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Zentralität & Brutalität. Lefebvre # stricken VI

„Lefebvre # stricken“ habe ich meine Reihe genannt, aber seit ein paar Wochen klickern die Nadeln nur sehr selten. Dabei liegt das handliche Buch „Revolution der Städte“ direkt neben meinem Bett und ich lese immer mal wieder rein. Mein ursprünglicher Plan – mal eben Kapitel für Kapitel zusammen zufassen und auf Praxistauglichkeit abzuklopfen – ist wohl gescheitert. Das Theorieknäuel zu groß und zu viele andere Fäden hängen mit dran: Müsste noch Einiges bei Marx nachlesen, ach ja und Marcuse und – mmh – die Bezugnahme auf die Situationisten auch nicht vergessen.

Meine Leseerfahrung von Revolution der Städte? Ich fühle mich wie in einem Labyrinth: komplex, mit vielen Abzweigungen und ich weiß nie, was mich an der nächsten Ecke erwartet. Die Ausgänge sind in viele Richtungen hin offen und wenn ich mich an einem analytischen Ziel wähne, dann zerfällt die Struktur und vervielfältigt sich in flirrender Dialektik. Immanente Widersprüchlichkeit und permanent die Denkrichtung ändernd. Wie ergeht es euch beim Lesen von Lefebvre?

Mein Hauptfaden, den ich bisher in der Hand hatte, war die Suche nach dem utopischen Potential, das die Stadt oder allgemein Raum (space) haben kann. Aber was macht die Qualität von Stadt im Hier und Jetzt aus? Was ist das Besondere von Stadt? Ich lande beim Kapitel VI: Die urbane Form. Zentral ist die Zentralität. Sie bildet das Wesen des Phänomens der Verstädterung. Zentralität ist aber nichts Feststehendes, Fixes, sondern Zentralität ist „gekoppelt mit der dialektischen Bewegung, die sie einsetzt und zerstört, sie schafft oder zerbricht“. Und überhaupt: „jeder Punkt kann zum Brennpunkt werden, zum privilegierten Ort, an dem alles konvergiert“. Ein wandernder Marktplatz also oder eher viele in Bewegung begriffene Zentren, wo – und das muss jede/n Stadtplaner/in (sic!) zur Weißglut treiben – sich jederzeit Unvorhergesehenes Platz verschaffen kann und wird: „Aber schon im Entstehen verflüchtigt sich die Verdichtung wieder, wird rissig. Ein anderes Zentrum, eine Peripherie, ein Anderswo werden erforderlich.“ (156)

Die Stadt ist aber nicht nur das wachsende Gewebe, das alles verschlingt und Konsumstätte ist, sondern sie wird selbst produktiv, indem sie „die zur Produktion erforderlichen Elemente zusammenfügt“, an sich reißt und die „Schöpfungen zentralisiert“. Interessant ist, was Monsieur L. alles unter Schöpfungen fasst: Früchte, Objekte, Produkte, Produzenten, Werke, schöpferisch Tätige, Aktionen und Situationen. (S. 154/155). Was mir hier in der Auflistung fehlt, ist das Unschöpferische, vermeintlich Unproduktive der Stadt: das Stille, Nichtrepräsentierte, Zerrissene und Geronnene; All das, was „einfach“ da ist oder eben fehlt.

Aber weiter im Text. Das Potential und gleichzeitig das Grausame (!) des Städtischen liegt darin, dass hier Unterschiede zusammen gebracht werden und ein soziales Beziehungsgefüge – heute würde mensch vielleicht von Segregation sprechen – konstruiert und freigelegt wird: „Dabei entstehen Unterschiede aus Konflikten, bzw. die Unterschiede führen zu Konflikten. Ist das nicht die Ursache und der Sinn dieses rationalen Deliriums, das wir Stadt, Verstädterung nennen? Das (soziale) Beziehungsgefüge verschlechtert sich entsprechend der Entfernung in der Zeit und im Raum, die Institutionen und Gruppen trennt. Hier werden sie in der (virtuellen) Negation dieser Entfernung aufgezeigt. Hier ist die Ursache für die latente Brutalität zu suchen, die der Stadt inhärent ist*.“ (S. 155, *Fortsetzung folgt am Ende des Textes)

Aus diesem Grund ist es wichtig, auf das Recht auf Stadt als ein Recht auf Zentralität zu pochen. Jede/r hat das Recht auf Zentralität, auf Zugang zu kollektiven Ressourcen, unabhängig von seiner/ihrer sozialen Zugehörigkeit und auch – und das wäre mir wichtig – unabhängig von dem, was jemand macht oder leistet. Mir gefällt ja der Slogan der Hamburger Recht-auf-Stadt-Bewegung: „Wir bleiben unkalkulier- und unplanbar“ sehr gut. Hier melden sich Bewohner/innen zu Wort, die sich dagegen wehren, Verschiebemasse von Urbanist/innen und neoliberalen Stadtplaner/innen zu sein, die nur bestimmte Bevölkerungsgruppen in den innenstadtnahen Viertel haben wollen.

