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Ateliers für Alle

Als müsse man nur eine Naht im sozialen Gewebe auftrennen, um dazuzugehören, zur Klasse der Sorglosen und Reichen, so ließen sich die Raumstrategien von Künstlern im Manhattan des ausgehenden 19. Jahrhunderts lesen. Genau auf der Grenze zwischen dem Habitat der Millionäre und wertlosem Brachland entlang Central Park West erwarben Künstler günstig Grundstücke und taten sich zusammen um zu bauen: Studio Buildings, Atelierhäuser – Wohnen, Arbeiten und Ausstellen unter einem Dach. Das hatte es bis dato nicht gegeben. Nicht einmal in Europa, wo der Berufsstand der Künstler viel anerkannter war. Der neue Gebäudetypus entsprach den Bedürfnissen der Künstler, repräsentierte sie als soziale Gruppe im urbanen Kontext und sorgte für Distinktion. Die Empfänge in den Studios zogen dann auch tatsächlich Vertreter der Klasse an, zu der man so dringend dazugehören wollte.
Nicht nur der Bautypus, auch die ökonomische Organisationsform der Studio Buildings war eine Novität. Künstler gründeten Housing Cooperatives, Wohnungsgenossenschaften. In ihrem Buch „Maler und Millionäre“ analysiert Ulrike Frohne, wie die Künstler des ausgehenden 19. Jhds. auf dem Immobilienmarkt zu Akteuren wurden, Trends setzten und schließlich der Popularisierung der Studio Buildings, die auch jenseits von Künstlerkreisen immer fashionabler wurden, zum Opfer fielen. Die gehobene Mittelschicht, die die Studio-Apartments bei den Empfängen kennengelernt hatte, entwickelte einen solchen Appetit auf diese Art des Wohnens, dass zur Wende ins 20. Jahrhundert kaum ein Künstler die exorbitant gestiegenen Mietpreise noch bezahlen konnte. Hinzu kam, dass das Studio, Kern der Studio Buildings, das zweistöckig, mit großzügigen Fenstern, umlaufender Galerie und offenem Kamin konzipiert war, bald nur noch dem Namen nach existierte, als Label, das vom Ursprungsphänomen abgelöst sich nun an allerlei kommodifizierbaren Räume heften ließ. Im Immobilienteil der New York Times von 1920 schalteten Real Estate Companies Anzeigen wie diese: „You’ll find them fascinating – these new co-operative apartments in ‘The Artist Colony’ just off Central Park sparkling in their architectural beauty …“

artistvillage

Bei einer Erkundungstour weißer Flecken auf unserer Berliner Landkarte sprang uns ein Bauschild an der Rummelsburger Bucht ins Auge: „www.ArtistVillage.de“. War das die Lösung des Ateliernotstands in Berlin? Hatten Künstler rechtzeitig am ausgefransten Stadtrand investiert? An der Demarkationslinie zwischen Industrieruinen und Entwicklungsgebiet annonciert die Tafel schwarz-weiße Reihenhäuser in Wasserlage. Ein „Ateliergeschoss“ mit großzügiger Verglasung, dessen Höhe abhängig vom Geldbeutel zwischen 3,50m und 5,50m variiert, krönt zwei darunter gelegene Etagen. Loft-Living war 1990er, Atelierhaus ist jetzt. Für ca. 480.000 Euro pro Einheit ist die Siedlung komplett verkauft. Im Portefolio der Architekten Beyer Schubert heißt es: „Erklärtes Ziel ist die Verbindung von familienfreundlichem Wohnen und konzentriertem Arbeiten für freischaffende Künstler, Grafiker und Architekten in geeigneten Räumen an einem inspirierenden, citynahen Standort. Synergieeffekte zwischen den einzelnen Künstlern sind gewünscht, aber nicht planbar. Ob es zu halbjährlichen Atelier-Rundgängen und Kunstfesten kommt oder gelegentlich zu einer Vernissage geladen wird, hängt von den Wünschen der zukünftigen Bewohner und Nutzer ab.“ Vermutlich wird es nicht dazu kommen, denn unter den neuen Besitzern findet sich nur eine Künstlerin. Im gleichen Portefolio und in unmittelbarer Nachbarschaft zum „ArtistVillage“ sind im „Atelierhaus am Wasserturm Rummelsburg“ Maisonette-Ateliers zwischen 169.000 Euro und 199.000 Euro noch zu haben. Die Begriffskarrieren von „Studio Building“ oder „Artist Colony“ zeigen, dass die Appropriation von Vokabeln durch den Markt ein Indikator für soziale Verdrängungsprozesse ist. Die „ArtistVillage“ in der Rummelsburger Bucht weist darauf hin, dass die KünstlerInnen ihre Schuldigkeit als Image-Provider für die Stadt getan haben und durch marktförmige Substitute ersetzt werden.

Artist Village – Worpswede assoziieren wir unwillkürlich und eine moorige Muffigkeit steigt in die Nase. Ein flüchtiger Blick ins Netz ergibt, dass die Vokabel bis an die Grenze der Korrumption durch bürgerliche Kunstvorstellungen popularisiert ist. Ihre Bedeutung oszilliert zwischen marktstrategischer Applikation durch Immobilienfirmen, die sich vom guten Namen ein gutes Geschäft versprechen und Orten, die aus dem Bedürfnis nach einer selbstbestimmten Gemeinschaft auf einem eigenen Territorium entstanden sind. Trotzdem würde man nicht unbedingt auf die Idee verfallen, die „High Desert Test Sites“, die Andrea Zittel gemeinsam mit anderen KünstlerInnen in der kalifornischen Wüste gegründet hat, auf eine Artist Colony zu reduzieren, oder „The Land“, das Rirkrit Tiravanija in Thailand mit ins Leben rief. Die Initiative in den postfordistischen Industrieruinen Detroits dagegen, für die Kunst keine Frage der Distinktion, sondern der Inklusion und des Überlebens geworden ist, bedient sich umstandslos der Wiedererkennbarkeit des Attributs. Und das chinesische Dafen, das vor 20 Jahren tatsächlich noch ein Künstler-Dorf war, hat sich zu einem Standort der Massen-Reproduktion von Gemälden ausgewachsen. Alteingesessene Artist Villages, deren Stiftungen Residencies und Fellowships organisieren, wie die MacDowell Colony, Noramerikas älteste Künstlerkolonie, haben in New Hampshires Wäldern überlebt und Kleinstädte kopieren das Konzept, um den Kulturtourismus anzukurbeln oder um aus der Not der Nachnutzung leerstehender Gebäude eine Tugend zu machen. Wo das nötige Eigenkapital, eine potente Stiftung, ein generöser Mäzen oder eine staatliche Förderung fehlt, gibt es Modelle der Selbstvermarktung mit B&B, Führungen, Kursen, Kreativcamps, wie in der Ein Hod Artists’ Village in Israel. Überall gilt das Authentizitätsversprechen: You’ll find them fascinating…

Die Rolle von Künstlern als Akteuren im städtischen Kontext jenseits des Kampfs ums nackte Überleben, des Gerangels um Stipendien, Projektgelder oder Atelierförderung, hat nichts von seiner Attraktivität verloren. Letztes Jahr erhielt die Künstlergruppe KUNSTrePUBLIK e.V. im Rahmen des Programms Stadtumbau West den Zuschlag im Interessenbekundungsverfahren für das ehemalige Güterbahnhofdepot am Westhafen Berlin-Moabit. Den Umbau zum Zentrum für Kunst und Urbanistik, einem Labor für künstlerische und wissenschaftliche Forschung mit 12 Wohnateliers und Gemeinschaftsräumen wird mit 1 Million Euro Lottomitteln finanziert. Die Bauarbeiten starten im August.

Lesetip: Ursula Frohne, Maler und Millionäre. Erfolg als Inszenierung: Der amerikanische Künstler seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert, Verlag der Kunst, Dresden 2000

Kritik: radikal-schick

„Gentrification is classwar – Fight back“. Mit diesem Slogan kämpften 1988 in New York Aktivist/innen gegen die Räumung des Tompkins Square Parks. In und rund um den Park herum lebten zu dem Zeitpunkt viele Obdachlose. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion prügelte die Polizei die Menschen aus ihren Zelten, zerstörte die Unterkünfte und sperrte den Park ab. Der Widerstand gegen die Vertreibung der ursprünglichen Bewohner/innen war vielfältig und radikal. Die weitere Aufschickung und kapitialistische Inwertsetzung der Lower East Side, inklusive des von der städtischen Politik erwünschten und mittels der repressiven Macht umgesetzten Einzugs der Mittel- bzw. Oberschicht, konnten auf lange Sicht nicht verhindert werden.

Wie hängt Gentrifizierung nun mit Klassenkampf zusammen? (Ich scheue mich fast diesen Begriff zu benutzen, lastet ihm doch der Beigeschmack eines K-Gruppen-Dogmatismus der 1970er an. Dort sprachen zwar viele permanent vom Klassenkampf und der Arbeiterklasse, um sich dann später als Lehrer, Grüner oder whatever für diesen klassenkämpferischen Aktivismus standesgemäß zu „belohnen“.) Eine elementare Frage bleibt: Wie kann Gentrifizierung in seiner ökonomischen und segregierenden Struktur analysiert werden? Wer ist wann/wie von dem in Phasen ablaufenden Prozess betroffen? Wie manifestieren sich die unterschiedlichen materiellen Lebensverhältnisse und sozialen Ausgangspunkte auch in den Protesten? Welche Hierarchien gibt es? Wie sieht eine grundlegende Kritik an der politischen Ökonomie der Stadt aus? Diese richtigen Fragen stellt auch Roger Behrens in seinem Text „Gentrification und Urbane Bewegung“ in der Dezemberausgabe der Streifzüge.

