letzte änderung: 30.06.10

Mutter sagte, das schlimmste sei gewesen, das du nur Filetsteaks essen wolltest, wenn alle anderen Kotelett aßen. Dann als ich deinen Kühlschrank öffnete, nach dem du tot warst, und wir die Wohnung ausräumen mussten. War auf dem Boden des leeren weißen Kastens Blut. Ich dachte ich sehe Geister und Gespenster. Ich dachte, Jesus lässt sein Blut aus allen Wundern tropfen. Ich dachte dein Blut ist sein Blut ist das Blut auf dem kalkweißen Plastik, dessen Farbe der gefühlten meiner Wangen entsprach. Ich dachte, als das, mein Blut in meine Wangen rauschte, es wäre wie dein Blut, wie sein Blut auf diesem Ausdruck der Moderne. Und ich wusste es war schlechtes Blut, es war das Blut der falschen Seite der Familie, es war das Blut, das nicht überlebensfähig und stark war. Du hattest den Beweis angetreten. Stellvertretend wie immer, für mich, und für alle von uns, die dieses schlechte Blut hatten. Du warst tot und und dein Blut und sein Blut und mein Blut noch frisch und schon der verlangsamten Verwesung preisgegeben lag in der Kälte dieser Kammer der Reinheit. Im zweiten Anlauf, als ich meine Gedanken wieder in Reih und Glied und fertig zum Marsch nach vorn gebracht hatte öffnete ich das Eisfach und fand deine Filetsteaks, deine Rache am System. Ich kotze innerlich über Wochen. Während deiner Beerdigung, während meiner Abreise in den Norden, wärend der Tage und Nächte in Kneipen, in denen ich nicht studierte, nicht den Kampf für das Genie, gegen das Blut aufnahm. Ich kotze und kotze, laut.- und geruchslos und wenn ich drüber denken würde, ich kotze noch jetzt 20 Jahre später mitten im Wald, in der Nähe des Ortes, an dem du geschahst.

Ein Specht schlug seinen knochenharten Schnabel direkt in die Stirn der Frau. Sie versuchte sich davor zu schützen, in dem sie die Hände weg vom matschigen Boden und hoch vor ihren Kopf nahm. Sie schwankte und fiel aus der Hocke auf die Knie. Der Matsch spritze an ihren Hosenbeinen hoch, drang kühl durch die dünne Baumwolle ihres Hemdes, aber sie hielt die Augen fest geschlossen. Der Schmerz war zu stark. Jede Sinnesinformation verwandelte sich, wenn sie aus der Umgebung auf ihre Systeme prallte in einen weiteren eng zusammengezogenen und wütend dagegen anpulsierenden Krampfring zweiastbreit über ihrem linken Auge. Die Vögel wurden zu Schmerz, das Licht wurde Schmerz, der Waldmeistergeruch wurde Schmerz, dass leise Schmatzen des Baches: Schmerz. Einzig die auf und abschwellende Übelkeit, unterbrach auf ihrem Höhepunkt die Wahrnehmung des Krampfens und so war jedes Erbrechen Erlösung und weitere Qual zugleich.

Ich kenne es nicht anders. Seit ich mich erinnern kann, habe ich Kopfschmerzen wenn das Wetter wechselt oder die Freizeit anfängt. Oder die Aufregung zu viel ist. Dann bin ich auf einmal nur noch dieser Krampf im Gehirn und meine Umgebung wird zum Impulsgeber für noch mehr Schmerzen. Nicht alles aus meiner Umgebung. Gesprochene Worte lindern die meine Not. Manchmal vergesse ich durch sie die Schläge und Stiche, das Wallen der Übelkeit und dann gibt es momentene unglaublicher Klarheit wo die Klänge in einen leeren Raum fallen, in einen Container der wie für sie gemacht ist.