In den Medien werden die Proteste gegen Gentrifizierung immer wieder auf einen reinen Abwehrreflex reduziert. So charakterisierte z.B. die Süddeutsche die Recht-auf-Stadt-Bewegung als eine Bewegung im konservativen Geist des Bewahrens. Auch in der linken Debatte gibt es immer wieder diese Einwände gegen die gentrifizierungskritischen Proteste als „Heimatschutz“. Diese Kritik greift m.E. zu kurz und verliert sich im letzteren Fall schnell im verbalradikalen Gestus à la „So lange man (wer immer das auch tun soll?) nicht den Kapitalismus in Gänze abschafft, brauch’ ich mich doch nicht über steigende Mieten oder dieses oder jenes Prestigeprojekt aufzuregen“. Das ist ein Verharren in selbstverliebter Kritik, das jede konkrete Praxis und soziale Auseinandersetzung mit all ihren Widersprüchlichkeiten scheut. Oder um es mit Herrn Marx zu sagen: „Die Kritik (…) verläuft sich nicht (…) in sich selbst, sondern in Aufgaben, für deren Lösung es nur ein Mittel gibt: die Praxis.“

Bei den Kämpfen gegen Gentrifizierung sollte es immer um mehr gehen als die reine Revierverteidigung (ehemals) alternativer Viertel. Die Delegitimierung und Rückweisung des neoliberalen Modells der unternehmerischen Stadt ist nur der erste Schritt, um Neues, Unvorhergesehenes überhaupt zu ermöglichen. Klar ist aber auch, dass politisches Engagement in der Stadt oft von dem Ort ausgeht, an dem sich die Menschen befinden, dort, wo sie ihren städtischen Alltag ganz konkret erleben. Das heißt nicht, dass ich mich nur für „meinen Kiez“ interessiere und alles andere mir wurscht ist (Stichwort: Vernetzung!). Schräg wäre aber doch auch eine (linke) Stellvertreter/innenpolitik, die nun meint, im Namen der Menschen am Osdorfer Born, in Pinneberg oder von mir aus Blankenese reden und agieren zu können. In diesem Spannungsfeld (den eigenen – meist privilegierten – Standpunkt transparent zu machen u n d die Unterschiedlichkeit/Konflikte der Ausgangspunkte zu reflektieren und in Bezug zu setzen) bewegt sich ein emanzipatives Engagement und eine widerspenstige, konstruktive Praxis.

Eigentlich wollte ich noch auf den Kommentar von cs zum Teil IV eingehen: „Wenn das einer der Ursprünge der „Stadt als Fabrik“ war, dann wirds Zeit, dass sich nach der Auflösung der Fabriken in das Terrain die Frage stellt, wo die neuen Widerständigkeiten eigentlich Fuß fassen können? Erleben wir die ersten Revolten im Maschinenraum der partizipatorischen Imagecity?“ Hier wäre es sicher interessant, mal zu gucken, was Lefebvre sich bei den Situationist/innen so an Anregungen gezogen hat. Ich bin da allerdings keine Expertin, aber vielleicht können andere da Hinweise geben? Für den Augenblick jedenfalls ende ich mit der Fortsetzung des Lefebvre-Zitats (s.o.), auch weil es so gut zur Disco passt. Es geht um Zentralität und um die den Städten innewohnende Brutalität. Und das Zitat ist schön passend für mein heutiges, zugegebenermaßen theatralisches Ende:

„Aber auch für den – gleichermaßen beunruhigenden – Charakter der Feste. Ungeheure Menschenmassen sammeln sich in Trance und gespielter Glückseligkeit auf der verschwimmenden Grenze zwischen hemmungslosem Jubel und hemmungsloser Grausamkeit. Es gibt kaum ein Fest ohne ,Happening’, ohne Massenbewegung, ohne Niedergetrampelte, Ohnmächtige, Tote. Die Zentralität, die in den Bereich der Mathematik gehört, gehört auch in den des Dramas.“

Auf’m Land. Lefebvre # stricken V

Dieses Wochenende besuche ich meine Eltern auf’m Land. Und denke über Lefebvres These von der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft nach. Ich bin also wieder ganz am Anfang angekommen. Sicherlich ist die der Revolution der Städte vorangestellte These im Kontext der 1960er Jahre zu lesen: das rasante Wachsen der Vorstädte und Megacitys, die damals noch nicht so hießen. Vielleicht stecken auch noch Versatzstücke eines traditionellen marxistischem Fortschrittsglauben mit drin: „Das Stadtgewebe beginnt zu wuchern, dehnt sich aus und verschlingt die Überbleibsel des ländlichen Daseins.“

Schräg wird die These dann, wenn man das Verschlingen wortwörtlich nimmt. Also rein an der materiellen Verstädterung festmacht, im Sinne eines kompletten Zusammenwachsens von Land und Stadt. Dies hat Lefebvre selbst schon verworfen und seine These dahin konkretisiert, dass damit die „Gesamtheit der Erscheinungen, welche die Dominanz der Städte über das Land manifestieren“ gemeint seien. Dass aber der Trend zur Urbanisierung auf der anderen Seite auch zu einem weiteren Wegzug vom Land und einer extremen Verländlichung auf der anderen Seite geführt, hat er nicht gesehen.

Was ich in der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, gut beobachten kann, ist, wie das Gefühl, abgehängt zu sein, sich hier eher noch verstärkt. Das ist daran zu merken, dass bestimmte – früher städtische – Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr oder andere Basisversorgungen, wenn nur noch rudimentär geleistet werden. Eine Regionalbahn ans Ende der Welt rechnet sich eben nicht privatwirtschaftlich und auch die Postfiliale hat schon lange dicht gemacht. Wo keine Masse an KonsumentInnen, da kein Profit. Noch nicht einmal Touris schauen hier vorbei, warum auch? Bonjour tristesse.