Ein interessanter Artikel, den ich hier reflektieren möchte. Die Stärke des Textes liegt m.E. in der Analyse und Beschreibung der Transformation von Stadt im Übergang vom Fordismus zum Postfordismus. Auch viele der hier genannten Kritikpunkte teile ich. Sie finden sich z.T. auch in meinen Lefebvre-Texten, wie z.B. die Kritik am „Freiraum-Konzept“ vieler subkultureller Orte, die Kritik am konsumistischen Selbstverständnis (das ich aber nicht so einfach von meiner eigenen Person entkoppeln kann), die Konzentration auf den eigenen Kiez, das Nichtreflektieren der eigenen Rolle als Gentrifizier/in.

Dennoch hat mich beim Lesen des Textes zunehmend ein Unbehagen beschlichen. Dieses Unbehagen bezieht sich darauf, dass hier Kritik aus der Vogelwarte des Beobachters getätigt wird, der eloquent beschreibt, was die „anderen“ alles so falsch machen. So würden die Gentrifizierungskritiker/innen unisono nur an der kapitalistischen Fassade kratzen und ihre eigenen Privilegien verteidigen. Sie seien nicht in der Lage, eine grundlegende Kapitalismuskritik zu formulieren und überhaupt rutschten alle seit den 1990ern in „linkshedonische Selbstbeschäftigung“ ab. Gut gebrüllt, Herr Behrens, aber in diesem Pauschalflug falsch.

Gerade weil es d i e Linke nicht gibt und auch linke Theorien und Praxen äußerst heterogen und vielfältig sind, ist es für mich als Linke unerlässlich, dass ich Ross und Reiter nenne, wenn ich andere kritisiere. Auf wen oder was bezieht sich meine Kritik konkret? An welchen Flugblättern, Gruppen, Aktionen mache ich das fest? Und: Von welchem Standpunkt ausgehend formuliere ich meine Kritik? War ich früher auch ein Elch und wie bin ich heute selbst in Gentrifizierung involviert?

Hier hingegen wird im Galopp pauschalisiert und äußerst abstrakt kritisiert: Die Rote Flora und Park Fiction als urbane Selbststilisierung. Punkt. Der Euromayday als individualisierte Interessenverteidigung – mittlerweile erstarrt und Klappe zu. Dann diese „mafiotischen Dorfstrukturen“ im Schanzenviertel: so so! Unterschlagen wird hier, um nur einige Beispiele zu nennen: Die sehr differenziert geführte Debatte um Drogenpolitik im Flora-Umfeld in den 1990ern; die internationale Vernetzung der Euromaydays und eine damit verbundene über den deutschen Tellerrand hinausgehende Debatte; die jahrzehntelange Sisyphusarbeit von Mietrechtsaktivist/Innen und Menschen, die gegen Sozialabbau kämpfen; die Etablierung eines Parks mit Elbblick, in dem ich eben nicht 3 Euro für mein Bier zahlen muss; eine zehnjährige Mietpreisbindung für alle Bewohner/innen der vom Verkauf betroffenen Häuser im Bernhard-Nocht-Quartier. Alles Peanuts?

Ein typisches Zitat für diese den ganzen Artikel durchziehende Rundumschlagsstrategie: „Als Kollektiv formiert sich diese „Bewegung“ nur noch als ‚angry middleclass‘, die sich neuerdings als „Präkariat“ stilisiert. Ihr politisches Programm ist ein konfuses, plakatives Gemenge aus Meinungen, Populismus und Propaganda, wobei sowohl alte Themen wie „Mietpreise“ und „Yuppisierung“ vertreten sind, als auch neue Themen wie „Schutz“, „Sicherheit“, oder reaktionäre Abbiegungen in die Drogen- und Asylpolitik.”

Konkrete Belege für diese doch schwerwiegenden Vorwürfe? Fehlanzeige! Bezieht Behrens sich hier eigentlich nur auf Hamburg oder gilt das generell für alle stadtpolitischen Bewegungen weltweit? Und wo ist die Kritik zeitlich angesiedelt: bei den RTS-Bewegungen Anfang der 1990er oder auf das, was sich derzeit 2010 so bewegt? Die Gewissenhaftigkeit einer Kritik müsste in einer analytischen Genauigkeit liegen, die hier fehlt.

Mein Ausgangspunkt und meine Erwartungen an soziale Bewegungen sind grundlegend andere. Um die Widersprüchlichkeit und Uneinigkeit wissend, begebe ich mich in konkrete Auseinandersetzungen und dies mit offenem Ende. Protest kann immer vereinnahmt und entpolitisiert werden, die falschen Argumente setzen sich durch und die Revolution lässt weiter auf sich warten. Das ist sogar sehr wahrscheinlich. Aber nützt ja nüscht, wie man in Hamburg so sagt. Gerade in der Hansestadt haben es Aktivist/innen immer wieder geschafft, bestimmte Projekte, Eingeständnisse dem Senat abzuringen und damit Schlimmeres zu verhindern. Und: Wie sähe Hamburg heute wohl aus, wenn alle – statt sich zu engagieren – lieber bequem in ihren Wohnzimmern geblieben wären?

Auch die folgende Kritik finde ich angesichts dessen, was im Recht-auf-Stadt-Netzwerk (das taucht erst gar nicht auf) in Hamburg gerade versucht wird, mehr als ignorant: „Auffällig zudem, in welchem Maße die heute sich Engagierenden ohne Beziehungen zueinander operieren und Auseinandersetzungen auch auf einzelne Stadtteile oder sogar Straßenzüge isoliert bleiben“. Hier ist der Autor anscheinend schlecht informiert. So koordiniert z.B. die AG Mieten des Netzwerks gerade stadtteilübergreifend Widerstand gegen die Mieterhöhungen der SAGA (vergleichbar mit dem Steigende-Mieten-Stoppen-Bündnis in Berlin). Auch die monatlichen Vernetzungstreffen im Centro Sociale haben die Funktion, sich gegenseitig auf Stand zu bringen, zu kritisieren und Aktionen zu bündeln.

Ich lasse mich gerne belehren, bzw. lerne auch gern von anderen. Wie müsste denn eine radikale Theorie und Praxis demgegenüber aussehen? Hier bleibt der Text von Behrens auffällig schwammig und unkonkret. Die anderen machen falsch, dass ihre Kritik nur auf das „Publikum“ und nicht auf das „Kapital“ zielt, was – by the way – für die Initiativen, die ich in Hamburg kenne, nicht zutrifft. Ich zumindest habe das klassische Yuppie-Argument in meiner politischen Praxis schon lange nicht mehr gehört oder auch nur gelesen. Aber – und das interessiert mich wirklich – wie geht denn nun radikale Theorie & Praxis und ich lese:

„Wir gehen davon aus, dass der Begriff Gentrification nur Ausgangspunkt einer kritischen Theorie sein kann, die sich auf den Zusammenhang von Kapitalismus und urbanen Veränderungen richtet, und die zugleich notwendige Grundlage einer erst noch zu situierenden radikalen Praxis ist. „Stadt“ ist keineswegs eine vorgegebene Raumordnung, in der sich das Profitmotiv realisiert, sondern eine Matrix, die durch die Logik kapitalistischer Wertvergesellschaftung überhaupt erzeugt wird.“

Meine erste Frage bezieht sich auf das hier so plötzlich auftauchende „Wir“. Wer ist mit dem Wir-Kollektiv gemeint? Und von welcher sozialen Position heraus wird gesprochen? Stichwort: den eigenen Standpunkt transparent machen. Und – ehrlich geschrieben – das hier Formulierte ist ein absoluter Allgemeinplatz. Wo könnten denn konkrete Ansatzpunkte für eine radikale Praxis liegen, wenn all die anderen Kinder doch so doof sind? Oder verschiebt sich die „erst noch zu situierende radikale Praxis“ auf den St. Nimmerleinstag der Revolution? … fragt sich die Strickliesel ratlos.

Zentralität & Brutalität. Lefebvre # stricken VI

„Lefebvre # stricken“ habe ich meine Reihe genannt, aber seit ein paar Wochen klickern die Nadeln nur sehr selten. Dabei liegt das handliche Buch „Revolution der Städte“ direkt neben meinem Bett und ich lese immer mal wieder rein. Mein ursprünglicher Plan – mal eben Kapitel für Kapitel zusammen zufassen und auf Praxistauglichkeit abzuklopfen – ist wohl gescheitert. Das Theorieknäuel zu groß und zu viele andere Fäden hängen mit dran: Müsste noch Einiges bei Marx nachlesen, ach ja und Marcuse und – mmh – die Bezugnahme auf die Situationisten auch nicht vergessen.

Meine Leseerfahrung von Revolution der Städte? Ich fühle mich wie in einem Labyrinth: komplex, mit vielen Abzweigungen und ich weiß nie, was mich an der nächsten Ecke erwartet. Die Ausgänge sind in viele Richtungen hin offen und wenn ich mich an einem analytischen Ziel wähne, dann zerfällt die Struktur und vervielfältigt sich in flirrender Dialektik. Immanente Widersprüchlichkeit und permanent die Denkrichtung ändernd. Wie ergeht es euch beim Lesen von Lefebvre?

Mein Hauptfaden, den ich bisher in der Hand hatte, war die Suche nach dem utopischen Potential, das die Stadt oder allgemein Raum (space) haben kann. Aber was macht die Qualität von Stadt im Hier und Jetzt aus? Was ist das Besondere von Stadt? Ich lande beim Kapitel VI: Die urbane Form. Zentral ist die Zentralität. Sie bildet das Wesen des Phänomens der Verstädterung. Zentralität ist aber nichts Feststehendes, Fixes, sondern Zentralität ist „gekoppelt mit der dialektischen Bewegung, die sie einsetzt und zerstört, sie schafft oder zerbricht“. Und überhaupt: „jeder Punkt kann zum Brennpunkt werden, zum privilegierten Ort, an dem alles konvergiert“. Ein wandernder Marktplatz also oder eher viele in Bewegung begriffene Zentren, wo – und das muss jede/n Stadtplaner/in (sic!) zur Weißglut treiben – sich jederzeit Unvorhergesehenes Platz verschaffen kann und wird: „Aber schon im Entstehen verflüchtigt sich die Verdichtung wieder, wird rissig. Ein anderes Zentrum, eine Peripherie, ein Anderswo werden erforderlich.“ (156)

Die Stadt ist aber nicht nur das wachsende Gewebe, das alles verschlingt und Konsumstätte ist, sondern sie wird selbst produktiv, indem sie „die zur Produktion erforderlichen Elemente zusammenfügt“, an sich reißt und die „Schöpfungen zentralisiert“. Interessant ist, was Monsieur L. alles unter Schöpfungen fasst: Früchte, Objekte, Produkte, Produzenten, Werke, schöpferisch Tätige, Aktionen und Situationen. (S. 154/155). Was mir hier in der Auflistung fehlt, ist das Unschöpferische, vermeintlich Unproduktive der Stadt: das Stille, Nichtrepräsentierte, Zerrissene und Geronnene; All das, was „einfach“ da ist oder eben fehlt.

