauses, sondern darum, mehr Sensibilität zu entwickeln in Bezug auf die eigenen Ausschlüsse und Begrenzungen. Recht auf Stadt ist keine Masterplan, der sich von oben durchdrücken lässt. Es ist das Gegenteil einer Politik, die immer schon weiß, was das Richtige für alle ist und wie die Stadt auszusehen hat. Kein Leitbild, kein 5-Jahresplan und erst recht keine Computersimulation, wie sie InvestorInnen, StadtplanerInnen und ArchitektInnen so lieben, bei der man durch glitzernde 3-D-Welten fliegt – vorbei an virtuellen Mittelschichts-Mehrheitsgesellschafts-Menschen, die in ihrer auffälligen 0815-Konformität einen Blick auf den verengten planerischen Horizont geben.

Henri Lefebvre ging davon aus, dass neue Raumerfahrungen auch zu Sprüngen im politischen Bewusstsein führen können. Gleichzeitig können bestimmte Räume auch Ohnmacht herstellen. Er empfahl (in Anlehnung an die Situationisten) die Stadt genau zu erkunden und Umherzuschweifen /dérive. Ich schlendere also durch den Raum. Wie wirkt er auf mich? Einschüchternd? Vertraut? Ich flaniere durch die Stadt, suche meinen Platz. Passt es? Wie soll die Stadt sein? Was wünsche ich mir? Was wünschen sich andere? Wer verschafft sich mit seinen Interessen Gehör? Passe ich hier rein? Wer darf hier sein und wer nicht?

Ich hab noch ein weiteres Bild mitgebracht. Ein Ort an dem für mich – ganz subjektiv (!) – das Möglich-Unmögliche einer anderen Stadt durchschimmert: das Wonder Weel in Coney Island. Wichtig: Es schimmert durch, es deutet und regt an – es ist keine Realisierung!

Am Rand von New York gelegen, am äußersten Zipfel von Brooklyn, direkt am Meer. Ich steige in die bunte Gondel, die swingt und fahre an den braunen Sozialbauten entlang in die Höhe. Ein Blick, den unendlich viele EinwandererInnen, die in New York ihr Glück suchten, hatten. In weiter Ferne: Manhattan. Sehnsuchtsort, Verheißungen von Erfolg und die Angst, vor der Brutalität des Scheiterns. Am Boden angekommen: Der in die Jahre gekommene Luna Park, vom Meerwind verwitterte Farben, ein Ort, dem man das Geworden-Sein von Stadt ansieht. Bis in die 1990er Jahre hinein galt Coney Island als zu gefährlich für TouristInnen. Ein handgemalter Shrimps mit Frack & Fliege preist seinen Verzehr an. Jemand bietet schlechte Tatoos an. Ein paar Drag-Queens bereiten sich auf die Mermaid-Parade vor und basteln an trashigen Kostümen. Keine Identität kann sich sicher sein, die einzige zu sein. Die Stadt von den Rändern gedacht – ist brüchig, hybride, durchlässig. Das Nichtthematisierte, Ausgegrenzte fordert vehement seinen Platz. Alles, war entsteht, ist bereits im Entstehen wieder im Begriff zu zerfallen. Eine Stadt aus Leidenschaft, eine Stadt in permanenter Veränderung, eine Stadt der verdichteten Unterschiedlichkeit.

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* Diesen Input hat Nicole Vrenegor Mitte März 2011 auf dem Kongress „Wem gehört die Stadt“ der Linken Ratsfraktion in Düsseldorf gehalten.
** Den Lunapark gibt es in dieser Form nicht mehr. Der Park wurde 2010 umgestaltet, das Gelände wurde eingezäunt, vieles wurde abgerissen und einem „Launch“ unterzogen. Die Homepage lässt zumindest nichts Verwittertes mehr vermuten.