Es gibt ja mittlerweile in vielen Dörfern Menschen, die versuchen, diesem Abgehängtsein entgegen zu wirken und sich dabei selbst organisieren. Hab letztens einen WDR-Bericht über das Dorv-Projekt in Pannesheide gesehen. Dorv steht für „Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung“ und meint eine Art Tante Emma-Laden für all das, was an Grundversorgung im Dorf benötigt, aber nicht mehr angeboten wird. (http://floecksmuehle.com/_DORV-pannesheide.de) In dem Laden kann man Kaffeetrinken, Behördenformulare holen, Pakete verschicken, Lebensmittel kaufen und Bankgeschäfte tätigen. Charmant war, dass dort auch eine Art sozialer Treffpunkt entstanden ist, wo die Leute auf’n Schnack vorbei kommen und sich beim Ausfüllen von Formularen helfen oder kleine Veranstaltungen machen. Symbolisch auch der Raum: eine ehemalige Bankfiliale. Macht Banken zu Begegnungsorten. Die andere Seite der Medaille: Bundesweit gilt das Projekt als Vorbild für eine schlanke Verwaltung und damit lässt sich das weitere Runterschrauben von sozialer Infrastruktur und städtischen Aufgaben legitimieren. Immer diese Ambivalenz…

Die vollständige Verstädterung der Gesellschaft hat aber in einem anderen Sinn stattgefunden, den Lefebvre nicht vorhersehen konnte. Durch das Internet lassen sich bestimmte urbane Lebensmodelle, vor allem bestimmte Konsum- und Identitätsentwürfe im Nu Richtung Land kommunizieren. Das war ohne Internet anders. Als ich auf dem Dorf von Grunge erfahren habe, war in der Welt das Thema Seattle schon lange durch, Kurt Cobain schon so gut wie tot.

Der Mythos Stadt war für mich immer auch stark mit einem subkulturellem Mythos verknüpft. Daran hing das Versprechen, in der Stadt anders sein zu können als die Mehrheit der Menschen im Dorf. Heute kann sich jeder Teenager über das Netz über jede denkbare Subkultur informieren, Gleichgesinnte suchen und sich die entsprechende Szeneausstattung (Musik, Klamotten, Literatur) besorgen. Provinz trifft Stadt — Stadt trifft Provinz, und keine/r kann so genau sagen, wo die Community ihren eigentlichen Ort hat.

Wenn ich heute über meine Suche nach einem anderen Leben jenseits des engen Dorfgrenzen nachdenke, dann wird mir klar, dass sich dies immer vor der Folie einer Abgrenzung von etwas Anderem definiert hat. Es war ein starker Wunsch nach Nicht-So-Sein-Wollen, der sicherlich Antriebsfeder ist, sich überhaupt auf die Suche nach Alternativen zu begeben.

Auch problematisch ist, dass die Möglichkeiten und auch Ideen eines anderen Lebens sich im Kapitalismus rein über Konsum herstellen: bunte Haare und abgerissene Klamotten werden zum äußeren Ausdruck einer inneren Rebellion. Die Accessoires der Revolte hab ich mir damals auf Flohmärkten besorgt, heute könnte ich direkt zu H&M gehen. Konsum ist beides. Was bleibt ist die Frage: Wie kann die „bürokratisch gelenkte Konsumgesellschaft“ überwunden werden? Wie kann emanzipatives Zusammenleben in Heterogenität aussehen? Ich finde da den Kommentar von nbo zum Teil IV interessant: „wir können aber versuchen, den warenfetischismus durch eine neue produktionsweise langsam auszutrocknen, räume zu schaffen und auszuweiten, in denen er nicht mehr gilt“.

Teil VI: Zentralität und Brutalität

Zurück zur Fabrik? Lefebvre # stricken IV

Zurück zur Fabrik. Ich krame schon seit Tagen in diversen Lefebvre-Texten rum und bin mir gar nicht sicher, ob er die Idee „Fabrik“ überhaupt als utopisches Bild so anbietet oder ob das nicht verkürzt ist? Habe bisher nur das Zitat gefunden: „Die Stadt ist eine Maschine der Möglichkeiten“. Was aber nicht heißt: Die Stadt ist eine Fabrik, und auch nicht heißt, dass die Stadt der Zukunft eine Fabrik sei. Interessant hier ein längeres Interview mit ihm, das auf youtube (hoch lebe das www.) zu finden ist:

Analog zur Entwicklung der (industriellen) Arbeitsteilung erfährt auch der Raum – so L. – eine immer stärkere Spezialisierung. Er wird zunehmend spezifiziert und zerlegt. In diesem spezialisierten Raum werden ganz bestimmte Aktivitäten zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt ausgeführt, diese Tätigkeiten wiederholen sich. Monotonie und Vereinheitlichung, also. Außerhalb dieser Nutzung ist der Raum verloren, es ist ein toter Raum. Als Beispiel nennt er die Büros, sicherlich trifft das auch für Fabriken zu, denn wer nutzt die Fabrik nachdem die letzte Schicht vorbei ist? Die Fabrik kann zwar mit anderen Nutzungen gefüllt werden, so wie Paula Zucker es vorschlägt. Aber ich finde, wenn irgendwie alles Fabrik ist, ist nix Fabrik: Lernfabriken, ein Loft fürs gehobene Fabrikwohnen, Familienfabriken, Atelierfabriken. Und: hier wird auch jeweils eine spezialisierte Tätigkeit vorgegeben bzw. ein Nebeneinander von bestimmten Tätigkeiten. Klassisch geben ja die Maschinen in der fordistischen Fabrik vor, wie Arbeit und auch Raum organisiert sind. Ein Nebeneinander von verschiedenen Tätigkeiten bedeutet aber nicht automatisch eine gerechtere Arbeitsteilung. Die entscheidende Frage bleibt: Wer macht den Abwasch und wer den Umsatz?