Aber weiter im Text. Das Potential und gleichzeitig das Grausame (!) des Städtischen liegt darin, dass hier Unterschiede zusammen gebracht werden und ein soziales Beziehungsgefüge – heute würde mensch vielleicht von Segregation sprechen – konstruiert und freigelegt wird: „Dabei entstehen Unterschiede aus Konflikten, bzw. die Unterschiede führen zu Konflikten. Ist das nicht die Ursache und der Sinn dieses rationalen Deliriums, das wir Stadt, Verstädterung nennen? Das (soziale) Beziehungsgefüge verschlechtert sich entsprechend der Entfernung in der Zeit und im Raum, die Institutionen und Gruppen trennt. Hier werden sie in der (virtuellen) Negation dieser Entfernung aufgezeigt. Hier ist die Ursache für die latente Brutalität zu suchen, die der Stadt inhärent ist*.“ (S. 155, *Fortsetzung folgt am Ende des Textes)

Aus diesem Grund ist es wichtig, auf das Recht auf Stadt als ein Recht auf Zentralität zu pochen. Jede/r hat das Recht auf Zentralität, auf Zugang zu kollektiven Ressourcen, unabhängig von seiner/ihrer sozialen Zugehörigkeit und auch – und das wäre mir wichtig – unabhängig von dem, was jemand macht oder leistet. Mir gefällt ja der Slogan der Hamburger Recht-auf-Stadt-Bewegung: „Wir bleiben unkalkulier- und unplanbar“ sehr gut. Hier melden sich Bewohner/innen zu Wort, die sich dagegen wehren, Verschiebemasse von Urbanist/innen und neoliberalen Stadtplaner/innen zu sein, die nur bestimmte Bevölkerungsgruppen in den innenstadtnahen Viertel haben wollen.

In den Medien werden die Proteste gegen Gentrifizierung immer wieder auf einen reinen Abwehrreflex reduziert. So charakterisierte z.B. die Süddeutsche die Recht-auf-Stadt-Bewegung als eine Bewegung im konservativen Geist des Bewahrens. Auch in der linken Debatte gibt es immer wieder diese Einwände gegen die gentrifizierungskritischen Proteste als „Heimatschutz“. Diese Kritik greift m.E. zu kurz und verliert sich im letzteren Fall schnell im verbalradikalen Gestus à la „So lange man (wer immer das auch tun soll?) nicht den Kapitalismus in Gänze abschafft, brauch’ ich mich doch nicht über steigende Mieten oder dieses oder jenes Prestigeprojekt aufzuregen“. Das ist ein Verharren in selbstverliebter Kritik, das jede konkrete Praxis und soziale Auseinandersetzung mit all ihren Widersprüchlichkeiten scheut. Oder um es mit Herrn Marx zu sagen: „Die Kritik (…) verläuft sich nicht (…) in sich selbst, sondern in Aufgaben, für deren Lösung es nur ein Mittel gibt: die Praxis.“

Bei den Kämpfen gegen Gentrifizierung sollte es immer um mehr gehen als die reine Revierverteidigung (ehemals) alternativer Viertel. Die Delegitimierung und Rückweisung des neoliberalen Modells der unternehmerischen Stadt ist nur der erste Schritt, um Neues, Unvorhergesehenes überhaupt zu ermöglichen. Klar ist aber auch, dass politisches Engagement in der Stadt oft von dem Ort ausgeht, an dem sich die Menschen befinden, dort, wo sie ihren städtischen Alltag ganz konkret erleben. Das heißt nicht, dass ich mich nur für „meinen Kiez“ interessiere und alles andere mir wurscht ist (Stichwort: Vernetzung!). Schräg wäre aber doch auch eine (linke) Stellvertreter/innenpolitik, die nun meint, im Namen der Menschen am Osdorfer Born, in Pinneberg oder von mir aus Blankenese reden und agieren zu können. In diesem Spannungsfeld (den eigenen – meist privilegierten – Standpunkt transparent zu machen u n d die Unterschiedlichkeit/Konflikte der Ausgangspunkte zu reflektieren und in Bezug zu setzen) bewegt sich ein emanzipatives Engagement und eine widerspenstige, konstruktive Praxis.

Eigentlich wollte ich noch auf den Kommentar von cs zum Teil IV eingehen: „Wenn das einer der Ursprünge der „Stadt als Fabrik“ war, dann wirds Zeit, dass sich nach der Auflösung der Fabriken in das Terrain die Frage stellt, wo die neuen Widerständigkeiten eigentlich Fuß fassen können? Erleben wir die ersten Revolten im Maschinenraum der partizipatorischen Imagecity?“ Hier wäre es sicher interessant, mal zu gucken, was Lefebvre sich bei den Situationist/innen so an Anregungen gezogen hat. Ich bin da allerdings keine Expertin, aber vielleicht können andere da Hinweise geben? Für den Augenblick jedenfalls ende ich mit der Fortsetzung des Lefebvre-Zitats (s.o.), auch weil es so gut zur Disco passt. Es geht um Zentralität und um die den Städten innewohnende Brutalität. Und das Zitat ist schön passend für mein heutiges, zugegebenermaßen theatralisches Ende:

„Aber auch für den – gleichermaßen beunruhigenden – Charakter der Feste. Ungeheure Menschenmassen sammeln sich in Trance und gespielter Glückseligkeit auf der verschwimmenden Grenze zwischen hemmungslosem Jubel und hemmungsloser Grausamkeit. Es gibt kaum ein Fest ohne ,Happening’, ohne Massenbewegung, ohne Niedergetrampelte, Ohnmächtige, Tote. Die Zentralität, die in den Bereich der Mathematik gehört, gehört auch in den des Dramas.“

Auf’m Land. Lefebvre # stricken V

Dieses Wochenende besuche ich meine Eltern auf’m Land. Und denke über Lefebvres These von der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft nach. Ich bin also wieder ganz am Anfang angekommen. Sicherlich ist die der Revolution der Städte vorangestellte These im Kontext der 1960er Jahre zu lesen: das rasante Wachsen der Vorstädte und Megacitys, die damals noch nicht so hießen. Vielleicht stecken auch noch Versatzstücke eines traditionellen marxistischem Fortschrittsglauben mit drin: „Das Stadtgewebe beginnt zu wuchern, dehnt sich aus und verschlingt die Überbleibsel des ländlichen Daseins.“

Schräg wird die These dann, wenn man das Verschlingen wortwörtlich nimmt. Also rein an der materiellen Verstädterung festmacht, im Sinne eines kompletten Zusammenwachsens von Land und Stadt. Dies hat Lefebvre selbst schon verworfen und seine These dahin konkretisiert, dass damit die „Gesamtheit der Erscheinungen, welche die Dominanz der Städte über das Land manifestieren“ gemeint seien. Dass aber der Trend zur Urbanisierung auf der anderen Seite auch zu einem weiteren Wegzug vom Land und einer extremen Verländlichung auf der anderen Seite geführt, hat er nicht gesehen.

Was ich in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, gut beobachten kann, ist, wie das Gefühl, abgehängt zu sein, sich hier eher noch verstärkt. Das ist daran zu merken, dass bestimmte – früher städtische – Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr oder andere Basisversorgungen, wenn nur noch rudimentär geleistet werden. Eine Regionalbahn ans Ende der Welt rechnet sich eben nicht privatwirtschaftlich und auch die Postfiliale hat schon lange dicht gemacht. Wo keine Masse an KonsumentInnen, da kein Profit. Noch nicht einmal Touris schauen hier vorbei, warum auch? Bonjour tristesse.

Es gibt ja mittlerweile in vielen Dörfern Menschen, die versuchen, diesem Abgehängtsein entgegen zu wirken und sich dabei selbst organisieren. Hab letztens einen WDR-Bericht über das Dorv-Projekt in Pannesheide gesehen. Dorv steht für „Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung“ und meint eine Art Tante Emma-Laden für all das, was an Grundversorgung im Dorf benötigt, aber nicht mehr angeboten wird. (http://floecksmuehle.com/_DORV-pannesheide.de) In dem Laden kann man Kaffeetrinken, Behördenformulare holen, Pakete verschicken, Lebensmittel kaufen und Bankgeschäfte tätigen. Charmant war, dass dort auch eine Art sozialer Treffpunkt entstanden ist, wo die Leute auf’n Schnack vorbei kommen und sich beim Ausfüllen von Formularen helfen oder kleine Veranstaltungen machen. Symbolisch auch der Raum: eine ehemalige Bankfiliale. Macht Banken zu Begegnungsorten. Die andere Seite der Medaille: Bundesweit gilt das Projekt als Vorbild für eine schlanke Verwaltung und damit lässt sich das weitere Runterschrauben von sozialer Infrastruktur und städtischen Aufgaben legitimieren. Immer diese Ambivalenz…

Die vollständige Verstädterung der Gesellschaft hat aber in einem anderen Sinn stattgefunden, den Lefebvre nicht vorhersehen konnte. Durch das Internet lassen sich bestimmte urbane Lebensmodelle, vor allem bestimmte Konsum- und Identitätsentwürfe im Nu Richtung Land kommunizieren. Das war ohne Internet anders. Als ich auf dem Dorf von Grunge erfahren habe, war in der Welt das Thema Seattle schon lange durch, Kurt Cobain schon so gut wie tot.