Als das Wetter wechselte

In der Troposphäre war die Hölle los. Nasse graue Berge erschienen und vergingen wie Armeen auf der Flucht. Von einem Nordostwind über die Teuffelsschlucht getrieben ließen sie Schatten fallen wie lautlose Bomben. Jede dieser Bomben hinterliess einen Trichter in meiner Wahrnehmung. Kleine Schwarze Löcher in die Verwirrung sickerte. Ich hatte mich verlaufen in einer Landschaft die ich meinte wie meine Hosentasche zu kennen. Meiner Hosentasche war ich wenigstens sicher. Es befanden sich dort mein Taschenmesser mein Portemonai und eine Nagelfeile in einer festen Plastikhülle. Kein Handy, kein Palm, kein Morsegerät. Nicht einmal eine Taschenlampe hatte ich dabei. Es gab also ausser Rauchzeichen nichts, womit ich mich der Außenwelt hätte bemerkbar machen können. Rauchzeichen hingegen würden sich erstens rasch in der niedrigen Wolkendecke verlieren und zweitens war ich davon überzeugt, dass heutzutage niemand mehr in der Lage war sie zu lesen.
„Ist hier jemand?“ Meine Stimme obwohl trotz Migräneschwäche laut und kräftig,verhallte ungehört. Stattdessen antworteten die feindlichen Armeen mit einem dumpfen die Blätter zum Zittern bringenden Grollen. Mit einem Blick nach oben erfuhr ich, was ich nicht erfahren wollte. Die Armeen hatten sich versammelt, ihr Feldgrau dominierte das Licht und sie sanken um mich zu holen. Wenn das Wetter in Hamburg auch so war, konnte ich nur hoffen die Fenster fest verschlossen zu haben. Denn dieser Sturm, das fühlte ich, wollte zerstören.
Um mich herum waren Bäume. Da sollte mich nicht weiter verwundern, schließlich waren wir vor vier Tagen zu unserer jährlichen Waldwanderung aufgebrochen, aber jetzt irritierte es mich, vor allem wenn die Schattentrichter einfielen. Dann wurde das Grün der Buchen und Fichten noch dunkler, die Konturen der Bäume verschwammen ineinander und wurden zu einer für meine Augen undurchdringlichen Wand, ein Panzer der direkt vor meinen Augen stand. Plötzlich zeriss Licht die Illusion und einunzwanzig zweiundzwanzig dreiunzwanzig. Die Wolken entluden ihre Bombenlast nun nicht mehr lautlos, nun ohrenbetäubend.
Ich liess mich fallen und reckte meine Arme schützend über meinen Kopf. Kaum tat ich das, war es mir auch schon peinlich. Mein Gesicht wurde heiß und ich wusste es war rot. Gut, dass ich nicht in der Stadt war. Gut, dass keiner auf mein Rufen geantwortet hatte. Gut, dass ich alleine war, ganz alleine. Buchen soll man suchen, Eichen soll man weichen. Immer weit entfernt vom höchsten Punkt halten, den dort schlägt der Blitz zuerst ein. Das nächste Krachen. Ich blieb einfach liegen. Genoss es, dass keiner da war, dass ich peinliche Dinge tun konnte ohne mir peinlich seien zu müssen, denn es gab ausser den Tieren des Waldes keine Zeugen, und selbst die waren nicht zu sehen. Als ich mich übergeben musste, war das gestern oder war das vorgestern gewesen? Als ich mich übergeben musste, hatte ich es noch überall rascheln und raunen gehört. In der Ferne war etwas Großes durchs Gestrüpp gebrochen, das Krachen und Reissen hatte mich in zu einem neuen Schwall gebracht im Takt mit der Natur. Eine Art von Zugehörigkeit die ich jetzt, wo alles Stille war schmerzlich vermisste.