Meine Kritik: Identitätsstiftung läuft nach wie vor über das, was ich den ganzen Tag über tue: fabricare, anfertigen. Die Frauen in der Fabrik sind nach der Schicht eben die Frauen aus der Fabrik. Ein Vorteil der klassischen Fabrik? Irgendwann geht das Licht aus, die Maschinen stehen still, Feierabend! Die Entgrenzung durch die integrierte Fabrik, die nun alle Bereiche des Lebens erfasst und die Menschen zu Unternehmern ihrer selbst macht, ist für mich kein Ideal. Digitale Bohème – ohne mich! Konnten Fabriken noch besetzt und Schraubstöcke in Maschinen geworfen werden (im besten Fall), so stellt sich dieser von Frau Zucker beschriebene „Soziale Raum Fabrik“ nicht in der verinnerlichen Ich-Fabrik her. („Sozial“ nicht gleich „gut“, sondern auch von Hierarchien & Konflikten durchzogen). Mit‘m Laptop sitze ich allein im Wlan-Cafe, vor mir – quasi als Eintrittskarte – der Macchiato, neben mir bastelt jemand an seinen eigenen Projekten oder tut zumindest so. Also eine weitere Fragmentierung und Vereinzelung.

Nach langem Überlegen hab ich mich vor zwei Monaten bei Facebook angemeldet und folgenden Willkommensgruß erhalten: „Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen“. Traurig daran ist, dass ich mich dort angemeldet hatte, da ich das Gefühl hatte, sonst was zu verpassen, weil irgendwie alle bei Facebook sind. Das Netz als sozialer Ort, der Bildschirm als Fabrikfenster.

Aber zurück zu Lefebvre: Im dritten Teil des Interviews wettert er gegen den auf Monopolisierung und Konsum ausgerichteten Urbanismus. Dieser habe Wohnraum (l’habitat) geschaffen, aber keinen bewohnten Raum (l’habité). Soziales Leben hingegen könne sich nur in Räumen bilden, die vielfältig nutzbar sind und Platz lassen für Symbolisches, Spielerisches, Poetisches, Unvorhergesehenes… Was wir stattdessen vorfinden, ist ein funktionalisierter Raum, der von Planern für eine bestimmte Nutzung vorgesehen ist. Nicht der Gebrauch, sondern der Tausch im Sinne der kapitalistischen Verwertung bestimmt, wie Raum genutzt wird. So weit, so schlecht.

Nun zum interessanten Part: Was passiert nun in der Phase, die er die „urbane Revolution“ nennt? Zunächst – kleine Verbeugung Richtung Marx – muss der Raum einem Gebrauchswert zurück geführt werden (5:03). Das sei der erste Schritt, aber es geht darüber hinaus. Im Übergang von der instrustriellen zur urbanen Phase müssen sich auch die Ideen, die Referenzen und die sozialen Praxen grundlegend verändern. Eine neue Sprache ist zu entwickeln. Das Sprechen (die Sprache/langage) über einem Raum, der anzueignen ist, ist nicht zu vergleichen mit dem Sprechen über einen Raum, der kommerzialisiert ist. Die Ware, die sich ausbreitet, die alles einnimmt unter dem Schutz des Staates und der repressiven Macht, hat auch zur Veränderung von Sprache geführt: „Il faut presque trouver une autre langage pour parler de tout ca“.

Gegen Ende des Interviews beharrt Lefebvre darauf, dass dieses urbane Leben der Zukunft keine Kopie von früher sein kann, sondern dass es vielmehr um neue Erfindungen, um die Produktion von Raum gehe. Eine klare Absage also an die Fabrik, die ja das Symbol für die industrielle Produktion schlechthin ist. Schön zu sehen, wie er darum ringt, etwas zu entwickeln, das über Sprache/das derzeitige Sprechen und Denken über Raum hinaus geht. Es ist ein An-Denken, wie eine Raumproduktion aussehen könnte, in der die Differenz und Heterogenität von Städten aufgehen kann. Konflikte werden dabei nicht abschließend gelöst und in eine feste Form gegossen (die optimale Stadt), sondern sie sind Gegenstand von permanenten Auseinandersetzungen, die an einzelnen Stellen immer wieder auftauchen und die konkret verhandelt werden müssen. Also keine festen Orte/Bilder, die als Utopie durchschimmern, sondern das Nichtrepräsentierte, das verdrängte Andere, das seinen Platz immer wieder einfordert. Well, so meine Interpretationen zum Interview.