Der Mythos Stadt war für mich immer auch stark mit einem subkulturellem Mythos verknüpft. Daran hing das Versprechen, in der Stadt anders sein zu können als die Mehrheit der Menschen im Dorf. Heute kann sich jeder Teenager über das Netz über jede denkbare Subkultur informieren, Gleichgesinnte suchen und sich die entsprechende Szeneausstattung (Musik, Klamotten, Literatur) besorgen. Provinz trifft Stadt — Stadt trifft Provinz, und keine/r kann so genau sagen, wo die Community ihren eigentlichen Ort hat.

Wenn ich heute über meine Suche nach einem anderen Leben jenseits des engen Dorfgrenzen nachdenke, dann wird mir klar, dass sich dies immer vor der Folie einer Abgrenzung von etwas Anderem definiert hat. Es war ein starker Wunsch nach Nicht-So-Sein-Wollen, der sicherlich Antriebsfeder ist, sich überhaupt auf die Suche nach Alternativen zu begeben.

Auch problematisch ist, dass die Möglichkeiten und auch Ideen eines anderen Lebens sich im Kapitalismus rein über Konsum herstellen: bunte Haare und abgerissene Klamotten werden zum äußeren Ausdruck einer inneren Rebellion. Die Accessoires der Revolte hab ich mir damals auf Flohmärkten besorgt, heute könnte ich direkt zu H&M gehen. Konsum ist beides. Was bleibt ist die Frage: Wie kann die „bürokratisch gelenkte Konsumgesellschaft“ überwunden werden? Wie kann emanzipatives Zusammenleben in Heterogenität aussehen? Ich finde da den Kommentar von nbo zum Teil IV interessant: „wir können aber versuchen, den warenfetischismus durch eine neue produktionsweise langsam auszutrocknen, räume zu schaffen und auszuweiten, in denen er nicht mehr gilt“.

Teil VI: Zentralität und Brutalität

Zurück zur Fabrik? Lefebvre # stricken IV

Zurück zur Fabrik. Ich krame schon seit Tagen in diversen Lefebvre-Texten rum und bin mir gar nicht sicher, ob er die Idee „Fabrik“ überhaupt als utopisches Bild so anbietet oder ob das nicht verkürzt ist? Habe bisher nur das Zitat gefunden: „Die Stadt ist eine Maschine der Möglichkeiten“. Was aber nicht heißt: Die Stadt ist eine Fabrik, und auch nicht heißt, dass die Stadt der Zukunft eine Fabrik sei. Interessant hier ein längeres Interview mit ihm, das auf youtube (hoch lebe das www.) zu finden ist:

Analog zur Entwicklung der (industriellen) Arbeitsteilung erfährt auch der Raum – so L. – eine immer stärkere Spezialisierung. Er wird zunehmend spezifiziert und zerlegt. In diesem spezialisierten Raum werden ganz bestimmte Aktivitäten zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt ausgeführt, diese Tätigkeiten wiederholen sich. Monotonie und Vereinheitlichung, also. Außerhalb dieser Nutzung ist der Raum verloren, es ist ein toter Raum. Als Beispiel nennt er die Büros, sicherlich trifft das auch für Fabriken zu, denn wer nutzt die Fabrik nachdem die letzte Schicht vorbei ist? Die Fabrik kann zwar mit anderen Nutzungen gefüllt werden, so wie Paula Zucker es vorschlägt. Aber ich finde, wenn irgendwie alles Fabrik ist, ist nix Fabrik: Lernfabriken, ein Loft fürs gehobene Fabrikwohnen, Familienfabriken, Atelierfabriken. Und: hier wird auch jeweils eine spezialisierte Tätigkeit vorgegeben bzw. ein Nebeneinander von bestimmten Tätigkeiten. Klassisch geben ja die Maschinen in der fordistischen Fabrik vor, wie Arbeit und auch Raum organisiert sind. Ein Nebeneinander von verschiedenen Tätigkeiten bedeutet aber nicht automatisch eine gerechtere Arbeitsteilung. Die entscheidende Frage bleibt: Wer macht den Abwasch und wer den Umsatz?

Meine Kritik: Identitätsstiftung läuft nach wie vor über das, was ich den ganzen Tag über tue: fabricare, anfertigen. Die Frauen in der Fabrik sind nach der Schicht eben die Frauen aus der Fabrik. Ein Vorteil der klassischen Fabrik? Irgendwann geht das Licht aus, die Maschinen stehen still, Feierabend! Die Entgrenzung durch die integrierte Fabrik, die nun alle Bereiche des Lebens erfasst und die Menschen zu Unternehmern ihrer selbst macht, ist für mich kein Ideal. Digitale Bohème – ohne mich! Konnten Fabriken noch besetzt und Schraubstöcke in Maschinen geworfen werden (im besten Fall), so stellt sich dieser von Frau Zucker beschriebene „Soziale Raum Fabrik“ nicht in der verinnerlichen Ich-Fabrik her. („Sozial“ nicht gleich „gut“, sondern auch von Hierarchien & Konflikten durchzogen). Mit‘m Laptop sitze ich allein im Wlan-Cafe, vor mir – quasi als Eintrittskarte – der Macchiato, neben mir bastelt jemand an seinen eigenen Projekten oder tut zumindest so. Also eine weitere Fragmentierung und Vereinzelung.

Nach langem Überlegen hab ich mich vor zwei Monaten bei Facebook angemeldet und folgenden Willkommensgruß erhalten: „Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen“. Traurig daran ist, dass ich mich dort angemeldet hatte, da ich das Gefühl hatte, sonst was zu verpassen, weil irgendwie alle bei Facebook sind. Das Netz als sozialer Ort, der Bildschirm als Fabrikfenster.

Aber zurück zu Lefebvre: Im dritten Teil des Interviews wettert er gegen den auf Monopolisierung und Konsum ausgerichteten Urbanismus. Dieser habe Wohnraum (l’habitat) geschaffen, aber keinen bewohnten Raum (l’habité). Soziales Leben hingegen könne sich nur in Räumen bilden, die vielfältig nutzbar sind und Platz lassen für Symbolisches, Spielerisches, Poetisches, Unvorhergesehenes… Was wir stattdessen vorfinden, ist ein funktionalisierter Raum, der von Planern für eine bestimmte Nutzung vorgesehen ist. Nicht der Gebrauch, sondern der Tausch im Sinne der kapitalistischen Verwertung bestimmt, wie Raum genutzt wird. So weit, so schlecht.

Nun zum interessanten Part: Was passiert nun in der Phase, die er die „urbane Revolution“ nennt? Zunächst – kleine Verbeugung Richtung Marx – muss der Raum einem Gebrauchswert zurück geführt werden (5:03). Das sei der erste Schritt, aber es geht darüber hinaus. Im Übergang von der instrustriellen zur urbanen Phase müssen sich auch die Ideen, die Referenzen und die sozialen Praxen grundlegend verändern. Eine neue Sprache ist zu entwickeln. Das Sprechen (die Sprache/langage) über einem Raum, der anzueignen ist, ist nicht zu vergleichen mit dem Sprechen über einen Raum, der kommerzialisiert ist. Die Ware, die sich ausbreitet, die alles einnimmt unter dem Schutz des Staates und der repressiven Macht, hat auch zur Veränderung von Sprache geführt: „Il faut presque trouver une autre langage pour parler de tout ca“.

Gegen Ende des Interviews beharrt Lefebvre darauf, dass dieses urbane Leben der Zukunft keine Kopie von früher sein kann, sondern dass es vielmehr um neue Erfindungen, um die Produktion von Raum gehe. Eine klare Absage also an die Fabrik, die ja das Symbol für die industrielle Produktion schlechthin ist. Schön zu sehen, wie er darum ringt, etwas zu entwickeln, das über Sprache/das derzeitige Sprechen und Denken über Raum hinaus geht. Es ist ein An-Denken, wie eine Raumproduktion aussehen könnte, in der die Differenz und Heterogenität von Städten aufgehen kann. Konflikte werden dabei nicht abschließend gelöst und in eine feste Form gegossen (die optimale Stadt), sondern sie sind Gegenstand von permanenten Auseinandersetzungen, die an einzelnen Stellen immer wieder auftauchen und die konkret verhandelt werden müssen. Also keine festen Orte/Bilder, die als Utopie durchschimmern, sondern das Nichtrepräsentierte, das verdrängte Andere, das seinen Platz immer wieder einfordert. Well, so meine Interpretationen zum Interview.

Diese Vorstellung von Stadt als ein Ort der permanenten sozialen Auseinandersetzungen finde ich auch viel passender als die Idee des „Freiraums“, ein Begriff, der ja in linken Kontexten weit verbreitet ist. Klar ist zum einen, dass es solche Freiräume außerhalb des Kapitalismus leider nicht gibt. Zum anderen ist aber auch jeder subkulturelle Raum höchst anfällig für informelle Strukturen und damit verbundener Ausgrenzung des Unpassenden/Ungleichen/Unverstandenen. Ein Freiraum wird flux zum geschlossenen Raum. „In einer hierarchisierten Gesellschaft gibt es keinen Raum, der nicht hierarchisiert ist und nicht die Hierarchien und Distanzen zum Ausdruck bringt“, schreibt Bourdieu. Dies gilt auch für Orte, die vielleicht nichtkommerziell sind, hierarchisch sind sie immer. Was nicht gegen diese Räume spricht und die Menschen, die sich darin engagieren, sondern nur dafür, dies mit zu reflektieren und ggf. gegenzusteuern…

Zusammenfassung des Tages:
* Viel Fabrik = wenig gut.
** Was kommt eigentlich nach der Sprache: It’s the end of the world as we know it (And I feel fine)?
*** Jetzt aber Feierabend! Oder hab ich gar nicht gearbeitet?