Zzzzzzz,Öhhhh.Öhhhh. Zzzzzzzz.
In der dichten Luft eines warmen Hamburger Herbsttages war vom Hafen nichts zu hören. Dieser Umstand irritierte mich enorm. Hafen sehen und Lärm hören waren, seit ich Anfang der Neunziger nach Hamburg gezogen war, eins. Es war die Melodie melancholischer Abende gewesen. Die Rufe der Sehnsucht nach dem, was sicher irgendwo und genauso sicher nicht hier passierte. Diese Stille jetzt, war eine Folge der Wirtschaftskrise, wenn man auch sonst nicht viel von ihr spürte. In dieser schwerlosen Lautarmut wurde sie manifest. Dort wo sich früher um jede Tagesszeit die Kräne bewegten und ihre Warnklänge sangen war alles zur Bewegungslosigkeit einer Kulisse für die Konsumenten der Stadtinszenierung erstarrt. Um die Stille aus meinem Kopf zu hauen gab ich Gas. Vielmehr Strom. Ich zog den Regler meiner Fernsteuerung bis zum Anschlag hoch und raste mit dem ferngesteuerten Vierradauto die weißen Treppen der Magelan-Terasse runter. Es überschlug sich. Es landete auf den Rädern. Es jagte in halsbrecherischer Geschwindigkeit hinter dem Polizeimannschaftswagen von Maria hinterher. Still stehend kam ich in einen Beschleunigungsrausch.
„Gut, dass wir frische Batterien dabei haben.“
„Lenk nicht ab.“
„Ich würde doch nie ablenken, genauso wenig wie ich einfach verschwinden würde.“
Maria liess ihre Arme sinken, hatte die Fernbedienung kurz nicht unter Kontrolle und ich rammte ihr Fahrzeug. Bevor ich es in die Elbe schieben konnte, zuckte sie wieder in die Realität zurück und startete einen Gegenangriff.
„Na, warte, ich kauf mir noch einen Wasserwerfer!“, brüllte sie so laut, dass die Umstehenden Eisesser sich umguckten. Den ganzen Nachmittag über hatten wir schon Blicke gefangen und es war uns herrlich egal gewesen. Leute, die gerne in die Hafencity gingen, konnten wir nur verachten. Wir hatten einen Auftrag.Wir wollten die Autos versenken.Wir würden Eis essen und es würde anders sein. Maria schubste meinen Wagen wieder mehr auf die Terrasse:
„Falls wir jemals noch mal Wandern gehen, dann nur mit deinen Medikamenten und einem Kurbelradio, an dem du auch dein Handyakku aufladen kannst.“
„Kannst mir ja gleich einen GPS-Chip implantieren.“
„Wenn du wüsstest, meine Liebe, wie viele Sorgen mir das erspart hätte.“
Nun war es an mir, nicht auf mein Auto zu achten. Der Polizeiwagen übernahm die Kontrolle und schob den Jeep unter die Tische einer der unzähligen Bars, die darauf hofften, dass sich ihre Investition in die teure Lage der Hafencity rentieren würde.

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Als der Wind sich legte

Meine Zähne klapperten, meine Hände zitterten, meine Arme zitterten, meine Beine zitterten,mein Kopf dröhnte nach den gefühlten Stunden des brausenden, tobenden Lärms, der sich durch die eigenartige Akkustik der Höhle noch verstärkt hatte, ich zitterte. Es war so verdammt kalt hier in dieser Hölle. Ich hatte in einem Wanderführer von ihr gelesen, von der Eishöhle bei…, das ich sie gefunden hatte, als der Sturm losbrach war meine Rettung gewesen. Eigentlich hatte ich nach einem der überall in der Eifel verstreuten zuckerhutförmigen Einmannbunker gesucht, als ich auf das plötzliche Loch in der Felswand gestossen war und mich in dem beruhigenden Wissen darüber, dass es in der Eifel höchstens Wildkatzen, aber keine Bären gab, dorthin flüchtete. Zu meinem weiteren Glück, war die Höhle unbewohnt, weder Wildschweine, noch Luchse, weder Waschbären, noch Dachse hatten mir Gesellschaft geleistet, als die Bäume wie durch die Luft gewirbelt wurden, als wären sie Wahlscheine. Ich wäre gerne nicht so alleine gewesen in diesen Stunden, nicht unbedingt in Begleitung wilden Tieren, abervon Marie, schließlich waren wir gemeinsam zu diesem Abenteuer aufgebrochen, dass sich als harmloser Wanderurlaub, so wie wir in jedes Jahr machten, ausgegeben hatte. Spätestens als ich den Weg zu unserem Zeltplatz nicht mehr gefunden hatte allerdings, war klar gewesen, dass sich der Charakter der Sommerfrische verflüchtigt hatte. Statt Heiterkeit Verzweiflung, die sich dann durch eine Art von Spannung ersetzte um sich dann wiederum rhytmisch mit ihr und anderen Emotionen abzuwechseln. Eine Emotionskompostion, eine Collage von Zuständen. Baum, Baum noch ein Baum. Hügel, Weite, und ein Geruch nach reifen Birnen. Auch jetzt als ich den Kopf aus der Höhle steckte und auf eine zerborstene Landschaft blickte, in der jede Wegmarkierung abhanden gekommen war, jede Vertrautheit verloren zwischen den lose liegenden von einem gigantischen Windhobel geschälten Stämmen hätte ich lieber Marie dabei, die spätestens beim ersten Schritt raus ihre Kamera gepackt hätte um alles zu dokumentieren, bevor sie ihre eigenen Zeichen hinterlassen hätte. Ich hingegen blickte nur und versuchte zu verstehen, was ich sah, während mein Zittern sich langsam in der feuchten Hitze nach dem Sturm legte. Schon die Schritte raus aus der Höhle waren nicht möglich. Astwerk türmte sich vor mir auf. Ich lies im Eingang meine Arme kreisen um die Kältelähmung aus ihnen zu vertreiben und begann mir einen Weg freizuschaufeln. Wo nur war Marie jetzt. Hoffentlich in einer gemütlichen Pension, die das Unwetter sicher überstanden hatte.Warum war mein Handy leer, warum hatte ich kein Radio dabei? Was wollte ich hier und würde ich das wohl alles unbeschadet überstehen? Ich lies den Ast, den ich gerade zur Zeit werfen wollte wieder auf seinen alten Platz sinken und mich auf den Boden. Langsam kam der Schreck bei mir an und Tränen nahmen mir gnädig die Sicht. Schon wieder setze ein Dröhnen ein und ich rutschte erschrocken weiter nach hinten zum Eingang des Felslochs bis mir klar wurde, dass es diesmal Hubschrauber und nicht der Wind waren. Jetzt hatte ich wohl eine Entscheidung, ich könnte ein Leuchtfeuer machen und mich finden lassen. Ich könnte hier bleiben und versuchen alleine den Weg nach Köln zu finden, den wir uns als Tour ausgedacht hatten. Robinson, Kaptain Ahab, Kaperfahrten kamen mir in den wirren Sinn.