Diese Vorstellung von Stadt als ein Ort der permanenten sozialen Auseinandersetzungen finde ich auch viel passender als die Idee des „Freiraums“, ein Begriff, der ja in linken Kontexten weit verbreitet ist. Klar ist zum einen, dass es solche Freiräume außerhalb des Kapitalismus leider nicht gibt. Zum anderen ist aber auch jeder subkulturelle Raum höchst anfällig für informelle Strukturen und damit verbundener Ausgrenzung des Unpassenden/Ungleichen/Unverstandenen. Ein Freiraum wird flux zum geschlossenen Raum. „In einer hierarchisierten Gesellschaft gibt es keinen Raum, der nicht hierarchisiert ist und nicht die Hierarchien und Distanzen zum Ausdruck bringt“, schreibt Bourdieu. Dies gilt auch für Orte, die vielleicht nichtkommerziell sind, hierarchisch sind sie immer. Was nicht gegen diese Räume spricht und die Menschen, die sich darin engagieren, sondern nur dafür, dies mit zu reflektieren und ggf. gegenzusteuern…

Zusammenfassung des Tages:
* Viel Fabrik = wenig gut.
** Was kommt eigentlich nach der Sprache: It’s the end of the world as we know it (And I feel fine)?
*** Jetzt aber Feierabend! Oder hab ich gar nicht gearbeitet?

Teil V: Aufm Land

Raum produzieren. Lefebvre # stricken III

Ein Bild einer Machtdemonstration, 18.12.09, nahe Hamburger Gänsemarkt: Über 3.000 Menschen stehen auf der Straße und sind Teil der Recht-auf-Stadt-Parade. Die Temperatur: Minus 8 Grad. Es schneit. Viele tanzen, um sich warm zu halten. Bunte Kostüme, aufwändig geschmückte Wagen, Unmengen von Leuten, die Schilder tragen. Sie gehen auf die Straße, und das aus den unterschiedlichsten Gründen. Gemeinsam demonstrieren sie für eine Stadt für alle. Schon im Vorfeld hatte die Polizei mit an den Haaren herbeigezogenen „Gefahrenprognosen“ dafür gesorgt, dass den Menschen der Weg durch die Innenstadt verwehrt wird.

Ecke Gänsemarkt, die Kreuzung an der sich an dem Tag besonders zeigt, wie städtischer Raum produziert wird. Der heterogenen Menge steht ein gigantisches Polizeiaufgebot gegenüber: Grün dominiert die andere Seite des Platzes, Wasserwerfer und eine uniformierte Eindeutigkeit verteidigen das Recht auf Stadt für wenige. Von der kollektiven Wunschproduktion, der bunten Präsenz einer anderen Stadt, die plötzlich an so vielen Stellen möglich scheint, soll die städtische Öffentlichkeit – so wollen es die Regierenden – möglichst wenig mitbekommen. Raum als Medium, das gesellschaftliche Verhältnisse strukturiert und konkret werden lässt. Hier wird der hierarchische und hierarchisierende Raum deutlich spür- und sichtbar. Angesichts der Polizeipräsenz hat das Recht-auf-Stadt-Bündnis an dieser Stelle beschlossen, nicht die verordnete Route außerhalb der Innenstadt zu laufen, sondern eine Alternativroute zu gehen. Verdrängt aus der Innenstadt, aber nicht festgelegt auf die Polizeiroute: ein Lavieren zwischen der Ohnmacht gegenüber dieser Machtdemonstration und dem Versuch, sich davon nicht einschüchtern zu lassen.

Auf der anderen Seite des Gänsemarkts: ein Weihnachtsmarkt mit jeder Menge Waren, die hastig mit viel Glühwein runtergeschluckt werden. Kommerz, Konsum, Kaufen – die Glücksversprechen des Kapitalismus locken ebenfalls viele Stadtbewohner/innen. Diese Menschen dürfen hier sein und temporär dort verweilen. Sie werden auf eine Funktion reduziert, auf die sie sich aber auch (zeitweise) reduzieren lassen: Es ist die Funktion eines „Raumkäufers, der den Mehrwert realisiert“ (Lefebvre). Und was sind schon 3.000 Protestierende gegenüber den Tausenden in der Innenstadt, die sich zeitgleich an den Glühweinständen wärmen?

Wo ich wieder bei der Frage der Subjekte lande, die ja Teil der Raumproduktion sind und die den Raum im Alltag gebrauchen, nutzen und prägen. Die NutzerInnen von Stadt, also alle, die Stadt jeden Tag für ihre Zwecke verwenden, werden in kapitalistischen Städten wenig geschätzt. Hier geht es darum, alles dem Tauschwert zu unterwerfen. Das ist der Preis eines Gutes, der Wert, der im Tausch auf einem Markt realisiert werden kann. Der Tausch hat absoluten Vorrang vor dem Gebrauch. Lefebvre beschreibt ganz am Ende von „Die Revolution der Städte“, wie die Benutzer/innen von Stadt von den zuständigen Behörden, Entscheidungsinstanzen, Investoren gesehen werden: „Als was sieht man den Benutzer an? Als eine ziemlich widerwärtige Person, die beschmutzt was ihm neu und frisch verkauft, die Ware mindert, verdirbt, aber zum Glück eine Funktion wahrnimmt: sie macht den Einsatz des Dings, des Alten durch das Neue, unvermeidlich. Womit sie allerdings kaum entschuldigt ist.“