Teil V: Aufm Land

„metrobasel“ : Ein Comic zu Stadtplanung

Das ETH-Studio Basel, ein Aussenposten der Abteilung Architektur der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH Zürich, hat im Mai 2009 die Ergebnisse diverser städtebaulicher Studien über die sogenannte Metropolitanregion Basel, die eben gerade auch die angrenzenden französischen, deutschen und schweizerischen Gebiete umfasst, vorgestellt.
Ganz poppig und trendig, und um einfacher vermittelbar zu sein, hat das ETH-Studio seine Untersuchungsergebnisse in einem Comic gefasst, dessen Protagonisten dem Godard-Film „A bout de souffle“ entnommen sind. Leider gibt es den Comic (noch?) nicht im Netz, er ist aber hier in verschiedenster Weise kurz beschrieben: bei anArchitecture, bei einer Buchhandlung und hier bei einem privaten Netz-Kommentar. Auch das ETH-Studio Basel hat seine Vorstellungsseite.

Insgesamt ist der Comic der perfekte Ausdruck eines technokratischen Stadtverständnisses, in dem Stadt im Sinne des Wortes von oben angeschaut wird, darin rumgespielt und grosszügig Visionen entwickelt werden, über die Köpfe hinweg der reellen BewohnerInnen der realen Stadt.

Seid ihr per Zufall mal in der Schweiz, und wollt keine Pause von eurer alltäglichen Beschäftigung, dann schaut an einem Kiosk vorbei – dort gibt es den Comic fast immer zu bestaunen…

Es gibt auch einen Wirtschaftsförderverein für die „Metropolitanregion Basel“, der sich wohl nicht zufällig auch „metrobasel“ nennt.

Gängeviertel-Besetzung in den Schweizer Medien

Die bürgerliche Neue Zürcher Zeitung NZZ hat in ihrer heutigen Ausgabe (21.12.2009) eine ganze Seite über die Besetzung des Gängeviertels drin (siehe auch hier ).

Raum produzieren. Lefebvre # stricken III

Ein Bild einer Machtdemonstration, 18.12.09, nahe Hamburger Gänsemarkt: Über 3.000 Menschen stehen auf der Straße und sind Teil der Recht-auf-Stadt-Parade. Die Temperatur: Minus 8 Grad. Es schneit. Viele tanzen, um sich warm zu halten. Bunte Kostüme, aufwändig geschmückte Wagen, Unmengen von Leuten, die Schilder tragen. Sie gehen auf die Straße, und das aus den unterschiedlichsten Gründen. Gemeinsam demonstrieren sie für eine Stadt für alle. Schon im Vorfeld hatte die Polizei mit an den Haaren herbeigezogenen „Gefahrenprognosen“ dafür gesorgt, dass den Menschen der Weg durch die Innenstadt verwehrt wird.

Ecke Gänsemarkt, die Kreuzung an der sich an dem Tag besonders zeigt, wie städtischer Raum produziert wird. Der heterogenen Menge steht ein gigantisches Polizeiaufgebot gegenüber: Grün dominiert die andere Seite des Platzes, Wasserwerfer und eine uniformierte Eindeutigkeit verteidigen das Recht auf Stadt für wenige. Von der kollektiven Wunschproduktion, der bunten Präsenz einer anderen Stadt, die plötzlich an so vielen Stellen möglich scheint, soll die städtische Öffentlichkeit – so wollen es die Regierenden – möglichst wenig mitbekommen. Raum als Medium, das gesellschaftliche Verhältnisse strukturiert und konkret werden lässt. Hier wird der hierarchische und hierarchisierende Raum deutlich spür- und sichtbar. Angesichts der Polizeipräsenz hat das Recht-auf-Stadt-Bündnis an dieser Stelle beschlossen, nicht die verordnete Route außerhalb der Innenstadt zu laufen, sondern eine Alternativroute zu gehen. Verdrängt aus der Innenstadt, aber nicht festgelegt auf die Polizeiroute: ein Lavieren zwischen der Ohnmacht gegenüber dieser Machtdemonstration und dem Versuch, sich davon nicht einschüchtern zu lassen.

Auf der anderen Seite des Gänsemarkts: ein Weihnachtsmarkt mit jeder Menge Waren, die hastig mit viel Glühwein runtergeschluckt werden. Kommerz, Konsum, Kaufen – die Glücksversprechen des Kapitalismus locken ebenfalls viele Stadtbewohner/innen. Diese Menschen dürfen hier sein und temporär dort verweilen. Sie werden auf eine Funktion reduziert, auf die sie sich aber auch (zeitweise) reduzieren lassen: Es ist die Funktion eines „Raumkäufers, der den Mehrwert realisiert“ (Lefebvre). Und was sind schon 3.000 Protestierende gegenüber den Tausenden in der Innenstadt, die sich zeitgleich an den Glühweinständen wärmen?

Wo ich wieder bei der Frage der Subjekte lande, die ja Teil der Raumproduktion sind und die den Raum im Alltag gebrauchen, nutzen und prägen. Die NutzerInnen von Stadt, also alle, die Stadt jeden Tag für ihre Zwecke verwenden, werden in kapitalistischen Städten wenig geschätzt. Hier geht es darum, alles dem Tauschwert zu unterwerfen. Das ist der Preis eines Gutes, der Wert, der im Tausch auf einem Markt realisiert werden kann. Der Tausch hat absoluten Vorrang vor dem Gebrauch. Lefebvre beschreibt ganz am Ende von „Die Revolution der Städte“, wie die Benutzer/innen von Stadt von den zuständigen Behörden, Entscheidungsinstanzen, Investoren gesehen werden: „Als was sieht man den Benutzer an? Als eine ziemlich widerwärtige Person, die beschmutzt was ihm neu und frisch verkauft, die Ware mindert, verdirbt, aber zum Glück eine Funktion wahrnimmt: sie macht den Einsatz des Dings, des Alten durch das Neue, unvermeidlich. Womit sie allerdings kaum entschuldigt ist.“

Eine widerwärtige Person, die beschmutzt und die Ware mindert, ein Bild, das für mich passt, wenn ich durch Straßen laufe, die lediglich die Funktion haben, Konsum zu organisieren. Inbegriff ist der Neue Wall in Hamburg, ein Business Improvement District mit lauter Luxus- und Designergeschäften, vor jedem Eingang steht eigenes Sicherheitspersonal. Auf dieser symbolträchtigen Straße sollten die Demonstrant/innen ursprünglich laufen, diese Route hatte das Oberverwaltungsgericht untersagt. Mein Gefühl zum Neuen Wall? „Grabbeln verboten!“ Und ich will auch nix anfassen, weil ich hier – von Kopf bis Fuss – nicht hinpasse. Verinnerlichte Ordnungsgedanken: Sind meine Fingernägel sauber, sitzt die Frisur und warum bin ich eigentlich so arm? Dies ist ein Raum, der zur Passivität verdammt und stumm macht. Gefühlte Zurechtweisung und Einschüchterung. Das Bambule-Motto „Dreckig Bleiben“ im Ohr spendet mir Trost an schlechten Tagen.

Die Initiativen und Gruppen, die sich derzeit in Hamburg gegen eine neoliberale Stadtpolitik engagieren, setzen an den Punkten an, an denen die extremen Widersprüche von Stadt sichtbar werden: Noble Eigentumswohnungen in einem armen Stadtteil wie St. Pauli; eine Fernwärmetrasse quer durch die Stadt, die ein umstrittenes Kohlekraftwerk bedient; nichtkommerzielle Orte, die nun jemand fix zu barer Münze machen will; eine Autobahn, die das eh schon stark fragmentierte Wilhelmsburg noch weiter zerlegen wird; charmante Häuser, die austauschbaren Bürokomplexen weichen sollen; Plätze, die noch zum unbestimmten Verweilen einladen, sollen eventisiert und kommerzialisiert werden. Wie kann Stadt anders gedacht und gelebt werden? Wie kann gegen die jetzige Form von Stadt revoltiert werden?

„Diese Revolte aber kann von der Entwicklung alternativer Projekte und zum Teil gewaltsamer Widerstandsaktionen bis hin zu einer massiven Gegenbewegung führen, die die Gesamtheit der austauschbaren, spektakulären kapitalistischen Räume in Frage stellt, jene Räume nämlich, die die Alltäglichkeit, die Zentralisierung der Macht und die räumliche Hierarchisierung mit ihren tiefgreifenden Widersprüchen implizieren“, schreibt Lefebvre in dem Aufsatz: „Die Produktion des städtischen Raums“, der in der anarchitektur schön verständlich aufbereitet wurde.

Mmh, heute war es wenig utopisch bei mir, was auch daran liegt, dass ich noch keine Bilder/Ideen von einer Stadt der Zukunft habe. Lefebvre bietet die Idee der Fabrik an, ein Bild, das sich mir als Utopie nicht so leicht erschließt. Meine Assoziationskette: der männliche Arbeiter in der fordistischen Fabrik, rigide Arbeitsteilung, Trennung von Produktion und Reproduktion, Fokus auf die Herstellung/Produktivität, etc. Daher dachte ich, ich frage mal Paula Zucker, die den Teil I kommentiert hatte: „und mir gefällt das : feld, fabrik, stadt. also stadt als vorherschende bild nach dem wir alles, was wir brauchen und alles was wir meinen zu brauchen, herstellen und verteilen ganz gut.“ Liebe Paula: Warum die Fabrik recyclen?

Teil IV: Zurück zur Fabrik?

Blindfeld trifft Free Style. Lefebvre # stricken II

Weiter im Text. Nicht zu lange beim Stricken aufhalten, ich teile die Abneigung von Paula Zucker gegen das klassische Mädchendisziplinierungshobby. Schnacken wir lieber über das „Stadtgewebe“ an sich, wie es sich ausweitet, was das bedeutet. „Das ,man’ wiegt“, klingt noch nach. Raum wird produziert, Raum wird gelebt – das jeden Tag. Erlebnisse auf der Straße: Mal ist es ein Ort der Begegnung, ich sehe mich als Teil dessen. Dann wiederum das Gefühl von Einsamkeit inmitten der Straßenschluchten; Um mich herum sind jede Menge „Leute auf der Suche“. Wie ist eigentlich die Wechselwirkung zwischen der Struktur (die Stadt) und dem Handeln (das Sich-durch-die-Stadt-bewegen)? Die Leitfrage: Wie wird eigentlich Raum gesellschaftlich produziert? begleitet mich.