Eindrücke „Gefahrenzone“ – 30. April, Hamburg

ein langjähriger anwohner kommentierte den gestrigen abend wie folgt:

also, wir haben jetzt auch kein vollständiges Bild von gestern abend…sondern nur sagen wir mal „generationsübergreifende Eindrücke“
über das, was gestern so als „Gefahrenzone“ realisiert wurde.
Es wurde nämlich scheinbar flächendeckend ein Großteil des Besucherstroms der Walpurgisnacht aus der „Gefahrenzone“ rausgehalten. Anders als bei vergleichbaren Ereignissen waren die großen Einfallstraße über Stunden gesperrt (nicht nur „situationsbezogen“). Außerdem gab es sehr weiträumig angesetzte Polizeisperren auch für Fußgänger, die zwar durchlässig waren, aber gleichwohl den Massen der „normalen“ BesucherInnen Angst gemacht haben dürften. Und die U3 war zusätzlich gesperrt wegen Bauarbeiten.

Viele Stadtteilbewohner mussten ihr Auto nach dem Samstagausflug außerhalb der „Gefahrenzone“ abparken und zu Fuß nach hause. Wir trafen auch Niendorfer, die orientierungslos den Kiez suchten, weil sich noch nicht einmal ein Taxi am Schlump finden ließ. Viele große „Tanz in den Mai“ – Partys im Stadtteil wurden wegen „nicht erreichbar“ schlicht kurzfristig abgesagt. Getränkelieferanten wurden auch nicht durchgelassen…usw. In der Bernstorffstraße und selbst auf der Schanze fiel der übliche Wochenend – Trubel jedenfalls aus. Es war eher wie an einem Sonntagabend.

Hinzu kam, dass an jeder Ecke (bei uns im 100m – Abstand) Polizei mit ca. 15 Leuten / 2 Wannen stand – gespenstisch.
Und die Polizei hatte wohl auch das bekommen, was eigentliches Ziel der Gefahrenzone gewesen sein dürfte: Sie waren mit den meist jugendlichen Protestlern mehr oder weniger alleine auf der Straße. Statt unübersichtlicher Lage mit kaum voneinander zu unterscheidenden Partygängern und linken Aktionsgruppen.
Auch keineswegs linke AnwohnerInnen haben diese Komplettabsperrung als vollkommen unangemessen empfunden. Erstaunlich, dass in den Medien online dazu nichts kommt.
Und man fragt sich natürlich auch: Wird jetzt der Stadtteil bei jeder Demo / Schanzenfest derart abgeriegelt, dass die meisten nicht mehr reinkommen? Ist das das neue Einsatzkonzept aus der nunmehr SPD – geführten Innenbehörde? Wird die Stadt dann jetzt demnächst immer verboten / abgeriegelt, während wir für „Recht auf Stadt“ demonstrieren?
Wer hat andere / ergänzende Eindrücke?

wohnungsnot und wohnungskämpfe in paris

„solidarité avec les mal logés!“
gestern, mitten in paris. knapp 100 personen hatten sich vor der schule für journalismus (CFJ) im 2. arrondissement von paris versammelt und protestierten, von einem megaphon unterstützt, für „wohnraum für alle“. anlass dazu gab ein termin des pariser bürgermeisters delanoé in der journalistenschule (wo er, so klang es, einen vortrag halten wollte). nach einer weile tauchten mehrere polizeiwagen auf und polizisten umringten die rufende und klatschende gruppe, der der einlass ins haus verwehrt blieb, und kesselten sie schließlich ein.
wir sind nicht bis zum ende der aktion geblieben, aber laut dem blog mal logés en colère kam es nach mehrstündigem kesseln seitens der polizei noch zu festnahmen einzelner protestierender, die – so der blog, der die kommentare der polizei dazu wiedergibt – auf eine order der schulleitung und des bürgermeisters hin stattfanden.

einen eindruck von der aktion gibt es hier:

Bertrand Delanoé envoie la police sur des… par HLMPOURTOUS
wohnungen sind in paris knapper denn je. waren noch im jahr 2001 100.000 menschen in paris auf wohnungssuche, sind es nun, zehn jahre später, aufgrund der miserablen politik 120.000 personen, die nicht wissen, wohin sie ziehen bzw. wo sie überhaupt wohnen können. wir selber haben nach einer weile den ort verlassen.