Eine widerwärtige Person, die beschmutzt und die Ware mindert, ein Bild, das für mich passt, wenn ich durch Straßen laufe, die lediglich die Funktion haben, Konsum zu organisieren. Inbegriff ist der Neue Wall in Hamburg, ein Business Improvement District mit lauter Luxus- und Designergeschäften, vor jedem Eingang steht eigenes Sicherheitspersonal. Auf dieser symbolträchtigen Straße sollten die Demonstrant/innen ursprünglich laufen, diese Route hatte das Oberverwaltungsgericht untersagt. Mein Gefühl zum Neuen Wall? „Grabbeln verboten!“ Und ich will auch nix anfassen, weil ich hier – von Kopf bis Fuss – nicht hinpasse. Verinnerlichte Ordnungsgedanken: Sind meine Fingernägel sauber, sitzt die Frisur und warum bin ich eigentlich so arm? Dies ist ein Raum, der zur Passivität verdammt und stumm macht. Gefühlte Zurechtweisung und Einschüchterung. Das Bambule-Motto „Dreckig Bleiben“ im Ohr spendet mir Trost an schlechten Tagen.

Die Initiativen und Gruppen, die sich derzeit in Hamburg gegen eine neoliberale Stadtpolitik engagieren, setzen an den Punkten an, an denen die extremen Widersprüche von Stadt sichtbar werden: Noble Eigentumswohnungen in einem armen Stadtteil wie St. Pauli; eine Fernwärmetrasse quer durch die Stadt, die ein umstrittenes Kohlekraftwerk bedient; nichtkommerzielle Orte, die nun jemand fix zu barer Münze machen will; eine Autobahn, die das eh schon stark fragmentierte Wilhelmsburg noch weiter zerlegen wird; charmante Häuser, die austauschbaren Bürokomplexen weichen sollen; Plätze, die noch zum unbestimmten Verweilen einladen, sollen eventisiert und kommerzialisiert werden. Wie kann Stadt anders gedacht und gelebt werden? Wie kann gegen die jetzige Form von Stadt revoltiert werden?

„Diese Revolte aber kann von der Entwicklung alternativer Projekte und zum Teil gewaltsamer Widerstandsaktionen bis hin zu einer massiven Gegenbewegung führen, die die Gesamtheit der austauschbaren, spektakulären kapitalistischen Räume in Frage stellt, jene Räume nämlich, die die Alltäglichkeit, die Zentralisierung der Macht und die räumliche Hierarchisierung mit ihren tiefgreifenden Widersprüchen implizieren“, schreibt Lefebvre in dem Aufsatz: „Die Produktion des städtischen Raums“, der in der anarchitektur schön verständlich aufbereitet wurde.

Mmh, heute war es wenig utopisch bei mir, was auch daran liegt, dass ich noch keine Bilder/Ideen von einer Stadt der Zukunft habe. Lefebvre bietet die Idee der Fabrik an, ein Bild, das sich mir als Utopie nicht so leicht erschließt. Meine Assoziationskette: der männliche Arbeiter in der fordistischen Fabrik, rigide Arbeitsteilung, Trennung von Produktion und Reproduktion, Fokus auf die Herstellung/Produktivität, etc. Daher dachte ich, ich frage mal Paula Zucker, die den Teil I kommentiert hatte: „und mir gefällt das : feld, fabrik, stadt. also stadt als vorherschende bild nach dem wir alles, was wir brauchen und alles was wir meinen zu brauchen, herstellen und verteilen ganz gut.“ Liebe Paula: Warum die Fabrik recyclen?

Teil IV: Zurück zur Fabrik?

Blindfeld trifft Free Style. Lefebvre # stricken II

Weiter im Text. Nicht zu lange beim Stricken aufhalten, ich teile die Abneigung von Paula Zucker gegen das klassische Mädchendisziplinierungshobby. Schnacken wir lieber über das „Stadtgewebe“ an sich, wie es sich ausweitet, was das bedeutet. „Das ,man’ wiegt“, klingt noch nach. Raum wird produziert, Raum wird gelebt – das jeden Tag. Erlebnisse auf der Straße: Mal ist es ein Ort der Begegnung, ich sehe mich als Teil dessen. Dann wiederum das Gefühl von Einsamkeit inmitten der Straßenschluchten; Um mich herum sind jede Menge „Leute auf der Suche“. Wie ist eigentlich die Wechselwirkung zwischen der Struktur (die Stadt) und dem Handeln (das Sich-durch-die-Stadt-bewegen)? Die Leitfrage: Wie wird eigentlich Raum gesellschaftlich produziert? begleitet mich.

Kabelsalat schreibt, dass Lefebvre in der Zeit als er sich mit Stadt und Raum auseinander gesetzt hat, viel gereist ist. Das ist interessant, und auch die Idee, dass er seine Theorie nicht in Paris sitzend hätte schreiben können. Die Revolution der Städte hat viele extrem sinnliche Passagen, eine poetische Verdichtung oder auch Begriffsbildung, die in der wissenschaftlichen Rezeption seines Werkes meist zu kurz kommt. (Also, ihr StadtforscherInnen und kritische GeografInnen, ein bisschen mehr Groove könntet ihr bei der Zusammenfassung der Texte schon noch drinlassen.)