Kabelsalat schreibt, dass Lefebvre in der Zeit als er sich mit Stadt und Raum auseinander gesetzt hat, viel gereist ist. Das ist interessant, und auch die Idee, dass er seine Theorie nicht in Paris sitzend hätte schreiben können. Die Revolution der Städte hat viele extrem sinnliche Passagen, eine poetische Verdichtung oder auch Begriffsbildung, die in der wissenschaftlichen Rezeption seines Werkes meist zu kurz kommt. (Also, ihr StadtforscherInnen und kritische GeografInnen, ein bisschen mehr Groove könntet ihr bei der Zusammenfassung der Texte schon noch drinlassen.)

Zurück zur Leseerfahrung. Hab das 2. Kapitel bestimmt schon 2,3 mal gelesen und – nun ja – zusammenfassen muss eine/r andere. Ich springe lieber von Zitat zu Zitat und folge meinem subjektiven Interesse am utopischen Muster. Und die Hürden des Projekts „Lefebvre stricken“ sollen nicht so hoch werden. Hinten runter fallen die historischen Analysen L., das Gewordensein von Stadt und die komplexe Raumtheorie. Und weiter geht’s nach dem Lustprinzip vorgehen. Ich sammel eine Art „Best-of-L.“ und andere Fundstücke, schließlich gefällt mir das so gut an dem Blog hier. Fange also an bei: „Der städtische Raum ist konkreter Widerspruch“.

Diese Widersprüche gilt es nun dialektisch zu analysieren, siehe Straße. Stadt als das Nicht-Homogene, das Nebenher und Kollision der Unterschiedlichkeit auf kleinstem Raum. Die Gleichzeitigkeit von Konzentration und Streuung, Menschenmenge und Auflösungen. Jeder Punkt kann zum Brennpunkt werden, an dem alles konvergiert. Gerade hierin sehe ich die Chance für städtische Kämpfe, das Unkontrollierbare von Städten & Annäherungen. Kein Wunder, dass Lefebvre kein Freund des Autos ist, da das Auto konkrete Begegnungen verhindert. Großartig gezeigt in der Anfangszene von LA Crash, in der die Stimme aus dem Off erzählt, dass es so viele Unfälle in Los Angeles gibt, damit die Leute miteinander in Kontakt treten können oder auch müssen, je nachdem. Das Homogene fürchtet das Unterschiedliche/Abweichende. Gut zu sehen in den sterilen, auf Konsum ausgelegten Innenstädten. Die Einsamkeit in der Monotonie und Gleichheit neoliberaler Städte nimmt zu. Die, die nicht ins Bild passen, sind gezwungen zu weichen oder suchen die Räume, in denen sie sich nicht (mehr) wohl fühlen, schlicht nicht mehr auf.

Die Macht des Homogenen ist auch etwas, das ich stark mit dem dörflichen Leben verbinde. Eine konkrete Situation dazu im Kopf: Es ist Schützenfest im Dorf. Die Männer marschieren mit Holzgewehren Richtung Schützenplatz, die Frauen stehen am Rand der Straße. Ich bin vielleicht 12 oder 13, und versuche mir seit ein paar Tagen Dreads in die Haare zu knoten. Aus der Menge heraus ruft es: „Geh mal zum Friseur“. Kollektives Lachen. Beschämung meinerseits, die aber nicht der Gruppe gilt, sondern sich nach innen richtet. Die Folge: Rückzug aus den „öffentlichen Orten“ des Dorfs (Kneipe, Schützenfest). Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Stadt ins Unermessliche. Dabei nimmt Stadt eine sehr abstrakte Gestalt an: als Ort des So-Sein-Könnens und des Damit-Verstanden-Werdens.

Schon spät. Zum Schluss noch ein Take-away zum Weiterdenken, ein Lefebvre to go: „Das Städtische definiert sich als der Ort, wo die Menschen sich gegenseitig auf die Füße treten, sich vor und inmitten einer Anhäufung von Objekten befinden, wo sie sich kreuzen und wieder kreuzen, bis sie den Faden der eigenen Tätigkeit verloren haben, Situationen derart miteinander verwirren, dass unvorhergesehene Situationen entstehen.“

Teil 3: Raum produzieren

einladung zur diskussion: Lefebvre # stricken

stricken

Foto: V. Fournier

Viele Fäden hat Henri Lefebvre in seinen Büchern und Artikeln aufgenommen und zu einem wunderbar wärmenden Pulli verstrickt: das Versprechen einer revolutionären Perspektive, die aus dem Alltag heraus entsteht, eine urbane Praxis, die es allen (!) in ihrer Verschiedenheit ermöglicht, Teil der/von Stadt zu sein: the Right to the City / Le droit à la ville / das Recht auf Stadt.

Großartig, wie er Stränge knüpft, Knoten öffnet, Neues verbindet und sich beim Lesen immer wieder utopische Muster auftun. Schwierig nur für die, die das Ganze Nachstricken oder überhaupt nur über den Pulli reden wollen. Kompliziert wird es, da wenig ins Deutsche übersetzt wurde, vieles vergriffen ist, und seine Gedanken stark assoziativ und dialektisch sind, was ja auch den besonderen Charme ausmacht.

Seit gestern lese ich also Lefebvre; Wieder. Nach fast 10 Jahren – damals mit starkem Theorieinteresse (Referat an der Uni), heute mit starkem Praxisinteresse (wie kann Lefebvre in Bezug auf aktuelle Kämpfe um Stadt gelesen werden?). Klar ist: Es gibt keine allgemein gültige Strickanleitung, sondern die Kunst liegt darin, die diversen Fäden irgendwie zu halten, übereinander zu legen, nachzuvollziehen, neu zusammenzufügen. Vielleicht riffle ich am Ende alles wieder auf. (Das war zumindest meine Hauptbeschäftigung beim „realen“ Stricken.). Hier das Versprechen: Es ist genug Pulli für alle da. Strickt mit, die verschiedenen Muster ergeben sich aus der Vielzahl der Handarbeiter_innen.

Um mit dem Stricken anfangen zu können, braucht ihr zwei Stricknadeln und Wolle. Die Nadeln sind die spitzen und runden Ideen. Dabei treffen die der Leser/innen auf die von Monsieur L. Lesen als vorgestellter Dialog also, begleitet von dem unrhythmischen Klackergeräusch, wenn beide Nadeln sich kreuzen. Als Wolle schlage ich den Klassiker „Die Revolution der Städte“* vor. Der ist zwar als Buch in Deutsch vergriffen, aber in gut sortierten WG-Bibliotheken oft vorhanden. Die gute Nachricht: Der Text ist auch online verfügbar:

http://www.offene-uni.de/archiv/textz/textz_phil/lefebvre_revo_stadt.pdf

Stricknadeln gibt’s in unterschiedlichen Stärken. Fangen wir mit den dicken an. Die für die groben Maschen. „Dickes Fädchen, faules Mädchen“, heißt es so unschön im „Volksmund“ (ebenfalls unschön). Und genau um die Freiheit, Maschen aufzunehmen oder auch komplett fallenzulassen, geht es mir, um die Zeit zum Lesen, zum Denken und zum Nach-Denken.

1.Muster: Von der Stadt zur verstädterten Gesellschaft

„Allem voran sei eine Hypothese gesetzt: die von der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft.“ Hoppla, mit der Tür ins Haus fallen, nennt mensch das wohl. Und damit liegt da ein ganz schön dickes Nest direkt am Eingang: Was meint Lefèbvre mit der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft? Ist es was Erstrebenswertes oder nicht? Wie soll ich mir das vorstellen? Ist es eine verbaute Welt oder eine neue Form des Zusammenlebens, die noch zu bilden und denken ist? Wie ist das Verhältnis zwischen Stadt und Land? Oder gibt es das Land gar nicht mehr? Wo und wie steht der Einzelne zum Raum? Was macht diese verstädterte Gesellschaft aus im Gegensatz zu anderen?

Diese Fragen nehme ich bei der Lektüre mit. Dazu noch ein Knäul an weiteren Fragen, die sich – 30 Jahre nach dem Verfassen von der Revolution der Städte – aktuell ergeben: Welche Hypothesen und Prognosen stimmen heute noch, welche nicht? Welche Dynamik hat städtisches oder dörfliches Leben seitdem entwickelt? An welchen Punkten ist eine Aktualisierung L. notwendig? Dabei gehe ich recht pragmatisch vor. Nehme die Theorie-Fäden, die mir passend erscheinen, lasse andere weg oder setze neue Stücke ein.

Was ist nun mit der Anfangshypothese von der vollständig verstädterten Gesellschaft? Zunächst ist es – laut L. – „eine Gesellschaft, die aus der Industrialisierung entsteht“. Stichworte: Ballung, Landflucht, Zurückdrängung des Agrarsektors. Das Stadtgewebe wächst, die Dominanz der Stadt über das Land manifestiert sich. Dies leitet er – auf wenige Seiten komprimiert – historisch her, kurz zusammengefasst auf der Achsendarstellung. Bis hierhin hab ich verstanden. Dazu die Feststellung: „Die Hypothese greift vor. Sie projiziert die Grundtendenz der Gegenwart in die Zukunft“. Es geht also darum, über das Bestehende hinaus zu denken, einen Denkvor-Gang und eine Begriffs-Bildung in Gang zu setzen. Die urbane Gesellschaft ist das Mögliche, nicht das Erreichte. Ein utopisches Muster stricken also: ich bin dabei.

Woran ich hake: Am Ende der Achse liegt bei 100% die „kritische Zone“, die Zeit-Raumachse, in der sich Lefebvre beim Verfassen befindet. Hier wird es kompliziert. Da er dies später noch erläutert, lasse ich diese Masche an dieser Stelle fallen, und komme zu meinem ersten Highlight: Das Muster der Dialektik. In Anleitungsbüchern würde ich dies mit „Vielleicht. Punkt“ benennen. Lefèbvre selbst nennt es „Gegenüberstellung“, die mehr sein soll als reine Stilübung. Es ist ein Doing des Fürs und Widers, was er exemplarisch an zwei Beispielen ausführt: Das Für der Straße. Das Gegen die Straße. Das Gegen das Monument. Das Für das Monument.