An anderer Stelle
Der Dreck auf dem Twinset beschäftigte Maria. In einer Sendung hatte sie gesehen, dass die Blätter der Kapuzinerkresse alles abperlen lassen auch jeden Schmutz. Hüte und taschen in der Tellerförmigen Art von Kapuzinerkressenblättern sähen gut aus. Maria begann zu skizzieren auf der Tischdecke mit ihrem Lieblingsbleistift. Als die Skizzen gut genug waren, fotografierte sie sie mit ihrem Handy und stellte den Kuchenteller auf die Zeichnungen um keinen Ärger zu bekommen. Morgen wäre sie eh schon nicht mehr in diesem Kaff. Den Bleistift packte sie zurück in ihre Blumentasche und stiess dabei gegen die Migränetabletten die sie für Dotty gekauft hatte. Wo verdammt noch mal, war sie wohl jetzt? Sie zahlte und ging ganz in ihrer Sorge versunken los bis sie raus aus der Kleinstadt war und in einen Wald kam. Dort fühlte sie sich Dotty näher und setzte sich auf einen moosbewachsenen umgestürzten Baumstamm an dessen hinteren Ende ein fabelhafter Pilz wuchs und dachte zum hundersten Mal darüber nach, ob sie nicht doch besser zur Polizei gehen sollte. Bilder von Dotty mit gebrochenen Gliedmaßen in einer Schlucht, oder halb versunken im Moor quälten sie. Die Polizei hatte Hubschrauber und Hunde. Sie hatten die Erlaubnis und die Mittel Dottys Handy orten. Sie hatten das Personal und vielleicht sogar berittene Polizisten, um die Eifel minutiös durchkämmen konnten. Das mit dem Handy konnte sie streichen fiel ihr ein, das war ja zusammen mit dem Portmonnaie beim Zelt geblieben und lag jetzt ganz tief unter ihren Sachen im Bauch des Nylonriesens. Also konnte die Polizei Dotty nicht orten und der Radius in dem sie sich befinden könnte wurde von Minute zu Minute größer. Maria hatte also keine Zeit zu verlieren, wenn sie wollte, dass die Polizei schnelle Ergebnisse erzielte. Sie stand auf, überprüfte die Richtung und ging weiter. Eine Mücke surrte sie suchte das Tier und fand drei, die um sie herum schwebten. Sie ignorierte sie. Sollten sie doch stechen. Wäre sie nicht in einem Anfall von iditotischer Hilflosigkeit Tabletten besorgen gegangen, die Dotty eh nicht genommen hätte, das säßen sie jetzt gemeinsam in einem Schlosskaffee und liessen es sich gut gehen.