Zurück zur Leseerfahrung. Hab das 2. Kapitel bestimmt schon 2,3 mal gelesen und – nun ja – zusammenfassen muss eine/r andere. Ich springe lieber von Zitat zu Zitat und folge meinem subjektiven Interesse am utopischen Muster. Und die Hürden des Projekts „Lefebvre stricken“ sollen nicht so hoch werden. Hinten runter fallen die historischen Analysen L., das Gewordensein von Stadt und die komplexe Raumtheorie. Und weiter geht’s nach dem Lustprinzip vorgehen. Ich sammel eine Art „Best-of-L.“ und andere Fundstücke, schließlich gefällt mir das so gut an dem Blog hier. Fange also an bei: „Der städtische Raum ist konkreter Widerspruch“.

Diese Widersprüche gilt es nun dialektisch zu analysieren, siehe Straße. Stadt als das Nicht-Homogene, das Nebenher und Kollision der Unterschiedlichkeit auf kleinstem Raum. Die Gleichzeitigkeit von Konzentration und Streuung, Menschenmenge und Auflösungen. Jeder Punkt kann zum Brennpunkt werden, an dem alles konvergiert. Gerade hierin sehe ich die Chance für städtische Kämpfe, das Unkontrollierbare von Städten & Annäherungen. Kein Wunder, dass Lefebvre kein Freund des Autos ist, da das Auto konkrete Begegnungen verhindert. Großartig gezeigt in der Anfangszene von LA Crash, in der die Stimme aus dem Off erzählt, dass es so viele Unfälle in Los Angeles gibt, damit die Leute miteinander in Kontakt treten können oder auch müssen, je nachdem. Das Homogene fürchtet das Unterschiedliche/Abweichende. Gut zu sehen in den sterilen, auf Konsum ausgelegten Innenstädten. Die Einsamkeit in der Monotonie und Gleichheit neoliberaler Städte nimmt zu. Die, die nicht ins Bild passen, sind gezwungen zu weichen oder suchen die Räume, in denen sie sich nicht (mehr) wohl fühlen, schlicht nicht mehr auf.

Die Macht des Homogenen ist auch etwas, das ich stark mit dem dörflichen Leben verbinde. Eine konkrete Situation dazu im Kopf: Es ist Schützenfest im Dorf. Die Männer marschieren mit Holzgewehren Richtung Schützenplatz, die Frauen stehen am Rand der Straße. Ich bin vielleicht 12 oder 13, und versuche mir seit ein paar Tagen Dreads in die Haare zu knoten. Aus der Menge heraus ruft es: „Geh mal zum Friseur“. Kollektives Lachen. Beschämung meinerseits, die aber nicht der Gruppe gilt, sondern sich nach innen richtet. Die Folge: Rückzug aus den „öffentlichen Orten“ des Dorfs (Kneipe, Schützenfest). Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Stadt ins Unermessliche. Dabei nimmt Stadt eine sehr abstrakte Gestalt an: als Ort des So-Sein-Könnens und des Damit-Verstanden-Werdens.

Schon spät. Zum Schluss noch ein Take-away zum Weiterdenken, ein Lefebvre to go: „Das Städtische definiert sich als der Ort, wo die Menschen sich gegenseitig auf die Füße treten, sich vor und inmitten einer Anhäufung von Objekten befinden, wo sie sich kreuzen und wieder kreuzen, bis sie den Faden der eigenen Tätigkeit verloren haben, Situationen derart miteinander verwirren, dass unvorhergesehene Situationen entstehen.“

Teil 3: Raum produzieren

einladung zur diskussion: Lefebvre # stricken

stricken

Foto: V. Fournier

Viele Fäden hat Henri Lefebvre in seinen Büchern und Artikeln aufgenommen und zu einem wunderbar wärmenden Pulli verstrickt: das Versprechen einer revolutionären Perspektive, die aus dem Alltag heraus entsteht, eine urbane Praxis, die es allen (!) in ihrer Verschiedenheit ermöglicht, Teil der/von Stadt zu sein: the Right to the City / Le droit à la ville / das Recht auf Stadt.

Großartig, wie er Stränge knüpft, Knoten öffnet, Neues verbindet und sich beim Lesen immer wieder utopische Muster auftun. Schwierig nur für die, die das Ganze Nachstricken oder überhaupt nur über den Pulli reden wollen. Kompliziert wird es, da wenig ins Deutsche übersetzt wurde, vieles vergriffen ist, und seine Gedanken stark assoziativ und dialektisch sind, was ja auch den besonderen Charme ausmacht.

Seit gestern lese ich also Lefebvre; Wieder. Nach fast 10 Jahren – damals mit starkem Theorieinteresse (Referat an der Uni), heute mit starkem Praxisinteresse (wie kann Lefebvre in Bezug auf aktuelle Kämpfe um Stadt gelesen werden?). Klar ist: Es gibt keine allgemein gültige Strickanleitung, sondern die Kunst liegt darin, die diversen Fäden irgendwie zu halten, übereinander zu legen, nachzuvollziehen, neu zusammenzufügen. Vielleicht riffle ich am Ende alles wieder auf. (Das war zumindest meine Hauptbeschäftigung beim „realen“ Stricken.). Hier das Versprechen: Es ist genug Pulli für alle da. Strickt mit, die verschiedenen Muster ergeben sich aus der Vielzahl der Handarbeiter_innen.