Was folgt ist ein wunderbares Plädoyer für die Straße, als ein „Schmelztiegel, der das Stadtleben erst schafft“. Die Straße ist Ort der Begegnung, Bühne des Augenblicks. Der Einzelne ist Schauspieler und Zuschauer zugleich. Ein Ort, an dem Worte und Zeichen ebenso wie Dinge getauscht werden. Hier wird die Raum/Zeitbeziehung in Wirklichkeit umgesetzt. Ja!, denke ich beim Lesen. Die Nadeln klickern.

Nun abrupt: Richtungswechsel. „Gegen die Straße. Ort der Begegnung? Vielleicht. Aber Begegnungen welcher Art? Oberflächlicher. Man streift sich auf der Straße, aber man begegnet sich nicht. Das „man“ wiegt. Auf der Straße kann sich keine Gruppe bilden, kein Subjekt entsteht. Sie ist bevölkert von allen möglichen Leuten auf der Suche.“

###Ein Muster entsteht ###Für heute lege ich das Strickzeug weg###

Teil 2: Blindfeld trifft Free Style

Hop Züri! Stadtentwicklung im neoliberalen Zeitalter…

„Die frappante Ähnlichkeit zwischen Schlachtplänen und Stadtentwicklungskonzepten lassen die Vermutung aufkommen, dass zwischen strategischem Denken in der Kriegsführung und ökonomischem Denken in der Stadtentwicklung ein Zusammenhang besteht. Gestützt wird diese These durch die Tatsache, dass beiden Denkarten das gleiche Streben nach Macht über Räume zugrunde liegt. Sowohl in den gedanklichen Strukturen als auch in den sprachlichen Formen können erstaunliche Übereinstimmungen festgestellt werden.“

„Das ist keineswegs ein Zufall: Die Verplanung eines Quartiers baut genau wie strategisches Denken in der Kriegsführung auf der geopolitischen Bewertung von Räumen und Raum-Elementen auf: Als Theorie analysiert die Geopolitik Vor- und Nachteile, Kosten und Nutzen von Raumeroberungen und -verlusten.“

„Schon seit langem Gegenstand von solchen strategischen Überlegungen, ist Zürichs Quartier Aussersihl zu einem der bevorzugten Investitionsgebiete Zürichs erkoren worden. (…). Diesem strategischen Denken folgen konkrete Handlungen sowohl auf der ökonomischen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene. Es ist nur eine Frage der Taktik, wie die Strategie umgesetzt wird. (…) so oder so aber bleibt die Entwicklung des Quartiers fremdbestimmt und „höheren“ Interessen untergeordnet.“

(aus: „Aussersihl: zwischen Schlachtfeld und Spielwiese“, SAU – Ssenter for Applied Urbanism, Zürich 1986)

Hop Züri! Stadtentwicklung im neoliberalen Zeitalter…

Die bis 1893 eigenständige Gemeinde Aussersihl, heute Teil der Zürcher Stadtkreise 3, 4 und 5, war als minderes Wohngebiet von ArbeiterInnen und MigrantInnen schon seit jeher Gegenstand strategischer Überlegungen der Stadt Zürich zur ökonomischen Nutzung und Ausdehnung der City. Bewusst baute Zürich deshalb entlang der Grenzen zwischen der City und Aussersihl städtebauliche Marksteine, an denen sich die weitere Planung zu orientieren hat und die als Brückenköpfe im zu „erobernden“ Gebiet fungieren. In den letzten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts konzentrierten sich diese Vorstösse hauptsächlich im Raum Sihlporte und Stauffacher. So fanden nicht zufällig in dieser Gegend in den 1980er und 1990er Jahren einige der wichtigen Kämpfe der HausbesetzerInnen und urbanen sozialen Bewegungen statt, die sich gegen die City-Ausdehnung Zürichs wehrten.

Rotgrüne Stadtentwicklung

In einer kapitalistischen Gesellschaft folgt auch die Stadtentwicklung prinzipiell der Idee des Profits und der ökonomischen Verwertbarkeit. Dazu passt die Formulierung bevölkerungspolitischer Ziele seitens der Behörden, beispielsweise wenn eine „bessere Durchmischung“ der EinwohnerInnen angestrebt wird.
Ob die Konzepte der Stadtentwicklung von einer bürgerlichen oder einer Stadtregierung unter sozialdemokratischer Führung stammen, ist dabei nicht per se irrelevant. Festzustellen ist aber, dass auch die rotgrün regierten Städte der Schweiz neoliberale Grundannahmen wie Standort- oder Steuerwettbewerb übernahmen. Und entscheidend sind die politischen Mehrheiten für die gewählten Taktiken, mit denen die strategischen Ziele erreicht werden sollen.
Hier nimmt Zürich in der Schweiz eine Vorreiterrolle ein: Die spezifische Leistung der rotgrünen Stadtregierung besteht nämlich darin, die Vereinbarkeit der Forderungen der urbanen sozialen Bewegungen der 1970er und -80er Jahre mit dem Ziel der ökonomischen Verwertbarkeit erkannt und technokratische Stadtentwicklungskonzepte entwickelt zu haben, die nebst klassisch sozialdemokratischen auch kompetitive neoliberale Massnahmen enthalten. So wurde sich unter Führung der modernistischen Sozialdemokratie der Forderungskatalog der urbanen Bewegungen angeeignet und eine Aufwertungspolitik begonnen, die entlang von Stichworten wie Öffentlicher Verkehr, Verkehrsberuhigung und Quartiersanierung umgesetzt wird. In diesem exemplarischen Prozess gelang es den Behörden, die ehemals oppositionellen Akteure partizipatorisch einzubinden und damit der Kritik an einer hegemonialen Stadtentwicklung und deren sozialen Konsequenzen eine historische Niederlage zuzufügen.

„Urban renewal“ und Gentrifizierung

Die rotgrüne Stadtratsmehrheit entwickelte ihre Aufwertungspolitik anlässlich der Vertreibung der offenen Drogenszene vom Platzspitz („needle park“) und dem ehemaligen Bahnhof Letten in den 1990er Jahren, flankiert von Vorstössen auf eidgenössischer Ebene (die unter anderem zum Gesetz über die Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht führten). Die vorgeschlagenen Massnahmen sind breit gefächert: so gehören prestige- und renditeträchtige Grossbauprojekte sowie die Umnutzung ehemaliger Industrieareale dazu, aber ebenso dienen spektakuläre Veranstaltungen im Kulturbereich, ein grosses Partyangebot oder Events wie die Euro 08 dem Ziel des Citymarketings im Namen des Standortwettbewerbs, Zürich weltweit als attraktive Metropole darzustellen.
Im Rahmen der Aufwertungspolitik forcieren die Zürcher Behörden auch die verschiedensten staatlichen Interventionen: das reicht von sanften Massnahmen im Quartier, dem Verdrängen des Rotlichtmilieus über Privatisierungen öffentlicher Räume bis hin zu Repression gegen missliebige Bevölkerungsgruppen. Auch die Sanierung von Altbauten, der Neubau von Eigentumswohnungen und die Zusammenlegung kleiner Wohnungen zu teuren Grosswohnungen gehören dazu. Diese Politik des „urban renewal“ („städtische Erneuerung“) inklusive ihrer Verdrängungseffekten lässt sich beispielsweise im Langstrassenquartier gut beobachten.
Parallel zum „urban renewal“ und der konstant hohen Wohnungsnot ist in Zürichs innenstadtnahen Wohngebieten ein Gentrifizierung genannter Prozess in Gang gekommen, der – wegen der Verteuerung des Bodens aufgrund der gesteigerten Attraktivität der Quartiere – die einkommensschwache Bevölkerung in die städtischen Randgebiete verdrängt und durch statushöhere Bevölkerungsgruppen ersetzt.

„New Metropolitan Mainstream“

Die von Zürichs Stadtregierung verfolgten Strategien unterscheiden sich aber nicht von denjenigen anderer Städte: Die „Metropolen“ versuchen weltweit auf dieselbe Weise, im Wettbewerb um Kapital, Investitionen und Unternehmen, deren MitarbeiterInnen in den aufgewerteten Stadtteilen wohnen sollen, Vorteile zu erreichen. Die angewandten Strategien – und auch ihre Effekte vor Ort – gleichen sich dabei immer mehr an.
Der in dem kritischen Netzwerk INURA (International Network for Urban Research) aktive Stadtforscher Christian Schmid hat mit Daniel Weiss zusammen dieses Phänomen als „New Metropolitan Mainstream“ bezeichnet (siehe Texthinweis). Dieser zeige „die neue soziale, ökonomische und kulturelle Bedeutung von heutigen Städten: Unter den Bedingungen globaler Urbanisierung sind Städte strategische Knotenpunkte der globalen Ökonomie und des sozialen Lebens geworden“, die stetig im Wachstum begriffen sind. Dabei gibt sich der New Metropolitan Mainstream kosmopolitisch, urban und sozial aufgeklärt, das Abweichende und Fremde dient ihm als Unterscheidungsmerkmal gegenüber konkurrierenden Städten. Das gilt aber nur solange, wie das Abweichende und Fremde nicht stört.
Die Realität des „New Metropolitan Mainstream“ ist denn auch bloss vordergründig tolerant: Alle, die dem angestrebten Bild der attraktiven Metropole nicht entsprechen oder deren Anforderungen nicht mitmachen können (oder nicht wollen), finden darin keinen Platz und müssen gehen. Geschieht das nicht freiwillig, oder sorgen nicht die Marktmechanismen dafür, wird repressiv nachgeholfen.
Im Rahmen des „New Metropolitan Mainstream“ löst sich auch die räumliche und zeitliche Beschränktheit der Gentrifizierung oder des „urban renewal“ auf: Die damit beschriebenen Prozesse werden immer ausgedehnter und beschränken sich nicht mehr nur auf einzelne Quartiere, sondern umfassen ganze (inner)städtischen Gebiete. Die Stadt ist als räumliches und inhaltliches Ganzes inklusive ihrer Nischen in den Fokus der Aufwertungsstrategien gelangt und entwickelt sich dadurch „zu einem privilegierten Reproduktionsraum für einen bestimmten Teil der globalen Oberklasse“ (Christian Schmid, 2008).