am tag zuvor hatten wir an verschiedenen stellen in der stadt zelte mit der aufschrift „je veux un logement comme tout le monde“ gesehen, die offensichtlich bewohnt sind und von zeit zu zeit den ort wechseln (müssen). (das unten abgebildete zelt stand am donnerstag nahe der sacré coeur, war aber am freitag nicht mehr am gleichen ort). nicht der preis der wohnungen, sondern der komplette mangel an genügend wohnraum ist das ,was in paris das problem ist.
logement1

zu wohnungspreisen in paris kann kurz ergänzt werden, dass die überschrift eines artikels in der gestrigen zeitung die anhaltende preisexplosion von immobilien in paris kritisierte: „la flambée des prix dure“ bis ende juni wird ein anstieg des quadratmeterpreises an die durchschnittlich € 8.000,--grenze erwartet. aktuell liegt der quadratmeterpreis „noch“ bei € 7.330,- pro m2.

ungarn: kultureller schub nach rechts

gerade hören wir ein gespräch von Esther Kinsky mit Liane von Billerbeck über den paradigmenwandel in ungarn. die erzählung darüber, dass nur noch „völkisch-nationale“-kultur gefördert wird und das diese politik immer tiefer in den ungarischen alltag eindringt ergibt mit der erzählung von magdalena marsovszky ein bedrückendes bild über das land, das gerade die eu-ratspräsidentschaft inne hat.
freunde von uns waren zudem gerade in budapest und bestätigten und ergänzten diese berichte. die stadt würde mehr und mehr zerfallen während gleichzeitig jeder platz mit nationalfahnen behängt würde und überall in der stadt neue statuen auftauchten, die „völkische“ motive abbilden.
uns gruselts

Innenstadtverdichtung bis in jede Lücke

Kein Hotel im Hinterhof (Schulterblatt) 18 a!!!!*

*Ist die Schanze noch zu retten?*

Nach dem Beschluss zur Erweiterung der Außen-Gastronomieflächen in der Susannenstrasse, der Planung eines 90 Betten Backpackerhotels in der Juliusstrasse &immer mehr Gastrobetrieben mit den entsprechenden Folgeerscheinungen wird den Anwohnern der Schanze nun eines der letzten Rückzugsgebiete genommen: im Hinterhof Schulterblatt 18 a wird ein Hotel (Boardinghaus) gebaut.
Im Abstand von ganzen 8,40 m zur Rückseite der Häuser Schulterblatt 14, 16, und 18 wird ein ehemaliges Werkstattgebäude um ca. 3 m aufgestocktund erweitert, um neben gewerblichen Räumen im Untergeschoss 12 Appartements zur touristischen Vermietung zu schaffen.
Der Hinterhof, der für ca. 98 Mietparteien eine gewisse Privatsphäre in der mittlerweile ewig lärmenden Schanze sichert, wird zum Empfangsbereich eines Hotels gemacht. (…)

Wer hat so etwas genehmigt? Welche politische Macht steht hinter solchen Entscheidungen? Zählt nur noch der Rang in den Touristik-Statistiken und nicht mehr der Hamburger Bürger? Das sind nur einige Fragen, die wir uns als (teils jahrzehntelange) Mieter stellen, seit wir per Aushang der ausführenden Baufirma (!) auf die sofort beginnenden Baumaßnahmen aufmerksam gemacht wurden.

dies ist teil einer pressemitteilung, die vor ein paar tagen hier ankam. ich hab nicht genau im kopf, um welchen hinterhof es gehen könnte, werde aber beizeiten mal vorbaischauen. eine möglichkeit dies zu tun, ist, zum (nächsten) anwohner_innen- und interessiertentreffen zu gehen: am montag, den 14.2.2011 um 20 uhr im restaurant plaka, schanzenstraße 25.