Um mit dem Stricken anfangen zu können, braucht ihr zwei Stricknadeln und Wolle. Die Nadeln sind die spitzen und runden Ideen. Dabei treffen die der Leser/innen auf die von Monsieur L. Lesen als vorgestellter Dialog also, begleitet von dem unrhythmischen Klackergeräusch, wenn beide Nadeln sich kreuzen. Als Wolle schlage ich den Klassiker „Die Revolution der Städte“* vor. Der ist zwar als Buch in Deutsch vergriffen, aber in gut sortierten WG-Bibliotheken oft vorhanden. Die gute Nachricht: Der Text ist auch online verfügbar:

http://www.offene-uni.de/archiv/textz/textz_phil/lefebvre_revo_stadt.pdf

Stricknadeln gibt’s in unterschiedlichen Stärken. Fangen wir mit den dicken an. Die für die groben Maschen. „Dickes Fädchen, faules Mädchen“, heißt es so unschön im „Volksmund“ (ebenfalls unschön). Und genau um die Freiheit, Maschen aufzunehmen oder auch komplett fallenzulassen, geht es mir, um die Zeit zum Lesen, zum Denken und zum Nach-Denken.

1.Muster: Von der Stadt zur verstädterten Gesellschaft

„Allem voran sei eine Hypothese gesetzt: die von der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft.“ Hoppla, mit der Tür ins Haus fallen, nennt mensch das wohl. Und damit liegt da ein ganz schön dickes Nest direkt am Eingang: Was meint Lefèbvre mit der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft? Ist es was Erstrebenswertes oder nicht? Wie soll ich mir das vorstellen? Ist es eine verbaute Welt oder eine neue Form des Zusammenlebens, die noch zu bilden und denken ist? Wie ist das Verhältnis zwischen Stadt und Land? Oder gibt es das Land gar nicht mehr? Wo und wie steht der Einzelne zum Raum? Was macht diese verstädterte Gesellschaft aus im Gegensatz zu anderen?

Diese Fragen nehme ich bei der Lektüre mit. Dazu noch ein Knäul an weiteren Fragen, die sich – 30 Jahre nach dem Verfassen von der Revolution der Städte – aktuell ergeben: Welche Hypothesen und Prognosen stimmen heute noch, welche nicht? Welche Dynamik hat städtisches oder dörfliches Leben seitdem entwickelt? An welchen Punkten ist eine Aktualisierung L. notwendig? Dabei gehe ich recht pragmatisch vor. Nehme die Theorie-Fäden, die mir passend erscheinen, lasse andere weg oder setze neue Stücke ein.

Was ist nun mit der Anfangshypothese von der vollständig verstädterten Gesellschaft? Zunächst ist es – laut L. – „eine Gesellschaft, die aus der Industrialisierung entsteht“. Stichworte: Ballung, Landflucht, Zurückdrängung des Agrarsektors. Das Stadtgewebe wächst, die Dominanz der Stadt über das Land manifestiert sich. Dies leitet er – auf wenige Seiten komprimiert – historisch her, kurz zusammengefasst auf der Achsendarstellung. Bis hierhin hab ich verstanden. Dazu die Feststellung: „Die Hypothese greift vor. Sie projiziert die Grundtendenz der Gegenwart in die Zukunft“. Es geht also darum, über das Bestehende hinaus zu denken, einen Denkvor-Gang und eine Begriffs-Bildung in Gang zu setzen. Die urbane Gesellschaft ist das Mögliche, nicht das Erreichte. Ein utopisches Muster stricken also: ich bin dabei.

Woran ich hake: Am Ende der Achse liegt bei 100% die „kritische Zone“, die Zeit-Raumachse, in der sich Lefebvre beim Verfassen befindet. Hier wird es kompliziert. Da er dies später noch erläutert, lasse ich diese Masche an dieser Stelle fallen, und komme zu meinem ersten Highlight: Das Muster der Dialektik. In Anleitungsbüchern würde ich dies mit „Vielleicht. Punkt“ benennen. Lefèbvre selbst nennt es „Gegenüberstellung“, die mehr sein soll als reine Stilübung. Es ist ein Doing des Fürs und Widers, was er exemplarisch an zwei Beispielen ausführt: Das Für der Straße. Das Gegen die Straße. Das Gegen das Monument. Das Für das Monument.

Was folgt ist ein wunderbares Plädoyer für die Straße, als ein „Schmelztiegel, der das Stadtleben erst schafft“. Die Straße ist Ort der Begegnung, Bühne des Augenblicks. Der Einzelne ist Schauspieler und Zuschauer zugleich. Ein Ort, an dem Worte und Zeichen ebenso wie Dinge getauscht werden. Hier wird die Raum/Zeitbeziehung in Wirklichkeit umgesetzt. Ja!, denke ich beim Lesen. Die Nadeln klickern.

Nun abrupt: Richtungswechsel. „Gegen die Straße. Ort der Begegnung? Vielleicht. Aber Begegnungen welcher Art? Oberflächlicher. Man streift sich auf der Straße, aber man begegnet sich nicht. Das „man“ wiegt. Auf der Straße kann sich keine Gruppe bilden, kein Subjekt entsteht. Sie ist bevölkert von allen möglichen Leuten auf der Suche.“

###Ein Muster entsteht ###Für heute lege ich das Strickzeug weg###

Teil 2: Blindfeld trifft Free Style