„Eure Zeit hier ist abgelaufen“

Der in Zürich aktuell entstehende Stadtraum HB beim Hauptbahnhof passt perfekt zu der eingangs formulierten Eroberungsstrategie. Aufgrund seiner geographischen Lage erfüllt das Grossprojekt ebenso wie früher der Stauffacher sihlaufwärts die Funktion eines starken Brückenkopfes, der bis weit nach Aussersihl hinein wirkt und die verstärkte ökonomische Durchdringung des ehemals minderen Quartiers ermöglicht.
Im inneren Kreis 4 mit seinem zentralen Lebensnerv Langstrasse geht die „Verplanung“ des Quartiers dagegen kleinräumiger vor sich. Seit einigen Jahren wirkt hier ein Typus von InvestorInnen, der die Nachbarschaft in der Folge der Rückkehr finanzstarker Bevölkerungsteile in die innenstädtischen Wohngebiete Schritt für Schritt umbaut. Aufgrund der kleinteiligen Parzellenstruktur läuft dieser Prozess über einzelne Hausprojekte ab. Die sich vollziehende Umgestaltung des Langstrassenquartiers erscheint deshalb vordergründig nicht als einschneidend. Eine Gesamtbetrachtung der Einzelprojekte und ihrer Wirkung auf die Umgebung, in die auch der Stadtraum HB und die städtischen Aufwertungsmassnahmen miteinbezogen werden, macht aber deutlich, wie radikal der Wandel und wie gross der Druck auf bestehende Quartierstrukturen aber tatsächlich ist.

Ein gutes Beispiel für den beschriebenen Prozess und seine argumentative Einbettung ist die ehemalige Milieuliegenschaft Langstrasse 134 mit dem Nachtclub „St. Pauli“ im Erdgeschoss. Die Architektin Vera Gloor, eine der aktivsten InvestorInnen im Langstrassenquartier, hat für dieses Haus ein Projekt der Totalsanierung ausgearbeitet; in den letzten Jahren hat sie sich die Sanierungs- oder Neubaurechte für mehrere ehemalige Milieuliegenschaften gesichert.

„‚Entwicklungen, die durch den Stadtraum HB ausgelöst werden, sind nicht bremsbar, der Kreis ist für Investitionen interessant geworden’, aber wir wollen ‚das, was den Kreis 4 ausmacht, bewahren, uns die Frage stellen, wie Leute, die schon hier sind, bleiben können.’ ‚Punktuelle Interventionen im Kreis 4’ (damit sind die Projekte Gloors gemeint, Anmerkung des Autors) sollen ein ‚Anker für das Bestehende’ sein, damit dieses weiter existieren kann.“

(Auszüge aus einem Gespräch zwischen den BewohnerInnen der Liegenschaft Langstrasse 134 und der Architektin Vera Gloor, 19. Februar 2008)

Den drei seit fast zwei Jahrzehnten im Haus lebenden Wohngemeinschaften und dem „St. Pauli“ wurden im Herbst 2007 aufgrund des Sanierungsprojekts die Mietverträge gekündet. Rolf Vieli, Leiter des im Polizeidepartement angesiedelten städtischen Aufwertungsprojekts „Langstrasse Plus“, gab den BewohnerInnen in der Folge zu verstehen, dass es bei einer Entwicklung wie der Aufwertung eben immer auch Opfer gäbe. So sei „eure (= die BewohnerInnen) Zeit hier abgelaufen“ – und das sei gut so…
(Die BewohnerInnen können bis Ende März 2010 bleiben, die Räume des Nachtclubs werden seit Anfang 2009 als „alternativer“ Club zwischen genutzt.)

„(Die neuen Mieter) sind: mittelständische, urbane Singles und Paare ohne Kinder, die es schätzen, zentral und in multikultureller Umgebung zu wohnen. Und die mehr als das Doppelte des einstigen Mietzinses bezahlen können.“

(Sonntags-Zeitung über ein Sanierungsprojekt von Vera Gloor im Kreis 5, 2003)

„Es ist beinahe unmöglich, eine analoge Nische im Quartier zu finden.“

(Mail von Vera Gloor an die BewohnerInnen der Liegenschaft Langstrasse 134, 17. März 2008)

Stadtentwicklung als soziale Frage

Als Folge der Entwicklungen hat die Frage nach den Konsequenzen der beschriebenen Politik für die BewohnerInnen der Stadt in Zürich wieder Eingang gefunden in die öffentliche Diskussion. So löste anlässlich der städtischen Abstimmungen vom 30. November 2008 die Vorlage zur Baulinienrevision Gleisfeld Neufrankengasse eine Debatte aus, die ansatzweise zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung über die Entwicklung Zürichs wurde.
Bei der Baulinienrevision geht es um das Projekt einer dreissig Meter breiten Strasse mit Tramtrassee am Rand des Langstrassenquartiers, der ein aus 19 Häusern bestehendes Geviert weichen müsste. Das Projekt ist Teil der Pläne für die von der Bahnnutzung freiwerdenden SBB-Areale und würde die städtebauliche Achse, die sich von der City über den Stadtraum HB Richtung Aussersihl zieht, bis weit über die Langstrasse hinaus verlängern. Das erklärt seine strategische Bedeutung für die Stadtplanung.
Dieser geplante Abriss eines ganzen Gevierts bedeutet einen massiven Einschnitt in das bauliche und soziale Gefüge des Quartiers, mit all seinen Konsequenzen. Deshalb – und um eine Diskussion über die Stadtentwicklung anzuregen – ergriffen der Verein „Neufrankenschneise Nein!“ und die Alternative Liste AL das Referendum dagegen. Im Abstimmungskampf argumentierten dann die BefürworterInnen der Baulinienrevision – die Stadt und seitens der Parteien vor allem die SP und die Grünen – mit Begründungen, die die Einbindung ehemals oppositioneller Forderungen beispielhaft aufzeigen: Die geplante neue Tramlinie sei wichtig für den Öffentlichen Verkehr und könne leider nirgendwo anders durchführen, und die neue Strasse sei für die angestrebte Verkehrsberuhigung im Rest des Quartiers notwendig. Dafür dürfe „diese schwierige Ecke der Stadt“ schon geopfert werden, und sowieso hat die Stadt mit dem Gebiet Grosses vor:

„Die brachliegenden Grundstücke entlang dem Bahntrassee sollen dank neuen Bebauungen und entsprechenden Umnutzungen aufgewertet werden.“

(„Strategien für den Immobilienmarkt im Langstrassenquartier, Wüest und Partner, 2004)

„Ziele: Bebauungsmuster im Sinne einer Quartierreparatur; (…) Rechtsicherheit, um Quartierreparatur auszulösen“

(Unterlagen Verkehrskommission Gemeinderat Zürich zur Baulinienvorlage Neufrankengasse)

„Gleichzeitig hat sich der Stadtrat dafür ausgesprochen, das Gebiet Neufrankengasse als Interventionsgebiet anzusehen und eine Gebietsentwicklung einzuleiten.(…) (Damit) wird eine Veränderung der Baustruktur provoziert, die Chancen zur Quartieraufwertung im Gebiet der Langstrasse bietet.“

(Aus der Weisung 64 des Stadtrats vom 15. November 2007 zur Baulinienrevision Neufrankengasse)

Die Baulinienrevision wurde von einer Mehrheit der Stimmbevölkerung angenommen, der betroffene Stimmkreis 4/5 aber lehnte sie mit 55 Prozent Nein-Stimmen ab.

Stadtentwicklungskritik

Angesichts der beschriebenen Entwicklung der Städte ist es wichtig, die Strategien, Handlungen und Sprache der herrschaftlichen Akteure zu analysieren – und wo immer möglich mit eigenen Konzepten von Stadt Gegensteuer zu geben. Dabei muss die soziale Frage nach den in der Stadt lebenden Menschen und den Konsequenzen der Entwicklung für sie der Ausgangspunkt der eigenen Praxis sein.
Oft entwickelt sich Kritik an der Stadtentwicklung der Herrschenden erst, wenn die eigene Lebensrealität davon betroffen ist. Oft geht es dann um eine Verteidigung des „eigenen“ Quartiers, weshalb solche Kämpfe meist defensiv geführt und kaum mit eigenen Visionen von Stadt gefüllt werden. Bei der Baulinienrevision Neufrankengasse war das trotz anderer Absicht meist nicht anders.
Aber zwingt uns nicht gerade die Feststellung, dass die Städte heute den Prozessen der Aufwertung und Gentrifizierung in ihrer ganzen räumlichen Ausdehnung unterliegen, dazu, uns von der „territorialen Falle“ der Fixierung auf die „eigenen“ Quartiere zu lösen? Wofür, was uns wichtig ist, kämpfen wir denn in diesen noch? Die Frage lautet doch: Wo und wie können heutzutage noch (und wieder) antagonistische und subversive Vorstellungen von Stadt gelebt werden – und in welchem Verhältnis stehen diese zur ganzen Stadt und zur ganzen Gesellschaft?

Hinweise:

Schmid, Christian / Weiss, Daniel (2004): The New Metropolitan Mainstream. In: INURA, R. Palosicia: The Contested Metropolis. Six Cities at the Beginning of the 21st Century. Birkhäuser, Basel / Boston / Berlin, p. 252–260.

„Aussersihl: zwischen Schlachtfeld und Spielwiese“, SAU – Ssenter for Applied Urbanism, Zürich 1986 (aus: SAU – Dokumentation 1982 – 1991)
(oder als Fotoscan unter www.neufrankenschneise.ch)

INURA

Verein „Neufrankenschneise Nein!“
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